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Kategorien > Aus dem Leben > DDR- Alltag

Der "Volkswagen" muss raus aus dem "Volkseigene

von Michael Reißig

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bekam einen neuen Anstrich, dem Schmutz und Staub wurde kräftig zu Leibe gerückt, das Herbstlaub gefegt – freilich nicht wegen des bevorstehenden Westbesuches.
Im goldigen Schein der Herbstsonne leuchteten die schwarz-rot-goldenen Fahnen mit dem ominösen Kreis in der Mitte aus allen der Straße zugewandten Fenstern. In der Mitte der Flagge prangten ein Hammer mit einem eingepassten Zirkel, die von einem Ährenkranz umschlossen waren. Diese markanten Elemente sollten den „Ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden auf besonders protzige Art täuschend symbolisieren, um sich so von der Staatsflagge des verhassten „Klassenfeindes“ deutlich abheben zu können.

Nach dem Plausch mit Martin – der sich schier endlos in die Länge gezogen hatte – hatten es sich Reimund, Gerda, Rolf, Peggy und Sohn Frank im winzigen – von einer steilen Dachschräge abgegrenzten Wohnzimmer – so richtig gemütlich gemacht. Peggy hatte ein köstliches Abendessen auf die in liebevoller Kleinarbeit selbst gestickte Tischdecke gezaubert. Die trockene Luft machte durstig und Reimund leerte das mit einem goldenen Rand gezierte Bierglas in einem Zug bis zur Neige. Danach konnte er die mit köstlicher Salami und Schnittkäse belegten Schnitten so richtig auf den Geschmack legen.
Es roch nach Kakao, Kaffee, Bananen, Annanas und anderen Südfrüchten.
Der betörend-riechende Duft der „großen weiten Welt“ hatte sich im Nu in der ganzen Wohnung breit gemacht und wenigstens für eine Woche den fäuligen Ostmief in einem Zug verdrängt.
Reimund tastete nach seiner Lieblingszigarre der Marke „Ritmeester“, rollte diese zwischen Daumen und Zeigefinger, steckte sie zwischen Unter- und Oberlippe und brachte sie mit einem Feuerzeug zum Glimmen. Genüsslich zog er den Rauch in sich ein. Die Gäste plauderten mit Rolf und Peggy noch ganze zwei Stunden über Gott und die Welt und über das immer fortwährende wehleidige Thema deutsch-deutscher Befindlichkeiten.

Am ersten Besuchstag – einem Sonntag - führte Rolf die beiden zu Gerhard, einem seiner besten Schulfreunde. Doch Gerhard war Genosse der SED – doch scheinbar nicht aus Überzeugung.
Als Sachbearbeiter im „Rat des Kreises“, wollte er auf seiner Karriereleiter gleich mehrere Stufen nach Oben klettern. Ohne Parteibuch ging da gar nichts.
Dennoch wetterte er wie ein Rohrspatz über die Unzulänglichkeiten im real existierenden Sozialismus. Besonders die katastrophale Versorgung mit Konsumgütern stellte er an den Pranger.
Oder waren seine Schimpfkanonaden doch vielleicht nur Tarnung?

Gerhard und Reimund verband eine feste Leidenschaft – die Briefmarken.
Nicht ohne Stolz präsentierte Gerhard seine Sammlung und Reimund lauschte gebannt seinen
interessanten Ausführungen.
Doch plötzlich fiel Reimund Gerhard ins Wort, während er nervös an seiner gelben Krawatte zupfte. „Gerhard, was meinst Du – diesmal habe ich den Wagen in den Betrieb gestellt. Ob das gut gehen wird?“ Die Spur seines verängstigten Blickes traf Gerhards Augen, die er plötzlich so stark verdrehte, dass fast nur noch das Weiße zu sehen war. „Ach so!“, klang seine Stimme sehr verächtlich, während die Konturen in seinem Gesicht deutlich an Schärfe zunahmen.
Beide schwiegen eine Weile bedächtig bis Gerhard nach langem Überlegen sagte: „Wird schon gut gehen.“ Gerhards Augen kamen Reimund verdächtig vor, während gleichzeitig Denkfalten auf Gerdas Stirn lagen, die aber rücksichtsvoll schwieg. Deshalb fiel der Händedruck zur Verabschiedung viel knapper aus, als es bei der Begrüßung der Fall gewesen war.

Reimund und Gerda sehnten den nächsten Besuchstag schon jetzt herbei. An diesem Tag wollten sie Jutta – Gerdas Schulfreundin – besuchen.
Doch die gute Laune sollte wie ein Eis in der Sonne superschnell dahinschmelzen.

(Fortsetzung folgt)




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