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Kategorien > Kurzgeschichte > Einfach so

Der Spiegel

von Norbert Hilgers

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„Wer ist der Junge neben dir auf dem Sofa, der genauso aussieht wie du?“, fragte Moritz, ohne seinen Blick von dem Fotoalbum zu lösen.
Ich hatte die Bodenluke zum Speicher geöffnet vorgefunden, war die herabgelassene Zugleiter hinaufgestiegen und fand meinen Sohn am alten Schreibtisch sitzend vor.
Er hatte zwei der vier Schubladen herausgezogen und blätterte aufmerksam in einem in braunes Kunstleder gefasstes Fotoalbum.

Für einen Moment schloss ich die Augen, fühlte in mich hinein und spürte, dass jetzt der Zeitpunkt war, Moritz die Lebensgeschichte meines Bruders zu erzählen.
Ich setzte mich in den abgewetzten Korbsessel, schaute in seine graublauen Augen und begann.

Eigentlich hatte ich vor, noch ein paar Jahre zu warten, aber ich denke, da du das Album entdeckt hast, ist es jetzt an der Zeit, dir etwas über deinen Onkel zu erzählen, den du nie kennen gelernt hast.
Dirk, so war sein Name, war mein Zwillingsbruder und zum Zeitpunkt der Aufnahme etwa so alt wie du jetzt, also vierzehn.
Es ist ungefähr zwanzig Jahre her. Da, wo jetzt der Baumarkt steht, befand sich ein verwildertes Waldstück und mitten drin ein baufälliges Gebäude.
Alle, die in unserer Gegend wohnten, nannten es nur das alte Kinderheim. Von uns wusste keiner, wie alt der mit Efeu überwachsene Backsteinbau tatsächlich war. Große Teile des Daches waren schon seit Jahrzehnten eingefallen und längst hatte sich Moos auf die morschen Balken des Dachstuhles gesetzt. Du kannst dir vorstellen, dass es uns verboten war, in dem alten Gemäuer zu spielen, aber unter uns, natürlich haben wir uns nicht daran gehalten.
Das alte Kinderheim hatte im Grunde genommen keine Überraschungen mehr zu bieten, alle Räume waren leer und viele Wände mit Malereien beschmiert. Hin und wieder übernachteten Obdachlose oder Pärchen in dem alten Bau und ließen ihre Abfälle einfach dort liegen.
Jeder kannte das Gebäude, aber niemand schien etwas über seine Geschichte zu wissen. Als ich einmal deinen Urgroßvater gefragt habe, bekam er eine seltsame, fast versteinerte Miene. Alles, was ich aus ihm herausbekam, war, dass das Heim seit Ende des Krieges leer stand.
Mein Interesse an dem Bau erlahmte, je älter ich wurde. Nur Dirk ist es immer wieder gelungen mich zu überreden, mit ihm das alte Gemäuer zu besuchen.
Du musst wissen, dass es bei Dirks Geburt Komplikationen gegeben hatte. Sein Gehirn hatte zu wenig Sauerstoff bekommen und als Folge dessen kam er mit einer geistigen Behinderung zur Welt. Viele Jahre waren Dirk und ich unzertrennlich, aber als ich eingeschult wurde und er eine Ganztagseinrichtung für Behinderte besuchte, trennten sich nach und nach unsere Wege.
Es schmerzt bis heute, aber wenn ich zurückdenke, muss ich zugeben, dass ich seine ständige Anwesenheit hin und wieder als Belastung empfand.
Dirk hatte ein außerordentliches Gespür für Stimmungen und zog sich mehr und mehr in sich zurück. Wenn er nachmittags nach Hause kam, verzog er sich sofort vor den Fernseher, obwohl er eigentlich nicht viel von dem verstand, was da passierte.
Wir gaben uns zwar Mühe Dirk an allem, was in unserer Familie lief, teilhaben zu lassen. Aber ihm wurde mehr und mehr bewusst, dass er sich in viele Gespräche, die wir führten, nicht mehr einbringen konnte.
Immer seltener kam dein Onkel von sich aus zu mir. Aber selbst dann wirkte er oft abwesend und manchmal hatte ich den Eindruck, dass er sich mehr um mich kümmerte als umgekehrt und sichtlich erleichtert vor seinem Fernseher zurückkehrte.

Eine der wenigen Aktivitäten, die ihn jedoch von seiner geliebten Glotze weglocken konnte, war, wenn ich mit ihm zum alten Kinderheim ging. Dann war er wie ausgetauscht. Dirk flitzte dann wie ein Derwisch durch alle Räume, untersuchte immer aufs Neue die wenigen Gegenstände, die noch vorhanden waren, und nur unter Einsatz aller meiner Kräfte war er zu bewegen, mit zurück nach Hause zu kommen.

