Der Streuner
von
Asiya
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Der Streuner
Kapitel 1
Sie sind sicherlich hierher gekommen, um eine Geschichte zu hören. Eine spannende Geschichte versteht sich, mit ruhmreichen Schlachten im Kampf Gut gegen Böse, mutigen Helden, begehrenswerten Frauen und natürlich der ewigen wahren Liebe, die alle Hürden und das Schicksal selbst überwindet. Ja, solche Geschichten sind immer die schönsten und bleiben einem noch nach Jahren in Erinnerung. Leider kann ich Ihnen derartige Geschichten nicht bieten. Ich war noch nie ein großer Geschichtenerzähler gewesen und die meisten habe ich ohnehin vergessen. Sie müssen wohl oder übel mit meiner Geschichte vorlieb nehmen. Doch bevor Sie diese hören, und ich rate Ihnen dringend dazu, machen Sie sich mit dem Gedanken vertraut, dass es nicht unbedingt eine schöne Geschichte ist. Ganz im Gegenteil, die Geschehnisse der letzten zwei Jahre waren zu absonderlich gewesen, um derartige Schlüsse zu ziehen, und haben mir nur allzu deutlich gezeigt, dass Glück und Harmonie selbst für meinesgleichen eine Angelegenheit von kurzer Dauer sind. Fortuna dreht unablässig an ihrem Rad und wer nicht schnell genug mitläuft, wird unweigerlich ins Abseits geschleudert. Doch bevor ich Sie mit einem Vortrag über die düsteren Abgründe des Lebens langweile, wollen Sie vielleicht erfahren, wer ich bin. Nun, damit stehen Sie nicht alleine. Auch mir stellt sich seit einem gewissen Apriltag immer häufiger die selbe Frage. Aber meistens dränge ich sie in das hinterste Zimmer meines Bewusstseins, knalle die Tür zu und werfe den Schlüssel fort. Alles andere brächte mir im Moment nur Kopfschmerzen.
Mein Name war Joshua Ebbins. Sie mögen jetzt vielleicht stutzen, aber anders lässt es sich nicht sagen. Denn jene, die mich so nannten, halten mich sicherlich schon lange für tot. Mittlerweile bin ich im Revier nur noch als Joxxer bekannt und gehöre einer Spezies an, die von den Menschen allzu gerne übersehen wird, solange sie nicht zur allgemeinen Erheiterung dient. Ich gebe zu, dass ich es früher nicht anders gehalten habe. Aber man sollte meinesgleichen wirklich etwas mehr Aufmerksamkeit schenken. Die Menschen könnten noch einiges lernen.
Bevor mein Leben beschloss sich vollkommen auf den Kopf zu stellen, widmete ich mich dem Mathematikstudium an der Technischen Universität mit mehr oder minderem Erfolg. Ich war nie ein besonders fleißiger Student gewesen. Aber die Welt der Zahlen übte eine unglaubliche Faszination auf mich aus und ich war der festen Überzeugung, dass es für jedes Problem eine Formel gäbe, wenn man nur das Muster erkennen würde. Eine sehr idealistische Einstellung, dessen bin ich mir nur allzu deutlich bewusst. Vielleicht beruhigt es Sie, wenn ich Ihnen sage, dass ich mich schon seit geraumer Zeit mit dem Gegenteil abgefunden habe. Denn das, was mir widerfuhr, ist nicht logisch erklärbar geschweige denn lösbar. Diese Erkenntnis ist mir nicht leicht gefallen und wenn nicht gerade das Überleben meine Zeit in Anspruch nahm, kreisten meine Gedanken lange Zeit auf der Suche nach einer Lösung.
Warum war all dies geschehen und warum ausgerechnet mir?
