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Kategorien > Horror > Alltag

Der Prinz

von A. J.



München leuchtete. Harry Hubsers Wangen auch. Das geheimnisvolle Glühen des Himmels über München kündigte einen Schneesturm an. Er sah aus dem Fenster seines Büros.
"München leuchtete ....", flüsterte er vor sich hin.
Davon war heute morgen etwas im Radio gekommen. Der Sprecher hatte sehr vornehm geklungen. Er trug bestimmt einen teueren Anzug. Von einem Schwert Gottes war auch die Rede gewesen. "Gladius Dei" war Latein und hieß "Das Schwert Gottes". Das hatte der vornehme Mann gesagt. Da war er sich auf einmal so gebildet vorgekommen und den Entschluss gefasst, sich nicht mehr klein und mies zu fühlen. Sein Bauch brannte und es fühlte sich irgendwie nach Wut an. Ganz sicher war er sich da nicht, aber Erregung fühlte sich anders an, also musste es wohl Wut sein. Diese blöde Schlampe. Wie ein Schwert Gottes würde er auf ihr Leben niedersausen. Es reichte doch schon, wenn er so eine karrieregeile Zicke als Vorgesetzte hatte, die man ihm ständig als leuchtendes Vorbild hinstellte. Er wäre besser geeignet gewesen als Hauptabteilungsleiter, aber er war ja bei der Vergabe des Postens übergangen worden. Jedenfalls konnte er nicht noch so eine in seinem Team gebrauchen. Wieso akzeptierte sie es nicht, dass er bestimmte, wer ein Glas bekam und wer wie ein Prolet aus der Flasche trinken sollte, wenn Besuch da war. Aufgestanden war sie und hatte sich ein Glas aus seinem Schrank, seinem eigenen privaten Schrank geholt, anstatt vor dem Besuch aus der Flasche zu nuckeln, so wie er es ihr bestimmt hatte. Dann hatte sie auch noch seinem Besuch ihre protzige Visitenkarte präsentiert und die Bewunderung dieses Trottels genossen, weil so viel darauf stand. Wie sah das denn aus? Auf seiner Visitenkarte stand "Leiter Vertriebssupport". Auf ihrer standen neben der Abteilung drei Titel, ein akademischer und zwei Weiterbildungstitel, allerdings ohne eine Position zu erwähnen. Das wies ihn zwar als Chef aus, ließ ihn aber trotzdem blöd aussehen. Es fehlten einfach ein paar Zeilen bei ihm. Man hätte wirklich meinen können, dass sie wichtiger gewesen wäre als er. Das war natürlich nicht wahr, aber sie musste sich ja immer in den Vordergrund drängeln. Wie ein Depp war er dagesessen. Aber am Schluss des Besuchs, als sie müde wirkte, da hatte er es ihr gezeigt. Als der Besuch dabei gewesen war, sich zu verabschieden, da war endlich die Zeit für seine großen Auftritt gekommen. Wie von einem Hieb war sie auf seine Frage zusammengefahren:
"Was schauen Sie jetzt so dumm!"
Der Besuch hatte zu Boden geschaut und wohl in dem Moment erkannt, dass er der Boss war und niemand anderer. Rote Backen hatte sie vor Zorn bekommen und stammelnd versucht zu erklären, warum sie so müde gewesen war. "Pilotierung" war einer der zaghaften Erklärungsversuche gewesen. Voll Genuss hatte er grinsend abgewunken und ihr gesagt, dass das doch nur Tagesgeschäft sei und sie und den Besuch einfach stehen lassen. Der Besuch würde sich ihm das nächste mal auch demutsvoller nähern. Schließlich würde er ja an ihm und nicht an ihr Geld verdienen. Es war doch klar, dass man ihn nicht ungestraft ausstechen durfte. Sie hatte vielleicht Abitur und ein paar Titel mehr als er, aber er hatte die Macht, ihr Leben zu zerstören. Er konnte nichts dafür, dass er das Gymnasium nicht geschafft hatte. Die gemeine Zicke von Lehrerin hatte sich einfach nicht genug um ihn gekümmert und er hatte das Gymnasium nur wegen ihr verlassen müssen. Mutter hatte das auch gesagt, dass alleine die Lehrerin Schuld gewesen war. Schließlich war er von allen in der Klasse der Werstvollste gewesen. "Hubser Pupser" hatten ihn die blöden Weiber in der Klasse immer genannt, nur weil er der Kleinste war und so zart. Damals hatte er wohl noch nicht alles so gut im Griff gehabt wie jetzt. Schade, dass die ihn jetzt nicht sehen konnten. Mutter hatte immer gesagt, dass die alle noch mal froh sein würden, wenn sie ihm die Füße küssen dürften. Mutter hatte immer Recht. Er war der Wertvollste. Damals genauso wie heute. Die würde das auch noch merken und ihm die Füße küssen, da war er sich sicher. Genüsslich grinste er und unwillkürlich entfuhr ihm ein kleiner Kiekser, als er sich vorstellte, wie es mit ihr weitergehen würde, wenn er mit ihr fertig war. Erst einmal arbeitslos, würde sie verlottern und nie wieder auf die Füße kommen. Vielleicht würde sie aus Verzweiflung irgendeinen Scheißjob annehmen. Es war aus mit ihrer Karriere, da war er sich sicher, und er musste nicht mehr an sie denken. Er würde sie nicht mehr sehen, und er wäre nicht mehr gezwungen, dauernd ihr Profil anzuschauen. Ihr Profil war schön und oft hatte sich sein Blick in einem Meeting gegen seinen Willen voller Neid daran festgesaugt. Das würde aufhören, wenn sie endlich weg war. Sie würde in der Versenkung verschwinden und er müsste sich in ihrer Gegenwart auch nicht mehr so mies fühlen. Er hasste Leute, die ihn dazu brachten, sich mies zu fühlen. Die anderen in der Abteilung würden ihn endlich bewundern und respektieren. Die waren zwar noch viel weniger wert als sie, aber leider war er auf sie angewiesen, weil sie langjährige Mitarbeiter mit langen Kündigungsfristen waren, die man nicht so einfach los wurde. Also blieb nur, sie zu beeindrucken.
