Der Wahnsinn der Alten
von
JB Hawk
Der Federkiel kratzte immer widerwilliger über das Pergament. Daregan tauchte ihn erneut in das Tintenfaß und setzte den Stift wieder aufs Papier. Seine Augen begannen allmählich trocken zu werden. Die Sonne würde bald verschwunden sein und dann wäre das Schreiben bei dem schwachen Licht der Öllampe nur noch eine Belastung für seine Augen. Dann waren die Aktivitäten des Tages endgültig zuende.
Und es begann das Treiben der Nacht.
Die Geräusche genußvollen Reckens kamen vom Bett.
Daregan sah auf.
Die letzten Sonnenstrahlen fingen sich in den seidenen Vorhängen des Himmelbettes und tauchten es in die schillernsten Farben.
Der langgliedrigen Frau auf dem Bett gaben sie einen goldenen Hautton. Sie hatte ihre schwarzen Haare einladend hinter ihrem Kopf ausgefächert. Daregan betrachtete sie einen Moment lang. Area war nicht umsonst seine Lieblingskonkubine. Mit ihren langen Beinen konnte sie Dinge tun, die keine der anderen tun konnte.
Und als sie sie jetzt mit einer lasziven Bewegung aneinander rieb, erwachte das Verlangen in ihm.
Er erhob sich. Zum Schreiben war es inzwischen sowieso zu dunkel.
* * *
Daregan kniff die Augen gegen die grelle Sonne zusammen. Um ihn herum priesen die Marktschreier ihre menschliche Ware an. Dazwischen rasselten Ketten, klapperten Hufen und knarrten Wagenräder. Der Lärm war ohrenbetäubend. Aber er war nichts gegen den Gestank des Sklavenmarktes. Schweiß und Fäkalien, bei den billigen Arbeitskräften auch Blut und Eiter und der ungesunde Gestank von Krankheit und Schwäche.
Daregan besuchte die Sklavenmärkte nur ungern. Er haßte die ungewaschenen Leiber und die eingesunkenen Augen, mit ihren dunklen Rändern und anklagenden Blicken. Aber jeder Mann brauchte Sklaven für sein Haus und konnte dem Sklavenmarkt nicht ewig ausweichen.
Er ließ seinen Blick über die Köpfe der Menge schweifen. Wenigstens mußte er sich hier oben auf seinem Pferd nicht die Schuhe mit dem Dreck beschmutzen, der sich auf dem Boden sammelte.
"Daregan!" Eine Hand landete schwer auf seiner Schulter. Daregan sah sich um. Sein bester Freund Alean war hinter ihm aufgetaucht. Er folgte Daregans Blick zu den elenden Pferchen der billigen Sklaven.
"Laß uns uns den erfreulicheren Dingen des Lebens zuwenden."
Er wendete sein Pferd und Daregan folgte ihm. Aleans Weg führte ihn, wo er ihn hinführen mußte: zu den bunten Baldachinen der Konkubinenhändler. Daregan schüttelte grinsend den Kopf. Alean konnte einfach nicht auf den Markt kommen, ohne sich eine neue Süße für seine Sammlung zuzulegen. Er mußte inzwischen an die hundert Frauen haben! Die Mädchen waren aber auch verführerisch. Die glänzenden schwarzen Haare waren in kunstvollen Locken auf der nackten Haut drapiert, die luxuriösen Kurven sinnlich auf den weißen Diwanen ausgestreckt, die geschwungenen Münder verführerisch mit roter Farbe akzentuiert und die dunklen Augen wirkten mit der schwarzen Kohleumrandung geheimnisvoller denn je.
Für jeden Geschmack war etwas dabei. Mädchen, so blutjung, daß sie gerade erst das Mondblutalter erreicht haben konnten, und Frauen mit üppigen Formen und Lachfältchen an den Augen. Frauen mit knabenhaft schmalen Hüften und kleinen, festen Brüsten und Frauen mit ausladenden Becken und riesigen, runden Oberweiten.
Er sah sich schmunzelnd um. Hier ging kein Mann ohne das passende nach Hause.
Alean war bereits von seinem Pferd abgestiegen und begutachtete die Ware. Seine Finger glitten über zarte Haut, seine Hände umfassten volle Brüste und die Mädchen drehten die Köpfe und zeigten ihr schönstes Lächeln.
Der Händler war ein geschickter Mann. Er ließ Alean erst einmal seine Ware begutachten, bevor er hm zur Seite sprang.
"Herr Alean! Welche große Freude, Euch wieder in meinem bescheidenen Etablissement begrüßen zu dürfen. Euer exzellentes Auge hat bereits meine besten Stücke ausgemacht. Sucht Ihr irgendwas bestimmtes heute oder kamt Ihr in der Absicht, Euch nur etwas umzusehen?"
Alean wandte sich zu dem Mann um.
"Seit letzter Woche habt Ihr eine ganze Reihe Neuzugänge bekommen, stelle ich fest."
"Oh ja, Herr, und was für wunderschöne Neuzugänge! Hier, seht Euch diese Konkubine an! Ihr letzter Herr hat sie mir wärmstens empfohlen, sehr geschickt ist sie und ihr Mondblut hatte sie gerade letzte Woche, ich kann also für sie garantieren?"
Daregan saß noch immer auf seinem Pferd und sah dem geschäftstüchtigen Paar zu.
"Alean!" rief er. "Du hast doch schon genug Frauen, wie viele willst du denn noch? Sie fressen dir noch die Haare vom Kopf!"
"Ach!" Alean winkte ab. "Sei doch nicht so ein verfluchter Spielverderber. Such dir lieber selbst was Schönes!"
Kopfschüttelnd stieg er von seinem Pferd und begab sich in das bunte Zwielicht der Baldachine. Die Frauen wußten genau, was sie zu tun hatten. Sie räkelten sich und streckten ihm die Hände entgegen, einige berührten ihn leicht im Vorbeigehen. Eine besonders kleine Hand ging in Richtung der Wölbung zwischen seinen Beinen. Er fing sie im letzten Moment ab und sah in das zugehörige Gesicht. Es war klein und rund, mit großen Augen, in denen ein seltsamer Ausdruck stand.
Angst, erkannte er.
Ein verkrampftes Lächeln lag auf ihren Lippen. Sie war noch sehr jung, kaum mehr als ein Kind, ihr Busen kaum eine Schwellung auf ihrer Brust. Die Hüften schmal und kaum breiter als ihre Taille.
Daregan starrte.
"Ah, der junge Herr hat eine meiner schönsten Knospen herausgepickt." Wie aus dem Nichts war der Händler an seinen Ellbogen aufgetaucht. Dragan ließ die Hand des Mädchens los.
"Nein, nein, ich? ich habe nur?"
"Oh, aber sie ist erstklassige Ware! Noch Jungfrau, ich habe das persönlich nachgeprüft. Und noch ganz frisch, hatte erst vor ein paar Tagen ihr erstes Mondblut! Und sie wird zu einer Schönheit heranreifen, daß kann man schon jetzt sehen!"
"Süß, wirklich", bemerkte Alean von seiner anderen Seite.
"Nein, ich?", Daregan stockte, "ich mag sie lieber etwas reifer."
Das Mädchen hatte ihr maskenartiges Gesicht den drei Männern zugewandt, die über ihr aufragten.
"Hm", machte Alean. "Vielleicht nehme ich sie."
Daregan wandte sich ab. "Ach, komm. Die ist doch viel zu jung." Er ging weiter.
Alean folgte ihm lachend. "Daregan, du bist mein bester Freund, aber manche Sachen machen einfach keinen Spaß mit dir."
Daregan schwieg dazu. Er konnte nicht sagen, warum ihm der Gedanke mißfiel, die Kleine unter Aleans zuckendem Körper wiederzufinden, aber es bereitete ihm Unbehagen. Er war da schon immer etwas seltsam gewesen.
"Was ist dahinter?" Alean deutete auf einen Paravent, der einen Teil des Verkaufsraums abtrennte.
"Oh", machte der Verkäufer, "da habe ich eine Frau, Kriegsbeute aus dem Norden, die von besonderem Interesse für einen meiner Stammkunden sein könnte. Hübsches Kind. Recht außergewöhnliche Erscheinung. Wollen die Herren sie sehen?"
"Ja!" Das Interesse in Aleans Stimme war unüberhörbar.
Der Händler führte sie um den Paravent herum. Der weiße Diwan sah genau aus wie alle anderen im Verkaufsraum, aber die Frau darauf unterschied sich sehr von allen, die Daregan je gesehen hatte. Ihr Haar war ein wirr abstehender Schopf von dunkelgoldener Farbe und ihre Haut kaum dunkler als das Weiß des Diwans. Blaue Flecken zeichneten sich darauf ab. Ihre Hände waren mit einem Stück Seil vor ihrem Körper gefesselt und sie hatte ihre Arme um ihre angezogenen Knie geschlungen. Keine Ähnlichkeit mit den sich professionell räkelnden Konkubinen vorne.
Sie sah zu den Männern auf. Daregan war erstaunt. Ihre Augen waren blau! Blau wie das Meer an einem sonnigen Tag. So etwas hatte er noch nie gesehen.
"Ungewöhnlich", kommentierte Alean. "Und Euer Kunde, er mag so ungewöhnliche Farben?"
"Da ist getrocknetes Blut in ihren Haaren", sagte Daregan angewidert. Er haßte schmutzige Sklaven.
"Nun, es ist? sie?" Der Händler seufzte.
"Was?" fragte Alean amüsiert.
"Nun ja, sie ist sehr störrisch. Sie hat versucht, wegzulaufen. Dreimal!"
Alean lachte laut. "Wegzulaufen? Wohin denn?"
Der Händler fiel in das Lachen ein. "Ich weiß es auch nicht! Ist einfach losgerannt!"
Alean schüttelte den Kopf. "Und Euer spezieller Kunde? Er rennt gerne hinterher?"
"Nein, nein. Diese hier ist stur und etwas? steif. Mein Kunde? liebt störrische Frauen. Er sagt, sie seien sehr viel amüsanter, im Bett. Und diese hier ist auch noch Jungfrau!" Er wackelte mit dem Finger. "Ich hab?s selbst überprüft!"
Daregan wandte sich angewidert ab. "Laß uns gehen. Ich hasse dreckige Sklaven."
Alean lachte wieder. "Noch einer, der stur und steif ist." Er legte den Arm um Daregan und drehte ihn wieder herum. "Du solltest diese hier nehmen, sie paßt unheimlich gut zu dir."
Daregan winkte ab.
"Nein, das ist nicht mein Geschmack. Laß uns gehen."
Alean sah ihn übertrieben erstaunt an. "Was?! Du willst sie nicht?" Er wedelte mit der Hand. "Dann werde ich sie dir schenken! Meister? Was wollt Ihr für die?"
* * *
Ein wortloser Schrei hallte durch die Empfangshalle und die Geräusche von Stiefeln und baren Füßen, die über den Marmorboden schlitterten.
Daregan hastete die Stufen hinunter. Er untersagte gewöhnlich derartige Unruhen in seinem Haus. Die Szene, die sich ihm bot, sagte ihm überhaupt nicht zu. Unter ihm kämpfte seine neuste Konkubine mit ihren beiden jugendlichen Bewachern. Ihre Nacktheit war einer schlichten, weißen Robe gewichen.
Ein etwa 12-jähriger Junge stand etwas abseits, die Hand an die Brust gepreßt, den vorwurfsvollen Blick auf das neue Mädchen gerichtet, das gerade dabei war, sich aus dem Griff des zweiten Jüngelchens zu winden, ein Bengel, der die Schwelle zum Mannsein noch nicht überschritten haben konnte.
"Komm? jetzt!" keuchte der ältere und zog an ihren gefesselten Armen.
Daregan fluchte. Konnte der Marktschreier diese Wildkatze nicht wenigstens mit angemessenen Bewachern anliefern lassen?
"Das reicht jetzt", donnerte er.
Die Szene unter ihm erstarrte zur Bewegungslosigkeit. Alle drei Gesichter wandten sich ihm zu. Er nahm die letzten paar Stufen mit eiligen Schritten. Der Junge hatte noch immer seine Hand fest an den Körper gepreßt.
Daregan nickte in seine Richtung. "Was ist mit deiner Hand?"