Ich hoffte mit der Antwort auf diese Frage einen Weg zurück in mein altes Leben zu finden. Ich muss Ihnen wohl kaum erklären, dass es eine ergebnislose Suche war. Aber mittlerweile kümmert es mich nicht mehr. Irgendwann hatte ich aufgehört mich zu wehren. Auf lange Sicht betrachtet, war es die einzige Möglichkeit für mich nicht dem Wahnsinn anheim zu fallen. Genaugenommen ist es überhaupt ein Wunder, dass ich bislang nicht unter die Räder gekommen bin und mir statt dessen hier oben auf dem Dachboden die Sonne auf den Bauch brennen lassen kann. Aber ich sollte das Pferd nicht von hinten aufzäumen, sondern am Anfang beginnen. Womit ich dann doch wieder beim Dachboden wäre. Besagter gehört zu einem baufälligen, schon lange leer stehenden Mehrfamilienhaus, nur vier Blocks von der Technischen Universität entfernt. Eingebettet in eine beschauliche baumgesäumte Straßenzeile ragt dieses Wrack wie ein fauler Zahn empor und verbreitet mit jeder verrottenden Diele seinen unnachahmlichen Modergestank, der einem beim Betreten dieses verwitterten Monsters den Atem raubt. Kurz und gut: dieses Haus gehört sicherlich nicht zu den Gewinnern von „Schöner Wohnen“. Dennoch habe ich diesen verwahrlosten Bau lieb gewonnen, dessen sich wahrscheinlich irgendwann eine Baugesellschaft erbarmen wird und ihn samt seines wild wuchernden Gartens einreißen lässt, und ihn vor geraumer Zeit zu meinem neuen Wohnsitz erklärt. Vielleicht leide ich ja am Stockholm-Syndrom, dass es mich immer wieder an den Ort zurück zieht, wo meine Odyssee ihren Lauf nahm, auch wenn das Haus direkt, wie hässlich es auch immer sein mag, als Täter natürlich nicht in Frage kommt. Aber es war nun einmal der einzige Zeuge gewesen und wahrscheinlich hoffe ich immer noch, dass es mir im Traum die gesuchten Antworten zuflüstert.
Ich erwachte aus tiefen, traumlosen Schlaf – jener Sorte Schlaf, die einen auslaugt, statt für Erholung zu sorgen. Noch bevor ich die Augen öffnete, spürte ich, dass durch die kleinste Bewegung heftige Kopfschmerzen meinen Kopf zerspringen lassen würden. Also rührte ich mich nicht, sondern bemühte mich nur die bleierne Müdigkeit durch pure Willenskraft abzuschütteln. Die Sonne schien auf meine rechte Seite und hüllte mich in wohlige Wärme. Unter mir spürte ich harten Dielenboden. Am liebsten wäre ich wieder eingeschlafen. Doch dann sickerte durch mein noch träges Bewusstsein die Erkenntnis, nicht in meinem Bett zu liegen. Schlagartig war jeder Gedanke an Schlaf vergessen und mein Körper eine zum Zerreißen gespannte Sprungfeder.
Wo war ich?
Wie bin ich hier her gekommen?
Ungeachtet des fortwährend auf mich einprügelnden Vorschlaghammers in meinem Schädel, wagte ich es die Augen zu öffnen. Gleißend hell stach das Sonnenlicht wie glühende Stecknadeln in meine Augen, schien meinen Kopf in tausend Stücke zu sprengen und entlockte mir ein kurzes Aufstöhnen. Bunte Sterne tanzten schadenfroh vor meinen Augen, doch nach einigem Blinzeln verschwanden sie endlich.
Es ist schon seltsam an welche Dinge man sich erinnert und was man vergisst. Ich könnte Ihnen kaum noch erzählen, was mir gestern zum Mittagsmahl gereichte, erinnere mich aber jedes einzelnen Staubkorns, das in diesem denkwürdigen Augenblick durch die einfallenden Lichtspeere taumelte. Vielleicht liegt es in der Natur der Dinge, dass wir jene, die unser Leben nachhaltig verändern sollen, mit größerer Genauigkeit wahrnehmen, sie sich mit besonderer Schärfe in unser Gedächtnis einbrennen. Alles wirkt viel klarer und jedes noch so winzige Detail gewinnt an Bedeutung. Jede Regung, jeder Atemzug wird bewusst wahrgenommen. Auch heute noch erinnere ich mich, wie mir das Herz bis zum Hals schlug und ich sein Pochen in den Ohren dröhnen hörte, als ich zum ersten Mal den Dachboden erblickte.
Er wirkte riesig. Zwei mächtige Holzbalken trugen das Dachgestühl, in welchem vom Staub schwer gewordene Spinnweben hingen. Über mir
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