Der Spinner
von
Jürgen Haidvogl
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Ich machte noch einen letzten Zug von meiner Zigarette. Lang und genüsslich natürlich, denn die nächsten hundert Minuten würde ich wohl nicht die Gelegenheit haben, meine Lunge ein weiteres Mal mit Nikotin und anderen Giften zu füllen. Ich müsste diese Zeit durchstehen, ohne meiner Sucht nach zu gehen, die in Wahrheit absolut lächerlich ist. Aber dennoch machte sie mich zufrieden und ich sah deshalb keinen Grund das Rauchen auf zu geben.
Es war ein herrlicher und langer letzter Zug, der meine Lungenflügel bis zum Platzen mit dem Qualm der Kippe füllte, den Krebs förderte und mir Entspannung gab. Ich brauchte es einfach. Immer und immer wieder. Es war meine Sucht, der ich verfallen war und auch während der Schulzeit nachging. Glücklicherweise war dies in einer Abendschule kein Problem. Hier konnte man in der Pause ohne Probleme sich eine Kippe gönnen. An diesem Ort war es für Paul und mich kein Problem in jeder Pause aus der Klasse zu stürmen, den Gang entlang zu den Stiegen, diese hinunter zu den stürzen und das Schultor zu passieren. Und dann gemütlich eine Rauchen, bis die Glocke zur Stunde läutet.
Dies war wieder der Fall. Es hatte geläutet und wir mussten zurück in die Klasse. Paul und ich hatten nun Psychologie. Zwei Stunden lang. An und für sich kein Problem, denn Psychologie ist ein cooles Fach, welches mich sehr interessiert. Allerdings, und daran lag es, hatten wir darin eine langweilige Lehrerin, die regelrecht einschläfernd auf mich und die anderen wirkte. Ich konnte ihr nicht zuhören.
„Komm schon“, sagte Paul, der mich nervös anstarrte und mit dem Fuß in einem regelmäßigen Takt auf den Boden klopfte, „Wir müssen los. Es hat vor einer halben Minute geläutet.“
„Keine Sorge“, entgegnete ich ihm und schnipste den Stummel weg, „Sie kommt eh immer zu spät.“
„Ja, um zwei, drei Minuten maximal. Also los, komm schon!“
„Okay, okay“, stieß ich gestresst aus und folgte ihm. Paul war an diesem Tag ziemlich stressig. Irgendwie schien er, nicht er selbst zu sein. Weis der Teufel weshalb!
Wir schlangen uns durch die Menschenmasse, die den Eingang blockierte. Es war furchtbar. In den Pausen standen jedes Mal ein paar Idioten direkt vor der Tür, sodass kaum Jemand raus oder rein konnte. Sogar im Sommer, wenn es warm war und nicht regnete. Aber irgendwie, mit ein bisschen Schupsen, schafften wir es durch diese Masse und gelangten zum Eingang.
Paul öffnete die Tür und wir betraten das Schulgebäude. Sofort rannten wir los. Zu den Stiegen, hinauf und den Gang entlang. Wir waren außer Atem, als wir bei der Klasse ankamen und knapp vor der Psychologielehrerin den Raum betraten.
An Abendschulen üblich und an Tagesschulen unüblich, saß ein Jeder an seinem Platz und führte ein Gespräch mit dem Sitznachbarn oder Nachbarin. Diese Unterhaltungen stoppten auf der Stelle, als die Professorin die Klasse betrat. Sie marschierte zum Lehrertisch, während die Schüler aufstanden und ihr einen Guten Abend wünschten.
„Guten Abend“, erwiderte die Psychologin und wie auch sie, setzten sich alle Schüler auf ihrem jeweiligen Sessel. Bei jedem Platz lagen Stifte, ein Notizblock und das Psychologieskript, welches zum Großteil auf der aktuellen Seite aufgeschlagen war.
„So“, begann die Lehrerin, kratzte sich an der Nase und strich sich anschließend durch ihr langes blondes Haar, „Wir waren, wenn ich mich Recht erinnere, auf Seite einundvierzig. Ist das so?“
„Ja“, rief ein Mädchen heraus. Die Klassenstreberin. Aber nett, fantastisches Aussehen und mit einer liberalen Einstellung versehen. Ich konnte sie gut leiden.