Der Junge zog einen Schmollmund. "Sie hat mich gebissen", verkündete er anklagend.
Daregan wandte sich den anderen beiden zu. Die Hände des Wärters gruben sich tief in die Haut des Mädchens.
"Laß sie los. Sie hat schon genug blaue Flecke."
Der Junge ließ sie los, als hätte er sich verbrannt.
"Meister Restan will immer, daß wir die Mädchen bis in die Frauenflügel bringen", wandte er ein.
"Ich kümmere mich darum. Ihr könnt gehen."
Er trat einen Schritt auf die Neue zu. Sie machte einen Schritt zurück und kauerte sich zusammen, als wolle sie sich verteidigen.
Die Jungs waren schon fast zur Tür raus.
"Moment noch", rief er ihnen hinterher. "Spricht sie unsere Sprache?"
Der Ältere zuckte mit den Schultern. "Nich', daß ich sehen konnte." Damit verschwand er.
Daregan war allein mit dem Mädchen. Sie stand mit dem Rücken zur Wand und starrte ihn mißtrauisch an. Er streckte die Hand aus.
"Komm."
Sie rutschte an der Wand entlang von ihm fort. Ihre Hände waren noch immer gebunden. Er folgte ihr.
"Komm."
Sie war schnell, daß mußte man ihr lassen. Sie machte einen Satz an ihm vorbei auf die Tür zu und hätte ihn beinahe überrannt. Aber er war schneller.
Er sprang nach ihr und bekam sie an der Taille zu fassen. Plötzlich hatte er ihre Hände im Gesicht, mit spitzen Fingernägeln an jedem Finger, und ihre Knie verfehlten nur knapp seine wertvollsten Teile. Daregan tauchte unter ihren Händen hindurch, packte sie und warf sie sich über die Schulter. Er schnaubte.
Frauen, die vor ihren Besitzern wegrannten, machten nur Ärger. Er hätte sich diese Frau nie von Alean aufs Auge drücken lassen sollen. Vielleicht sollte er sie an Alean zurückschicken. Na ja. Erstmal wollte er sie sauber haben. Die weiße Robe war am Saum schon fast schwarz und ein blutiger Riß befand sich über ihrem Oberschenkel. Vermutlich war sie bei einem erneuten Fluchtversuch gegen irgendeine Ecke gefallen und hatte sich dabei die Haut aufgerissen.
Konkubinen wurden von den Händlern nicht geprügelt. Nur wenige Männer wollten beschädigte Ware. Er eingeschlossen.
Ihre schwarzen Füße zappelten vor seinem Bauch, aber sie machte keinen ernsthaften Versuch, wieder zu entkommen. Offensichtlich hatte sie die Latschen, die die Händler meistens zu der Robe mitgaben, verschmäht. Oder verloren.
Er kam sich vor wie der rohste Soldat, als er sie auf diese Weise durch das Haus schleppte. Der Wachmann am Portal zu den Frauengemächern trat mit einer Verbeugung für ihn zur Seite. Außer ihm war kein Mann dort erlaubt.
Im Inneren gab es nur noch Frauen. Seine Frauen, die Dienerinnen und die alten Konkubinen seines Vaters, die jetzt seinen Konkubinen mit ihrer Erfahrung zur Seite standen. Keine von ihnen hatte seit dem Tod seines Vaters vor acht Jahren das Bett eines Mannes aufsuchen müssen, auch nicht sein eigenes. Es wäre kein guter Stil gewesen.
Aber im Moment hatte Daregan andere Sorgen. Er stürmte ins Badehaus.
"Kliea!" rief er.
Kliea war ihm eine der Liebsten unter den alten Konkubinen. Sie war schon hier gewesen, seit er denken konnte und sie war immer gut zu ihm gewesen, als er noch klein war. Weshalb er sie auch zur Vorsteherin des Harems gemacht hatte.
Daregan setzte seine Last auf der Waschbank ab und kniete sich vor sie hin, gerade als Kliea herbeigeeilt kam. Daregan warf einen Blick über die Schulter. Er war froh, diese Bürde endlich an jemand anderen übergeben zu können.
"Kliea, dies hier ist eine Neuerwerbung. Sie ist störrisch und wild und sie spricht unsere Sprache nicht." Er zog einen Dolch aus der Scheide an seinem Oberschenkel und durchtrennte ihre Fesseln mit einer deftigen Bewegung. "Ich kenne ihren Namen nicht, aber ich will sie sauber haben, wenn ihr sie heute Nacht zu mir bringt."
Er wandte sich zu Kliea um. Sie betrachtete ihn mit dem gütigen Lächeln, das sie immer für ihn hatte. Sie trug eine bodenlange violette Robe, der Kleidung der Neuen gar nicht unähnlich. Ihr schwarzes Haar war mit einer großen Anzahl silberner Strähnen durchsetzt. Er stand auf, um sie mit einem Kuß auf die Wange zu begrüßen.
"So ein Wildfang paßt gar nicht zu Euch", sagte sie amüsiert.
Er wedelte mit der Hand. "Geschenk von einem Freund."
Kliea nickte. "Sie wird heute Abend für Euch bereit sein."
"Gut." Erleichtert verließ er das Badehaus. Auf Kliea konnte man sich verlassen.
Draußen stand eine wunderschöne Frau verführerisch an eine der Säulen gelehnt. Area. Seine Lieblingskonkubine. Sie sah ihn von unter einem dichten schwarzen Wimpernrand einladend an. Er schmunzelte.
"Area", begrüßte er sie.
"Herr", erwiderte sie lächelnd.
Er ging auf sie zu.
"Eine Neue?" fragte sie.
Er schlang einen Arm um ihre Taille und zog sie an sich. "Keine Gefahr für dich", flüsterte er ihr ins Ohr.
Ihre Hände strichen verlangend über seine Schultern. "Ihr werdet sie trotzdem heute in Euer Bett nehmen, nicht?" Der hauchige Ton in ihrer Stimme nahm diesem Satz jeden Vorwurf.
"Ja", antwortete er. Seine Finger glitten über ihre Taille nach oben.
"Ich könnte Euch danach besuchen", schlug sie vor, "zur Entspannung. Sie scheint sehr? anstrengend zu sein." Sie küßte seinen Hals direkt unter seinem Ohr.
Er lachte leise. "Wir werden sehen."
Plötzlicher Lärm drang aus dem Badehaus. Das Klatschen einer Ohrfeige, ein empörter Aufschrei und das Patschen nackter Füße auf nassem Boden.
Daregan wirbelte herum, gerade rechtzeitig, um seine Neuerwerbung durch das Portal zum Badehaus sprinten zu sehen. Er hatte sie in drei Schritten eingeholt und seine Arme fest um ihre Taille geschlungen. Wütend zerrte er sie zurück ins Badehaus.
"Was ist passiert?" quetschte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
"Verzeiht mir, Herr" bat Kliea. "Ich wollte ihr die Robe ausziehen, damit sie sich wäscht, da hat sie mich geschlagen und ist losgerannt."
Er beförderte sie zurück auf die Waschbank. Sie sprang sofort wieder auf und kratzte nach seinem Gesicht. Daregan fing ihre Hände mit Leichtigkeit ab. Er hielt sie mit der einen Hand fest und zog mit der anderen seinen Dolch. Ihre Aktivität bekam eine deutlich panischere Note. Er drehte sie und hielt sie gegen sich gepreßt. Mit geschickter Hand zerschnitt er die Schulterstücke der Robe. Dann ließ er sie los und zog die Robe mit einem kräftigen Ruck nach unten. Das Mädchen flüchtete sich in die Ecke mit der Waschbank. Genau dorthin, wo er sie haben wollte. Er griff einen der bereitstehenden Wassereimer und leerte den Inhalt auf sie aus.
Sie prustete.
Er griff sich den Waschlappen und die Seife und hielt sie ihr vors Gesicht.
"Du wäscht dich", sagte er möglichst deutlich, "oder ich tue es."
Ein überraschter Ausdruck breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Dann griff sie abrupt nach den Waschutensilien und kauerte sich dann wieder auf der Bank zusammen. Sie wedelte mit der Hand in Richtung Tür.
"Was?" fragte Daregan sie scharf.
"Herr?" kam es zaghaft aus der Ecke hinter ihm.
Daregan drehte sich zu Kliea um.
"Ich denke, sie will allein gelassen werden."
Daregan zog die Augenbrauen hoch.
"Allein?"
Was glaubte dieses verquere Weib zu haben, das er noch nicht kannte?
Kliea schlug die Augen nieder. "Ja, Herr."
Daregan schnaubte. "Na gut. Lassen wir sie? allein." Er verließ das Badehaus. "Na, das kann ja heiter werden heute Abend", murmelte er.
* * *
"Sie war teuer, dieses Mädchen", sagte Alean und schob sich eine Traube in den Mund. "Jungfrau, schön, exotisch? und im besten gebärfähigen Alter!" Er leckte sich die Kuppe des Ringfingers ab. "Außerdem war sie ein Geschenk von einem Freund, also hör auf, dich zu beklagen und amüsier dich mit ihr."
Daregan brummte. Er schob sich eines der Häppchen in den Mund um Zeit zu gewinnen. "Alean, ich will nicht undankbar klingen, aber wenn du sie lieber willst?"
Alean hob die Hand und wendete empört den Kopf ab. "Mein lieber Freund, du beleidigst mich!" verkündete er theatralisch. "Ich habe sie dir geschenkt und dabei bleibt es." Er beugte sich vertraulich lächelnd zu ihm herüber - eine Maßnahme, die wirklich nicht nötig war, da man den beiden Tischsklaven schon vor vielen Jahren die Zunge entfernt hatte - und sagte in gedämpftem Ton: "Außerdem - ich habe mir auch eine von Restans Blumen gegönnt. Hab sie gleich heute Nachmittag ausprobiert! Der süßeste Nektar, sage ich dir!"
Daregan lachte kopfschüttelnd. "Wenn du nur halb soviel Zeit mit deinen Geschäften verbringen würdest wie mit deinen Frauen, du wärst der reichste Mann in ganz Sarekan."
Alean winkte ab. "Ach, Geld. Ich habe genug davon. Es wärmt dich nicht in den einsamen Nachtstunden, es sei denn, du tauscht es gegen eine Frau!" Er wackelte mit den Augenbrauen.
Daregan lachte.
Alean lehnte sich auf die weichen Seidenkissen zurück und seufzte.
"Hach, das Essen hier ist wirklich köstlich." Er wedelte mit dem Finger in Daregans Richtung. "Du hast ein Händchen für Personal. Wenn du mir schon einen deiner Sklaven schenken willst, schenk mir deinen Koch." Er klatschte seine Hand auf seinen Bauch. "Exzellent, wirklich."
Eine schläfrige Stille legte sich über den Raum.
"Tja", machte Alean schließlich, "es wird Zeit, daß ich mich aufmache. Ich muß noch ein paar Dinge erledigen." Er grinste Daregan an. "Und du hast auch noch zu tun heute."
Daregan zog ein Gesicht. Alean schlug ihm auf die Schulter.
"Los, amüsier dich. Nimm dir die exotische kleine Hexe und zeug ein paar Söhne mit ihr. Es wird Zeit, daß du diesen Töchterfluch brichst, der auf dir lastet."
Als Daregan alleine war, seufzte er tief. Alean hatte ja recht. In den letzten acht Jahren hatten drei seiner Konkubinen ihm Kinder geschenkt. Alles Mädchen. Kein einziger Stammhalter. Die Kinder hatte er schon alle fortgegeben. Es war besser, die Mütter früh von den Kindern zu trennen, bevor sie zuviel Zuneigung zu den Kindern bekamen. Und was er brauchte, war ein Sohn.
Er machte sich auf den Weg zu seinem Schlafgemach. Er hatte diesen Raum nach dem Tod seines Vaters umgestaltet. Der Raum war jetzt Schlaf- und Arbeitsraum zugleich. Das große Bett mit den seidigen Vorhängen stand im vorderen Bereich gegenüber den hohen, geschwungenen Fenstern, die auf den Balkon über den kleinen Garten hinausführten. Bei Nacht standen sie fast immer offen um nach den heißen Tagen die kühlere Luft hereinzulassen.