"Der traut sich was", würden sie sagen.
In Zukunft würden sie parieren, weil sie ihn endlich für einen ganzen Mann hielten. Helfen würde ihr keiner. Auch die Personalabteilung nicht. Die hatte er im Griff. Er hatte ihnen so lange eingeredet, dass sie Schuld gewesen wären, dass er sie beinahe hätte behalten müssen, weil sie ihm einen falschen Termin für das Ende ihrer Probezeit durchgegeben hatten, bis der kleine Anfänger von Personalreferent es mit der Angst gekriegt hatte. Harte Konsequenzen hatte er für die gefordert, die beinahe diesen Kündigungstermin verbockt hätten. Der kleine Personalreferent zog immer sofort den Kopf ein, wenn ein leichter Wind ging, jung und feige wie er war.
"Gott sei Dank haben Sie es noch gemerkt haben, wie lange sie da ist, Herr Hubser!", hatte er voller Panik und Ehrfurcht gewinselt.
Verdammt froh war er gewesen, als Harry ihm sagte, er würde es ihm noch mal nachsehen, weil er sie ja jetzt doch noch rauswerfen konnte, dank seiner eigenen Wachsamkeit. Harry Hubser grinste. Er war ein Genie und das ganz ohne Gymnasium. Jetzt waren die von der Personalabteilung klein und voller Demut ihm gegenüber, denn sie waren glücklich, dass er ihren Fehler ausgebügelt hatte. Mit dankbaren Kleingeistern hatte man es immer leicht. Die würden keine Fragen stellen. Dass sie nichts Unrechtes getan hatte, interessierte ja eh keinen. Außerdem hatte sie was getan. Es reichte schon, dass sie war wie sie war. Harry Hubser war vor den Spiegel getreten. Gut sah er aus, wie er so in seinem Boss Anzug dastand. Sie konnte mit ihren billigen Kostümen nicht mit seinen Boss Klamotten konkurrieren, obwohl man zugeben musste, dass sie fast in allen Sachen, die sie anhatte irgendwie gut aussah. Wie machte sie das nur ? Irgendwie schien sie von innen heraus zu leuchten. Aber nicht mehr lange. Er musste lächeln, als er sich sah. Seine mit Wet-Gel aufgezwirbelten dunkelbraunen Haare gaben seinem Gesicht einen verwegenen Ausdruck und sein Blick wirkte treuherzig. Lange hatte er dafür geübt. Er hatte wirklich für jeden Geschmack etwas zu bieten. Ein wahrer Märchenprinz. Nicht umsonst war er für den neuen Werbeprospekt des Unternehmens als Model ausgewählt worden. Die älteste Firma weit und breit in München mit einer langen Tradition, die bis hin zum Märchenkönig zurück reichte, hatte ihn und nur ihn erwählt, um für sie zu werben. Das wunderte ihn überhaupt nicht, denn in seinem Boss Anzug wirkte er sehr kompetent und er war schließlich der gutaussehendste Mann weit und breit hier.
Er war stolz, dass sich unter der Hose fast kein Hinterteil abzeichnete. Ein kleiner Hintern bot weniger Angriffsfläche für die, die einen am Arsch kriegen wollten, hatte er einmal gehört. Eine witzige Bemerkung, die ihm sehr gefiel. Er hatte sich und seine Figur im Griff. Das hatte sie wohl nicht. Sie gönnte es sich zu essen und man konnte ihr ansehen, dass sie das Essen auch bei sich behielt. Aber er war nicht so schwach. Er aß nur einmal am Tag. Er ging immer mit der Chefin und den Abteilungsleiterkollegen in die Kantine. Mit den Leuten, die für ihn arbeiteten, essen zu gehen, das kam nicht in Frage. Man ging hier immer mit Gleichrangigen oder Höheren, nicht mit dem Fußvolk. Das musste man schon fürs Image tun. Am Tisch der Chefin gab es immer die interessantesten Gespräche. Außerdem war es eine hervorragende Gelegenheit seinen Charme spielen zu lassen und Kooperation und Solidarität zu heucheln. Bei dieser Gelegenheit war er immer von ausgesuchtester Höflichkeit gegenüber seiner Chefin. Manchmal wurde ihm schlecht davon, aber er schaffte es, sich zusammen zu reißen. Da er sich aber nie sicher war, ob die Übelkeit nicht doch vom Essen kam, steckte er, kaum zurück im Büro, den Finger in den Hals und befreite er sich von all dem Ballast. Danach ging es ihm besser. Außerdem sicherte er sich so seine graziöse Figur, ohne in der Firma unangenehm aufzufallen.
Wenn die gewusst hätten, wie gut er mit seinen schlanken Beinen und schmalen Hüften im Mini mit hohen Hacken aussah. Er sah darin viel besser aus als alle Weiber hier und vor allem besser als sie. Harry ging mit dem Gesicht näher an den Spiegel. Befriedigt stellte er fest, dass seine Augen viel schöner waren als ihre. Lang und seidig umrahmten die Wimpern seine braunen Kulleraugen. Manchmal betonte er sie daheim mit etwas Kajal. Man hätte dann in seinen Augen ertrinken können. Sein Profil war zwar nicht so schön wie ihres, aber es hatte etwas Edles und Vornehmes. Kein Zweifel, er war zum Herrschen geboren. Angestrengt versuchte er sich zu erinnern, wie Leute in alten traurigen Film betroffen ausgesehen hatten. Sorgfältig versuchte er, so ein Gesicht im Spiegel herzustellen. Das war nicht leicht. Ein paar Mal musste er wieder in die Ausgangsmiene seines gewöhnlichen Gesichtsaudruckes zurückkehren, bevor es ihm gelang, betroffen auszusehen. Dieses Gesicht musste er sich merken. In den nächsten Tagen würde er es oft brauchen. Er musste ja ein wenig Betroffenheit zeigen, wenn er sie feuerte. Danach würde er der Dicken aus dem Nebenzimmer vorjammern, wie schwer ihm das gefallen sei und sie würde ihn beruhigen. Sie hatte ihn gestern in seinen Entschluss bestärkt, denn sie hegte mütterliche Gefühle für ihn und billigte alles was er tat. Wahrscheinlich hätte sie ihn gerne mal an ihren Busen gedrückt, aber das würde nicht passieren. Trotzdem musste er sie im Glauben lassen, dass er vielleicht auch davon träumte, so lange er sie brauchte. Das machte sie zu seiner Sklavin. Er hatte die Dicke sogar dazu gebracht, seine Abteilung zu bespitzeln, wenn er nicht da war. Interessant was er da manchmal so erfuhr.
