Der Schäferhund meines Onkels
von
Christian Schulz
Gestern Abend rief mich mein Onkel Himpalio an. Er war bitterlich am Weinen. Unter Tränen sagte er mir, sein geliebter Schäferhund Doggo habe eine Plastiktüte gefressen und sei anschließend daran umgekommen.
Ich versuchte, Onkel Himpalio zu beruhigen, wandte ein, dass Doggo ja mittlerweile auch schon 17 Jahre alt gewesen war und dass es sowieso nicht mehr lange gegangen wäre. Jedoch konnte ich meinen Onkel damit auch nicht trösten geschweige denn beruhigen, ich hörte ihn vielmehr noch stärker in den Hörer schnaufen als vorher.
So sah ich keine andere Möglichkeit mehr, ihn wieder aufzuheitern, als ihm zu verraten (das hatte ich eigentlich nicht vorgehabt, aber unter diesen Umständen), was ich für ihn als Geburtstagsgeschenk ausgesucht hatte. Bei einem renommierten Hundezüchter hatte ich kürzlich den 3 ½ Jahre alten Pimperi erworben, und diesen wollte ich meinem Onkel übernächste Woche zu seinem fünfundsechzigsten Geburtstag schenken. Dies sagte ich ihm also, hoffte, ihn damit beruhigen zu können, und tatsächlich blieb es für einen Moment am anderen Ende der Leitung still. Erleichtert glaubte ich, ihm damit geholfen zu haben und erwartete nun seinen gewohnten, wie immer überschwänglichen Dank.
Stattdessen fing mein Onkel plötzlich an, in den Hörer zu keuchen. Er hustete fürchterlich und brachte schließlich nur noch ein heiseres Röcheln hervor. Entsetzt schrie ich in den Hörer, ob er sich verschluckt habe, oder ob es wieder ein Anfall von Luftnot sei. Da flüsterte mein Onkel mit heiserer Stimme in den Hörer, jetzt, wo Doggo gegangen sei, gäbe es für ihn auch keinen Grund mehr zu leben, und da habe er die Fetzen der Plastiktüte, die noch aus Doggos Maul hingen, ebenfalls verschlungen. Dann hörte ich nur noch ein kaum mehr vernehmbares : „Mach’s gut, Junge!“, und anschließend war nur noch ein dumpfer Aufprall zu hören.
In Panik rief ich den Notarzt an, ließ im Krankenhaus ein Bett reservieren und fuhr los zum Haus meines Onkels. Unterwegs rief ich Tante Rapilla an, sie solle sofort kommen, und fast zeitgleich hielten wir zehn Minuten später mit quietschenden Reifen vor dem Haus meines Onkels. Die Sirene des sich nähernden Notarztwagens hörend, schloss ich mit meinem Zweitschlüssel auf und stürmte ins Haus.
Im Wohnzimmer fand ich schließlich meinen Onkel vor, blau angelaufen auf dem Boden neben dem ebenfalls seltsam aussehenden Doggo liegend. Ich schüttelte ihn, riss ihn in die Höhe, rief seinen Namen, bis der gerade angekommene Notarzt mich von ihm trennte und mir nach wenigen Sekunden der Untersuchung mitteilte, mein Onkel Himpalio sei wie sein geliebter Schäferhund Doggo an den Fetzen einer Plastiktüte erstickt.
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