Die Ecke dahinter war ausgefüllt mit wabenförmigen Regalen, voller Schriftrollen, die er in den letzten 15 Jahren angesammelt hatte. Alean mochte sein Geld in Frauen stecken. Daregan steckte seines in Wissen. Er liebte den Geruch der alten Pergamente und das Kratzen des Federkiels auf Papier.
Sein Schlafzimmer war ausschließlich seinem Vergnügen gewidmet. Nur ob das heute abend auch so sein würde, das war fraglich.
Böse Vorahnungen beschlichen ihn, als er die Tür öffnete. Überall im Raum brannten Kerzen in ihren Halterungen. Der kleine Schreibtisch aus dunklem Holz stand sauber aufgeräumt in seiner Ecke mit dem kleinen bequemen Stuhl ordentlich dahinter. Die Vorhänge des Bettes waren kunstvoll zur Seite gerafft und gaben den Blick auf sauber gespannte, unberührte Laken frei.
Daregans Herz tat einen Satz in seiner Brust. Verdammt! Sie sollte genau jetzt auf seinem Bett liegen! Die Wache an der Tür zeigte ihm an, daß sie bereits gebracht worden war.
Sein Blick fiel auf die sanft wehenden Vorhänge und die offenen Balkontüren dahinter. Es ging zwei Stockwerke nach unten in den Garten, sie war doch nicht etwa?
Er rannte zum Balkon und riß die Vorhänge beiseite. Er war leer. Plötzlich hörte er eine Bewegung hinter sich. Er fuhr herum.
Da saß sie, in der Ecke vor seinem Regal, mit gekreuzten Beinen und schreckgeweiteten Augen.
"Da bist du ja!" stieß er erleichtert hervor.
Sie sah ihm an mit etwas, daß eindeutig Schuldbewußtsein war. Daregan unterzog sie einer genaueren Beobachtung. Sie trug die für seine Konkubinen übliche Kleidung. Ihre Brüste wurden sanft von zwei dreieckigen Tuchstücken nach oben gedrückt. Der Bauch war bar und von der Hüfte an hingen zwei Stoffbahnen bis auf die Füße. Wenn die Frauen stillstanden, waren ihre Beine bedeckt, aber sobald sie sich bewegten, gab der Stoff den Blick auf grazile Beine frei.
Die Neue trug ein Exemplar aus dunklem Rosa, mit kleinen glitzernden Steinen darauf, die in ihrem Muster an Rosenranken erinnerten. Der dazu passende Seidenschal, den die Frauen sich meist um den Kopf und Oberkörper schlangen, lag zusammengeknüllt neben ihr, unweit der kleinen bestickten Pantoffeln in derselben Farbe.
Daregan war nicht ganz klar, warum sie so schuldbewußt aussah, aber er hatte das starke Gefühl, daß es nichts mit der kostbaren zerknitterten Seide zu tun hatte oder der Tatsache, daß sie nicht an ihrem Platz auf dem Bett war.
Er ging auf sie zu. Sie erhob sich mit einer erstaunlich fließenden Bewegung. Reife an ihren Händen und Füßen klirrten melodisch.
Daregans Blick fiel auf ihre Hand. Und wurde wütend. Sie hatte eine seiner Schriftrollen genommen!
Er streckte fordernd die Hand aus. "Was fällt dir ein? Gib das her", verlangte er.
Sie reichte sie ihm zögerlich. Er nahm sie ihr aus der Hand und warf einen kurzen Blick hinein. Kleanders 'Über den menschlichen Verstand' in der alten Sprache. Einer seiner kostbarsten Besitztümer!
Schäumend wandte er sich ihr zu.
"Kleanders 'Über den menschlichen Verstand'? Bist du wahnsinnig geworden?! Das hier ist äußerst kostbar! Was willst du damit überhaupt? Du kannst doch damit nichts?"
"Das ist Kleanders 'Über den menschlichen Verstand'", sagte sie plötzlich. "Das ist sehr selten."
Daregan hätte die seltene Schrift beinahe fallen lassen. Nicht nur, daß die kleine Wildkatze sprechen konnte - sie sprach auch noch in der alten Sprache. Und fehlerlos! Er hatte bisher nur wenige Männer getroffen, die seinen Sprachkenntnissen auch nur nahe kamen. Und jetzt kam diese Sklavin?
"Was hast du gesagt?"
Sie starrte ihn verständnislos an. Er schüttelte leicht den Kopf. Er hatte Sarè gesprochen, aber das verstand sie ja nicht.
"Du? du sprichst die alte Sprache?" fragte er, diesmal in der alten Sprache.
"Ja!" sagte sie begeistert. "Du auch!"
Daregan stutzte ob der vertraulichen Anrede, aber sie sprach schon weiter.
"Tut mir leid, daß ich deine Schriften angerührt habe, aber ich wollte den menschlichen Verstand schon ewig lesen und in der Bibliothek war er immer vergriffen! Ich habe schon seit Urzeiten auf der Warteliste gestanden, aber?"
Sie breitete die Hände aus und zuckte mit den Schultern.
Er sah sie entgeistert an. "Vergriffen? Wie meinst du das? Es war beschädigt?"
"Beschädigt? Nein, ich glaube nicht."
"Aber wenn dein Vater ein Exemplar von dem menschlichen Verstand hatte, wieso konntest du es nicht lesen?"
Sie runzelte die Stirn. Dann lächelte sie.
"Nein, nein, nicht mein Vater. In der Bibliothek!"
Daregan schüttelte den Kopf. Lag es an der fremden Sprache, daß sie sich nicht verstanden? Oder an der fremden Kultur? Er hatte immer gedacht, die Kinder der Nordler lebten im Haus ihrer Väter, bis sie das Alter erreicht hatten, selbst ein Haus zu gründen. Aber vielleicht war er da falsch informiert?
"Welcher Bibliothek?"
"An der Universität."
Sie gestikulierte verzweifelt mit den Händen, als suche sie nach den rechten Worten. Es war kaum vorstellbar, daß dies dieselbe Frau war, die vor ein paar Stunden noch wild um sich geschlagen hatte.
"Ah? das ist ein Ort, wo sich Leute treffen?" Sie sah ihn fragend an.
Er hob die Augenbrauen. "Ein Markt?"
Sie schüttelte energisch den Kopf. "Nein, nein, Leute mit? lernen."
"Ein Treffpunkt für?", er suchte nun selber nach einem passenden Wort, "Gelehrte?"
Sie nickte glücklich. "Gelehrte, ja. Das ist das Wort."
"Ich verstehe nicht. Du hast einem Gelehrten gehört?"
Sie runzelte die Stirn. "Gehört? Wie sollte ich jemandem gehören?"
"Jede Frau gehört einem Mann", erklärte er. Wenn sie nicht mehr bei ihrem Vater lebte, dann doch gewiß bei einem anderen Mann.
"Ah?" Sie schwieg ratlos.
"So, wie du mir gehörst", versuchte er es nochmal.
Sie legte den Kopf schief. "Ich gehöre mir", stellte sie emotionslos fest.
"Ja, aber du gehörst auch einem Mann", sagte er. "Mir", fügte er nach einer Pause hinzu.
Erst machte sich ein kurzer Moment des erschreckten Erkennens auf ihrem Gesicht breit, dann zog sie die Augenbrauen zusammen. Ihre Brust hob und senkte sich langsam.
Oh, nein! dachte er. Diesen Ausdruck hatte er schon heute Morgen auf ihrem Gesicht gesehen. Kurz nachdem sie den Jungen ins Handgelenk gebissen hatte.
"Ich gehöre dir nicht", zischte sie. "Ich gehöre nur mir!"
Er seufzte. "Frauen gehören sich nicht selber. Frauen gehören zu Männern."
"Und Männer zu Frauen!" stieß sie wütend hervor.
Er runzelte die Stirn. "Frauen können Männern nicht befehlen. Männer schon."
Ihre Augen blitzten. "Du kannst mir nichts sagen."
Langsam wurde er wütend. "Du bist mein Eigentum, wie die Schriftrollen. Nur ist dein Platz nicht im Regal, sondern da!"
Er deutete auf das Bett.
Sie wich einen Schritt zurück und prallte unsanft gegen das Regal. Er trat einen Schritt auf sie zu. Sie starrte ihn entschlossen an.
Daregan studierte ihr Gesicht. Ihre Muskeln spannte sich. Sie würde ihn nicht willkommen heißen in ihrem Körper. Er konnte sie mit Gewalt nehmen, es war sein Recht. Aber, wenn er ehrlich war, war ihm das bei weitem zu viel Aufwand.
In wenigen großen Schritten durchquerte er den Raum und öffnete die Tür. Draußen stand die Wache, die das Mädchen hergebracht hatte.
"Bring sie zurück und hol mir Area."
* * *
Zufrieden rollte Daregan sich auf den Rücken. Area rückte an seine Seite und strich ihm liebevoll über die Schulter. Die süße Erschöpfung der Nacht machte sich in ihm breit.
Area küßte ihn leicht auf den Arm. "Eine glückliche Konkubine bin ich, einen Meister wie Euch zu haben."
Daregan brummte eine Zustimmung.
"Und die Götter halten ihre Hand über mich, daß ihr keine andere erwählt, nur weil sie von ungewöhnlicher Farbe ist."
Daregan runzelte im Dunkeln die Stirn. Er hatte seit Tagen nicht mehr an die Kleine gedacht. Seit dem ersten Abend, um genau zu sein.
"Sie ist widerspenstig."
"Oh ja, daß ist sie!" Daregan war erstaunt ob des zornigen Tons in der Stimme seiner anschmiegsamen Konkubine.
Er wandte den Kopf ihrem dunklen Schatten zu.
"Ist etwas vorgefallen?"
"Oh ja, das kann man wohl sagen. Wir wissen alle, das es manchmal schwer ist für die neuen Mädchen, aber daran muß man sich nunmal gewöhnen. Kein Grund, die anderen Mädchen anzuspucken und nach ihnen zu kratzen, wenn sie nur freundlich sein wollen. Und kein Wort unserer Sprache spricht sie! Diese wilde Barbarin! Sitzt den ganzen Tag nur in der Ecke und brütet vor sich hin."
Daregan war perplex. Er kannte Area gar nicht so. Wann hatte sie eine so bittere Zunge entwickelt?
"Nun?" Aus irgendeinem Grund fand er, er müsse die Abwesende verteidigen. "Sie ist keine Barbarin. Im Gegenteil, sie scheint sehr gebildet zu sein."
Schweigen kam von der anderen Hälfte des Bettes. Dann sprach sie wieder: "Verzeiht einer dummen Frau, daß sie die Dinge nicht erkannt hat, die Ihr so klar seht, Herr."
Danach schwieg sie. Daregan starrte ins Dunkel über sich. Sie mochte wohl die alte Sprache sprechen, aber sie konnte kein Sarè. Das hieß auch, daß sie sich weder mit den anderen Konkubinen verständigen konnte, noch die einfachsten Bedürfnisse äußern konnte. Er hatte noch nie so richtig darüber nachgedacht, was seine Frauen wohl den ganzen Tag taten, wenn er nicht dort war, aber er nahm an, daß sie genauso tratschten und sich unterhielten wie er mit seinen Freunden. Und sie gingen auch irgendwelchen Interessen nach, das wußte er. Jeden Monat gab er Geld für Musikinstrumente, Noten, Handarbeitszeug, Pinsel und Farben aus. Alles ging in die Frauengemächer.
Was machte da wohl eine Frau, die die alte Sprache sprach, aber sonst recht wenig Sinn für Kunst und Kultur zu haben schien? Und die sich nicht verständigen konnte?
Er mußte da wohl irgendwas ändern, beschloß er. Mit diesem Gedanken schlief er ein.
* * *
"Jetzt, Herr?" fragte die Wache verblüfft.
Daregan sah verärgert von seiner Schreibarbeit auf. "Ja, jetzt."
"Wie Ihr wünscht, Herr", antwortete die Wache, noch immer in verblüfftem Tonfall.
"Und ich benötige einen zweiten Stuhl", fügte Daregan hinzu.
"Einen Stuhl?!"
Echter Ärger machte sich in Daregan breit. "Ja, einen Stuhl. Du weißt schon, dieses seltsame Gebilde mit vier Beinen, wie ein niedriger Tisch, nur daß es auch noch eine Lehne hat." Was dachte sich dieser Tölpel nur? Und wenn er Handschellen und ein Hühnerei verlangt hätte, seine Haussklaven hatten kein Recht, seine Wünsche in Frage zu stellen.