Mit dem passenden Gesichtsausdruck hatte er gestern Zweifel vorgeschoben, ob er wirklich jemanden feuern sollte und geheuchelt:
"Eigentlich liegt mir ja so was nicht."
Das Gesicht dazu hatte er Tage vorher schon geübt. Das Gesicht des Zweifels war dem der Betroffenheit ein wenig ähnlich. Es kam aber noch eine gehörige Portion Besorgnis dazu.
"Ich will ja ihr Leben nicht zerstören"
Bei diesen Worten hatte er den Blick gesenkt und verstohlen in den Boden gegrinst. Die Dicke hatte wunschgemäß reagiert. Sie hatte sofort seine Zweifel ausgeräumt und seine Besorgnis zerstreut.
"Das ist nicht Ihr Problem!"
Dabei hatte sie ihm freundschaftlich und zärtlich die Hand auf den Unterarm gelegt und ihn so in seinem Entschluss bestärkt. Auf die Dicke war eben Verlass. Zaghaft hatte er noch angedeutet, dass die Schlampe doch in eine andere Abteilung wechseln könnte, aber die Dicke hatte es ihm sofort ausgeredet. Die Dicke war auch dafür, dass die Schlampe ganz weg kam, denn sie mochte sie auch nicht. Wenn sie auch beide nicht ganz gertenschlank, waren, so war die Schlampe doch um ca. 20 kg leichter als die Dicke und mit ihren langen lockigen Haaren und ihrem Gesicht viel hübscher. Außerdem hatte sie trotz weniger Kilos mehr Busen als die Dicke. Das gehörte sich einfach nicht und er wusste genau wie die Dicke darunter litt. Das hätte er als Frau auch nicht gemocht. Noch jemand, der weniger leiden musste, wenn das Luder endlich weg war. Zu Harrys heimlicher Freude hatte die Dicke schon angefangen ihr den Rücken zuzukehren und sie nicht mehr zu grüßen. Ob sie wohl was ahnte, die Schlampe? Auf keinen Fall durfte er vergessen, seiner Mutter von dem Vorfall zu berichten. Seine Mama war immer so stolz auf ihn, ganz besonders auf das Werbefoto war sie stolz gewesen und sie würde es diesmal auch wieder sein. Leise würde er ihr vorjammern, wie schwer es ihm gefallen sei, so hart zu sein. Es war ihm immer gelungen, seine Mutter glauben zu lassen, dass er ein weiches Herz hätte. Sie würde ihm über die Haare streichen und stolz sein, weil er so vernünftig gewesen war.
Harry Hubser fuhr zusammen als die Tür aufging. Ehe er sich sammeln konnte, stand die Schlampe vor ihm und er wusste für einen Moment nicht, was er für ein Gesicht aufhatte. Fieberhaft suchte er nach seinem souveränen Lächeln voller Unverbindlichkeit, dass ihn zur unnahbaren Schönheit machte. Konnte diese Kuh nicht anklopfen? Die glaubte wohl, es sei schon ihr Büro.
"Entschuldigung, ich hatte geklopft. Haben Sie es nicht gehört?"
Ständig musste sie ihn in Frage stellen. Vielleicht hatte er es nicht gehört, weil er in seine Gedanken vertieft gewesen war, aber wahrscheinlich hatte sie überhaupt nicht geklopft.
"Schon gut", hörte er sich sagen.
Garnichts war gut, aber jetzt hatte er endlich das richtige Gesicht und er hatte das Gefühl, dass er souverän wirkte. Jetzt konnte er seine typische Chefpose einnehmen, in der er sich so mochte und in der er auch ganz besonders auf die Leute wirkte. Lässig lehnte er sich zurück, hob den Kopf ein wenig schräg und nahm seinen Lamy Füller zwischen beide Hände. Gut, dass er ihn in der Hand hatte, denn sonst hätte sie wieder nach dem Füller gegriffen, um ihm etwas aufzuschreiben. Er hatte kein Alzheimer und konnte sich Dinge merken und außerdem hasste er es, wenn jemand seine Sachen anfasste. Wochenlang war ihm damals sein Füller fremd vorgekommen. Sie hatte ihn entweiht. Eine Frau wie sie passte nicht zu seinem Füller. Eigentlich sah sie ganz süß aus. Mit ihren langen braunen Locken und braunen Augen. Aber er hatte ja heute schon festgestellt, dass seine Augen viel schöner waren. Warum lächelte sie? Es war genau das Lächeln, von dem alle so schwärmten, alle außer ihm. Wo hatte sie das gelernt? Ihm war so etwas noch nie gelungen, obwohl er so hart an sich arbeitete. Sein Lächeln ging immer ohne Kontaktaufnahme zu den Mitmenschen ins Leere. Nicht, dass er den Wunsch gehabt hätte Kontakt aufzunehmen, aber es war wohl so üblich und er wollte nicht unangenehm auffallen und wenigstens so tun. Vielleicht sollte er sie nach der Technik ihres Lächelns fragen. Aber das ging nicht. So eine Blöße konnte er sich nicht geben.
"Was gibt es?", hörte er sich sagen.
