Der Neujahrstag
von
Mr. E
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Der Neujahrstag
- Prost Neujahr, du kleines Arschloch! Markus legte den Arm um Rolands Kopf. Roland
spürte, wie mehrere seiner Nackenmuskeln rissen, als er sich steif, nüchtern und gehemmt
bemühte, es den anderen gleichzutun.
Er erwiderte den Gruß so fröhlich er konnte. Darauf folgte eine ganze Reihe von Neujahrswünschen; seine zögernde Hand wurde zerquetscht, sein steifer Rücken geschlagen, sein verkniffener, passiver Mund geküßt. Er konnte nur an Telefon, Berlin, Corinna denken.
Sie hatte nicht angerufen. Noch schlimmer, sie war nicht zu Hause gewesen, als er angerufen hatte. Auch nicht bei ihrer Mutter. Roland war nach München zurückgefahren und hatte Peter Baum den Weg freigemacht. Der Mistkerl würde das voll ausnutzen. Bestimmt waren sie jetzt gerade zusammen, genau wie letzte Nacht. Baum ließ nichts anbrennen. Roland nicht. Corinna auch nicht. Das war eine ganz üble Zusammensetzung. In Rolands Augen war Corinna nämlich auch noch die schönste Frau der Welt. Das ließ sie weniger promisk erscheinen, ja sogar als die reine Unschuld.
- Entspann dich, verdammt noch mal! Es is Neujahr! Markus meinte das eher als Befehl,
nicht als Vorschlag. So war er nun mal. Man musste die Leute notfalls dazu zwingen, sich zu amüsieren.
Das war meistens gar nicht notwendig. Alle waren unglaublich high. Es war schwierig für Roland, diese Welt mit der in Einklang zu bringen, die er gerade hinter sich gelassen hatte. Dann bemerkte er, dass alle ihn anstarrten. Wer waren diese Leute? Was wollten sie? Die Antwort lautete, sie waren seine Freunde und sie wollten ihn.
An der Freude in den Gesichtern um ihn herum konnte Roland das Ausmaß seines Kummers
ablesen. Der Abgrund seiner Melancholie war bodenlos, und er stürzte hinein und entfernte sich immer weiter von der Ausgelassenheit um ihn herum. Diese Ausgelassenheit schien oft verlockend nah; er konnte sie sehen, überall um sich herum. Sein Kopf war wie ein grausames Gefängnis, in dem seine Seele zwar ab und zu die Freiheit sehen durfte, aber nicht mehr.
Roland nahm einen Schluck aus seiner Bierdose und hoffte darauf, dass er die Nacht hinter sich bringen konnte, ohne allzu viele Leute zu deprimieren. Markus war das Hauptproblem.
Es war seine Wohnung, und er war wild entschlossen, dass alle sich amüsierten.
- Ich hab ne Karte für dich für das Fußballspiel (Freundschaftsspiel, da ja Winterpause)
heut abend, Roland. Nichts wie drauf auf die Ärsche von Bayern-Fans.
- Kuckt denn keiner in der Kneipe?
Gerhard, der eine kleine Dunkelhaarige angebaggert hatte, die Roland nicht kannte, drehte sich zu ihm um.
- Scheiße, Roland. Ich sag dir, du hast dir da oben in Berlin n paar üble Sachen angewöhnt.
Ich find Fußball im Fernsehen einfach zum Kotzen. Das is doch wie mit nem Gummi ficken. Verdammt sicherer Sex, verdammt sicherer Fußball, alles verdammt sicher. Bauen wir doch ne hübsche kleine sichere Welt um uns rum, lästerte er und verzog das Gesicht. Roland hatte schon ganz vergessen, wie gereizt Gerhard immer war.
Manuel (Emmy) stimmte Gerhard zu.
- Fußball in der Glotze gehört verboten, damit die faulen fetten Säcke den Arsch
hochkriegen und zum Spiel gehen.
- Überredet, meinte Roland resigniert.
Die Einigkeit zwischen Emmy und Gerhard hielt nich lang.
- Quatsch du von Arsch hochkriegen. Mister Dauerglotzer persönlich. Wenn du mal zehn
Minuten vom deinen Trips runterbleibst, schaffst dus vielleicht in dieser Saison, zu mehr Spielen zu gehen als in der letzten, spottelte Gerhard.
- Du tickst doch wohl nich richtig, du Arsch... Emmy drehte sich zu Roland und wies
Verächtlich mit dem Daumen in Richtung Gerhard.
- Weißte noch, Roland, im Februar wohn ich ne Weile bei dir, sagte Emmy zu ihm. Roland
nickte grimmig. Er hatte gehofft, Emmy hätte es vergessen oder würde es auf sich beruhen lassen. Emmy war ein Kumpel, aber er hatte ein Problem mit Drogen. Emmy arbeitete irgendwie nie, schien aber immer Geld zu haben. Bei Gerhard wars das gleiche, aber der behandelte anderer Leute Geld, als sei es sein eigenes.
