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Kategorien > Internet > Begegnungen

Der Schein kann trügen

von Juuulie

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Der Schein kann trügen

Ein denkbar schlechter Tag ist es für Herbert. Kein Bier mehr im Kühlschrank und das Geld vom Arbeitsamt kommt auch erst in einer Woche. Das bedeutet dicke Luft bei Herbert, denn ohne Geld kann man nicht mal in den Dorfkrug gehen. Normalerweise vielleicht, dann würde der Nachbar ein Auge zudrücken, ein paar Euros mehr auf die Theke knallen und dröhnen: „Mein Kumpel kriegt das gleiche!“ Damit wäre die Sache dann geregelt. Oder Herbert würde einfach rüber gehen und sich vom Nachbarn einen Sixpack ausborgen.
Aber heute ist scheinbar auch beim Nachbarn dicke Luft. Der hat wohl Stress mit seiner Alten. Das kann Herbert gut verstehen, mit der kann man auch nichts als Stress haben. Herbert hat zum Glück keine Alte. Das ist eigentlich praktisch, weil sich niemand über zu viel Bier im Kühlschrank beschweren kann, obwohl dieser zur Zeit ohnehin leer ist. Andererseits kann Herbert ohne Frauen auch keinen Sex haben und die Hardcore Pornos aus der Videothek beglücken ihn auf Dauer auch nicht ausreichend. Ohne dieses blöde Geld vom Arbeitsamt kann er sich noch nicht einmal Videos ausleihen, so ein Mist. Und den Nachbarn kann er auch nicht fragen deswegen, denn wenn dessen Alte Wind davon kriegt, dann ist wahrscheinlich Ende im Gelände.
Wenigstens hat Herbert eine Flatrate, das ist schon eine tolle Sache. Tagelang, Nächtelang kann er im Internet hängen und sich mit kostenlosen Pornos beglücken, da er ohnehin nichts anderes zu tun hat außer vielleicht Bier zu kaufen.
Heute, an diesem denkbar schlechten Tag, an dem die Luft so dick ist, dass man kaum noch atmen kann, sitzt Herbert mal wieder vor dem Computer und nutzt die Vorzüge einer Flatrate. Während er so von Seite zu Seite surft, erscheint auf einmal ein Werbefenster. „LovePalast – die größte Single Community Deutschlands“, daneben das Foto eines naiven Blondchens mit der Bildunterschrift: „Hey, ich bin sexy Pamela und warte auf dich!“
Das lässt Herbert sich nicht zweimal sagen, diese Pamela muss er doch unbedingt kennenlernen. Also nichts wie rauf auf die Seite vom LovePalast! Herbert reibt sich innerlich die Hände.
Doch dann wird alles schrecklich kompliziert. Da muss man sich anmelden, ein Profil erstellen, Oh mein Gott, was bitte soll das denn sein? Herbert kommt sogleich ins Schwitzen und würde jetzt ein schönes kühles Bier gewiss nicht ablehnen. Einen Namen muss man sich ausdenken, einen Nickname. Herbert strengt seine grauen Zellen mächtig an, ja, das muss ein Name sein, der den Frauen gefällt. Das muss ein Name sein, der sie heiß macht. Zum Glück hat Herbert letzte Nacht noch diesen Erotikfilm auf Tele7 geguckt, sonst hätte er jetzt nicht diesen genialen Einfall, für den er sich innerlich sogleich auf die Schulter klopft.
„Casanova“ tippt er in das Fenster hinter der Aufforderung, einen Nickname einzugeben. Dabei fragt er sich, was das überhaupt heißen soll Casanova. Dieser Mann in dem Film wurde so genannt, der es allen Frauen besorgt hat. Aber ist Casanova nicht eigentlich ein Frauenname? Der endet doch mit dem Buchstaben „A“, wie alle Frauennamen. Männernamen hören mit „R“ auf zum Beispiel, so wie „Bier“. Dabei ist Bier ja gar kein Name.
„Casanova“ zu heißen dürfte aber eigentlich nicht verkehrt sein, denkt sich Herbert und fühlt sich schon ganz geil. Das Gefühl hält jedoch nur eine kurze Zeit an, dann fällt Herberts Blick auf das Feld „Alter“. Soll man hier etwa sein echtes Alter angeben? Herbert wischt sich die Schweißperlen von der Stirn. Einen Teufel würde er tun, aber bloß nicht „46“ in das Fenster zur Altersangabe schreiben. Diese Pamela ist doch allerhöchstens 25 und würde die Nase rümpfen, wenn sie erkennen würde, dass der Casanova, der es allen Frauen besorgen kann schon doppelt so alt ist wie sie. Wohl oder übel muss Herbert sich ein anderes Alter überlegen. „20“ klingt doch nicht schlecht, schön jung und knackig, wie die Personen in den Pornofilmen. Ja, „20“ ist optimal und wird von Herbert gleich eingetippt.
Jetzt aber erstmal ein Bier nach der ganzen Anstrengung, das ist ganz dringend notwenig.
Ach Shit, der Kühlschrank strahlt ja in gähnender Leere, so ein Mist aber auch, und zudem ist die ganze Anstrengung noch nicht beendet.
Die wollen jetzt auch noch ein Bild von ihm haben. Wozu denn ein Bild? „Mit dem Hochladen eines Fotos erhöhen Sie Ihre Chancen, angesprochen zu werden, um ein Vielfaches!“ Achso, dann sucht sich Herbert doch einfach ein Pornobild aus seiner Sammlung auf dem PC und schneidet die Frau ab. Sonst würden bestimmt alle denken, er hätte schon eine.
Mit dem perfekten Namen, dem perfekten Alter und dem Foto von einem Körper, bei dem Frauen schon allein beim Anblick feucht werden, kann einfach nichts mehr schief gehen, denkt Herbert sich und fühlt sich toll.
Aber wo ist denn jetzt diese Pamela hin? Herbert durchsucht mit den Augen jeden Winkel des Bildschirms, doch Pamela ist verschwunden. Dabei stand da doch vorhin geschrieben, dass sie ihn, Herbert, kennen lernen will. So eine Verarschung, ärgert sich Herbert. Dafür hat er so eine Anstrengung unternommen und die ganzen schwierigen Felder ausgefüllt. Diese Pamela würde etwas zu hören bekommen von ihm, wenn er ihr irgendwann mal über den Weg laufen würde.
Eine andere Anzeige leuchtet auf. „5432 Frauen ONLINE“ blinkt in verschiedenen Farben und Herbert muss sich erstmal die Augen reiben. Heißt das, dass im Moment 5432 Frauen im Internet sind? Aber es gibt doch auf der Welt viel mehr Frauen als 5432, oder etwa nicht? Herbert ist sich da ganz schön unsicher und beschließt, diese schwierige Frage bei einem Bier zu überdenken. Der Kühlschrank ist leider immer noch leer. Dafür bekommt Herbert in dem Moment einen Geistesblitz und klickt mit dem Mauszeiger auf die blinkende Anzeige. Es erscheint folgende Anzeige:
„Süßes Girl (17). ‚Ich bin allein und ich suche jemanden, dem es genauso geht wie mir. Ich suche Verständnis, Liebe und Zärtlichkeit. Schreib mir eine Nachricht!‘“, daneben das Foto eines Mädchens mit dunkler Haut und beträchtlicher Oberweite.
Das gefällt Herbert. Die will bestimmt Sex mit ihm, was kann sie sonst auch meinen mit „Verständnis, Liebe und Zärtlichkeit“? Herbert zögert keine Sekunde. Er muss ihr sofort eine Nachricht schreiben.