Er hasste sie für das Gefühl, das ihr Lächeln bei den Menschen erzeugte. Sie mochten sie lieber als ihn. Nicht nur bei den eigenen Leuten war das so. Auch außerhalb der Abteilung hatte er gemerkt, dass die Leute mehr und mehr die Abteilung mit ihr identifizierten. Das würde er unter Kontrolle bringen, wenn sie erst einmal weg war. Bald würden sie nur noch an ihn denken. Sie erzählte ihm von ihren Vorbereitungen zu einem Meeting mit dem wichtigsten und besten Vertriebsmann. Wie oft hatte er versucht, mit diesem Gott des Vertriebs ein Meeting zu arrangieren. Zaghaft hatte er angefragt, wohlwissend, dass die Zeit der Vertriebsleute sehr kostbar war und vor allem die Zeit dieses Mannes. So stolz war er gewesen, dass er ihn als Mitglied zum Software-Beirat hatte gewinnen können, auch wenn er Harry dauernd vor allen verbal abwatschte. Aber es war eine Meisterleistung gewesen, dass Leute wie er überhaupt zu diesem Beirat kamen. Groß und unbesiegbar war er sich vorgekommen. Dann musste sie daher kommen. Eine Mail hatte sie geschrieben und schon hatte sie einen Sondertermin gehabt. Er hätte sich so was nie getraut. Die Art ihrer Einladung war einfach nicht ehrfürchtig genug gewesen. Die Hierarchie hätte mehr Demut erfordert. Schnippisch hatte sie geantwortet, als er sie zur Rede gestellt hatte, dass sie die Leute nur nach ihrer Kompetenz beurteilte und nicht nach der Hierarchie. Natürlich hatte sie das nur gemacht, um ihn zu provozieren, weil sie genau wusste, wie wichtig ihm Hierarchie war. Um es ihr heimzuzahlen, hatte er dem Vertriebsgott mitgeteilt, dass der Termin zur Haushaltsverbandsselektion im Rahmen des Software-Beirates mit ihm abgehalten würde und nicht mit ihr. Fast hätte es geklappt. Dann musste dieser blöde Entwicklungsleiter seinen Senf dazu geben und auf die Erfüllung des ursprünglichen Termins bestehen. Der war auch auf ihrer Seite. Jetzt stellte ihn dieses impertinente Luder doch gerade zur Rede, warum er den Termin hatte verlegen wollen.
"Das war die Idee von unserem Herrn Vertriebsdirektor, nicht von mir. Der war mit unserem Vertriebsstar unterwegs und das war nur so eine Idee, um unnötige Wege zu sparen. Aber ich habe ja an der Mail gesehen, dass der Termin heute Abend jetzt doch stattfindet!"
An ihrem Gesicht konnte er sehen, dass sie ihm nicht glaubte. Es war ihm, als ob sie sich über irgendetwas freuen würde. Hatte sie rausgekriegt, dass er log, dass er doch versucht hatte ihr Meeting abzusagen, weil es nicht seins war. Sie hatte auch noch die Frechheit besessen, ihn nicht zum Meeting einzuladen. Er wäre doch so wichtig gewesen. Schließlich war er doch der Chef. Wieder einmal hatte sie es geschafft, ihn vorzuführen. Aber das war egal. Lange würde sie sich nicht an ihrem Triumph erfreuen können. Wenn sie weg war, würde er die Ergebnisse dieses Meetings einfach als seinen Erfolg verkaufen. Niemand würde etwas dagegen sagen. Die Leute waren feige und hatten ein schlechtes Gedächtnis. Außerdem hatte er ja noch die Dicke, die jedes seiner Worte bezeugen würde. Ohne ein weiteres Wort von ihm abzuwarten, wandte sich die Schlampe zum Gehen. Er hasste sie für die Art wie sie ging. So stolz, so hoch erhobenen Hauptes. Er rief ihr nach:
"Wir haben morgen unser Probezeitgespräch."
"Ja", sagte sie lapidar und warf den braun gelockten Kopf in den Nacken.
Gerne wäre er einmal so von seinem Vater weg gegangen, nachdem er ihm mal wieder was über "nutzlose Fresser" erzählt hatte. Sein Rücken tat ein wenig weh, aber der Schmerz jagte ihm einen wohligen Schauer über den Rücken. Gestern, nach dem Gespräch mit der Dicken, hatte er sich lange bearbeiten lassen müssen, weil er aus lauter Vorfreude so aufgedreht gewesen war. Erst nach zehn Minuten mit der siebenschwänzigen Katze hatte er sich entspannt. Anfangs hatte er sich noch so stark aufgebäumt, dass ihm einer seiner Strapse gerissen war. Unter Michaels kundigen Händen war er dann aber doch zur Ruhe gekommen. Michael war ein Engel, wahrlich. Er war der Erzengel mit dem Flammenschwert und verstand es immer wieder, ihn zu verzaubern. Heute fühlte er sich wohlig entspannt und allem gewachsen. Nicht so wie früher, wenn er heulend mit schmerzendem Hinterteil von seinem Vater weggegangen war: Da hatte er es immer nur kriechend bis in die Arme seiner Mutter geschafft. Sein Vater war tot und er, Harry Hubser, war so stark wie noch nie.
Wie machte die das nur, dass sie so einen beschissenen Stolz ausstrahlte. Frauen waren dazu bestimmt demütig zu sein, so wie seine Mutter. Demut! Dafür hatte er sie eingestellt und für nichts anderes. Er liebte es Frauen zu quälen, die ihn wegen seiner Schönheit liebten und sie demütig zu machen. Voller Gefühl und Mitleid vergrößerte er ihre Qualen wo es ging. Kurzfristig hatte er geglaubt, sie würde ihn lieben. Das wäre ein Genuss gewesen. Aber die blöde Kuh war ja nicht einmal dazu zu gebrauchen. Sie liebte ihn nicht, dass konnte er fühlen. Ihn, den schönsten Mann weit und breit. Sicherlich war sie geisteskrank. Sein Gesinnungsschnüffler hatte ihm berichtet, dass sie gesagt hatte, er würde in der Nase bohren und sie würde sich deswegen vor ihm ekeln. Ob er das wirklich tat oder nicht war unwichtig. Eine Frechheit war es, dass sie sich ekelte. Bei Gelegenheit musste er sich was für den Gesinnungsschnüffler überlegen. Der sollte sich nicht zu mächtig fühlen und keiner sollte glauben, dass er, der Chef, sich durch unterwürfiges Verhalten verpflichtet fühlte. Keiner konnte ihn beherrschen. Allerdings wollte er die Leute auch nicht ganz entmutigen, denn sie sollten ja weiterhin versuchen, sich durch unterwürfiges Verhalten Vorteile zu verschaffen. Bei Gelegenheit würde er ihm einen Fehler anhängen und dann ganz großmütig Gnade walten lassen. Das war es. Das würde auch den Gesinnungsschnüffler demütig machen.