Die Wache verbeugte sich schweigend und verschwand aus der Tür. Zugegeben, es war ungewöhnlich für ihn, eine seine Konkubinen am hellichten Tag zu sich zu rufen, aber das war allein seine Angelegenheit. Ebenso wie was er mit ihr tat.
Er ging zu seinem Regal und zog zwei Schriftrollen heraus. Eine seiner ersten in der alten Sprache und die andere die Sarè-Übersetzung. Sie waren einfach geschrieben, verglichen mit dem Rest seiner Schriften. Ideal, um jemandem, der nur die alte Sprache sprach, Sarè beizubringen.
Der zweite Stuhl kam an und Daregan platzierte ihn neben seinem eigenen am Schreibtisch. Dann wartete er.
Und wartete.
Und wartete.
Warum zur Hölle dauerte das so lange? Es waren nur ein paar Schritte von hier bis zu den Frauengemächern. Schließlich gab er auf und ging selber los. Die Wache, die er geschickt hatte ging vor der Tür auf und ab.
"Was stehst du hier rum? Ich hatte befohlen, daß ich meine neue Konkubine sehen will, nicht, daß du ein Loch in den Boden läufst."
Die Wache nahm nervös Haltung an.
"Verzeiht, Herr, aber es dauert so lange, eine Konkubine fertig zu machen."
"Dauert?" fragte Daregan ungehalten. Er wartete auf keine Antwort, sondern stürmte durch die Flügeltür um selbst nach dem Rechten zu sehen.
"Kliea!" rief er.
Er lief als erstes ins Badehaus. Dort war niemand. Also ging er weiter durch die Gemächer und schon im nächsten Raum hatte er Glück. Kliea trat aus der Tür, gerade, als er eintreten wollte.
"Wo ist die helle Konkubine?" fragte er und fand seine Frage bereits mit einem Blick in den Raum beantwortet. Eine der älteren Konkubinen erstarrte über das Gesicht der jungen Frau gebeugt. Sie hatte einen schwarzen Kohlestift in der Hand, mit dem sie gerade die Augen der Fremden umrandet hatte. Statt des üblichen geschlitzten Rockes trug diese eine Hose aus grobem Leinen, aber ihre Brüste waren schon in die Tücher geschnürt, die die Konkubinen normalerweise trugen.
Alle sahen verdattert zu ihm auf.
Das Umranden der Augen war offensichtlich erst halb fertig. Das eine Auge war von einer schwarzen Linie umgeben, während das andere noch vollkommen farblos war. Es gab ihrem Gesicht eine häßliche, unausgeglichene Note.
"Wisch dir die Farbe ab", gebat er ihr in der alten Sprache. Dann wandte er sich an die älteren Frauen. "Warum dauert das so lange?" fragte er ungehalten.
Kliea verbeugte sich. "Verzeiht, Herr, wir mußten sie noch waschen und zurechtmachen, wie es Euch beliebt. Wir konnten sie doch nicht in ihrem schlichten Leinen zu Euch lassen!"
Daregan schüttelte verwirrt den Kopf. "Sonst muß ich doch auch nicht so lange warten."
Kliea warf ihm einen kurzen unsicheren Blick zu. "Herr, verzeiht, aber sonst wissen wir meist auch schon im voraus, wann Ihr eine Eurer Konkubinen in Eurem Bett wünscht."
"Ah", machte Daregan. Er hatte noch nie einen Gedanken daran verschwendet, wie lange es wohl dauerte, sich in diese köstlich parfümierten Wesen zu verwandeln, die er gewöhnlich in seinem Bett vorfand. Anscheinend ein Fehler. "Es? es ist nicht nötig, dieses Mädchen für mein Bett zurechtzumachen, wenn ich sie rufe. Ich habe anderes mit ihr vor. Bringt sie einfach so, wie sie ist." Dann wandte er sich wieder der Fremden zu. Sie war damit beschäftigt, sich mit einem feuchten Lappen die schwarze Farbe aus dem Gesicht zu schmieren. Eine unansehnliche dunkle Spur zog sich über ihre Wange. "Zieh dir an, was immer du willst und komm so schnell wie möglich in meinen Raum", befahl er ihr in der alten Sprache. Sie glitzerte ihn mit zusammengebissenen Zähnen an, nickte aber.
Er verließ die Frauengemächer und ging zurück in seinen eigenen Schlafraum. Es dauerte kaum ein paar Minuten, bis sie in seiner Tür stand, in schlichter Leinenkleidung, die Arme um den Oberkörper gewickelt, den glitzernden Blick auf den Boden gerichtet. Ihre Haare hingen in einem schlichten Flechtzopf ihren Rücken hinunter.
"Komm her", befahl er auf den Stuhl neben sich klopfend. Er sprach absichtlich Sarè mit ihr, aber sie schien zu verstehen, was er von ihr wollte. Sie kam auf ihn zu und stellte sich dann neben den Tisch, mißtrauisch den Stuhl beäugend, auf den er geklopft hatte.
"Setz dich", sagte er.
Sie warf ihm einen weiteren mißtrauischen Blick zu, setzte sich aber diesmal. Er schob ihr die beiden Schriftrollen hin.
"Wie heißt du?" fragte er in der alten Sprache.
"Anathe", antwortete sie.
"Ich werde dir Sarè beibringen, Anathe", erklärte er weiter. "Damit du dich mit anderen verständigen kannst."
Der mißtrauische Blick wich etwas aus ihren Augen. Die Wachsamkeit blieb, aber jetzt machte sich auch etwas wie Interesse dort breit.
Und die Lehre begann.
* * *
"Nein, Anathe. Dieses Wort bedeutet Mann." Er zeigte auf das entsprechende Wort in Sarè und sein Äquivalent in der alten Sprache. Seit drei Wochen saßen sie jeden Tag zusammen an ihren Texten und es bereitete ihm unerwartet große Freude, ihre Sprachfähigkeiten wachsen zu sehen. Er mußte auch zugeben, daß sie schnell lernte. Sie hatte einen scharfen Verstand, der alles aufsog, was er ihr zeigte. Zu schade, daß er an eine Frau verschwendet war.
An manchen Tagen konnte sie aber auch furchtbar störrisch sein, so sehr, daß es ihn fast zur Weißglut trieb. So wie jetzt.
"Und Frau!" insistierte sie mit einer wütend gerunzelten Stirn.
"Nein", widersprach er entschieden. "Es heißt 'Mann' und nichts anderes! Versteh das doch endlich!"
"Nein, tut es nicht! Es heißt 'Mann und Frau'. Beides!"
Sie warf frustriert den Federkiel auf den Schreibtisch und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. Dies war eine ihrer Lieblingsgesten, schien ihm. Er betrachtete sie, mit ihrem zusammengebissenen Kiefer, ihren gesenkten Brauen, ihrem wie zum Angriff gebeugten Kopf und ertappte sich dabei, daß sich ein Lächeln auf seine Lippen stahl. Kleine Löckchen hatten sich aus ihrem Zopf gelöst und lagen federleicht auf ihrer Haut. Plötzlich übermannte ihn das Verlangen, sie genau dort zu küssen. Einen Moment lang überwog das Erstaunen über so einen Impuls. Sie war in schlichte Kleidung gehüllt, ausgebeulte Hose und weitgeschnittene Tunika. Nicht das, was ihn normalerweise verführte. Aber diese kleinen Löckchen auf ihrer Haut? Und schließlich - warum sollte er nicht? Sie war sein. Er beugte sich zu ihr hinüber und küßte die bezaubernde Stelle. Sie erstarrte wie ein Reh, daß einen Jäger witterte. Er strich mit seinen Fingern an ihrem Haaransatz entlang. Sie waren genauso seidig, wie sie aussahen. Dann ließ er seine Hand ihren Rücken hinuntergleiten zu ihrer Taille. Sie war immer noch genauso stocksteif wie bei seinem ersten Kuß.
Daregan löste sich irritiert. Sie hatte ihn nicht weggestoßen oder sich sonstwie zur Wehr gesetzt. Aber sie war auch nicht weich unter seiner Berührung geworden oder hatte das Kichern angefangen, wie einige seiner Konkubinen.
"Was ist los?" fragte er verärgert.
Sie warf ihm einen kurzen erschrockenen Blick zu, bevor sie ihn wieder starr auf die Tischplatte vor sich richtete. "Nichts, Herr", antwortete sie folgsam.
Daregan lehnte sich befremdet von ihr fort. Seit wann war sie so ein frommes Lamm?
"Ach, nichts?" fragte er sarkastisch zurück.
Ihre Kehle bewegte sich zuckend. "Nein, Herr." Ihre Stimme klang leise und verunsichert. Er schloß verwirrt die Augen und schüttelte leicht den Kopf. Das war so gar nicht Anathe!
"Ich verlange sofort eine glaubwürdigere Antwort!" stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
"Es ist nur? ich? ich habe mich mit einem der Mädchen unterhalten."
"Und?" forderte er.
"Ich? sie hat mir von ihrem vorigen Besitzer erzählt."
"Ja?"
"Sie? sie sagt, er wäre ein grober Mann gewesen, er? er habe ihr wehgetan." Sie verstummte.
Daregan schüttelte verständnislos den Kopf. "Was hat das mit dir zu tun?"
"Ich? ich will nicht verkauft werden!" stieß sie plötzlich heftig hervor.
Daregan schloß noch einmal die Augen. Was für eine seltsame Logik war das denn?
"Du willst nicht verkauft werden? Wer hat denn etwas von verkaufen gesagt?"
"Niemand. Ich? es ist nur? wenn ich Euch nicht mehr amüsiere, werdet Ihr mich verkaufen."
Seit wann redete sie ihn so formal an? Und was hatte das eine mit dem anderen?
Plötzlich verstand er. "Ah. Sie meinte, ich sei nicht grob und du hast Angst, daß du zu einem groben Mann kämst, wenn ich dich wegschickte, ja?"
Sie nickte unglücklich.
"Du willst aber nicht von mir berührt werden, auch wenn du hierbleiben willst?"
Sie nickte wieder.
Daregan verschränkte die Arme vor der Brust und atmete tief durch. Eine Konkubine, die nicht von ihm berührt werden, aber bei ihm bleiben wollte. Was für ein Gegensatz. Und was sollte er tun? Ihr ein Versprechen geben, daß er vielleicht nicht halten würde? Oder einfach weitermachen und sie selbst sehen lassen, daß es gar nicht so schlimm war?
Er deutete wieder auf das Wort, über das sie diskutiert hatten. "Das heißt 'Mann' und dabei bleibt es. So steht es in allen Schriften, aus denen ich gelernt habe."
Sie warf ihm einen kurzen, prüfenden Blick von der Seite zu. Dann entschloß sie sich, den Vorfall ebenso zu ignorieren wie er.
"Dann hast du falsch gelernt. Das Wort bezeichnet beide, Mann und Frau."
Der Unterricht zog sich noch fast eine ganze Stunde hin, aber Daregan konnte sich nicht mehr recht konzentrieren. Er wurde immer unruhiger und seine Gedanken wurden mehr und mehr von sinnlichen Berührungen und warmer Haut unter seinen Händen beherrscht. Warmer, heller Haut.
"Herr Daregan!" Ihre Stimme riß ihn kaum aus seinen Gedanken. Er sah sie einen Moment lang an, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Sie sagte etwas, aber er hörte es nicht. Er könnte. Er könnte sie nehmen, ihr zeigen, wie es sich anfühlte, ihr zeigen, daß es gut war. Aber etwas hielt ihn zurück. Er wollte nicht diese ängstliche Starre an ihr sehen, diesen leeren Ausdruck in ihrem Gesicht. Er wollte sehen, wie sie kleine Falten an den Augen bekam wenn sie lachte und diese düster zusammengezogenen Augenbrauen, wenn sie dachte, aber nicht diese Starre.
Mit einem lauten Klappern zog er die Schriftrolle, an der sie gerade arbeiteten, vom Tisch.
"Wir machen jetzt Schluß. Ich bin müde."
Sie erhob sich gehorsam, wenn auch mit einem leicht wachsamen Ausdruck auf dem Gesicht. Sie ging zur Tür.
