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Kategorien > Parabeln > Fremd

Der Spiegel

von Dean Forrester

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Der Spiegel. Er ist vor mir. So klar und sauber. Ich kann alles erkennen. Meinen Tisch, meinen Stuhl, mein Mittagessen, einfach alles. Selbst den Text den ich gerade geschrieben habe. Er hing schon immer dort an der Wand. Direkt vor meinem Tisch. Zuerst wollte ich ihn entfernen, aber dann habe ich einmal in ihn hineingesehen und ich habe diesen Gedanken verworfen. Er ist so klar. Der Spiegel. Ich schaue hinein und sehe mich. Ich bin ich. Auf dieser Seite und auf der Seite des Spiegels. Ich habe Probleme, mein Ich gegenüber auch. Ich habe einen Text geschrieben - er auch.
Ich hole mir eine Tasse Kaffee aus der Küche. Als ich zurückkomme, sehe ich, wie mein Gegenüber auch mit einer Tasse hineinkommt. Der Kaffee duftet köstlich. Ob es wohl auf der anderen Seite genauso ist?
Doch was ist eigentlich die andere Seite? Woher weiß ich, dass ich auf der richtigen bin? Ich schaue noch einmal in den Spiegel. Kein Zweifel, er ist immer noch da. Ich setze mich wieder auf meinen Stuhl, trinke etwas Kaffee und mustere ihn weiterhin. Auch er schaut mich an. Wie lange er das wohl schon macht? Er schaut sich bestimmt meinen Text an und hofft, dass er ihn inspirieren wird. Aber warum schaut er mir dann in die Augen?
Ich winke. Er winkt zurück. Seltsam, er hat mich gerade komisch angesehen. Er wirkt nicht sehr freundlich. Ich konzentriere mich wieder auf die Arbeit. Aus den Augenwinkeln bemerke ich einen Schatten. Er scheint wohl nicht gegangen zu sein.
Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Leicht verärgert schaue ich nach oben direkt in sein Gesicht. He, du störst mich beim Arbeiten, will ich rufen. Doch ich kann nicht. Es ist sein Ausdruck, der mich innehalten lässt. Dieser Ausdruck des Hasses. Er ist nicht ich. So bin ich nicht. Er ist jemand anders. Ich rutsche mit dem Stuhl zurück. Er tut dasselbe. Als wolle er aufstehen.
Ich rutsche wieder nach vorne und schaue ihm direkt in die Augen. Er erwidert meinen Blick. “Verschwinde, lass mich in Ruhe!”, rufe ich. Auch er ruft etwas, aber ich verstehe ihn nicht. Wir betrachten uns. Er schaut mich direkt an, in seinen Augen kann man lodernde Wut erkennen.
Er soll weggehen. Sofort. Wie ein Kind verkrieche ich mich unter meinem Schreibtisch. Aber dort, in der Dunkelheit, an der Wand, dort ist er. Er hat auf mich gewartet. Ich renne aus meinem Zimmer in das Bad. Dort atme ich erst einmal tief durch und betrachte meine Umgebung. Er scheint mir nicht gefolgt zu sein. Ich schaue aus dem Fenster. Außerhalb kann ich ihn nirgendwo sehen. Ich drehe mich um und schreie, als ich ihn direkt vor mir erblicke.
Er betrachtet mich, scheint aber genauso erschrocken zu sein mich zu sehen. Sofort renne ich aus dem Bad in mein Zimmer zurück, wo er schon auf mich wartet. Ich nehme einen Brieföffner und werfe ihn auf meinen Gegenüber.
Der Spiegel.
Er zerspringt.

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