Harry Hubser setzte sich an den Computer und rief die Seite www.geile-schlampen.de im Internet auf. Gelangweilt klickte er ein wenig herum. Man musste ja was für sein Image tun. Ein paar von den Frauen sahen ihr ähnlich. Eigentlich wollte er gar nicht so genau hinschauen. Lieber sah er aus dem Fenster auf den leuchtenden Himmel. Diese oder ähnliche Websites rief er regelmäßig auf. Nicht weil er sich für diesen Weiberkram interessierte. Er wollte nur ein paar Spuren für die Systemadministratoren legen. Es war bekannt, dass alles kontrolliert wurde. Das war eine hervorragende Gelegenheit sich entsprechend zu verkaufen. Er hatte schon ein paar eindeutige Witzchen mit den Administratoren gemacht und sie hatten Verständnis und Bewunderung durchklingen lassen. Sie sollten ihn für einen ganzen Mann halten, weil er das tat, was sie den ganzen Tag taten, sich mit Schweinekram beschäftigen.
Die Wahrheit ging niemanden etwas an. Keiner sollte wissen warum er so zart und schön war. Es reichte, dass sie bemerkten, dass er schön war. Extra für sein berufliches Image hatte er einen besonders männlichen Gang geübt, ohne sich bei jedem Schritt im Becken zu wiegen, wie er es daheim bei Michael tat. Wenn er in der Firma vor jemanden stehen blieb, stapfte er wie ein Hengst mit den Hufen auf, um seinen männlichen Gang gebührend abzuschließen. Diesen Gang hatte er aus ein paar alten Cowboyfilmen. Schließlich waren Cowboys nicht zart, das wusste doch jeder. Niemand sollte es merken. Niemand.
Der blöde Ring, der eigentlich sein Verlobungsring sein sollte, fiel ihm immer wieder herunter, weil er seine kleinen Hände, mit den graziösen Fingern einer Primaballerina, immer so gern spreizte, wenn er nachdachte. In Zukunft musste er sich besser unter Kontrolle halten. Außerdem musste er bei Gelegenheit daran denken, die erfundene Freundin, wegen der er den Ring trug, um die Fiktion perfekt zu machen, gegen eine andere auszutauschen. Die Frage vom kleinen Italiener, warum er sie nicht mitbrachte, konnte gefährlich werden. Irgendwann würde man ihm die Zurückhaltung wegen der angeblichen strengen Trennung von Privatleben und Geschäft nicht mehr glauben. Aber wenn er eine Neue erfand, würde man Verständnis haben, wenn er sie nicht gleich mitbrachte. Er musste die Phantomverlobte ersetzen, bevor sie ein Problem wurde. Man würde ihn außerdem für sehr männlich halten und der kleine Italiener würde ihn noch mehr bewundern als vorher. Er hatte Respekt in seinen Augen gesehen, als er stolz verkündet hatte, dass er nicht gleich heiraten müsse und dass man die Frauen möglichst lange über Heiratsabsichten im Unklaren lassen muss, weil sie dann fügsamer werden. Schließlich hatte er noch hinzu gefügt:
"Wenn sie Kinder wollen, muss man sie eh gleich abservieren bevor sie renitent werden."
Wie gebannt war der kleine Italiener an seinen Lippen gehangen. Sicherlich hielt er ihn für besonders cool. Kein Wunder, denn Harry wusste schließlich, was Italiener gut fanden. Michael war ja auch Italiener. Außerdem hatte er den viel moderneren und besseren BMW als der Kleine. Da gab es doch keinerlei Zweifel mehr, dass er ihn als Führungskraft akzeptieren würde. Hoffentlich hatte die Kuh nicht erzählt, dass das BMW Cabrio nur geleast war. Die verspätete Rate war doch schon längst überwiesen worden. Eine Unverschämtheit von der Leasingfirma, deswegen im Büro anzurufen. Zu allem Unglück, war sie am Telefon gewesen. Wahrscheinlich hatte sie es aber gar nicht kapiert, denn sie hatte bestimmt noch nie so ein teueres Auto geleast.
Harry Hubser freute sich auf den nächsten Tag. Er nahm sich vor, heute Abend noch besonders nett zu ihr zu sein, bevor er sie morgen exekutierte. Schließlich war er ja kein Unmensch. "Junge Frau" würde er sie nennen. So hatte er sie schon mal genannt. Damals hatte er noch gehofft, dass sie sich in ihn verknallen würde. Aber wie gesagt, sie war wohl krank, sonst hätte sie sich nicht über sein Nasebohren beschwert. Keine geistig normale Frau hätte so was gesagt. Er war doch so hübsch. Da durfte er alles. Was bildete die sich ein, sich vor ihm zu ekeln. Morgen würde sie sich wünschen seine Finger lecken zu dürfen.
Am nächsten Morgen ärgerte sich Harry Hubser schon wieder über sie. Da hatte er das Probezeitgespräch angesetzt und sie ging erst zu ihrem Arbeitskreis zum Thema Haushaltsverbandsselektion. Das schlug doch dem Fass den Boden aus. Wenn er rief musste sie kommen. Die Arbeit musste doch warten, wenn er wartete. Was dachte die sich nur dabei. Dabei war er doch am Vorabend noch so nett zu ihr gewesen. Kurz bevor sie - ohne ihn! - zu dem Meeting mit dem wichtigen Vertriebsmann aufgebrochen war, hatte er noch bei ihr herein geschaut und ihr, mit seinem magischen, berühmten Augenaufschlag, den er so lange geübt hatte, Glück gewünscht.