Daregan besann sich auf etwas. "Und sag Area, daß sie herkommen soll sobald sie? bereit ist." Anathe nickte. "Und so schnell wie möglich", rief er ihr noch hinterher. Sie nickte noch einmal mit gesenktem Blick und verschwand aus seinem Schlafgemach. Daregan stand auf und lief unruhig im Zimmer hin und her. Was war das für ein Unsinn? Wieso blockierten diese Gedanken ihn so? Sicher, er hatte schon früher Verlangen nach einer Frau gehabt, aber so?
Er trat auf den Balkon, stützte sich auf der Balustrade ab und starrte in den kleinen kostbaren Garten unter sich. Die Hitze hier verlangte einen großen Aufwand für jede grüne Pflanze, die hier wuchs. Den ganzen Tag über kamen Diener mit kleinen Wassereimern und schöpften den Inhalt an die Wurzeln der Pflanzen und auf ihre Blätter. Der trockene Boden sog das Wasser gierig auf, so daß es fast so schnell verschwand, wie es gegossen wurde. Anderswo in seinem Haus gab es kleine Palmenhaine, die die Trockenheit besser vertrugen als die Blumen hier unter ihm. Doch der Luxus anderer Pflanzen war nur ihm vergönnt. So wie auch nur ihm der Luxus der schönen Frauen in seinen Frauengemächern vergönnt war. Viele Männer besaßen Frauen um Erben zu zeugen, aber nur die reichsten unter ihnen konnten sich leisten, gleich mehrere zu ihrer Verfügung zu haben. Und der Erwerb der teuren Ware sollte sich auch lohnen. Und er verbrachte jeden Nachmittag seit Wochen mit einer Konkubine, die er nicht anrühren konnte, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, und die er dennoch wollte. Mehr als jede andere.
Die Tür öffnete sich leise und schloß dann wieder. Kein Laut kam von drinnen. Er sah noch einen Moment in den Garten hinab, bevor er wieder durch die Fenstertüren ins Innere trat. Area erwartete ihn lächelnd. Die Farbe war wie immer perfekt in ihrem Gesicht platziert, die Brüste schwollen ansehnlich aus dem Stoff, der sie nur mühsam gebändigt hielt, den durchsichtigen Schal hatte sie züchtig um ihre Haare gelegt und ein bescheidenes Lächeln zierte ihre einladend roten Lippen.
Daregan umrundete sie einmal. Dann stellte er sich vor sie und pflückte vorsichtig den Schal von ihrem Haar herunter. Ihre tiefen Atemzüge hoben und senkten ihre Brüste einladend. Normalerweise hätte er jetzt seinen Mund in der süßen Spalte dazwischen vergraben, aber heute war ihm nach etwas anderem. Er ging um sie herum und betrachtete den Haaransatz an ihrem Nacken. Area hatte ihre Haare wie üblich mit einer Nadel am Hinterkopf festgesteckt, die man nur herausziehen brauchte, damit ihre ganze Pracht über ihre Schultern fiel. Wie bei Anathe aber hatten sich kleine Härchen aus der Frisur gelöst und fielen auf ihren Nacken. Schwarze, kräftige Haare. Er fuhr mit seinen Fingern zwischen ihnen entlang. Sie kitzelten seine Fingerkuppen verführerisch. Er ließ seine Hand weiterwandern, die lustigen kleinen Erhebungen entlang, die ihr Rückrat waren, bis seine Hand auf ihrer Taille ruhte. Dann trat er so nahe an sie heran, daß sie seine Erregung spüren konnte, und küßte ihren Hals leicht wie eine Feder. Er umfaßte sie mit der einen Hand, drückte sie näher an sich heran und strich mit der anderen Hand über ihren Oberschenkel.
Er würde ihr zeigen, daß es wunderschön war.
* * *
"Herr Alean bitte darum, von Euch empfangen zu werden", verkündete sein Diener mit einer tiefen Verbeugung.
Daregan lehnte sich zurück. "Alean? Heute?" Sie waren erst für morgen Abend zum Essen verabredet gewesen. Was tat er hier? Und mitten am Nachmittag?
"Ja, Herr", antwortete der Diener.
Daregan war gerade mit den Büchern seines Geschäfts beschäftigt, wie es um diese Zeit seine Gewohnheit war. Er saß in dem alten Arbeitszimmer, in dem bereits sein Vater, Großvater und Urgroßvater gesessen und Zahlen studiert hatten. Es war ein großer Raum, ausgestattet mit Möbeln in dunklem Holz und burgunderfarbenen Teppichen vor den riesigen Regalen, die alle vier Wände des Raumes einnahmen. Es war ein eher düsteres Zimmer aber Daregan hatte diese Ernsthaftigkeit immer als angemessen empfunden.
Und Alean wußte, daß dies eigentlich keine Zeit war, ihn zu stören. Daregan strich sich über das Kinn. Normalerweise würde er das nie tun. Es mußte also etwas wichtiges sein.
"Bring ihn in den kleinen Salon und servier Tee. Ich komme gleich."
Der Diener verbeugte sich und ging rückwärts aus dem Zimmer.
Daregan rechnete noch schnell die letzten Zahlen der Kolumne zusammen und kam zu dem gleichen Ergebnis wie sein Buchhalter. Er machte einen Haken neben die Eintragung und stand auf. Der kleine Salon befand sich direkt neben seinem Arbeitszimmer. Es war ein prunkvoll ausgestattetes Zimmer in kräftigem Blau gehalten, die dunklen Hölzer mit silbernen Verzierungen abgesetzt, die von uraltem Reichtum sprachen. Es war ein Zimmer, um Geschäftspartner zu beeindrucken. Man setzte sich an den niedrigen Tisch auf die silberbestickten Seidenkissen, schlürfte den süßen, heißen Tee aus kunstvoll geschliffenen Kristallgläsern und besprach all die wichtigen Dinge, die der Vermehrung des Geldes dienten. Eigentlich kein Ort, einen Freund zu empfangen. Aber es schien sich auch nicht um den gewöhnlichen Besuch eines Freundes zu handeln.
Als er den Raum betrat, stand Alean an dem einzigen Fenster des Raumes, das genau wie die Fenster seines eigenen Schlafzimmers, auf den kleinen begrünten Innenhof hinauszeigte. Er wirbelte herum, sobald Daregan eintrat.
"Daregan!" Alean durchquerte das Zimmer mit großen Schritten und umarmte seinen Freund. "Tut mir leid, daß ich dich störe, mein Freund."
"Nicht im geringsten, mein Freund. Ist etwas nicht in Ordnung?" Daregan deutete auf die Sitzkissen vor dem niedrigen Tisch und er und Alean nahmen Platz.
Alean wrang die Hände. "Es? es ist etwas prekär. Es ist eigentlich nichts, das man zu einem Freund tragen sollte, verstehst du? Aber ich bin in Schwierigkeiten. Und ich weiß nicht, an wen ich mich wenden sollte, wenn nicht an meinen besten Freund!"
Daregan machte eine beschwichtigende Geste mit der Hand. "Was wäre ein Freund, wenn er einem nicht aus Schwierigkeiten helfen würde? Wo liegt das Problem?"
Es klopfte leise an der Tür und eine junge Sklavin trat ein, ein Kind, kaum sieben oder acht Jahre alt. Sie trug ein schweres Tablett mit einem gewaltigen Teepott darauf, den kleinen Kristallgläsern und einer Zuckerschale. Sie kniete vor dem Tisch nieder und stellte die Gläser vor sie hin, füllte sie mühsam, stellte dann alles auf den Tisch und verbeugte sich vor den beiden Männern.
Alean betrachtete sie mit seinem Kennerblick. Daregan nickte ihr zu. "Du kannst gehen."
Die Kleine verließ den Raum rückwärts und Daregan wandte sich an Alean. "Also?" nahm er das Gespräch wieder auf. "Wo liegt das Problem."
Alean senkte den Blick auf sein dampfendes Teeglas. "Ich? ich habe Geldprobleme", gestand er.
Daregan sah seinen Freund verblüfft an. "Wie kommt das?" Alean war ebenso altes Geld wie er. Er hatte vielleicht nicht das Interesse an Geld, daß man brauchte, um zu einem der Reichsten aufzusteigen, aber es war fast unmöglich, in einem einzigen Menschenleben alles auszugeben, was er ererbt hatte.
"Ach Daregan!" Er setzte das Glas laut Klackend auf dem kleinen Tisch ab. "Es ist schwer zu erklären. Ich? es hat damit angefangen, daß ich an einem Spieltisch gelandet bin, eines Nachts." Er packte seinen Freund unerwartet fest am Arm. "Und ich habe gewonnen, Daregan! Unvorstellbare Summen habe ich gewonnen! Du wirst es mir kaum glauben, aber ich?"
"Doch", unterbrach Daregan düster, "ich glaube es dir." Sein Vater hatte ihn immer vor den Verlockungen des Glücksspiels gewarnt. Warum nur hatte Alean etwas so leichtfertiges getan?
Alean ließ seine Hand von Daregans Arm gleiten. "Nur? nur dann habe ich auf einmal nicht mehr gewonnen. Es? es ist alles?" Seine Stimme verklang trostlos.
Daregan sog scharf die Luft ein. "Sag nicht, du hast alles verloren!" Alean begegnete seinem Blick traurig. "Alles?!"
Alean schüttelte den Kopf. "Nein, nicht alles, aber ich? ich habe einiges eingebüßt. Und, man muß es sagen, ich bin außerdem in Kontakt geraten mit einigen? Männern? denen du die Tür weisen würdest."
Daregan zog die Augenbrauen zusammen. "Das heißt?"
"Das heißt", antwortete Alean langsam, "daß diese Männer? ich schulde ihnen etwas und sie? sie halten mir das Messer an die Kehle. Wenn ich bis morgen Abend nicht bezahle?"
"Wieviel?" fragte Daregan scharf.
Alean holte tief Luft. "Dreitausend Gebba."
"Dreitausend!" Daregan stand auf und lief zweimal nervös hin und her. Am Fenster blieb er stehen. "Dreitausend!" flüsterte er.
"Ich weiß es ist viel", warf Alean ein, "aber ich bitte dich: Hilf mir! Ich habe keine dreitausend Gebba und so schnell kann ich sie auch nirgendwo locker machen. Ich brauche dich, Daregan."
"Dreitausend?" flüsterte Daregan noch einmal. Das war der Verdienst von mehreren Monaten! Hatte er überhaupt so viel zu seiner Verfügung? So schnell? Vielleicht wenn er? er könnte es aus der Zweigstelle in Dotar kommen lassen. Dort lagerte vielleicht noch so viel Geld und es könnte bis morgen Abend hier sein ? theoretisch.
"Du verlangst viel von mir."
Alean stand auf und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Ja, das tue ich. Und? wenn es nicht geht, ich habe Verständnis dafür. Es ist nur? du bist meine letzte Hoffnung."
Daregan drehte sich zu seinem Freund herum. "Ich werde alles tun, dich nicht zu enttäuschen, mein Freund." Fest drückte er Alean an sich.
* * *
"Das ist eine ungeheure Behauptung!" brach Daregan hervor.
"Aber es ist wahr", antwortete Anathe ebenso erregt, "ich habe es selber gelesen!"
"Das glaube ich nicht! Kleander kann keine Frau sein! Wie käme eine Frau dazu, über den menschlichen Verstand zu schreiben?"
Anathe hob herausfordernd das Kinn. "Was soll das heißen?" fragte sie scharf.
"Nun komm mir doch nicht so! Jedermann weiß doch, daß Frauen die Verstandeswelt nicht so natürlich zufliegt wie den Männern."
"Oh", stieß sie wütend hervor, "jedermann weiß das also. Nur, weil an diesem staubigen Ort alle Männer so davon überzeugt sind, daß es richtig sei, über die Frauen zu herrschen als wären sie nichts weiter als Tiere, heißt das nicht, daß alle so denken oder das es richtig ist. Und überhaupt: bin ich nicht der lebende Gegenbeweis? Oder willst du mich jetzt etwa auch dumm nennen?"
Daregan schüttelte verwirrt den Kopf. Diese Frau begriff es einfach nicht! "Das habe ich gar nicht getan. Außerdem bist du eine Ausnahme! Die meisten Frauen?"
