Der "Volkswagen muss raus aus dem "Volkseigenen
von
Michael Reißig
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stürzte gemeinsam mit Rolf die enge Hintertreppe hinunter. Sein Gesicht hatte sich krebsrot gefärbt und badete förmlich im Angstschweiß. Rolf und Reimund schritten über den Hof und durch die Unterführung, welche die beiden Gebäude miteinander verband. Schon von Weitem grüßte der kleine Flitzer aus Wolfsburg, der unschuldig stolz neben dem matten Trabbi und dem blassen Wartburg ruhte. Doch vom Technischen Direktor – weit und breit nichts zu sehen. Er hatte – Gott sei Dank – schnell das Weite gesucht. Seine Drohgebärden schienen doch nur Schall und Rauch zu sein. Vielleicht wollte er Rolf auch nur Angst einjagen..
Natürlich wusste auch Norbert, dass er auf so einen erfahrenen Mitarbeiter wie Rolf nicht so einfach verzichten konnte, da er in der Lage war Ideen wie am Fließband zu produzieren. Auch Norbert hatte schon reichlich von seinem Erfahrungsschatz profitiert.
Es wäre, als hätte sich eine Lawine Geröll von einem schroffen Felsbrocken gelöst. Sowohl Reimund als auch Rolf hörten die unsichtbaren Steine reihenweise plumpsen.
Es war sehr frisch. Glitzernder Rauhreif lag auf den Grashalmen und tauchte auch die Äste und Blätter in ein betörend-weißes Licht. Die Morgensonne lugte verlegen durch das Astwerk knorriger Kastanienbäume und schälte den wabernden Morgennebel aus dem gelbgrün gefärbten Blätterwerk.
Der arme „Käfer“ wusste aber nicht, warum er so schnell und so plötzlich verschwinden sollte.
Ein „Volkswagen“- also ein Wagen der dem Volk gehört, in einem „Volkseigenen Betrieb“, also in einem Betrieb der im Besitz des Volkes ist – dieses müsste doch irgendwie zusammenpassen. Da wäre doch der „Volkswagen“ im „Volkseigenen Betrieb“ eigentlich am richtigen Platze. Doch nichts dergleichen. Wenn schnittig-glitzernde Nobelkarossen hinter der Propagandaschrift protzen würden, könnte man das noch verstehen – aber doch nicht ein so „harmloser“ und zudem noch „unschuldiger“ VW-Käfer.
Ein „Volkswagen“ in einem „Volkseigenen Betrieb“ und dieses einen Tag vor dem runden Republikjubiläum – eine politische Provokation ohne Gleichen! Zumindest für die Oberen Herrschaften – für das einfache Volk natürlich nicht. Die amüsierten sich eher darüber – denn die Kunde vom „strengen Verweis“ des kleinen „Käfers“, sollte sich noch wie ein Lauffeuer in der kleinen Ortschaft herumsprechen. Unzählige Male wurde Rolf daraufhin angesprochen.
Selbst in der Dorfschule schien schon fast jeder Bescheid zu wissen.
Rolfs Sohn, Frank, musste alles ausplaudern.
Herr Nobis, der Deutschlehrer frotzelte zu Beginn der Unterrichtsstunde:
„Na Frank“..., zögerte Herr Nobis ein wenig, während ein Lächeln über sein ganzes Gesicht huschte. „Ist der VW endlich raus aus dem Betrieb. Verdammte Sauerei, Volkswagen im Volkseigenen Betrieb!“ Die ganze Klasse lachte sich in den Bauch hinein, so dass selbst die Bartspitzen des Herrn Nobis vibrierten – so schallend war das Gelächter.
Herr Nobis war sprichwörtlich ein Spaßvogel. Der Schalk saß ihm tief im Nacken.
Er war fast immer gut drauf und demzufolge der beliebteste Lehrer des Ortes.
Der „Käfer“ hatte in einer Einbuchtung am Rand dieser schmalen Dorfstraße längst einen neuen Platz gefunden und brauchte nicht mehr befürchten, von den Genossen belästigt zu werden. Im Betriebsgelände hatte er wenigstens einen kleinen Schimmer roter Strahlung abbekommen. Aber dieses sollte ihm nun wenigstens auch erspart bleiben.
Allerdings hatte der kleine Flitzer aus Wolfsburg viele neugierige Blicke auf sich gezogen.
Besonders Kinder blieben wie angewurzelt stehen und bewunderten dieses scheinbare „Wunderwerk der Technik“, als hätten sie in ihrem Leben noch nie ein richtiges Auto gesehen.
Die Anspannung war in den Gesichtern von Reimund und Gerda deutlich abzulesen.
Überall wo sie aufgekreuzt waren, die Affäre mit dem kultigen „Käfer“ war natürlich das Thema Nummer eins.
Am Sonnabend, dem Tag der Abreise schlug Reimunds Herz bis zum Halse.
„Wenn die Stasi Wind davon bekommen hat, werden die uns an der Grenze bestimmt auseinandernehmen“, fürchtete Reimund nicht ohne Grund.
Und er sollte Recht behalten. Der Zoll hatte jeden Winkel des Autos genauesten durchforstet. Dieses sollte sich in den nächsten Jahren wiederholen.
Wer aber könnte der Übeltäter gewesen sein, der Rolf möglicherweise angeschwärzt hat? Zwei hundertprozentig überzeugte Genossinnen gab es innerhalb der Belegschaft auch.
Einer wurde sogar in Ost-Berlin – als Auszeichnung anlässlich des DDR-Jubiläums - der Orden „Held der Arbeit“angeheftet.
Die andere Arbeiterin war schon ewig SED-Mitglied. Wen wunderte es. Ihr Mann hielt einen gut bezahlten Posten in einem anderen Werk inne.
Vielleicht war es auch Gerhard - sein bester Schulfreund - oder gar Helmut, der Bereichsleiter, der ihn verpfiffen haben könnte. Dass es Pförtner Martin hätte gewesen sein können, dieses konnte und wollte er sich nicht so richtig vorstellen.
Oder jemand, den er bis jetzt noch gar nicht auf der Rechnung hatte? Die wildesten Spekulationen jagten durch seinen Kopf.
Rolf sollte es niemals erfahren.
Die DDR ist mittlerweile ein abgeschlossenes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte.
Nicht wenige der Peiniger von einst, haben in der Pluralistischen Demokratie der Bundesrepublik Deutschland längst Fuß gefasst. Sie besetzen lukrative Posten in Behörden und Ämtern und demütigen nicht selten diejenigen, die im Herbst 1989 für Freiheit und Gerechtigkeit auf die Straße gegangen waren.
Offiziell existiert die Stasi zwar nicht mehr – ihre Methoden leben auch in unserer so genannten freiheitlichen Ordnung wieder auf – und das nicht zu knapp.
Zahlreiche Überwachungskameras, die in raffinierten Verstecken lauern, schielen argwöhnisch in die Gesichter vieler Mitarbeiter und machen selbst vor Umkleideräumen mit den angrenzenden Duschkabinen nicht Halt. Einige Unternehmer haben vieles gelernt – leider
auch von der Stasi und deren Machenschaften
Anmerkung:
Diese Geschichte hat sich im Oktober des Jahres 1974 tatsächlich zugetragen.
Die Namen aller beteiligten Personen habe ich geändert. Die meisten der beteiligten Personen sind allerdings längst verstorben.
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