Der Vorleser
von
Leinad Linguisti
1
Ich betrat den sterilen Eingangsbereich des Krankenhauses. Von hier aus ist es nicht mehr weit, bis in die tieferen Gefilde, die sich Intensivstation nennen. Ich kann nicht sagen, dass ich sonderlich begeistert von diesem Ort war. Krankenhäuser flößten mir immer eine Spur von Angst ein und dem Leid, dem sich die Patienten ausgesetzt fühlen müssen. Von den Ärzten und Schwestern einmal abgesehen.
Der Geruch der Angst und des Todes wird immer durch die bitteren Dämpfe des schalen Desinfektionsmittels getrübt. Ich hielt mich jedoch nicht lange in dem Eingangsbereich auf, mein Ziel war die letzte Zone bevor der menschliche Geist zu zerfallen beginnt. Mein Patient, ein kleiner Junge im letzten Stadium des Krebses. Jenem Geschwür, das für Leid und Tod zu sorgen begann, wie die Pest es seit alters her tat.
*
Ich betrat den Ruheraum auf leisen Sohlen. Die Sterbenden sollte man ehren, genauso wie man es mit den Toten halten würde. Ich kam an einem Bett vorbei in dem ein Säugling gerade sein Leben aushauchte. Ein tragischer Tod und für die Mutter eine schmerzvolle Erfahrung. Vielleicht würde sie sorgsamer mit dem umgeben, was der Herr ihr einst gab: dem Leben. Und vielleicht würde sie endlich ihre Drogensucht beenden und zur Normalität zurückkehren.
Ich kam vor der Schlafstatt meines Patienten zum Stehen. Die Besuchszeit war längst vorbei, aber für mich war immer Platz in diesem überfüllten Gerangel aus Hoffnung und der endgültigen Gewissheit. Mein kleiner Freund lag mit vielen Schläuchen und Kabeln an Maschinen verbunden in seinem Bett. Der Körper war ausgezehrt und von dem Kampf gegen den Krebs gezeichnet. Sein kleiner Kopf ruhte auf einem weißen Kissen und seine kleine Brust hob und senkte sich unregelmäßig. Ich kann mich noch gut an das Gespräch erinnern, welches die behandelnde Ärztin und seine Mutter geführt hatten.
„Ihr Sohn, ist stabil, aber die Situation ist mehr als ernst.“
Seine Mutter war den Tränen wieder nahe und sie drückte ihre Nase an dem Fenster platt und die Scheibe beschlug von ihrem Atem, als hoffe sie, dass sie ihm so neues Leben geben könne.
„Wird er noch mal aufwachen?“
Die Ärztin zuckte mit den Schultern.
„Wir wissen es nicht. Der Krebs hat das Herz erreicht. Es kann sich also nur noch um Stunden handeln. Wenn sie wollen, können sie hier schlafen.“
Es war ein schwacher Trost, den die Frau wusste, dass sie ihren Sohn niemals mehr in den Armen halten würde. Ihre gemeinsame Zeit war abgelaufen und nur, weil ein von Menschen erschaffener Gott, dies wünschte. Sie ließ sich eine Bettstatt herrichten und doch konnte sie keinen Schlaf finden, da der Augenblick des Todes wie ein Pendel über ihr zu schweben begann.
Ich nahm neben meinem kleinen Freund Platz und schaute ihn stillschweigend an. Wie konnte etwas so kleines, so zerbrechliches nur so leiden müssen. Doch es war nicht an mir denjenigen zu beschuldigen, der nur handelte, wie es ihm von den Menschen aufgetragen worden war. Im Sinne einer baldigen Erlösung durch den Heiland und die Vergebung aller irdenen Sünden.
*
Ich strich dem Jungen die Haare aus dem Gesicht. Davon erwachte er. Seine Augen hatten die Farbe eines regenverhangenen Himmels, doch ich konnte den Schimmer auf ihnen sehen. Er wusste wer ich war und weswegen ich gekommen war.