"Ach, eine Ausnahme? Wie viele Ausnahmen braucht es denn für eine Regel? Woher willst du überhaupt etwas über die meisten Frauen wissen? Du tust doch nichts weiter, als Sklavinnen in dein Gemach kommen zu lassen, wo sie tun müssen, was dir gefällt. Woher willst du denn wissen, ob aus Area nicht eine wunderbare Gelehrte geworden wäre, wenn man ihr das Lesen und Schreiben beigebracht hätte?"
Daregan schüttelte energisch den Kopf. Es war nicht das erste Mal, daß sie solch eine Diskussion hatten, aber diese Heftigkeit war ihm neu. Und wie war Area hier mit hineingeraten? Oder überhaupt schien sein ganzer Harem auf einmal da mit drinzustecken. "Area ist eine wundervolle Frau, aber sie würde niemals?"
"Was? Selber denken?"
Der harte Sarkasmus in ihrer Stimme überraschte ihn. "Was ist denn bloß los mit dir heute?"
"Ach nichts", winkte sie ab.
"Nichts also", bemerkte er trocken und wartete. Warten und Schweigen waren gute Mittel, jemanden zum sprechen zu bringen, hatte er bemerkt.
"Ich? ich denke, ich habe nur Heimweh, das ist alles. Nichts, was ich nicht schon vorher gehabt hätte."
Daregan schwieg einen Moment. "Ist es wahr", fragte er dann, "daß die Töchter im Haus ihrer Väter leben bleiben, bis ein Mann sie erwählt?"
Zu seiner Überraschung lachte Anathe. "Nein, nicht ganz. Sie bleiben meistens im Haus ihrer Eltern, bis sie alt genug sind, für sich selber zu sorgen. Viele heiraten dann, ja."
"Heiraten?" Daregan hatte das Wort bereits gelesen, aber die genaue Bedeutung war ihm entgangen.
"Ja, heiraten." Sie sah ihn prüfend von der Seite an. "Wenn ein Mann und eine Frau sich schwören, bis ans Ende ihrer Tage füreinander zu sorgen?"
Daregan lachte. "Wie kann eine Frau für einen Mann sorgen?"
Anathe verschränkte die Arme vor ihrer Brust. Ein sicheres Zeichen, daß sie gleich explodieren würde. "Wie könnte ich auch erwarten, daß ein Mann das versteht, der seine eigenen Töchter in die Sklaverei verkauft, damit sie sich eines Tages von irgend einem Mann bespringen lassen können, der gerade das nötige Kleingeld hat, um für sie zu bezahlen."
"Warum sollte ich sie auch hierbehalten", fragte Daregan leicht verärgert. "Dann verbringen die Frauen nur viel zu viel Zeit damit, sich um die Kleinen zu kümmern und sie werden langsamer wieder schwanger."
"Ja natürlich", entgegnete Anathe so ätzend, daß Daregan beinahe von ihr fortgerückt wäre. "Damit sie gleich wieder werfen können und dir einen Jungen ausbrüten, richtig?"
Daregan breitete die Hände aus. "Ich brauche nun einmal einen Erben. Wie sollte ich ihn sonst bekommen?"
"Wie wäre es mit einer Familie?" Sie war richtig wütend!
"Ich habe eine Familie! Ich bin ihr Oberhaupt!"
Sie wedelte dieses Argument mit der Hand beiseite. "Eine Familie besteht aus einem Mann und einer Frau und ihren Kindern. Das ist eine Familie."
"Nein, Frauen sind nicht Teil der Familie. Sie sind nur Notwendigkeiten, um den Fortbestand einer Familie zu sichern." Er hob die Hand, um Anathes Protest zu stillen. "Ich weiß, ihr im Norden haltete es anders, aber hier ist es so. Und unsere Frauen sind damit zufrieden."
"Wie kannst du das behaupten? Nur, weil die Frauen lächeln, wenn du sie in dein Bett holst, heißt das nicht, daß sie das auch wirklich so meinen."
Einen Moment schwieg Daregan perplex. "Ich? ich behandle meine Frauen immer gut, so hat es mein Vater auch gehalten und so machen das auch alle anderen Männer."
"Nein, daß tun sie nicht", sagte Anathe leise und bitter.
"Woher willst du das denn wissen, du warst doch bei niemand anderem."
"Nein, aber ich kann jetzt mit den anderen Mädchen sprechen", erinnerte sie ihn.
Sie schwiegen eine Weile.
"Vielleicht sollte ich jetzt besser gehen", sagte Anathe schließlich und erhob sich. "Soll ich Area zu dir schicken, oder eine der anderen Frauen?" Daregan sah Anathe an. Ihre zarten Hände bewegten sich geschickt über den Schreibtisch und sammelten die Schriftrollen ein, mit denen sie an diesem Tag gearbeitet hatten. Er hatte sie seit diesem einen Mal vor ein paar Wochen nicht mehr angerührt, aber er hatte sie jedesmal geschickt, ihm eine seiner Konkubinen bringen zu lassen. Und er hatte das dumpfe Gefühl, daß sie wußte, warum. Aber es war nicht das, was er wollte. Jedes Mal, wenn er die Frau wieder zurück in die Frauengemächer geschickt hatte, hatte er mit offenen Augen dagelegen und in die Dunkelheit gestarrt. Und sich gewünscht, sie hätte keine Angst vor seiner Berührung.
"Ja, schick mir?" Er zögerte. Wen? Bei wem mußte er sich jetzt nicht fragen, wie sie ihr vorheriger Besitzer behandelt hatte? "Nein, vergiß es. Ich werde heute früh schlafen gehen."
Sie nickte. "In Ordnung." Sie räumte die Schriftrollen wieder an ihre Plätze im Regal. "Übrigens war 'Über den menschlichen Verstand' nicht Kleanders einziges großes Werk. Sie hat noch 'Über das menschliche Gefühl' geschrieben. Da macht sie auch die Referenz zu sich selber als Frau."
"Tatsächlich? Ich habe nie davon gehört."
Anathe zuckte mit den Schultern. "Es ist gut, ich habe es mal gelesen, in der Bibliothek."
"Bibliothek. Davon hast du schonmal erzählt. Du bist oft dahin gegangen? Als du noch im Norden gelebt hast?" Er versuchte, sich an das Wort zu erinnern, daß sie benutzt hatte. "An der? Universität?"
"Ja, ich war an der Universität."
"Was tut man da, an einer Universität?"
"Nun? man lernt Dinge, die jeder zivilisierte Mensch braucht. Rhetorik, Geschichte, Philosophie. Das, was uns die Alten hinterlassen haben. Ihre Reste." Sie klang traurig, als sie das sagte.
"Wieso Reste?"
"Nun", sagte sie und drehte sich zu ihm um. "Sie müssen unglaublich gewesen sein, die Alten! Sie haben uns so einen Schatz an Wissen hinterlassen, und dabei ist nur ein Bruchteil erhalten! Das meiste ist mit ihnen untergegangen. Sie waren ein so großes Volk. Jeder hatte Zugang zu allem, was man dort lernen konnte." Sie wandte sich wieder zu dem Regal zu, als wolle sie nicht, daß er ihr Gesicht sah. "Die Universität, die ich besucht habe - sie war ein Versuch, diese alten Zeiten wieder aufleben zu lassen. Aber jetzt?"
"Was ist jetzt?"
Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu. "Jetzt ist sie zerstört. Und ich bin hier. Und wer weiß, wo die anderen sind. Meine Lehrer, meine Freunde, all die Schätze, die dort gesammelt waren. Vermutlich haben sie niemanden am Leben gelassen. Und keinen Stein auf dem anderen."
Daregan seufzte. Kriegsbeute. Der Händler hatte es gesagt, sie war Kriegsbeute. Alles, was sie kannte, war zerstört.
"Deine? Familie? Ist sie auch??"
Sie schüttelte heftig den Kopf. "Nein, vermutlich nicht. Wir? meine Eltern leben viel weiter oben im Norden, in einem kleinen Dorf. Sie waren so stolz, als ich zur Universität ging. Ich habe sie seit dem nicht wieder gesehen. Sie denken sicher, ich sei tot."
Ein tiefer Schmerz schwang in ihren Worten mit. Daregan betrachtete sie einen Moment. Er wünschte, es gäbe einen Weg, ihre Trauer zu lindern. Er hatte das plötzliche Bedürfnis, sie zu nehmen und fest an sich zu drücken. Aber sie wollte ja nicht von ihm berührt werden.
"Du wolltest doch gerade gehen", stellte er fest.
Anathes Rücken versteifte sich. "Ja, das wollte ich in der Tat." Sie klang verärgert. Daregan runzelte die Stirn. Was bitte hatte er jetzt wieder falsch gemacht? Mit ruckartigen Bewegungen schritt sie zur Tür und verschwand ohne ein weiteres Wort.
Daregan schüttelte den Kopf. Solle doch bitte irgendwer diese Frau verstehen!
* * *
?möchte ich mich hier einem der wichtigsten Kapitel des menschlichen Gefühls widmen: Der Liebe. Wir alle kennen das Gefühl, daß es einen Menschen gibt in unserem Leben, der so perfekt zu uns paßt wie eine Hand in einen Handschuh. Es ist allgemein anerkannt, daß Liebe dieselben Symptome hervorbringt wie die Verwirrung des Geistes, dennoch käme kein Mensch bei gesundem Verstande auf den Gedanken, die Betroffenen fernab jeder menschlichen Gesellschaft in ruhige Räume zu zwingen, wo sie ihre Krankheit ausheilen könnten. Statt dessen werden die Betroffenen oft ermutigt, auf das Objekt ihrer Gefühle zuzugehen, und eine eventuelle Paarung anzustreben. Dies scheint offensichtlich der ganzen Welt vernünftig. Warum, muß sich nun der kritische Geist fragen, ist das so? Die allgemeine Beobachtung läßt den Schluß zu, daß diese Besessenheit von einem anderen Menschen uns den idealen Partner anzeigt, der nicht nur verstandesmäßig, sondern auch in allen anderen Bereichen seiner Persönlichkeit unsere Vorzüge unterstützt und unsere Schwächen ausgleicht. Dies wiederum ist eine ideale Basis für eine im besten Falle lebenslange Partnerschaft. So verdient dieses Gefühl eine besondere Beachtung.
Die Symptome sind vielfältig und, wie gesagt, der Verwirrung des Geistes sehr ähnlich. So kann der verliebte Mensch oft seine Gedanken nicht mehr von dem geliebten Wesen ablenken, statt dessen ist kaum Raum für etwas anderes. Es wird für den Verliebten außerdem überproportional wichtig, den Geliebten zu schützen und allen Kummer von ihm oder ihr fernzuhalten. Außerdem löst die Anwesenheit des Geliebten verschiedene körperliche Symptome aus, wie etwa ein unwohles Gefühl in der Magengegend oder sogar zitternde Stimme und Gliedmaßen. Auch Schlafmangel und Appetitlosigkeit sind keine Seltenheit?
Daregan warf die Schriftrolle von sich. Das war Wahnsinn! Die Schrift nannte es sogar selbst so: Verwirrung des Geistes. Unter nichts anderem litt er. Verflucht noch einmal! Diese Frau hatte ihn verhext. Sie hatte ihn dazu gebracht, diese verdammte Schriftrolle zu suchen, zu finden, zu kaufen und zu lesen und sie war Schuld, daß er an nichts anderes mehr denken konnte als an sie, daß er nicht schlief und kaum aß. Nicht einmal die Stunden mit Area konnte er mehr richtig genießen.
Er stand auf und rannte nervös im Zimmer auf und ab. Es gab kein Leugnen. Er war dem Wahnsinn der Alten verfallen.
Und Anathe.
Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
Und seine Geliebte, sie fühlte sich am wohlsten, wenn sie weit weg von ihm war. Was für einen Narren er doch aus sich gemacht hatte!
* * *
"Anathe ist hier, Herr", sagte die Wache von der Tür her. Daregan sah von seiner Schreibarbeit auf.
"Schick sie wieder fort." Er senkte den Kopf wieder.
"Aber Herr?", begann die Wache.
"Ja?" fragte Daregan ungehalten.
"Es ist Zeit für ihre Stunde. Ihr Sprachunterricht", fügte er hinzu, als hätte Daregan es vergessen. Als könnte er es vergessen.