- Party bei Emmy nachm Spiel. In seiner neuen Wohnung in der Fürstenrieder Straße. Und
seid pünktlich, rief Markus zu ihnen hinüber.
Schon wieder eine Party. Roland kam das schon fast wie Arbeit vor. Neujahr geht einfach immer so weiter. Ab dem vierten Januar wurde es langsam weniger, und die ersten Lücken zwischen den Partys tauchten auf. Diese Lücken wurden immer größer, bis sie normale Wochenlänge erreichten, und dann fanden die Partys nur noch am Wochenende statt.
Weitere Neujahrsgäste trafen ein. Die kleine Wohnung war brechend voll. Roland hatte Markus noch nie so locker erlebt. Er hatte Andi, noch nicht mal zusammengeschissen, als der hinter Markus Vorhänge gekotzt hatte. Roland wanderte in die Küche, wo es ruhiger war und er zumindest die Chance hatte, das Telefon klingeln zu hören. Wie ein Yuppie-Geschäftsmann hatte er bei seiner Mutter eine Liste mit Telefonnummern hinterlassen, wo er am besten zu erreichen war. Die konnte sie Corinna geben, falls sie anrief.
In der häßlichen Kneipe, da wo sie normalerweise nie was trinken gingen, hatte Roland Corinna gesagt, welche Gefühle er ihr gegenüber hegte. Er hatte sein Herz offengelegt. Corinna hatte gesagt, sie müsse darüber nachdenken, dass es sie völlig überrasche und das es im Augenblick einfach zuviel für sie sei. Sie würde sich melden wenn er wieder in München sei. Das war alles.
Sie hatten die Kneipe verlassen. Stevie war zur U-Bahn-Station gegangen, um zum Hauptbahnhof zu fahren, die Sporttasche über die Schulter geworfen. Er war stehengeblieben, hatte sich umgedreht und ihr nachgeschaut, wie sie über die Brücke ging.
Ihre langen, schwarzen Haare hatten wie wild im Wind geflattert, als sie, gekleidet in Matrosenjacke, kurzem Rock, dicker schwarzer Strumpfhose und den riesigen Dock Martens, davonging. Er hatte gehofft, dass sie ihm noch einen Blick zuwerfen würde. Sie hatte sich nicht umgedreht. Am Bahnhof hatte sich Roland eine Flasche Tullamore Whisky gekauft und sie leergesoffen, bis der Zug eingefahren war.
Stevie saß bedrückt da. Bei dem Lärm würde er nie das Telefon hören.
Plötzlich kam Carolin in die Küche.
- Alles in Ordnung, Roland? Fragte Carolin.
Stevie fing an zu erzählen. Carolin hörte aufmerksam zu.
Sie hielt ihn bestimmt für eine Trantüte aber er konnte nicht aufhören.
Carolin gab ihm einen praktischen Rat: - Ruf sie an, warte, bis sie anruft, oder fahr rauf und geh zu ihr.
- ROLAND! KOMM MAL HER, DU ARSCHLOCH! Brüllte Markus.
Der ließ sich willig zurück ins Vorderzimmer zerren.
Roland saß bedrückt da. Bei dem Lärm würde er das Telefon nie hören.
Kurz darauf klingelte im Flur das Telefon. Carolin ging dran. Dann riß Markus ihr den Hörer aus der Hand und scheuchte sie fort.
- WAS? WAS? WEN? ROLAND? JA; AUGENBLICK MAL. UND PROST NEUJAHR,
SÜSSE ... Markus legte den Hörer hin, - ... wo zum Henker is denn... er ging ins Vorderzimmer. – Roland. Da is ne Schnalle am Telefon für dich. Klingt, als hätt se n paar Eier im
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Kommentare
Kalliope schrieb am 2006-06-21 19:48:26:
Das ist atemberaubend - weil es so unglaublich real ist! Wirklich, ich konnte mir alles genau vorstellen, die Wohnung, die Geräusche und der Geruch auf dem Bahnsteig - obwohl du das nicht mal beschrieben hast! Auch wie die Leute mit einander umgehen kann ich mir gut vorstellen. Besonders gut finde ich, dass du die Fußball-Episode eingbracht hast - die meisten Geschichten dieser Art sind zu einseitig, weil sie sich nur auf ein Thema beziehen. Es wirkt auch nicht zu übertrieben, wie viele Sachen, die in einem ähnlichen Milieu spielen. Ach, ich bin begeistert! Ich mag auch den Kontrast zwischen dem rüden Umgang der Freunde und der Schilderung von seine Gefühlen, die Art, wie du das schreibst. Aber warum wechselst du immer zwischen Stevie und Roland? Das ist doch ein und die selbe Person, oder?
Etwas zu bemängeln habe ich aber noch: Ich finde, es sind zu viele Personen vorhanden, das wird leicht unüberschaubar. So zwei, drei Leute weniger wären besser gewesen.
LG Kalliope
Ach ja, und der Schlußsatz gefällt mir gut, denn sowas abzuschließen ist nicht immer einfach.
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