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Kategorien > Kurzgeschichte > Einfach so

Der Sekretär

von Norbert Hilgers

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Kästner betrachtete liebevoll das vor ihm stehende Möbelstück. Seine raue durch Lack und Lösungsmittel gegerbte Haut strich zärtlich über das rötlich schimmernde Rosenholzfurnier. Grauen Augen wanderten über schlanke Sparren hin zu den kunstvoll verzierten Schubladen und legten am leicht verkratzten Firmenschild aus gebürstetem Messing eine kurze Pause ein. « Kessel&Warnke » flüsterte er ehrfurchtvoll. «So etwas wird heute nicht mehr gebaut ». Die Firma existierte schon seit den Zwanzigern nicht mehr. Der Aufwand für ein solches Möbelstück war einfach zu groß. Das teure Furnier, daß über Jahre abgelagerte Holz, die erfahrenen Fachleute. Dann die Rezession. Sechzig vielleicht siebzig dieser Sekretäre waren hergestellt worden und jeder war ein individuelles Einzelstück. Aber dieser hatte noch etwas mehr zu bieten. Was, das wusste er noch nicht genau. Die Zwischenwände aus Birnenholz waren aufwendiger als sonst gestaltet und ergaben für den normalen Gebrauch keinen Sinn. Dieses Möbel besaß ein Geheimnis welches sich nur Hersteller und Besitzer teilten. Die junge Frau, die daß seltene Stück zur Restauration gebraucht hatte war sich dessen sicher nicht bewusst. «Der Sekretär ist ein Erbstück meinte Sie beiläufig. «Meine Mutter hat ihn in Auftrag gegeben. Sie ist allerdings schon 1948 gestorben. Und seit dem hat er kaum noch Beachtung gefunden. Kästner hatte auf die Frage was es denn kosten würde ihr einen lächerlich geringen Preis genannt, der kaum die Materialkosten decken würde. Er hatte es nicht mehr nötig. Nicht das er ein reicher Mann war, aber mit 72 war die Restauration mehr Hobby als Broterwerb. Mit seinen grauen Augen, dem altmodischen Backenbart und seiner abgetragenen Kleidung gehörte er selbst zu den Antiquitäten die er nachmühevoller Arbeit in altem Glanz wiedererschuf .Aus seinem Arbeitskittel zog er eine unmoderne durch den vielen Gebrauch schon zerkratzte und fast blinde Lesebrille hervor. Durch sie musterte er Zentimeter um Zentimeter der stumpfen Lackierung. Sein Blick an einer fast unsichtbaren Fuge kleben. Ein triumphierendes Lächeln zeichnete sich auf seinem sonst emotionslos wirkendem Gesicht ab.
« Du alter Gauner", dachte er und zollte damit respektlos dem Künstler Tribut. Nummer eins ist gefunden. Seine Hände tasteten sich unterhalb der Tischplatte an einer Querverstrebung entlang. An einer unauffälligen Erhebung verharrte er. «
« Das ist es". Mit dem Zeigefinger schob er unter sanftem Druck die hölzerne Kuppe nach hinten. Ein mechanisches Klicken ertönte, dann der Klang einer sich entspannenden Feder. Bedächtig wie in Zeitlupe schob sich das versteckte Geheimfach aus der sonst ebenen Beplankung. Kästner war nicht wirklich enttäuscht als er entdeckte das sich in der handgroßen Schublade nichts als der Staub der Jahrzehnte gesammelt hatte. Er entfernte mit dem Pinsel und einem kleinen Gebläse den Staub, und schloss mit sanftem Druck das Fach. Fast hätte er es übersehen. Kurz bevor die Abdeckung wieder eins mit der Oberfläche wurde, viel ihm die winzige Kalottenartige Auswölbung ins Auge. Kästner löste den Mechanismus erneut aus, faste halb in die Lade hinein und drückte auf den versteckten Knopf. Wieder ertönte ein hölzernes Knarren. In Kniehöhe zeigte sich eine weitere Öffnung. Mit der linken Hand zog er das Schubfach heraus. Schon am Gewicht spürte er, daß die Lade diesmal etwas enthalten mußte. Sein Blick fiel auf ein mit rotem Band umwickeltes Bündel Briefe. Vorsichtig entnahm er das Paket und entdeckte unter ihm ein weiteres sowie einige vergilbte Schwarz-weiß Fotos. Die Briefe hier besaßen einen grau-braunen Umschlag waren mit grünem Band eingewickelt und mit dem Aufdruck Feldpost versehen. Was vor ihm lag hatte gewiss keinen wirtschaftlichen Wert, und nichts lag Kästner ferner als etwas von diesen Dinge zu entwenden. Dennoch kam er sich wie ein Dieb vor, als er vorsichtig die Schnur von dem Paket mit der grünen Schnur entfernte. Er dachte daran, daß es vermutlich das erste Mal seit Jahrzehnten war, daß jemand diese Zeilen las. Hatte er das Recht dazu? Sicher nicht, aber der Reiz des Verbotenen war das wenige das in seinem Alter noch einen Adrenalinstoß in ihm hervorrief. Außerdem würde die junge Frau den Sekretär fast umsonst instand gesetzt zurück bekommen. Sein Gewissen durch den Selbstbetrug narkotisiert öffnete er vorsichtig den ersten von sechs Briefen.