Daregan winkte die Wache verärgert fort. "Sie spricht inzwischen genug Sarè. Sie braucht keinen Unterricht mehr. Er ist ab sofort gestrichen. Ich habe besseres zu tun, als eine Sklavin das Sprechen zu lehren."
Die Wache nickte noch immer etwas verblüfft. Er würde gehorchen.
* * *
Daregan hastete durch die Gänge zum kleinen Salon, wo Alean auf ihn wartete. So konnte es wirklich nicht weitergehen. Seit jenem ersten Mal war Alean immer wieder gekommen und hatte ihn um Geld gebeten. Wo sollte es aufhören? Einem Freund aus der Patsche helfen, ja. Aber er mußte auch selber zusehen, daß er die Patsche verließ. Er mußte seinem Freund heute den Hahn zudrehen. Er hatte ihm schon beim letzten Mal gesagt, daß er sich nicht wieder von ihm würde Geld leihen können. Und jetzt würde er ihm auch kein Geld mehr leihen.
Es würde ein bitteres Gespräch werden. Das wußte Daregan jetzt schon. Er legte die Hand auf die Türklinke zum kleinen Salon und wappnete sich einen Moment. Von drinnen drang ein seltsames Geräusch an seine Ohren. Ein tiefes, kehliges Stöhnen. Leise öffnete Daregan die Tür. Und die Luft blieb ihm weg.
Alean saß auf einem der Kissen an dem kleinen Teetisch, den Kopf in den Nacken gelegt stöhnte er kaum unterdrückt. Die kleinen Teeserviererin hatte er neben sich auf die Knie gezogen und ihre kleine Hand mit seiner eigenen großen Pratze in seine Hose gesteckt. Ihre Augen lagen wie dunkle Tümpel in ihrem bleichen Gesicht und der Ausdruck dort war starr vor Angst.
Daregan ließ die Tür mit einem Krachen gegen die Wand donnern und Alean schrak auf. Er fing sich jedoch gleich drauf wieder und gab Daregan sein freundschaftlichstes Lächeln.
"Daregan! Ich hatte dich noch nicht erwartet."
"Das sehe ich. Laß das Mädchen los."
Die Drohung in seiner Stimme war schwer zu überhören. Aleans Gesichtsaudruck wechselte von falscher Freude zu echtem Alarm.
"Ich? ich habe mich doch nur ein bißchen amüsiert, bis du gekommen bist. Ich? ich habe sie ja nicht beschädigt oder so. Ich wollte nur?"
"LAß SIE AUF DER STELLE LOS!" brüllte Daregan.
Als hätte er sich verbrannt, ließ er die Kleine los und band seine Hose wieder zu. Er hievte sich in eine kniende Position und schien aufstehen zu wollen.
Daregan schritt an ihm vorbei und nahm die Kleine auf den Arm. Er wandte sich der Tür zu und ging los.
"Daregan, sie ist doch noch immer Jungfrau, sie ist noch genauso viel wert wie vorher, es gibt also keinen Grund?"
Daregan wirbelte noch ein letztes Mal herum und sah seinem alten Freund in die Augen. "Du bekommst kein weiteres Geld von mir. Du bist auch in meinem Haus nicht länger willkommen. Geh und komm nie wieder."
Damit ließ er den kleinen Salon hinter sich und steuerte mit langen Schritten den einzigen Ort an, von dem er wußte, daß sie dort sicher wäre: Die Frauengemächer. Er schritt an der erstaunt Haltung annehmenden Wache vorbei und rief nach Kliea. Sie tauchte mit überraschender Plötzlichkeit auf.
"Herr?" Sie beäugte das Mädchen in seinen Armen. So junge Mädchen fand man gewöhnlich nicht in den Frauengemächern. Daregan setzt sie neben Kliea ab.
"Kümmere dich um die Kleine. Sie wird hierbleiben und dir helfen."
Damit drehte er sich um und wollte gerade wieder hinausstürmen, als er Anathes vertrautes Gesicht sah. Für einen Moment erstarrte er. Dann riß er sich zusammen und verließ den Harem. Er ging in sein Schlafgemach und schloß die Tür hinter sich. Er atmete schwer. Er hatte drei Töchter weggegeben, die jetzt etwas jünger sein müßten als dieses Mädchen.
Ob sie auch irgendwo von irgendjemandem gezwungen wurden, ihre Hände in Hosen zu stecken?
* * *
Erschöpft ließ er sich auf die Kissen fallen. Area glitt beweglich wie fließendes Wasser seinen Körper entlang und platzierte ihren Kopf vertraut auf seiner Schulter. Sie roch noch nach den schweißtreibenden Aktivitäten, denen sie gerade noch nachgegangen waren. Daregan versuchte, sich nicht zu wünschen, es wäre der Kopf einer anderen.
"Ihr habt Anathe lange nicht mehr bei Euch gehabt, Herr", sagte Area. Daregan schluckte. Stand ihm sein Verlangen so deutlich ins Gesicht geschrieben? "Meint Ihr nicht, sie wäre anderswo besser aufgehoben?"
Daregan blickte auf den schwarzen Schopf seiner Konkubine. "Wieso das?"
"Ach, wißt Ihr, sie hat sich hier nie so richtig eingelebt. Sie ist noch immer störrisch und wild. Sie paßt nicht zu uns anderen." Daregan hatte plötzlich das Gefühl, daß Areas Worte nicht ganz selbstlos waren. "Und in letzter Zeit sitzt sie nur noch schweigsam abseits. Sie ißt kaum etwas und die Nächte verbringt sie fast nie auf ihrer Schlafmatte. Ständig hockt sie in so einem alten Baum und starrt in den Himmel!"
Daregan fühlte sich plötzlich, als habe jemand sein Gehirn gegen einen Wattebausch eingetauscht. Sie aß nicht, sie schlief nicht. Ob sie etwa?
Nein, rief er sich selbst zur Ordnung. Nein, sie dachte nicht an ihn.
"Ich habe sie nie gemocht, wenn Ihr mir verzeihen wollt, Herr. Ich denke, wir sind besser ohne sie dran."
Er ließ seine Finger abwesend durch ihr Haar gleiten. "Warum willst du sie unbedingt loswerden?"
"Ich?" Areas Entrüstung klang irgendwie nicht ganz echt. "Das will ich nicht. Ich denke nur, daß sie woanders besser aufgehoben wäre, das ist alles."
"Hm?" machte Daregan unverbindlich. Vielleicht, vielleicht vermißte sie ihn. Vielleicht aber auch nur ihre Heimat. Aber er würde es nicht herausfinden, wenn er hier im Bett herumlag und in die Dunkelheit starrte. Er schwang die Beine aus dem Bett. "Ich bringe dich in die Frauengemächer zurück."
"Jetzt?" Area setzte sich alarmiert auf.
"Ja, jetzt."
Area erhob sich und kleidete sich wieder an. Daregan schlüpfte in eine weite Hose und einen bunten, seidenen Morgenmantel.
Es mochte tatsächlich nur ihre Heimat sein, die ihr fehlte. Wenn dem so war, das schwor er sich, dann würde er sie zurückschicken, dann würde er einen Weg finden, sie wieder in den Norden zu bringen, wo sie sich frei bewegen und wo sie zu ihrer Familie zurückkehren konnte.
Area starrte ihn an. "Ihr? Ihr wollt mich selber bringen?"
Daregan ignorierte ihr Erstaunen. "Ja", antwortete er knapp. Es war nicht üblich, daß er seine Konkubinen selber zurück in die Frauengemächer brachte, aber es war ihm egal, was Area davon hielt.
"Laß uns gehen." Er schritt zur Tür hinaus, ohne sich zu vergewissern, ob Area ihm folgte. Der Gang vor seinem Schlafgemach war von silbernem Mondlicht erhellt. Es gab allem eine seltsam unwirkliche Atmosphäre. Sie paßte perfekt zu Daregans Stimmung. Er fühlte sich wie in einem wilden Traum, in dem er einem Geist nachjagte, den zu fangen unmöglich war. Aber auch, wenn ihn am Ende seines Weges Enttäuschung erwartete - er würde nicht weiter in dieser Halbwelt aus Ungewißheit leben.
Er öffnete die Tür zum Harem leise. Er war seit seiner frühesten Kindheit nicht mehr nachts hier gewesen. Nicht mehr, seit seine Mutter fortgeschickt worden war. Die Frauen schliefen gewöhnlich ein kleinen Räumen überall in den Frauengemächern. Es waren viel mehr, als er Konkubinen hatte, aber anders als Alean besaß er auch nicht sehr viele Frauen.
"Wo ist sie?" fragte er Area. Sie war dicht hinter ihm hereingekommen und betrachtete ihn mit einem seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht.
"Wer?" fragte sie zurück.
Er warf kurze Blicke in die Schlafräume, aber konnte kein goldenes Haar erkennen. "Anathe", antwortete er ungehalten.
Area deutete stumm auf eine Tür weiter den Gang hinunter. Daregan steuerte darauf zu. Die Schlafstatt war benutzt, aber leer.
"Sie ist nicht hier!" stellte er wütend fest. Er wirbelte zu Area herum. "Wo ist sie?"
Areas Gesicht lag größtenteils im Schatten, aber er konnte spüren, wie sie ihn einen Moment lang musterte, bevor sie antwortete.
"Manchmal ist sie auf einem Baum im Hof und starrt über die Mauern, als wäre sie ein Vogel, der sich nach dem Himmel sehnt."
Daregan wirbelte herum und steuerte den kleinen Hof an, der in den Frauengemächern angelegt war. Auch hier wuchs nur spärlich etwas. Der krumme Baum in der Mitte war im Vergleich mit den Palmen, die dort wuchsen, klein und verstümmelt. Sein Holz war grau und die Blätter konnten mit dem satten Grün ebenso wenig konkurrieren wie mit der Größe der Palmen. Daregan spähte durch den dürftigen Bewuchs in die Krone hinauf. Dort saß sie, Anathe, ihre hellen Haare schienen im Mondlicht silbern zu schimmern, ihre weiße Haut wirkte wie die Oberfläche des Mondes selbst. Hätte sie ihm in diesem Moment gesagt, daß sie ein Geist des Mondes selber war und keine Nordlerin, er hätte es ihr ohne zu zögern geglaubt.
Er war sich nicht bewußt gewesen, ein Geräusch gemacht zu haben, aber so mußte es wohl gewesen sein, dann plötzlich sah Anathe zu ihm herunter. Ihre blauen Augen weiteten sich in Erstaunen. Dann kletterte sie mit verblüffender Behendheit herunter und landete fast lautlos vor ihm auf dem Boden. Sie richtete sich auf und sah ihm in die Augen. Einen Moment lang schwiegen beide.
Dann senkte sie den Blick und schob gleichzeitig stolz das Kinn hervor. "Herr", begann sie in Sarè, "es ist selten, daß Ihr Euch in diesen Gemächern zeigt."
"Das ist wahr", antwortete er in der alten Sprache. Was sollte er jetzt sagen? Ich liebe dich? Warum klang das nur so lächerlich?
"Area war heute Abend bei Euch?" fragte sie beinahe gleichmütig.
"Ja, das war sie." Was sollte die Frage?
"Dann seid Ihr hier, weil Euer Appetit noch nicht gestillt ist?" Ihre Stimme war von Bitterkeit durchzogen.
"Was willst du?" brach es plötzlich aus ihm hervor.
Sie sah ihn mit großen Augen an. "Wie bitte?"
"Was du willst? Ich habe dich nicht angerührt, obwohl ich es wollte, obwohl es mein gutes Recht gewesen wäre. Ich habe dich in Ruhe gelassen. Ich habe dir unsere Sprache beigebracht! Verdammt, was willst du noch? Warum sitzt du hier auf einem Baum und heulst den Mond an? Was willst du, daß ich tue? Denn, glaub es oder nicht, ich würde dir jeden Wunsch erfüllen, den du äußerst. Denn ich liebe dich."
Schweigen senkte sich über den kleinen Hof, als hätte es in der Dunkelheit Substanz angenommen.
