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Kategorien > Nachdenkliches > Tod

Der Straßengraben

von Cellerdoor

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Was würdet ihr tun, würde ich irgendwann tot im Straßengraben liegen?
Am Kopf habe ich eine große Platzwunde. Sie befindet sich direkt über dem Ohr und ist ziemlich tief. Mein Gesicht ist kalkweiß und einzelne rote Rinnsale ziehen sich über meine Stirn hinab zu den Wangen. Meine Augen sind geöffnet. Dunkel und kalt starren sie ins Leere. Sie scheinen wie aus Glas und der runde Vollmond spiegelt sich darin. Mein Mund ist leicht geöffnet und meine Lippen vor Kälte bläulich angelaufen, genau wie die Fingernägel und die Finger selbst. Auch an Armen und Beinen ist Blut. Eine Menge Blut, teils schon getrocknet. Ich starre in den Himmel, ohne ihn zu sehen, denn ich bin seit mehr als drei Stunden tot. Hier im Straßengraben liege ich, das Gras ist nass vom Morgentau. Es berührt meine kalte Haut, doch ich spüre es nicht. Meine Schuhe liegen nicht weit von hier auf der Straße. Hat sich denn niemand gefragt, warum auf der Straße Schuhe liegen? Mein blaues Kleid ist zerissen und einige Fetzen hängen an den Büschen am Straßenrand. Der Ohrring am rechten Ohr ist mir rausgerissen und das Ohrläppchen ähnelt einer Schlangenzunge. In der Bauchgegend hat sich ein großer dunkler Blutfleck auf dem Kleid gebildet. An dieser Stellle ist es auch aufgerissen und ein gigantischer Teil einer Windschutzscheibe befindet sich in meinem Bauch. Der Rest der Scheibe liegt größtenteils verstreut neben mir, doch zwei, drei Scherben befinden sich auch in meinem Hals. Eine weitere Scherbe, die jetzt etwas abseits von mir liegt, hat mir mein schönes Gesicht zerschnitten. Der Schnitt verläuft angefangen bei der Augenbraue, über mein Augen hin zum Kinn. Überall um mich herum herrscht absolute Ruhe. Niemand bemerkt mich. Die grauen Wolken ziehen über mir hinweg, während ich erstarrt in der Bewegung daliege, den linken Arm von der Wucht des Aufpralls etwas verrenkt. Dreck klebt an meinen nackten Füßen. Etwa zehn Meter weiter steht ein kaputtes Auto. Total Schaden. Es ähnelt einer zusammengedrückten Coladose. Fast scheint es so, als wäre es spielen leicht in diese Form gebracht worden. Doch dahinter steckt eine ungeheure Wucht, der das Auto nicht standhalten konnte. Bei dem Kampf zwischen einer Eiche und einem Auto, dass mit hunderachtzig darauf zu fährt, ist das Resultat nicht verwunderlich. Zwischen der Fahrertür eingequetscht hängt mein Freund. Er sieht weitaus schlimmer aus als ich. Sein Gesicht ist kaum noch zu erkennen und auch das andere Pärchen auf der Rückbank hat es nicht besser getroffen.
Was würdet ihr tun, würde ich tot im Straßengraben liegen und das nur, weil ein Mensch einen klitzkleinen Fehler gemacht hat?

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