Der Sonderling im Alltag
von
Hermann Stikum
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Hermann Stikum
Der Sonderling im Alltag (die "gute" alte Zeit)
(gewidmet allen Ex- Trinkern und Trinkern)
Ich war einmal wieder völlig pleite, wollte mich aber unbedingt besaufen, da entsann ich mich, daß ich noch DM 8 abheben könnte, bevor mein Dispositionskredit endgütig ausgereizt war. 8 DM, 8,00, 8, -- ACHT deutsche Mark, also bei einem festgelegten Wert von DM 1,95583 künftige 4,09 EURO, welch unermeßliche Gnade des Schicksals! Dies würde bedeuten, daß ich mir mit den verbliebenen 50 Pfennig, welche immerhin 0,26 EURO repräsentieren, 7 Dosen Starkbier zu DM 1,19 oder aber 0,61 EURO würde leisten können.
Ich suchte die Bank auf und füllte das Abhebeformular mit "DM 8,00" aus. Die Bankangestellte fragte mich, ob 800 DM oder 8000 DM gemeint seien. Ich entgegnete: "Es sind genau acht deutsche Mark gemeint". "Warum denn gerade 8 DM ? , frage die Kassiererin mit dem Schweinsgesicht. "Weil ich n' armer Hund bin, der sich 7 Dosen Bier kaufen will!", antwortete ich.
Sie konnte es nicht fassen, ging mit dem Wisch nach hinten zu dem Abteilungsleiter. Als sie wieder erschien, wurde mir mein Vermögen tatsächlich voll ausbezahlt. Sie starrte
mich an, als sie mir das Geld auszahlte, ich starrte zurück und vollführte ein irres Zucken mit dem Mundwinkel. die Taktik zeigte Erfolg, sie hielt mich nun endgültig für wahnsinnig und traute sich nicht mehr, mich anzuglotzen.
Während ich meine 8 DM, ein glänzendes 5 - DM - Stück und drei abgenutzte 1 DM - Stücke einsackte, hörte ich das Gespräch am Nebenschalter. Der bärtige Mann im schwarzen Anzug wünschte die Umschichtung seines "Flexgeldes". 20.000 DM sollten vorerst genügen, meinte er. Er gab hierbei seiner Stimme eine Nuance, die die Selbstverständlichkeit des in Aussicht genommenen Unterfangens unterstrich. Seine Gedankengebilde wurde durch den der Zweckmäßigkeit unterstellten Satzbau der Grundsteinlegung zugeführt, unter Verwendung banktechnischer Termini wurde das Fundament des Vorhabensgebäudes unterfüttert und zum Abschluß mit einem Scherzwort an die Bankangestellte das Richtfest des zur Wirklichkeit erstarkenden Vorhabens eingeläutet.
Hätte ich über die Stimme dieses Herrn verfügt, niemand auf der Welt hätte mich aufgrund einer Abhebung von DM 8,00 angestarrt. Niemand hättte mir die Umschichtung der DM 8000, die ich nie im Leben besitzen würde, verwehrt. Lauschte ich aber dem Klang meiner Stimme, so klang es mir niemals nach Grundsteinlegung und Richtest, meine Symphonie kündete seit jeher von Zersetzung und Abrißbirne. Wahrhaft, so verschieden ist es im menschlichen Leben.
Bevor ich den Geldtabernakel verließ, schaute ich mir in widersinniger Hoffnung nochmals meinen Kontostand am Automanten an. Leider hatte noch immer niemand die Fehlüberweisung von wenigstens DM 3000 vorgenommen, die ich so dringend brauchte. Dafür war ich durch die Abhebung von ganzen DM 8,00 zum Tagesgespräch geworden. Ist doch auch was! Die Kassiererin mit dem Schweinsgesicht rang um Fassung, sie fuchtelte mit ihren Stummelärmchen und redete auf den Abteilungsleiter ein, dessen Bierbauch hüpfte beim Gespräch fröhlich auf und nieder. Jeder Satz der Schweinsköpfigen wurde mit einem Nicken zur Kenntnis genommen und mit mit einem abschließenden Hüpfen des Bierbauchs verifiziert. Die Mönche und Schwestern von Sankt Pecunia flüsterten, doch ich hörte sie dennoch ...
Danach suchte ich den Supermarkt auf, ich kaufte mir sechs Dosen dänisches Starkbier und ein Töpfchen mit Bohnenkraut. Das Bohnenkraut sollte der Würzung des Restes der Bohnensuppe vom Vortag dienen. Bei laut Dosenseite 7,5 "Umdrehungen" würden auch 6 Dosen reichen und ich konnte noch eine Nahrungsunterlage hinzukaufen. An der Kasse wollte sich ein Bärtiger Vortritt verschaffen, erhielt eine kleine Packung Eier in die Höhe und säuselte "kann ich vor?", ich koche gerade." Ich schaute ihn an, es war doch tatsächlich der glückliche Flexgeldbesitzer aus der Bank. "Würd ' Sie ja gerne vorlassen", sagte ich, während ich das Töpfchen mit dem Bohnenkraut hochhielt, "aber meine Oma wird in ner' halben Stunde beerdigt, hab ' ihr noch schnell was für auf 's Grab besorgt". Seine bärtige Futterluke schloß sich, er schaute auf den Boden, jetzt hatte er Zeit, über sein Flexgeld nachzudenken.
Da ich zu faul war, zu laufen, fuhr ich die eine Station zu meiner Wohnung mit der Bahn. Im Abteil befand sich eine junge Familie. Ein junge, hübsche Frau, ein Latzhosenmann und ein blondes Blag. Auf dem Sitz lümmelte das Blag, es glotzte mich aus seinen unfertigen Augen an. Die Eltern waren sichtlich gerührt über jegliche Äußerung ihrer Brut, es mußte nur "gaga"
grunzen, schon hauchten sie verzückt das Wort "süß". Der Kleine schaute zu mir rüber und rülpste dann die Wortfolge "Maan mid Sonnbril", deutete auf mich und winkte mit seinen kleinen Patschhändchen. Ich reagierte in keiner Weise, doch das schien mich noch interessanter zu machen. Ich stellte mir im Geiste vor, ihn in ein seiner Körpergröße angemessenes Mikrowellengerät zu verbringen. Er ließ nicht locker, krähte, "Maan saag, Maan saag, worauf ich "Blag, Blag" entgegnete. Die Mutter starrte mich entsetzt an, sie verließ ihren Sitzplatz vor Erreichen der Haltestelle.
Daheim habe ich mich planmäßig besoffen, die Einzelheiten bleiben einer späteren Schilderung vorbehalten ...
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Kommentare
DrZord schrieb am 2006-12-05 10:04:40:
gefällt mir sehr gut. Vor allem die Szene in der Bank mit der "Grundsteinlegung"
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