„Okay, dann schlagt alle die Seite vierundvierzig auf“, fuhr die Professorin fort und stemmte ihre Hände gegen ihre schmalen Hüften. Sie war dünn und wie für Psychologen üblich, machte sie einen Durchgeknallteneindruck. Und dies war bei ihr auch kaum zu übersehen.
„Das wird Mal wieder eine langweilige Stunde“, flüsterte ich Paul zu, der mir nickend zustimmte, „Am liebsten würde ich ja jetzt schlafen, doch dann dreht diese Verrückte wieder durch und schreit mich an.“
Währenddessen ließ die Lehrerin einen meiner Mitschüler den Text aus dem Skript vorlesen. Er war schlecht darin. Immer wieder musste er sich selbst ausbessern, beziehungsweise wurde ausgebessert, brauchte bei einzelnen nicht Fremdwörtern lange bis er diese ausgesprochen hatte und versprach sich ständig. Es war nicht zum Aushalten. Auch für die Professorin nicht. Sie ließ die Streberin vorlesen, die sich deutlich besser anstellte.
„Dann schlaf halt nicht“, erwiderte mir Paul, der seine langen schwarzen Haare mit seinen Fingern, dessen Nägel allesamt schwarz lackiert waren, zu Recht richtete.
„Und wie? Kannst du mir das sagen! Wie, wenn mich diese Frau mit ihrem langweiligen Unterricht schläfrig macht?“, wollte ich von meinem Sitznachbarn wissen, der darauf keine Antwort wusste und mir stattdessen mit der Hand deutete, dass er davon nichts wissen wolle.
Währenddessen hatte die Streberin aufgehört zu lesen. Die Blondine vorne an der Tafel wollte etwas erklären. Ein paar ergänzende Worte zum Text beisteuern, damit wir über das Thema besser bescheit wüssten. Aber mich interessierte dies kein Bisschen. Ich würde mir sowieso das wichtigste Rauschreiben und den Test mit Bravour meistern. Stattdessen durchlöcherte ich Paul weiter mit Fragen.
„Wie soll ich das durchstehen? Da kann man nur einschlafen. Also, mein Freund, wie soll ich bei diesem Unterricht nicht einschlafen?“
Paul atmete lang und tief durch und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als er unterbrochen wurde. Allerdings nicht von der Lehrerin, die nichts von unserem Gespräch mit bekommen hatte. Es war ein Mitschüler, der zwei Reihen vor mir saß und sich erregt äußerte. Er schien bei irgendeinem Thema anderer Meinung zu sein.
„Das ist unnatürlich. Dazu wurde der Mann nicht geschaffen. Das ist gegen Gottes Wille.“
„Nein, es ist natürlich. Es ist ganz normal“, widersprach ihm die Psychologielehrerin Kopfschüttelnd, „Es ist absolut natürlich. Eine Entwicklung, die weder abnormal noch unnatürlich ist und selbst bei Tieren vorkommt.“
„Nein“, sagte der Typ, als hätte er gerade etwas gehört, dass sein Weltbild hat einstürzen lassen. Und er schüttelte dabei seinen Kopf so schnell, als sei er ein Epileptiker.
„Was ist da los? Um was geht es?“, flüsterte ich fragend zu Paul.
„Keine Ahnung. Ich habe keinen blassen Schimmer, was da abgeht.“
„Für so etwas widerliches hat Gott den Mann nicht geschaffen“, schrie der Spinner zwei Reihen vor mir voller Wut und ich wusste immer noch nicht, um was es dabei ging.
„Es ist normal“, wiederholte sich die Lehrerin.
„Nein!“
„Verdammt, um was geht es da?“, wollte ich erneut von Paul wissen.
„Doch, so ist es“, kam es von der Blondine, die genervt dreinschaute.
„Homosexualität ist nicht normal. Das ist abnormal und widerlich“, schrie der Typ erbost, „Für so etwas ekelhaftes hat Gott den Mann nicht geschaffen. Und das darf deshalb nicht sein!“
„Jetzt verstehe ich“, sagte ich zu meinem
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