Der Silberhort
von
Marci-Nikki
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~ Kapitel 1 ~
Amarokk musste dreimal gegen das Tor donnern, ehe sich der unwillige Wächter zeigte. Er trat aus dem steinernen Turm auf den Wehrgang hinaus und blickte auf das vom Feuer beschienene Schneefeld. „Wer ist da?“
„Grimnir Egilsson“, log Amarokk. Er trat ein paar Schritte zurück, legte den Kopf in den Nacken und blinzelte gegen den Schein des Wachfeuers. „Ist Tanred der Freie Herr dieser Festung?“
„Das ist er“, rief die Wache zurück. „Woher kommst du, Grimnir Egilsson?“
„Von Egils Hof, in den Hügeln nördlich von hier“, lautete die Antwort. Der Wächter fragte nicht näher nach, denn auch wenn es viele Höfe und noch viel mehr Hügel gab, interessierte es ihn doch nicht weiter. Es war schneidend kalt, der Nordwind heulte, und im Turm prasselte ein Feuer, zu dem er zurück wollte. „Warte. Ich öffne das Tor.“ Er fragte nicht, was der Wanderer wollte. Wer im Winter zu einer Festung reiste, von einem Hof aus den Hügeln kam und keine Zeichen auf Umhang oder Schild trug, konnte nur eines im Sinn haben.
Der Riegel wurde zurückgeschoben, und das Tor schwang einen Spalt breit auf, doch Amarokk machte keine Anstalten, an dem Wächter vorbei zu gehen.
„Ich bin nicht gekommen, euch Unheil zu bringen“, sprach er stattdessen.
„Oh“, machte der Wächter, ein Laut voller Überraschung und Ironie zugleich. „Ein Mann der Tradition, heh? Nun gut.“ Er ordnete seine Gedanken für einen Moment, dann sprach er mit formeller Intonierung: „Seid ihr gekommen, Unfrieden zu stiften und die Gastfreundschaft des Herrn mit Füßen zu treten?“
„Nein“, entgegnete Amarokk schlicht.
„Seid ihr gekommen, dem Feinde des Nachts Tür und Tor zu öffnen?“
„Nein.“
„Seid ihr gekommen, zu stehlen, zu rauben, Brand zu legen oder Blutrache zu fordern?“
„Nein“, sagte Amarokk, und log erneut.
„Dreimal Nein, das Tor sei euch geöffnet!“, verkündete der Wächter, wobei er das Feierliche aus Langeweile ein wenig übertrieb und mit dem Speer gegen das bereits geöffnete Tor klopfte. „Tritt endlich ein, Mann. Dir scheint bei weitem nicht so kalt zu sein wie mir.“
Der Wächter führte Amarokk durch die Festung, vorbei an Häusern und Hütten aus Stein und Holz und strohgedeckten Dächern. Er hatte ein narbiges Gesicht, eine gebrochene Nase und eine Zahnlücke, die er sehr oft zeigte, denn er hatte auch ein heiteres Gemüt. „Aus den Hügeln also“, sagte er.
„Aus den Hügeln“, bestätigte Amarokk, ohne genauer zu werden, was den Speerträger zum Grinsen brachte. Entweder waren diese Hügel in einem beschämend unbedeutenden Landstrich, von denen es gar nicht so wenig gab, oder der Fremde hatte ein reichlich großes Geheimnis. Dem Wächter gefielen Männer mit solchen Geheimnissen, denn sie sorgten oft genug für Verwirrung, und er liebte den Irrsinn in der Verwirrung, wenn er von seinem Wachtposten aus zusehen durfte.
„Du hast gehört, was sich auf dem Festland abspielt?“, fragte er.
„Wer hat es nicht gehört?“, entgegnete Amarokk geheimnisvoll.
„Richtig, wer hat es nicht gehört.“ Der Wächter sprach mit Schwermut und Ironie. „Wer kriecht nicht aus den Hügeln, wenn es Gelegenheit zum Plündern gibt.“ Es klang ganz so, als wären die Plünderfahrten für ihn wie ein verrücktes Spiel, dessen Wirrnis nur er selbst klar sehen konnte. Als wäre er der einzige Vernünftige unter all den Verrückten, doch die silbernen Reifen an seinen Oberarmen trug er dennoch mit Stolz wie jeder Krieger. Denn er liebte die Wirrnis.
Die Götter allein wussten, Amarokk würde ihn erheitern.