Sandra liegt auf ihrem Sofa und weint, weint in ihr Kissen, weint immer wieder, kann einfach nicht aufhören zu weinen. Sie blickt auf und überfliegt mit aufgequollenen Augen nochmals die E-mail. Die E-mail, die sie zum Weinen bringt.
Der Bildschirm des Lap-Tops verschwimmt vor ihren Augen und damit auch die schrecklichen Worte „Es ist aus“. Es ist aus, aus, aus. Nichts anderes kann Sandra mehr denken, eigentlich kann sie gar nicht mehr denken, sondern nur noch weinen. Sie fühlt sich einsam und allein. Sie fühlt sich enttäuscht von ihm, dem sie ihr Herz geschenkt hat, es einfach so zu beenden, per E-mail.
Sandra versucht ihn anzurufen, aber er beendet den Anruf, ohne ihn anzunehmen. Die Tränen steigen dem Mädchen wieder in die Augen. Es ist sinnlos. Sie

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Kommentare

Franzooo schrieb am 2007-10-01 19:31:54:
Is' wirklich gut. I like it.
Ich finde auch, dass in der Schule mehr über so etwas gesprochen wird, denn das Internet wird immer populärer und wenn man hört wie viele Mädchen schon von Chatbekanntschaften vergewaltigt wurden, ist das schon hart.
Mimi schrieb am 2007-09-04 12:01:22:
Ich hätte am Schluss nicht geschrieben, dass ihre Freundinnen ihr das Leben gerettet haben. Nirgends wird erwähnt, dass er sie umbringen möchte. Aber sonst ist deine Geschichte wahnsinnig: gute Handlung, kaum Rechtschreibfehler, genügend Absätze... weiter so!
Sonja schrieb am 2007-08-30 08:58:33:
Sehr gute Geschichte....solche Themen sollte in der Schule viel mehr angesprochen werden. Ich will nicht wissen, wie viele junge Mädchen sich wirklich mit einer Internetbekanntschaft treffen^^
Julz schrieb am 2007-08-14 23:35:12:
Sehr gute Geschichte! Und ein (teilweise) wahrer Kern...
XuLiz schrieb am 2007-08-09 21:14:34:
Harte Geschichte, aber genial geschrieben!
Die Scenen wechsel fand ich auch sehr gut. Diese Geschichte ist wirklich eine gute Warnung nicht gleich ein treffen nach einer Internet-Bekanntschaft zu vereinbaren.

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