Der Urg
von
Norbert Hilgers
Nicht das ich jemals vorher an eines dieser Plagegeister geglaubt hätte, mir
wären einfach nur diese albernen Trickfilme wie Pumuckel eingefallen.
Als um es gleich vorweg zu sagen, diese kleinen Biester sind böse, und ich
meine nicht nur lästig, sondern richtig abgrundtief böse.
Der Urg stand morgens plötzlich grinsend auf meiner Seifenablage während ich
mich rasierte. Da ich mich bis jetzt erfolgreich gegen die idiotensichere
Doppelklingenstrategie der Multirasieries erfolgreich gewährt hatte, schnitt
ich mir vor Schreck mit der alten Rotbart fast die Kehle durch. „
Bravo“, meinte der Urg, allerdings eher beiläufig, da er den Mund voll
von meinem Blut hatte. Behände war er mir von der Ablage an den Hals
gesprungen und hatte sich schmatzend an ihm festgesaugt. Mit einem
reflexartigen Griff packte ich ihn wie eine zu große Zecke, und schleuderte
ihn in den Arzneischrank, wo er zwischen Asperin und einer Tube Zinksalbe
aufschlug.
„Kriegst mich nicht tot“, hörte ich eine feine Fistelstimme
triumphierend krähen. Da Alkohol, Drogen, oder auch zuviel Sex in dieser
Nacht auszuschließen waren, war ich entweder verrückt geworden, oder diese
beknackten Typen hatten vielleicht doch recht.
„Haltung bewahren“, dachte ich, „Finger an die Stirn,
Augen schließen. OOOOOHHHHHHMMMM, Mist“. Die Zinksalbe traf mich
zwischen rechtem und linkem Auge. Ziemlich genau in der Mitte.
Mit meiner transzendenten Selbstbeherrschung war es dahin. „Na warte,
ist ja nicht so das ich nichts drauf hätte, zwei Jahre Bund können ja nicht
umsonst gewesen sein“. Das dreckige Lachen aus der Rotkreuzkiste
erweckte ungeahnte Gewaltphantasien in mir. Mit einem Ruck riss ich die
lächerliche Blümchengardine von dem Glassteinfenster. Schnell
zusammengefaltet und um die Stirn gebunden. Rambo lässt Grüßen.
Es hatte doch ein wenig zu lange gedauert. Pillendosen, Tablettenröhrchen,
Tuben sowie mehrere Flaschen mit Medizin regneten auf mich herab. Eiskalte
Wut ist ein schlechter Begleiter. Der Spiegel hatte den ungezielten Wurf mit
der Toilettenbürste jedenfalls nicht überlebt. Aber immerhin lagen einige
spitze Glasscherben auf den Fliesen verteilt. Nur schneller sein als diese
hässliche Heimsuchung. Ein schmerzhaftes Stechen im linken Unterschenkel
belehrte mich das Größe nicht gleich Schnelligkeit ist. Vorsichtig sah ich
hinunter. Das ekelhafte grüne Ding klebte saugend an meinem Bein. Es sah aus
wie eine Mischung zwischen einer Eidechse und einer Barbiepuppe. Das
Schmatzen klang wie „urg, urg, urg“. Während es trank hatte ich
den Eindruck das es immer dicker wurde. „Hau ab“, rief ich
sinnloser Weise.
Ich packte mir eine besonders spitze Spiegelscherbe und versuchte in das
Ekel hineinzustechen. „ Kriegst mich nicht tot“, krähte das
Biest zum zweiten Mal, und war weg bevor ich mir einen kräftigen Hieb ins
Bein verpasste.
Ich kam mir ziemlich perforiert vor und das nicht nur körperlich. Mein
Gehirn schien irgendwie durchlöchert und konnte keine klare Strategie
entwickeln. Hing vielleicht mit dem Blutverlust zusammen.
„Nimm Dich zusammen Mann. Wo ist es?. Irgendwo ist meine
Chance“.
Blitzlicht! Das könnte klappen. Irgendwie hab ich mich dann vorsichtig dem
Alaunstift auf der Ablage genähert und ihn unauffällig an mich genommen.
Ich bückte mich und zog ihn einmal durch meinen Wunde am Knöchel.
Dickes klebriges Blut blieb an ihm hängen.
Als nächstes habe ich ihn in eine Ecke geworfen und gewartet. Hat auch nicht
lange gedauert. Zufriedenes Saugen und Lutschgeräusche sagten mir das mein
Plan klappen könnte.
Dann plötzlich ging das Nuckeln in kurzatmiges Stöhnen und Keuchen über. Und
dann Ruhe.
Ich hab noch zehn Minuten gewartet und mich dann vorsichtig der Ecke
genähert wo eben noch die Schmatzgeräusche herkamen. Hinter einem Putzeimer
hat er dann gelegen. Mit zwei Fingern habe ich ihn genommen und geschüttelt.
Erst als ich sicher war das er tot ist habe ich ihn genauer untersucht. Er
fühlte sich an wie eine Blutwurst, und so etwas ähnliches war er auch.
Nachdem er Mengen von meinem Lebenssaft getrunken hatte war ihm der
Alaunstift zur Blutstillung nicht so sehr bekommen.
Das Blut in seinem Magen war sofort geronnen und hatte ihn umgebracht.
Rotbart hat mir dann geholfen ihn in kleine Scheiben zu schneiden. Ich
spülte seine Reste dann die Toilette hinunter.
Nachher habe ich alles sauber gemacht. Zum Schluss rief ich einen von den
Gehirnklempnern an und habe ihm die ganze Sache erzählt.
Er hat mich während dessen weder unterbrochen noch ein einziges Wort gesagt,
aber als ich zu Ende war einen Lachanfall bekommen.
Etwas enttäuscht habe ich dann meine Meinung über die Weisheit von den
beknackten Typen revidiert.
Kommentare
basics@postmail.ch schrieb am 2007-11-02 22:49:51:
Das tönt aber eher nach einem Vampir, was ich gerade von einer anderen Homepage erfahren habe... Ich musste schon anfangs der Geschichte lachen... Unfassbar... Iiih. Da bin ich froh, dass ich nur Hauskobolde habe, die mich der Nachtruhe berauben. Auch wenn sie hässlich aussehen und schadenfreudig gelacht haben, bevor ich "gestolpert?" bin. Ich weiss nur nicht, ob sie es vorausgesehen haben oder mir ein Bein gestellt haben...?? Du schreibst wirklich echt spannend und lustig!!! Hast hoffentlich jetzt Ruhe oder?
Silberloeffelchen@t-online.de schrieb:
Phuuu dass hat jetzt meinen guten alten Kinderglauben an die netten kleinen Hauskobolde schwer erschüttert.
Trotzdem gute Story =)
sabi_schreibt@gmx.de schrieb:
Meeeeeehhhr davon!!! Du schreibst besser als so mancher Romanautor!
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