„Ich habe dir eine neue Geschichte mitgebracht, kleiner Mann. Willst du sie hören?“
Der Junge nickte schwach. Seine spröden Lippen öffneten sich zum Wort.
„Nimmst du den Schmerz von mir?“
Ich nickte.
„Ich nehme allen Schmerz von dir.“
Er hob seine knochendürre Hand. Ich ergriff sie rasch, damit er sich nicht zu überanstrengen brauchte. Ich holte mein kleines Büchlein hervor, welches ich stets in meiner Kutte zu tragen pflegte. Immer neue Erzählungen hatte ich mir einfallen lassen um den Abschied erträglicher zu machen.
„Also lass mich beginnen“, sagte ich. Es ward die Zeit gekommen, da schob sich das Antlitz des Herrn von die Sonne und er sah, dass die Welt befleckt war von Sünde und Scham. So schickte der Herr seine Boten aus. Die Engel, welche alle goldene Flügel haben. Er sagte zu ihnen. Gehet hin und überbringt den Menschen die Botschaft, die Erlösung ist gekommen und sie wird jeden freisprechen von seinen Sünden und hinaufbringen zu mir, auf dass, sie alle meine Kinder, im Reiche Eden glücklich werden.“
Ich setzte das Büchlein ab, denn mein kleiner Patient rang nach Luft. Ich strich liebevoll über seine Hand.
„Sei ruhig und hab keine Angst. Sieh es nicht als Schmerz, sondern als Anfang für eine neue Welt.“
Sein kleiner Körper bäumte sich auf, doch angesichts meiner Worte beruhigte er sich. Die Maschinen fingen zu piepsen an. Kaltes Neonlicht durchflutete den Raum und ein Team aus Ärzten und Schwestern kamen an das Totenbett. Die Mutter, welche in heller Aufregung nur einen Schuh trug, rang mit den Tränen. Ich strich weiter über seine Hand, das Ende kam und es kam schnell. Während ich noch eine weitere Erzählung verlas, entglitt seine Seele dem Körper. Die Maschinen verstummten. Die Ärzte schenkten der Mutter ein mitleidiges Wort des Trostes und die erschöpfte Frau, brach zusammen.
Ich bat den Jungen zu warten und steckte das Büchlein wieder ein. Ich erhob mich träge und legte der Frau eine Hand auf die Schultern. Doch sie nahm sie nicht wahr. Niemand nahm sie wahr, bis der Zeitpunkt des Todes für jeden gekommen war. Ich streckte dem Jungen meine Hand entgegen und er ergriff sie.
Meine Arbeit war für heute getan und ich führte die Seele ins Paradies. Am Abend dieses Tages setzte ich mich in den Sessel meiner schmucklosen Behausung und dachte über den Tod nach. Im wahrsten Sinne also, über meine eigene Existenz. Während ich doch nachdachte, kam mir die Idee für eine neue Erzählung. Ich holte das Büchlein hervor und ersann in Gedanken den Titel für meine Geschichte. Dieser formte sich von selbst auf der leeren Seite:
Der Vorleser.
1
Kommentare
autorLinguisti@gmx.de schrieb am 2008-11-05 15:13:36:
Da muss ich dich leider korrigieren. Mir ist Berhard Schlincks Roman durchaus ein Begriff und auch lesenswert ist er ein Genuss, aber solange ein bereits bestehender Titel mit anderem Inhalt veröffentlicht wird, sehe ich es keineswegs als geistigen Diebstahl an. Da gibt es Autorenbeispiele zur Genüge.
Xythopleaton schrieb am 2008-11-03 22:39:10:
Eine sehr mitreißende Story.
Nur wenn möglich verzichte darauf bereits exestierende Titel zu verwenden.
"Der Vorleser" war bereits ein Bestseller und wird es sicher kein zweites mal sein.
.....obwohl ich hab meinen Titel auch geklaut ^^
Kommentar hinzufügen