"Viel Erfolg, junge Frau!"
Keine Miene hatte sie verzogen das Luder. Aber die würde schauen, wie er gleich mit ihr reden würde. Sicherlich würde es ihr die Sprache verschlagen. Die Sau hatte was gemerkt, dass war klar. Was hätte sonst das Gerede von dem schwulen Ehepaar in ihrer Theatergruppe damals beim Abteilungsessen bezweckt. Theater. Widerlich. Wer sich so vor anderen Leuten zur Schau stellte, der musste ja wohl ein wenig verkehrt sein. Er würde so was nie machen. Dazu war er viel zu vornehm. Außerdem war er viel genialer als sie. Sie hatte ihn damals provozieren wollen sich zu verraten, das war klar. Aber er war cool geblieben und hatte ganz nebenbei erneut die Geschichte von seiner angeblichen Freundin eingestreut. Sie hatte ihm wohl nicht geglaubt, denn am Tag darauf hatte er von seinem Gesinnungsschnüffler erfahren, dass sie gesagt hatte, er sei ein ganz ein Süßer. Ihren Tonfall dabei hatte der Gesinnungsschnüffler zwar nicht erwähnt, aber er konnte ihn sich gut vorstellen. Sie hatte sie sich wieder über ihn lustig gemacht. Das würde bald ein Ende haben.
Heute Morgen war er gezwungen gewesen, sich nach dem Krebskranken zu erkundigen. Das war ihre Schuld, weil sie dumm herumgeredet hatte, dass es ihn nicht interessieren würde. Lächelnd hatte er damals von seiner Tante erzählt, die mit Blutkrebs lebte und die sich so zusammenriss. Das war zwar gelogen, denn er hatte gar keine Tante, aber was war denn so verwerflich daran, dass man die Leute darauf hinwies, dass man sich zusammenreißen musste. Andere waren auch schon krank gewesen oder gestorben ohne ihre Mitmenschen damit zu behelligen. Leider hatte er bei der Äußerung damals das Betroffenheitsgesicht vergessen, aber das war noch lange kein Grund ihn so bloß zu stellen. Er mochte den Krebskranken nicht, aber als Unmensch dazustehen, konnte gefährlich werden. Die anderen mochten den alten Deppen, auch wenn es ihm unerklärlich war. Wie konnte man so einen alten Mann ihm vorziehen, ihm, dem jungen Gott. Dauernd redeten sie von der Krebskrankheit des Alten. Richtig populär machte der sich damit. Eine Frechheit war das, dass sie gar nicht bemerken wollten, dass er, der Prinz, mit seiner Porphyrie doch viel tapferer war. Seine Krankheit war schließlich die Krankheit der Könige. Bestimmt hatte sie diese Demütigung wieder angezettelt. Hochnäsig herumspuckend hatte sie ihm vom "Non-Hodgkin Lymphom" des alten Trottels erzählt. Überall hatte sie ihn lächerlich gemacht, weil er noch nie was davon gehört hatte und es kaum nachsprechen konnte. Aber heute Morgen, als er sich nach dem Wohlbefinden des alten Tattergreises erkundigt hatte, war es ihm gelungen, den Begriff "Non-Hodgkin Lymphom", perfekt auszusprechen. Still war es auf einmal gewesen und er hatte besonders ihre staunende Überraschung genossen. Das hätte sie wohl nicht gedacht. Eine warme und wohlige Zufriedenheit hatte sich in seinem Bauch breit gemacht. Er hatte lange vor dem Spiegel geprobt und eine gute Vorstellung gegeben.
Vielleicht starb der Alte ja wirklich. Dann musste er das Anteilsnahme Gesicht üben. Vielleicht sollte er auf eine Beerdigung gehen. Da sah man genug Gesichter, die man üben konnte. Wie genial er doch war. Leider würde sie nie erfahren, dass er in Wahrheit der bessere Schauspieler war. Alles musste echt wirken und für immer und ewig wahr bleiben. Nie durften die anderen erfahren, was er für ein genialer Mime war. Egal. Hauptsache er wusste es.
Es klopfte und sie kam herein. Schnell nahm er die Chef Pose wieder ein. Wie er die Art hasste, wie sie sich setzte und ihm gerade in die Augen schaute. Sein Rücken brannte, aber der erregende Schauer blieb aus. Plötzlich realisierte er, dass sie auf seinen Hals starrte. Verdammt, sie hatte eine der Striemen gesehen. Schnell hielt er seine linke Hand darüber. Jetzt hatte er den Füller nur noch in der Rechten und konnte den Kopf nicht mehr schräg heben. Die Chefpose war dahin. Warum musste sie auch alles in ihrer Umgebung so genau mustern. Er musste aufstehen, weil er ihren Blick nicht mehr aushielt. Den Rücken zu ihr gekehrt, schenkte er sich aus der leeren Kanne seiner Luxus Kaffeemaschine, einen nicht vorhandenen Rest Kaffee ein. Jetzt kam sein großer Moment.
"Sie werden die Probezeit nicht überleben."
Er wartete ein paar Sekunden, bevor er sich umdrehte. Sie hatte keinen Laut gemacht. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt starrte sie ihn unverwandt an. Ganz langsam fragte sie:
"Warum, wollen Sie mich erschießen?"
"Nein, ich werde ihnen kündigen!"
Es war es Zeit für das volle Programm. Er sprach ihr alles ab was sie gemacht hatte. Sie versuchte ihm zu widersprechen und darzulegen, dass er Unrecht hatte. Lässig ließ er alles an sich abgleiten und grinste sie an.
"Das kann schon sein, aber ich werde nicht nachhaken."
