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Kategorien > Tiere > Vögel

Der Wächter des Gartens

von Keiko

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Das Rauschen des Windes in den Blättern war deutlich zu hören. Bald würde ein Sturm aufziehen. Dunkle Wolken bildeten sich bereits am leicht geröteten Abendhimmel.
Zum letzten Mal holten die Sperlinge etwas Nahrung aus den Futterhäuschen, welche in dieser Jahreszeit zu Genüge aufgestellt wurden. Kohl, - und Blaumeisen stritten sich schrill zwitschernd um ein paar wenige Sonnenblumenkerne, plötzlich aber durchbrach ein lauter, herrischer Ton ihre Auseinandersetzung. Zwischen den Bäumen erschien ein kleiner Schatten, wie er flatternd von einem Ast zum anderen flog, kurz bevor er sich an jenem Ort niederließ, an dem sich vor wenigen Augenblicken noch die Meisen befunden hatten. Sein mächtigen Schnabel in die letzten Strahlen der Sonne getaucht, starrte er aus seinen kastanienbraunen Augen scheinbar ins Nichts, doch hat er längst etwas erblickt, was den anderen Tieren verborgen geblieben war.
Hektisch mit seinen majestätischen Schwingen schlagend erhob er sich in die Luft, seine Warnrufe hallten durch die Stille des Gartens. Die Meisen, welche sich auf einem einsamen Ast niedergelassen hatten, fuhren unter den ohrenbetäubenden Lauten des Tieres zusammen, ließen ihre Blicke angsterfüllt über die Umgebung schweifen und erschraken erneut bei dem Anblick, der sich ihnen bot:
Ein tödliches Raubtier, auf vier Pfoten sich dem Futterhäuschen nähernd, bückend mit der Absicht, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, rückte immer und immer näher. Seine Augen blitzten gelb, aus seinem Rachen drang ein entsetzliches Grollen und sein Schwanz peitschte bedrohlich hin und her.
Die Vögel, in wilder Aufruhr, begannen nervös von einem Strauch zum nächsten zu fliegen, einige von ihnen wurden dabei von ihren Schwärmen getrennt, ein tödlicher Fehler, wie sie es immer und immer wieder taten.
Eine kleine Blaumeise starrte völlig perplex um sich, sie schien nicht zu verstehen, was soeben geschah, oder in welcher Gefahr sie sich auf dem niedrigen Strauch befand. Ihr kleiner, fiedriger Körper begann zu zittern. Angst spiegelte sich in ihren Äuglein wider, was hatten die anderen plötzlich? Wieso ließen sie die Kleine einfach so alleine zurück? Hatte sie etwas Falsches gemacht?
Das laute Gekreische ihrer Artgenossen ignorierend, reckte sie ihren Hals und schaute nur für einen Bruchteil einer Sekunde über die Schultern, als sie plötzlich, von Panik erfasst, versuchte so schnell wie möglich sich in die Lüfte zu erheben. Dreißig Zentimeter, vierzig Zentimeter, fünfzig Zentimeter…bald würde sie es geschafft haben, doch dann, ohne Vorwarnung verspürte das Meislein auf einmal einen mächtigen Hieb, der sie sogleich zu Boden zwang.
Angsterfüllt versuchte sich die Blaumeise zu erheben, starrte dabei aber nur in die entsetzlich bösartigen Augen der Bestie. Ihr Herz begann schneller und schneller zu schlagen, in jenem Moment schien sie wie gelähmt, kein Millimeter mehr vermochte sie sich zu bewegen, unentwegt musste sie in den Abgrund des Todes starren. Unsichtbare Fesseln hielten sie an Ort und Stelle, ließen sie Zeit und Raum vergessen, während sie auf ihr sicheres Ende wartete.
Ein Lächeln schien die Mundwinkel der Bestie zu umspielen, während sie eine Pfote vor die andere setzend, schleichend langsam, mit weit aufgerissenen Augen auf ihr hilfloses Opfer zutrat.
Das erneute Gekreische der anderen Tiere schien die unsichtbaren Fesseln der kleinen Meise zu sprengen, verwirrt schüttelte sie ihren Kopf, stolperte ein paar wenige kleine Schritte rückwärts, wobei sie immer wieder hilflos mit ihren Flügeln schlug, vergebens. Das Wesen des Verderbens rückte näher und näher, es würde kein Erbarmen zeigen, es konnte kein Erbarmen zeigen, es war böse, in seinen Augen funkelte der pure Drang zu töten, sie zu töten, hier, jetzt und auf ewig.
Die Blaumeise sank in sich zusammen, vergrub ihr kleines Köpfchen schützend zwischen ihren Schwingen, während die Bestie zu einem womöglich letzten Schlag ausholen wollte.
Eins, zwei, drei…wie lange würde es wohl dauern, bis man tot ist? Oder war sie es bereits und sie hatte nur nichts gefühlt?
Das einzige, was die kleine Meise vernehmen konnte, war ein ohrenbetäubender, nur allzu bekannter Schrei, doch sie konnte nun nicht darauf eingehen, nicht mehr, denn jetzt war es vorbei, für immer und bald würde sie ihre Artgenossen wieder sehen, an einem Ort, an welchem es stetig warm war, an welchem sie sich geborgen fühlen konnte.
Nach wie vor war sein Schrei zu hören, er schien näher zu kommen, fünf Meter, vier Meter, drei Meter…und plötzlich glaubte das kleine Meislein eine Erschütterung wahrnehmen zu können, kurz darauf das entsetzliche Fauchen des Biestes, der erwartete Schlag aber blieb aus, Stille.
Blinzelnd wagte die Kleine einen flüchtigen Blick zwischen ihren zarten Federn hervor, doch da war nichts mehr, keine Bestie, in ihren Blickwinkel vermochte sie gerade noch zu erkennen, wie er flügelschlagend sich wieder in die Lüfte erhob.
Die Blaumeise richtete sich zögernd wieder auf, blickte um sich, in der Hoffnung, ihren „Retter“ noch erblicken zu können.
Sekundenlang ließ sie ihren Blick einfach so über die Umgebung schweifen und tatsächlich, da saß er. Stolz präsentierte er seinen majestätisch glänzenden Schnabel, reckte einige Male seinen Kopf, schüttelte sich kurz und schlug auf einmal unerwartet mit seinen Flügeln, was die kleine Meise zusammenfahren ließ, dennoch erwiderte sie seine Geste, bevor der Wächter des Gartens genauso schnell im Dickicht verschwand, wie er aufgetaucht war…

*******

Diese Geschichte ist schon etwas älter und irgendwann im Herbst entstanden, nachdem ich die Vögel im Futterhäusschen beobachtet habe. Unter dem "Wächter des Gartens" kann man sich eigentlich vorstellen, was man will. Ich habe jedenfalls auf den Kernbeisser anspielen wollen, irgendwie erscheint er mir stark, majestätisch...was vermutlich an seinem Schnabel liegt^^. Auch war ein Kernbeisser der einzige Vogel, von dem sich meine Katzen einschüchtern liessen :-D (Grosse Vögel wie Rotmilan ausgenommen...)

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