Der "Volkswagen" muss raus aus dem "Volkseigene
von
Michael Reißig
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Der „Volkswagen“ muss raus aus dem „Volkseigenen Betrieb“ (Teil1)
Eine wahre Geschichte aus dem Jahre 1974, unmittelbar vor dem 25- jährigen Staatsjubiläum der DDR
Endlich war er nun da, der lang ersehnte Westbesuch.
Bevor Reimund nach siebenstündiger Autofahrt aus seinem weißgrauen „VW-Käfer“ kletterte, drückte er mehrmals auf die Hupe.
Rolf und seine Ehefrau Peggy schoben sich ans Fenster.
Endlich seid ihr da, rief Rolf aus und er winkte Reimund und seiner Frau Gerda freudig zu.
Mit federnden Schritten eilten Peggy, Rolf und Sohn Frank die vielen Stufen der breiten steilen Holztreppe hinab.
Reimund hatte die rosafarbene Haustür, die nicht verschlossen war, sperrangelweit geöffnet.
Kriminalität war in diesem beschaulichen Ort so gut wie unbekannt – ein Abschließen der Haustür deshalb tagsüber nicht üblich.
Nach herzlichen Worten der Begrüßung lagen sich alle in den Armen. Was für eine Wiedersehensfreude!
„Reimund, ich habe eine Idee. Du stellst den Wagen einfach ins Betriebsgelände linksseitig der Kastanienbäume ab. Da hast Du bisweilen mehr Platz“, meinte Rolf im Brustton der Überzeugung.
„Darf man denn das?“, fragte Reimund besorgt. Sein Blick starrte ängstlich ins Leere.
Doch Reimunds Bedenken sind nur allzu verständlich. Mit den Machthabern des „Ersten Arbeiter und Bauernstaates auf deutschem Boden" hatte er alles andere als gute Erfahrungen gemacht. Als er in Wartha, am innerdeutschen Grenzübergang, durch diese widerliche Schleuse musste und die Grenzer in ihrer muffig-kaltherzigen Art und dem zynisch breiten Grinsen auf den Lippen ihre schier endlos scheinende Macht demonstrativ preußisch zur Schau stellten, trieb es Reimund sowohl Angstfalten als auch Zornesröte ins Gesicht. Fast immer musste er sämtliche Koffer und Taschen aus dem Wagen zerren und jeden einzelnen Gegenstand akribisch offen ausbreiten.
Diesmal allerdings waren die Grenzer ausgesprochen human – einige sogar betont freundlich.
Die Autos wurden vergleichsweise zügig abgefertigt und nach einer dreiviertel Stunde hatten sie die Prozedur hinter sich gebracht.. Ansonsten waren zwei Stunden Wartezeit und länger keine Seltenheit.
Zufall war das jedoch nicht. Der zweite deutsche Staat wird in wenigen Tagen mit viel Pomp das 25-jährige Jubiläum seiner Staatsgründung feiern. Das Regime brannte darauf, auf dem Präsentierteller der Weltöffentlichkeit möglichst eine schillernde Figur abzugeben – da würden Schüsse an der Grenze, sowie schikanöse Grenzkontrollen das verbesserte Image der DDR auf internationalem Parkett nur sichtlich ramponieren.
Reimund war ein lang aufgeschossener Mann. Mutter Natur hatte graugrün gesprenkelte Augen in sein ovales Gesicht grob eingemeißelt. Die immense Schärfe der Konturen in seinem Gesicht deuteten auf eine gewisse Strenge und Ernsthaftigkeit hin, was die Falten, die er leider viel zu oft und viel zu tief in seine schmale Stirn gegraben hatte, zu belegen schienen.
Sein Kinn war sehr kräftig wie die gut angesetzten Wangenknochen und die etwas zu groß geratene und leicht gebogene Nase. Die buschigen Augenbrauen waren nicht so akkurat geschwungen – sie liefen etwas in Richtung Schläfe aus. Streng nach hinten gekämmt war sein weißgraues Haar.
Doch die robuste Figur täuschte über den wahren Charakter hinweg. Er war alles andere als eine Autoritätsperson und in Wahrheit auch ein sehr ängstlicher Typ – ganz im Gegensatz zu seiner Frau Gerda. Auch sie war sehr kräftig gebaut, ihr dunkelbraunes Haar war gekräuselt. Tiefblaue gläserne Augen strahlten Autorität aus. Und streng war sie auch – alles andere als ängstlich.