Sie erinnerte ihn daran, dass er ihr die Arbeitsanweisung gegeben hatte, die Vertretung des Krebskranken zu übernehmen und alles andere zurück zu stellen. Er genoss jedes Wort als er sagte, dass das nicht wahr sei. Wahr war es natürlich schon, aber wer konnte das schon beweisen. Ihr Ohrring war zu Boden gefallen, weil sie während des Gespräches an ihren Ohren gezupft hatte. Jetzt versuchte sie ihn wieder anzustecken. Das war der Moment für ein wenig Menschlichkeit.
"Mein Gott, stechen Sie sich nicht."
Was war er doch für ein guter Mensch. Das war doch soziales Verantwortungsgefühl in Reinform, wenn er sich sorgte, dass sie sich stechen könnte. Das musste er sich merken. So spielte man soziales Verantwortungsgefühl. Vielleicht konnte er so was in einer ähnlichen Situation noch viel besser anbringen. Harry freute sich schon darauf, wenn sie anfangen würde zu heulen. Er würde ihr sagen, wie leid es ihm täte und sie besorgt anblicken. Schließlich lagen ihm die Leute am Herzen. So würde er es ihr jedenfalls sagen und still genießen. Eine Mischung aus gespielter Besorgnis und Brutalität war das Beste um Leute klein zu kriegen. Wenn man diesen Eindruck erwecken konnte, war man der König. Das hatte er in vielen Filmen so gesehen. Ein Star war er, jawohl. Mit dem Hinweis auf sein Wohlwollen, würde er ihr ein mittelmäßiges Zeugnis schreiben. Schließlich war er ja kein Unmensch. Er wollte ihr nicht jede Hoffnung rauben, dass er es vielleicht ändern würde. Das würde er natürlich nicht tun, aber es erhöhte seinen Genuss, wenn sie mit Hoffnung unterging. Wie es wohl sein würde, wenn sie es herzeigen musste, beim Versuch einen neuen Job zu ergattern. Schade, dass er nicht dabei sein konnte. So wirkte sein Urteil in ihrem Leben fort und sie kam seiner Macht nicht aus. Er war stolz auf sich. Sollte jemand telefonisch nach einer Referenz fragen, würde er vieldeutig sagen:
"Ich möchte mich hier zu ihren Leistungen nicht äußern."
Das hörte sich nett und harmlos an. Das klang nach vornehmer Zurückhaltung und entfachte trotzdem den Verdacht, dass da etwas Negatives war, das so ein vornehmer Mensch wie er nicht aussprechen wollte. Dann würde er auf das mittelmäßige Zeugnis verweisen und was von Wahrheit und Wohlwollen erzählen. Sie war auf jeden Fall geliefert, denn zur Zeit war es wirklich schwer einen neuen Job zu finden. Was für ein Genie er doch war. Er war viel mehr wert als sie und sie hatte nicht das Recht auch nur irgend jemandem schlechte Gefühle zu vermitteln. Jetzt würde sie sich für immer mies fühlen. Wieder malte er sich aus, wie sie ohne Job langsam verlottern und runterkommen würde. Immer mehr würde sie sich gehen lassen. Erst äußerlich und dann innerlich. Sicherlich würde sie aus Verzweiflung irgendeinen Job annehmen. Bestimmt würde sie Bedienung werden. Er stellte sich vor, wie sie ihn bedienen würde und er ihr gönnerhaft ein lausiges Trinkgeld geben würde. Sie würde ihm zu Füßen liegen. Einige Sekunden war es still. Ihr Mund formte ganz langsam die Worte.
"Ich habe Ihnen nie getraut. Sie sind führungsunfähig."
Blut schoss ihm in den Kopf. Vermutlich wurde er jetzt rot, denn sein Gesicht war heiß. Das mochte er nicht. Sein Rücken brannte wie Feuer und der Gedanke an seinen Vater schoss ihm wie ein schmerzhafter Blitz über sein Hinterteil. Sein Mund war trocken und er brauchte einige Sekunden um sich zu sammeln. Er fing an zu stottern.
"Aber es bleiben doch alle da. Keiner geht. Ich bin doch immer so nett. Beim Rechenzentrum waren alle so traurig als ich ging. Die waren so froh mich als Chef gehabt zu haben."
Noch während er die Sätze sprach, hasste er sich schon dafür, und sie hasste er noch viel mehr. Am liebsten hätte er sie umgebracht. Ein abfälliger Ausdruck machte sich auf ihrem Gesicht breit. Den musste sie aus einem Film haben, so perfekt war er. Er fühlte sich schon wieder mies. Sie wusste offensichtlich, dass er wegen dem Rechenzentrum gelogen hatte. Bestimmt hatte sie mit den anderen zusammen über ihn gelacht. Immer wieder schaffte sie es. Alles drehte sich. Ihm war schwindlig.
"Ich sage dir mal was. Es reicht nicht einen Boss Anzug zu tragen. Es gehört auch ein Boss rein in die Hose. Du kannst mich kreuzweise du Wichser."
Sie stand auf und ging. Er rief ihr nach:
"Das werde ich nicht!"
Sofort biss er sich auf die Lippe. Wieso sagte er so einen Unsinn? Wieso hatte sie nicht gebettelt? Wieso hatte sie nicht geweint? Er war enttäuscht. Und überhaupt, wie kam sie dazu ihn einen "Wichser" zu nennen? Er sah doch gar nicht aus wie jemand, der es sich selbst machte. Er gab doch so perfekt den Hengst. Außerdem hatte er sehr wohl einen Boss in der Hose. Eine Frechheit zu behaupten, er hätte eine leere Hose. Wollte sie ihn provozieren seinen Boss herzuzeigen, oder wie hatte sie das gemeint? Er ging ans Fenster und öffnete es. Verzweifelt versuchte er tief durchzuatmen, aber es gelang nicht recht. Sie hatte mal wieder alles verdorben. Nie konnte sie sich so verhalten, wie man es von ihr erwartete. Ein bisschen Verzweiflung wäre doch angebracht gewesen. Harry Hubser dachte daran, dass er einfach erzählen könnte, sie hätte sich ihm aus Verzweiflung über ihre Kündigung angeboten, um sie in den Augen der anderen der kompletten Verachtung preis zu geben. Sicherlich gab es Leute, die das glauben würden. Schließlich war er begehrenswert und mächtig. Er musste aber gleichzeitig die Ablehnung des angeblichen Angebotes betonen, denn wenn die Leute glaubten, er hätte es angenommen, würde das ja heißen, dass er bestechlich wäre. Kein wirklich mächtiger Mann war bestechlich. Das war nur was für kleine Speichellecker. Ein wirklich mächtiger Mann hatte das nicht nötig. Am besten erzählte er der Dicken davon. Sie würde die Geschichte für ihn verbreiten.