„Dort lebt Tanred. Geh nur hinein, Mann aus den Hügeln, und lass dich nicht von seiner Hexe beißen.“ Ungeachtet seiner Worte ging er voraus, auf eines der größten Langhäuser der Festung zu. Er stieß die Tür auf, und sofort strömte ihnen die Hitze eines Feuers entgegen, die Gerüche gebratenen Fleisches. Amarokk erhaschte einen Blick auf einen langen Tisch, der nur halb besetzt war, einige Bier verteilende Diener und auf etwas mehr als ein Dutzend Männer, die ihre Aufmerksamkeit der Tür widmeten. Gespräche verstummten, die letzten Bissen wurden geschluckt.
Der Speerträger trat ein. „Einen wunderschönen guten Abend, Herr! Wölfe und Eulen schlafen in Höhlen und Nestern, die Nacht ist ruhig, die Nacht ist ruhig. Viel zu ruhig, Herr, und darum -…“
Tanred ließ einen Rippenknochen auf den Teller fallen. Er war hager, aber hoch gewachsen, und trug einen blonden Schnauzbart „Wir haben verstanden.“ Eine ruhige, nüchterne, kaum erhobene Stimme. Tanred hatte vom gegenüberliegenden Ende des Tisches gesprochen, und dennoch hielt der Wächter sofort inne.
„Ich bringe euch Unterhaltung, Herr.“ Er deutete auf Amarokk, als wäre dieser ein Hundewelpe, den der Speerträger im Wald gefunden und nach Hause gebracht hatte.
„Zurück auf deinen Posten.“
„Jawohl, Herr!“ Frohgemut schloss er die Tür von außen.
Und ließ Amarokk allein mit Tanred und seinen Leuten und einer Hexe.
Amarokk erkannte sie sofort, denn abgesehen von den Schankmädchen, war sie die einzige anwesende Frau, und aufgrund ihrer Platzwahl an der Seite Tanreds hielt er sie zunächst für dessen Ehefrau oder aber seine Tochter, denn sie war viel jünger als er. Er schätzte sie auf siebzehn Jahre, schlank wie ein Schilfrohr. Sie hatte ein schmales, unschuldiges Gesicht, das von schwarzen Locken umrahmt wurde. Erst später sollte er erfahren, dass ihr Name Salgard war, dass sie weder Tanreds Frau noch seine Tochter war, und dass sie gefährlicher war als jeder andere, der in diesem Moment am Tisch saß. Er musste den Blick von ihr abwenden, als ein Diener von der Seite an ihn herantrat und ihm Mantel und Waffen abnahm, wie es sich gehörte, wenn man ein Haus betrat.
„Wer bist du, und was ist dein Begehr?“ Es war Tanred, der gesprochen hatte.
Amarokk straffte die Schultern. „Ich bin Grimnir Egilsson, und ich komme, euch mein Schwert anzubieten.“ Formelle Worte, wie Amarokk sie gelernt hatte und sehr ernst nahm. Sei es die Formel des Wanderers, der um Einlass bittet, oder auch die Formel des Mannes auf der Suche nach einem Schwertherrn.
Tanred zeigte keinerlei Regung, sondern erhob sich vom Tisch. Es begann das übliche Spiel.
„Sag mir, Grimnir Egilsson, verstehst du dich auf das Raunen?“
„Nicht viel, Herr“, entgegnete Amarokk.
„Dann kannst du kämpfen?“, fuhr Tanred unbeirrt fort.
„Ja, Herr.“
„Auch in einer Schildburg?“
„Ich habe es noch nie tun müssen, Herr.“
Tanred trat näher. „Die Waffen.“ Der Diener trat sofort herbei. Amarokks Blick blieb einen Moment lang auf dem Knochengriff des Messers hängen, doch Tanred ignorierte den Dolch mit dem knöchernen Heft. Das Kurzschwert mit der breiten Klinge betrachtete er mit offenkundiger Langeweile. Der ganze Saal beobachtete, wie er einen Probehieb ausführte. „Hat es einen Namen?“
„Nein, Herr.“
„Den hätte es auch nicht verdient.“
Amarokks Mundwinkel zuckten, doch er schwieg.
„Dein Schild trägt kein Zeichen?“
„Keines, Herr.“
Tanred zog seine Schlüsse. Vor ihm stand ein junger Mann, breitschultrig, doch unerfahren, arm und miserabel ausgerüstet. Sein Schild trug kein Zeichen.
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