Gerda hatte der Liebe wegen im trostlosen Nachkriegssommer des Jahres 1949 ihre sächsische Heimat gen NRW. verlassen. Doch das Glück innigster Zweisamkeit - es hielt nicht lange.
Nach acht Jahren stand sie vor den Trümmern ihrer Beziehung.
Doch das große Glück – es sollte ihr doch noch über den Weg laufen. 1968 hatte sie Reimund, ihren späteren Mann kennen gelernt, den sie 1969 heiratete.
Mit der Ostzone Hatte Reimund nichts – aber auch gar nichts - am Hut. Kein Wunder -
da war von Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl die Rede. Abneigung und mitunter purer Hass gegen die Ostzone schlang sich wie ein Knoten, der fest und unzerreißbar zu sein schien, durch sein Weltbild.
Aber Gerda wollte die Brücken zu ihrer Schwester und den anderen Bekannten, die sie so sehr in ihr Herz geschlossen hatte, dass ihr zum Abschied immer wieder Tränen über ihr blasses Gesicht rollten, nie und nimmer abreißen lassen. Deshalb hatte sie sich jedes Jahr für eine Woche in die Spur ihrer Kindheit begeben. Sie scheute weder Kosten noch Mühen und nahm all die ganzen Strapazen auf sich und sie geizte auch nicht mit Geschenken. Ihre Koffer und Taschen waren randvoll gepackt und drohten aus allen Nähten zu platzen.
Natürlich hasste auch Gerda diese schikanösen Kontrollen wie der Teufel das Weihwasser -
Angst jedoch war für sie ein Fremdwort. Sie hatte sich schon längst an dieses immer wiederkehrende, wenn auch abstoßende, Ritual gewöhnt.
Gerda redete sich den Mund fast wuselig, um Reimund die Reise in das ungeliebte Land doch noch schmackhaft machen zu können. Doch die Engelsgeduld, die auf ihrer Zunge lag – sie sollte sich doch noch auszahlen. Reimund willigte nach unzähligen Wortwechseln ein.
Doch die erste Zugfahrt – eine Fahrt mit dem Auto war 1970 gesetzlich noch nicht möglich – hatte sich bis heute noch nachhaltig in Reimunds Gedächtnis eingebrannt.
Als die quietschenden Bremsen den Interzonenzug im DDR-Grenzbahnhof Oebisfelde zum Stehen brachten, wollte Reimund seinen Augen kaum trauen. Grenzsoldaten mit der Maschinenpistole, die sich auf die Reisenden richtete, rückten Furcht einflößend in sein Blickfeld. Dazu noch das grässliche Gebelle und Gejaule dieser blutrünstigen Hunde, die schnüffelnd nahezu ieden Winkel peinlichst genau durchkämmten, machten auf ihn einen gespenstigen Eindruck. Das Blut, es schoss wie wild durch seine Adern und durch sein viel zu weiches Herz, welches fast zu zerspringen drohte.
„Was ist denn hier los! So etwas gibt es bei uns doch überhaupt nicht!“
„Bleib bloß ruhig. Diese Herrn erledigen doch auch nur ihre Pflicht, flüsterte Gerda ihrem Mann ins Ohr. Als die Grenzer den Zug betraten, die Türen verriegelten und sich durch den Waggon schoben, hätte man eine Stecknadel zu Boden fallen hören können – so still war es im Abteil. Zum Glück hatte Reimund auch kein Wort mehr über die Lippen gebracht. Als er dann noch jeden Gegenstand einzeln in diesem engen Abteil ausbreiten musste, zitterte sein ganzer Leib, während sich der Zöllner mit einem spöttischen Lächeln auch noch köstlich amüsierte.
Schließlich hatte auch Reimund diese Prozedur überstanden. Nachdem der Zug sich nach über einer Stunde Aufenthalt sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, verfolgte er versonnen die vorüberfliegende Landschaft mit den schwarzgrauen Häusern von denen überall der Putz auf die löchrigen Straßen rieselte, dazu dieser für ihn ungewohnte
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