Es war Anfang September, wir saßen gerade beim Frühstückstisch, als dein Großvater uns über den Rand der Zeitung ansah, und beiläufig sagte: "Das alte Kinderheim soll abgerissen werden, es wird ein Baumarkt an der Stelle gebaut ".
Oma und deine Tante Sabine schienen wenig beeindruckt, aber als ich in Dirks Augen blickte, sah ich blankes Entsetzen.
Nach dem Frühstück saß Dirk nicht wie üblich vor dem Fernseher, sondern ich fand ihn einsam in seinem Zimmer. Er schien völlig abwesend und starrte zum Fenster hinaus. Auf die Frage, was mit ihm los sei, hat er erst überhaupt nicht reagiert, doch dann hat er mir direkt in die Augen gesehen. Mit seinem Mund formte er angestrengt nur ein Wort „Kinderheim.“ Dann ist er aufgesprungen und hat nicht aufgehört mich am Arm zu zerren. „Kinderheim, Kinderheim ", hat er aufgeregt gerufen und dabei die ganze Zeit auf die Tür gezeigt. Dirks ganzer Leib zitterte und ich hab sofort gewusste, dass alles, was immer ich mir für den Rest der Ferien vorgenommen hatte, verschoben werden musste. Es blieben noch sieben Tage Zeit bis zum Abriss, sieben Tage, die ich Dirk schenken musste.

Ich suchte einige Dinge zusammen und zog mit ihm los. Je näher wir dem Haus an diesem Tag kamen, desto aufgeregter wurde dein Onkel. Und glaub mir, als wir am alten Kinderheim ankamen, schien es, als ging von der Ruine eine Welle von Sympathie und Wiedersehensfreude aus. Ich verzog mich dann unter irgendeinen Baum und habe einen alten Schmöker herausgeholt. Dirk ist sofort losgeflitzt und war von da an nicht mehr zu sehen. Irgendwann muss ich wohl eingeschlafen sein, denn als ich auf die Uhr gesehen habe, waren schon vier Stunden vergangen. Von Dirk war keine Spur zu entdecken. Nachdem ich mehrfach seinen Namen gerufen hatte, hab ich dann angefangen ihn zu suchen.
Schließlich entdeckte ich ihn in einem Zimmer im oberen Stockwerk. Er hatte eine Porzellanscherbe in der Hand und ritzte mit ihr an einer Wand. Dein Onkel, der sonst zu konzentrierter Arbeit kaum fähig war, hatte ein türgroßes, rechteckiges Muster in die Wand gekratzt. Sein Gesicht war durch die ungewohnte Arbeit schweißbedeckt und er atmete stoßweise.
Fast flehentlich hat er mich angesehen und mir die Scherbe hingehalten. Ich habe ihm das Stück Porzellan abgenommen und mir die Wand genauer angesehen. Dirk hatte nicht irgendein Muster in die Mauer hineingeschabt, sondern die Umrisse einer Tür freigelegt, die wohl vor langer Zeit mit Tapete überklebt worden war. Jetzt war auch ich neugierig geworden und fragte mich, was sich wohl hinter ihr befinden würde. Während ich weiter ritzte, hatte sich Dirk erschöpft an die Wand gelehnt, die ungewohnte Arbeit hatte ihm stark zugesetzt. Einige Minuten später war die Tür freigelegt, aber mir gelang es zunächst nicht sie zu öffnen. Nach längerem Suchen fand ich im Müll ein altes Eisenrohr, das ich als Brechstange nutzen konnte. Ich stemmte es in den Spalt und nach einem kräftigen Ruck öffnete sich knarrend die alte Tür. Ich hatte keine wirklich großen Erwartungen an das, was hinter der Tür verborgen war, dennoch war ich ziemlich

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Kommentare

Norbert Hilgers schrieb am 2007-04-17 17:53:36:
Hallo Zusammen,

vielen Dank für eure Kommentare!

julie schrieb am 2007-04-03 15:19:39:
eine wirklich tolle geschichte, wunderschön geschrieben, tolle story, tolles ende :)
sina franke schrieb am 2007-04-02 11:56:02:
boa ich habe solche gänsehaut bekommen.
deine geschichte ist echt der hammer. gefällt mir total. hast super viel talent. alle achtung
Andenova schrieb am 2007-03-29 16:59:58:
Hey,

die Geschichte ist wirklich super! Hat mir echt gut gefallen.
krizz schrieb am 2007-03-29 14:45:52:
Wahnsinn, ich war in Gedanken genau drin, in deiner Geschichte.
Alles um mich rum wahr für 15 Minuten nebensächlich. Meinen Respekt, sehr tolle Geschichte.
melina schrieb am 2007-03-25 19:37:05:
die geschichte ist tief bewegend!!
Linda Glen schrieb am 2007-03-25 12:41:45:
Toll,toll,toll. Macht Lust auf mehr.
Linda Glen schrieb am 2007-03-23 15:38:50:
Wunderschöne Geschichte, vielen Dank für den Beitrag
errive schrieb am 2007-03-23 13:33:08:
wollt dir nur sagen, dass deine geschichte mich von anfang bis ende gefesselt hat. hat mir wirkich gut gefallen!

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