Nach einer Weile kam sein Gesinnungsschnüffler und berichtete ihm, dass sie ihre Sachen packte. Sie hatte gesagt, er solle ihr die schriftliche Kündigung nach schicken. Was fiel ihr ein. Er hatte sie doch noch gar nicht offiziell entlassen. Nicht einmal diesen Augenblick gönnte sie ihm. Jetzt war doch wohl klar, was sie für einen miesen Charakter hatte. Ihm wurde schlecht. Gott sein Dank hatte er es noch geschafft Betroffenheit und Erstaunen in sein Gesicht zu bringen, als der Gesinnungsschnüffler herein gekommen war. Während er aus dem Fenster sah, überlegte er sich das nächste Gesicht. Er schaffte den Übergang in das Gesicht der Ahnungslosigkeit, bevor er sich wieder zum Gesinnungsschnüffler umdrehte.
"Ich weiß nicht was sie hat, keine Ahnung. Sie wollte es selbst so", hörte Harry sich sagen.
Das stachelte den Gesinnungsschnüffler an. Mit einem langen Redeschwall begann er, über sie herzuziehen. Immer schneller und lauter redete er. Harry Hubser war unbefriedigt. Eine Leere in ihm wartete darauf gefüllt zu werden. Verdammt, er wollte sich gut fühlen. Warum verstand das keiner. Wieder sah er aus dem Fenster, während der Gesinnungsschnüffler weiter plapperte. München leuchtete. Scheiße! Es regnete und Harry fand das sehr unpassend. Sein Bauch brannte wie Feuer. Es war ganz sicherlich Wut. Er hatte keinerlei Zweifel. Zum Teufel mit der Bildung. Das war nur etwas für Leute, die sich gerne verarschen lassen. Er wollte Befriedigung, ein gutes Gefühl im Bauch, einen freien Kopf.....
Das erstaunte Gesicht des Gesinnungsschnüfflers war sehr überzeugend, als er aus dem Fenster fiel. Er hatte keine Zeit mehr gehabt, sich festzuhalten. Bewundernd sah ihm Harry nach. Dann atmete er tief durch und ging wieder zum Spiegel. Dort übte er das Gesicht, das er gerade gesehen hatte. Kombiniert mit ein wenig Traurigkeit war dieses erstaunte Gesicht perfekt, um diesen kleinen Unfall zu melden. Harry lächelte und dachte an die Zukunft. Nach einer angemessenen Zeit, wenn sich die Wogen ein wenig geglättet hatten, würde es leicht sein, Michaels Bewerbung entsprechend anzubringen. Michael würde den Posten des Gesinnungsschnüfflers übernehmen. So hatte er wenigsten einen hier, dem er trauen konnte und Michael konnte ihm während des Tages ab und an einmal ein wenig Entspannung verschaffen. Und als nächstes war seine Chefin dran. Wenn er mit der Zicke fertig war, dann würde er sich nie wieder mies fühlen. Dann würde nur noch er leuchten und niemand anderer mehr......


Kommentare

GAkin@gmx.net schrieb:
mann mann was ist das nur also meiner meinung ist das alles nur scheisse gewesen schicken sie mir mal was aufregend des
faust schrieb:
An Gakin:
Meiner Meinung nach hast du die Geschichte gar nicht gelesen, wolltest einfach nur den Autoren niedermachen.
An den Autoren: Die Geschichte ist schlecht!!!
Scherz! Die ist gar nicht so schlecht. Muss zugeben, dass ich ein paar mal übersprungen habe, weil sie mir zu lang war, aber trotzdem: Mach weiter so!!!
prinz@llangollen.com schrieb:
Das Portrait eines Arschlochs :-), das für jeden seiner Fehler eine Enschuldigung hat. Gut beobachtet, geschickt aufgebaut, fesselnd geschrieben. Herzlichen Glückwunsch!

Was mir nicht so gut gefallen hat: Es gab einige (überflüssige) Wiederholungen und Ausschweifungen, die den Text aufgebläht haben - z.B. die mehrfache Erwähnung des "Betroffenheits-Gesichts". Ein paar Kürzungen würden der Geschichte mMn ganz generell gut bekommen. Das kann aber auch Geschmackssache sein.

Was ich wirklich störend finde, ist die Reaktion der Frau während des Gespräches am Schluss. Die Dame wirkt auf einmal nicht mal halb so souverän, wie sie zuvor beschrieben wurde. Ich würde diesen Teil neu verfassen und auf die "hinter dem Kopf veschränkten Arme" (so benimmt sich niemand bei einem Standortgespräch) und den sicher berechtigten, aber unpassend vulgären Ausbruch verzichten. Ein paar gut gezielte verbale Spitzen würden ihr besser stehen und eher zu ihrem sonstigen Auftreten passen.

Wegen der Homosexualität des "Prinzen" habe ich gemischte Gefühle; es kommt mir nicht pc vor, diesen Hintergrund für ein offensichtliches Arschloch zu verwenden. Wobei das sicherlich Quatsch ist, weil Deppen nun mal aus allen Schichten, Szenen oder sonstigen Umfeldern stammen können.

Mein Gemecker soll aber auf keinen Fall das Lob übertönen! Die Geschichte ist erfreulich flüssig zu lesen und fehlerfrei geschrieben, hat einen ausgearbeiteten Hintergrund, wirkt psychologisch fundiert und gefällt mir persönlich sehr gut!

Viele Grüße

vom anderen Prinzen ;o)

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