Werte Hilde,
Ich schreibe Dir hier von dem kleinen Ort "Kostocheff" ganz in der Nähe der Russischen Grenze. Wir sind seit sechs Tagen auf dem Vormarsch und sind bis jetzt auf wenig Widerstand gestoßen. Ganz wie unser Führer es uns versprochen hat, sind die slawischen Untermenschen nicht in der Lage uns auch nur im Geringsten Paroli zu bieten. Sie laufen wie die Hasen vor unseren Panzer davon und sind das reinste Kanonenfutter.

Kästner stockte. Er nahm sich den Briefumschlag noch mal vor und entzifferte das genaue Datum. Wenn er sich richtig erinnerte war das kurz nach dem Überfall auf Polen Unwillkürlich fühlte er ich wie durch eine Zeitmaschine zurückversetzt. Die alte schon fast vergessene Angst stieg langsam seine Wirbelsäule hinauf und setzte sich wie ein Krebsgeschwür in seinen Nacken. Dann las er weiter. In den weiteren Zeilen berichtet der Schreiber, wie seine Einheit den Vormarsch fortsetzte. Das einige Partisanen gefasst und aufgehängt wurden. Wie sie an toten Männern Frauen und Kindern vorbeimarschierten. Kein Wort des Mitgefühls. Keine Zeile des Bedauerns. Unterschrieben waren die Briefe mit:" Dein Frank ".Auch als Kästner den Brief ein zweites Mal las entdeckte er keinerlei persönliches Wort und auch keine Frage nach Hildes Befinden. Kühl, sachlich und frei von jeglichen Emotionen hatte er seinen Brief verfasst.
Kästner nahm sich die anderen fünf Briefe vor überflog deren Inhalt jedoch nur als er merkte, daß sich ihr Inhalt bis auf einige Fakten von dem Ersten nicht unterschied. „Hilde, was hast Du da für ein Monstrum geheiratet", dachte er. Verächtlich schob Kästner den Stapel zur Seite und nahm sich den zweiten Bund vor.
Alle Briefe hier waren in neutrale Umschläge, die weder mit einem Absender noch mit einer Anschrift versehen waren gesteckt worden.
Er nahm den ersten aus seinem Kuvert und betrachtete das Geschriebene.
Welch ein Unterschied. Die Buchstaben waren hier nicht in bürokratischen kurzen Lettern wie mit einer Schreibmaschine getippt aufs Blatt geworfen. In eleganter Sütterlinschrift war hier Buchstabe für Buchstabe aufs Blatt gemalt worden. Hier war jemand am Werk gewesen in dessen Schrift sich Lebensfreude, Gefühl und Sinnlichkeit wiederspiegelte. Schon die ersten Zeilen verrieten, dass sie an einen Menschen gerichtet waren, dem der Verfasser weit mehr als nur Sympathie entgegenbrachte.

Geliebte Hilde,
die wenigen Wochen die Ich in deiner Nähe verbringen durfte, gehören trotz der widrigen Umstände zu den bisher schönsten Momenten meines Lebens.
Deine Stimme, deine Zärtlichkeit umgeben mich wie ein Kokon aus gewebter Leidenschaft.

Es

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Kommentare

Norbert Hilgers schrieb am 2006-12-17 16:41:57:
Ich hatte mir lange überlegt ob ich eine etwas längere Kurzgeschichte veröffentlichen soll,
da diese nicht so oft gelesen werden.
Eure positive Kritik hat mich überrascht und wirklich gefreut.

viele Grüße

Norbert Hilgers
Bjarne schrieb am 2006-12-16 22:53:31:
Eine wirklich tolle, gelungene Kurzgeschichte. Sie bereitet Freude und Spannung beim Lesen, vielen Dank.
Subkulturkatze schrieb am 2006-12-16 12:27:14:
Ich habe diese anrührende Geschichte sehr gerne gelesen. Du verstehst es gut, Charaktere so darzustellen, dass man sie einfach mögen bzw. hassen muss. Ich mag Deine Wortwahl.

Liebe Grüße, Subkulturkatze
Lexa schrieb am 2006-12-15 22:34:40:
Wunderschön. Den Sekretär würde ich ja auch mal gerne betrachten. Liebenswerten Fachmann will ich wohl gelten lassen. Den wunderbaren Zustand muss man am Objekt selber feststellen. Ja, ich bin auch Liebhaber alter Stücke.
Ich kann gewiss einschätzen, welch einen Aufwand man da manchmal betreiben muss. Aber dann sieht man das
Resultat und das ist einem Lohn genug. LG Lexa

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