Dann sprach Anathe. "Ich? ich möchte bei dir sein, an deiner Seite. Ich möchte mit dir über Kleander diskutieren, und über all die großen und kleinen Dinge in der Welt. Ich möchte meine Kinder mit dir großziehen und zusehen, wie du sie reiten lehrst, und schnitzen und wie du ihnen beibringst, ein so guter Mann zu sein wie du. Ich möchte dich zu meinen Eltern bringen und meinen Freunden. Ich möchte, daß du zu meiner Familie gehörst. Ich möchte bis ans Ende meiner Tage bei dir sein. Denn ich liebe dich auch."
Die Stille senke sich wieder. Und irgendwie wußte Daregan, daß das genug Worte gewesen waren. Er trat auf sie zu und diesmal wich sie nicht zurück. Und sie erstarrte auch nicht. Sie hob ihm ihr Gesicht entgegen. Daregan senkte seines und spürte plötzlich ihre weichen Lippen unter seinen. Er zog sie näher an sich heran und küßte sie verlangend.
Sie antwortete mit dem gleichen Feuer. Er spürte, wie sie sich an seinen Körper drückte und sein Verlangen manifestierte sich körperlich. Er löste sich von ihr.
"Dies ist nicht der Ort. Komm."
Er zog sie mit sich aus den Frauengemächern heraus in sein eigenes Schlafgemach und küßte sie wieder. Er spürte, wie ihre Hände über seinen baren Brustkorb glitten, über seine Schultern, seinen Morgenmantel abzustreifen drohten. So viel Leidenschaft bekam er von seinen Konkubinen sonst nicht. Er ließ den Mantel fallen und schob seinerseits mit beiden Händen ihre Tunika über ihren Kopf. Ihre Haut war genauso samtig, wie er es sich vorgestellt hatte. Und ihr Feuer heißer, als es je jemand hätte hoffen können.
Diese Liebessache war vielleicht doch nicht so wahnsinnig.
* * *
Es war Daregan noch nie zuvor aufgefallen, was für einen wunderschönen Blick er aus dem Fenster seines Arbeitszimmers hatte. Von hier aus konnte er bis weit über die roten Ziegeldächer der Stadt sehen, die sich auf den Hügeln ausbreitete und die Sonne tauchte das Panorama in einen leuchtenden Farbton, den wohl kein Maler schöner hätte einfangen können. Er war noch nie so glücklich gewesen, in seinem ganzen Leben. Er hatte sich noch nie so wohlgefühlt mit einer Frau. Er genoß die Abende im Bett ebenso wie die über den staubigen Schriftrollen, sie stritten und lachten und vor allem liebten sie sich. Es könnte immer so weitergehen.
Ein Klopfen an der Tür riß ihn aus seinen glücklichen Gedanken.
"Herein!"
Sein alter Hausdiener trat ein, der Vorstand seines Haushaltes. "Verzeiht, Herr." Er wrang zögernd die Hände.
"Ja?" fragte Daregan.
"Da sind hohe Herren in der Halle, die Euch zu sprechen wünschen."
"Und um wen mag es sich dabei handeln?"
"Ich? ich bin mir nicht sicher. Ich? ich hatte den Eindruck, es handle sich um Herren, die vom königlichen Hof zu uns kommen."
"Der Hof?" Daregan gehörte zu den alteingesessenen Händlern, aber seine Kontakte zum königlichen Hof waren eher selten. "Warum bringst du sie nicht in den kleinen Salon", er erhob sich, "ich werde sie dort erwarten."
"Herr? Sie wollen in Eurem Arbeitszimmer empfangen werden."
Daregan runzelte die Stirn. "Hier?"
Der alte Mann nickte. Daregan betrachtete das Chaos auf seinem Schreibtisch einen Moment lang.
"Bring? bring sie herein, aber eil dich nicht zu sehr. Ich will hier noch ein wenig Ordnung schaffen."
Der Diener verneigte sich ehrfürchtig und verließ das Zimmer. Daregan rollte seine Notizen schnell zusammen, klappte das Kontobuch zu und verstaute alles im Regal hinter ihm. Er steckte die Schreibfeder in ihren Halter neben dem Tintenfaß, legte das kleine Messer, das er zum anspitzen verwendete, ordentlich davor. Er inspizierte seinen Arbeitsplatz kurz, fand, er sei zufrieden und setzte sich erwartungsvoll.
Es klopfte erneut an der Tür und sein Hausdiener trat herein, gefolgt von zwei Männern in kostbaren Gewändern. Sein Diener hielt ihnen sich verbeugend die Tür auf, machte dann eine zweite Verbeugung und schloß die Tür leise hinter sich.
Daregan stand auf.
"Meine Herren! Mein Diener sagte, Ihr wäret aus dem königlichen Palast? Welchem Umstand verdanke ich, ein einfacher Kaufmann, diese Ehre?"
Die beiden Männer warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Was genau dieser Blick sagen mochte, blieb Daregan ein Rätsel.
"Ihr seid Daregan te Raban? Sohn und Erbe des Händlers Raban te Ergol?" fragte der Mann zu seiner Linken, ein großer Mann mit einem sauber ausrasierten schwarzen Bart und der aufrechten Haltung eines Kriegers.
"Ich bin Euer Mann. Was kann ich für Euch tun?"
"Setzen wir uns." Es war mehr ein Befehl als eine Bitte. Daregan nahm hinter dem Schreibtisch Platz und die beiden Männer auf den beiden kleinen Bänken, die normalerweise seinen Schreibern und Buchhaltern Platz bot. Es war Männern aus dem Palast unwürdig.
?Ich habe einen Salon, in dem ich gewöhnlich meine Geschäfte mit geschätzten Freunden bespreche.?
"Auch mit Alean te Benir?"
"Wie bitte?"
"Alean te Benir, den kennt Ihr doch, oder irre ich?"
"Ja, Alean ist ein langjähriger Freund von mir. Hat er mich Eurer Aufmerksamkeit empfohlen?"
"Das könnte man so sagen. Ist es wahr, daß Ihr ihn mit Geld unterstützt habt?"
Daregan lehnte sich zurück. "Ich denke, meine Freundschaften oder wie ich sie pflege sind nicht von Interesse für den Palast."
"Was für den Palast von Interesse ist und was nicht, solltet Ihr dem Palast überlassen." Dies kam unerwartet von dem Begleiter des Soldaten. Sein Bart war ebenso sauber ausrasiert, allerdings mehr, um das Doppelkinn zu kaschieren, daß sich als Gegenstück zu dem überbordenden Bauch in seinem Gesicht gebildet hatte.
"Ich stelle fest, daß Ihr Euch noch nicht vorgestellt habt." Daregan ließ seine Stimme hart werden.
"Auch das", antwortete der Beleibte, "ist für Euch nicht von Interesse. Noch nicht." Die Drohung war kaum zu überhören.
"Was wollt Ihr damit sagen?"
"Mein Freund will damit nichts weiter sagen, als das es besser für Euch wäre, unsere Fragen zu beantworten."
Daregan lehnte sich zurück. "Euer Freund? Ist das sein Name? Freund? Denn vorgestellt habt Ihr Euch immer noch nicht."
"Kommen wir zurück zu Alean te Benir.?"
"Nein, bleiben wir bei Euch. Dies scheint mir nicht geschäftlich zu sein. Es hat mehr den Anschein eines Verhörs."
"Wer sprach von einem Verhör?" fragte der Beleibte.
Daregan stand auf. "Ihr habt mir außer Euren prachtvollen Kleidern keinen Beweis geliefert, daß Ihr Herren des Palastes seid. Folglich muß ich annehmen, Ihr seid nicht, wer Ihr zu sein behauptet. Verlaßt mein Haus!" Er deutete mit dem Finger auf die Tür.
Die beiden Fremden sahen ihn prüfend an. "Ihr leugnet also Eure Beziehung zu Alean te Benir nicht? Was genau habt Ihr für ihn getan?"
"Ich denke, ich war deutlich genug. Verlaßt mein Haus."
Die beiden sahen einander einen Moment lang bedeutungsvoll an. Diese beiden Männer arbeiteten schon lange miteinander, daß konnte er sehen. Mit einem einzigen Blick sprachen sie ihre weitere Vorgehensweise ab.
Sie erhoben sich.
"Ihr könntet das bereuen. Ich denke, wir werden uns schon sehr bald wiedersehen", sagte der Soldat.
Damit drehten sie sich um und verließen den Raum.
Daregan wurde auf einmal schwach in den Knien. Er setzte sich. Wo hatte Alean ihn da mit hineingezogen? Wer waren diese Männer? Die, bei denen er die Schulden gemacht hatte? Wollten sie jetzt auch an sein Vermögen? Oder war Alean untergetaucht und sie suchten nach ihm? Er hatte Alean seit Wochen nicht mehr gesehen, wer konnte schon wissen, was mit ihm los war?
"Tarek!" rief er. Fast augenblicklich erschien einer seiner Diener, der immer vor der Tür bereit stand, um ihm jederzeit alle Wünsche zu erfüllen. "Hol mir einen Botenjungen, ich brauche jemanden, der zu Alean te Benir rennt und ihm eine Botschaft bringt."
Tarek verbeugte sich und verschwand auf der anderen Seite der Tür.
Daregan nahm ein Stückchen Papier und kritzelte eilig darauf.
Alean. Dir zu helfen war keine brilliante Idee. Habe ungewöhnlichen Besuch bekommen. Erwarte ein persönliches Gespräch sobald es Dir möglich ist.
"Herr", piepste eine junge Stimme unsicher von der Tür her, "Ihr wolltet einen Boten?"
"Ja." Daregan rollte die Nachricht zusammen, tropfte etwas Wachs darauf und gab es dem Jungen. "Bring das zum Haus von Alean te Benir und bring es ihm persönlich. Laß dir eine Antwort mitgeben."
"Ja, Herr." Der Junge nahm die Nachricht entgegen und verschwand.
Daregan schloß die Augen einen Moment lang. Wo war er da hineingeraten?
* * *
Anathe betrat sein Zimmer nach einem kurzen Klopfen. Daregan hörte es von seinem Platz am Balkon aus.
"Ich bin hier", rief er.
Anathe trat durch die hohen Fenster zu ihm. Er konnte ihre Nähe spüren wie ein wärmendes Feuer an seinem Rücken. Sie legte ihre Arme um seine Taille und schmiegte ihre Wange an seine Schulter. Daregan faßte ihre Hände.
"Was ist los?" fragte sie.
"Wie bitte?"
"Was ist los mit dir?"
Daregan schüttelte den Kopf. Er hatte noch keine Antwort von Alean erhalten, aber dies war nichts, was man mit einer Frau besprach. "Es ist gar nichts, wirklich."
"Du lügst", stellte sie nüchtern fest. Dann schwieg sie.
Daregan lächelte. Dies war keine gewöhnliche Frau. "Es ist wirklich nichts weiter. Nur ein paar geschäftliche Probleme. Es wird wieder vorübergehen."
Sie schmiegte sich noch enger an ihn. Die Nacht senkte sich langsam über sie herab, der Himmel wurde violett und der schwere Duft der Blumen aus dem Garten mischte sich mit der ersten Kühle der Nacht. Das war das Glück. So sollte es ewig bleiben.
Ein Diener betrat das Schlafgemach hinter ihnen und zündete die Kerzen und Lampen im Raum an, wie jeden Abend. Das Licht aus dem Raum fiel golden in den Hof unter ihnen.
Plötzlich hörte er ein Poltern aus dem vorderen Teil des Hauses.
"Was??" Daregan drehte sich zur Balkontür um. Schritte und Rufe hallten durch das Haus. Er löste sich von Anathe und ging in sein Schlafgemach zurück. Er wollte gerade die Tür öffnen, um nach dem rechten zu sehen, als die Tür plötzlich von der anderen Seite aufgeworfen wurde. Daregan wich zurück. Die scharfen Spitzen blitzender Schwerter waren das erste, was er erkannte, bevor sich der Raum mit Soldaten füllte. Der Atem blieb ihm stehen. Dies waren Soldaten des Königs. Ein heiß-kalter Schwall fuhr durch seinen ganzen Körper. Er hatte wohl einen Fehler gemacht. Er blieb wie angewurzelt stehen. Er wagte es nicht, auch nur einen einzigen Muskel zu rühren, aus Angst, die Soldaten könnten entscheiden, er wolle fliehen.
"Daregan te Raban. Ich sagte Euch doch, daß wir uns bald wiedersehen."
Daregans schlimmste Befürchtungen wurden wahr. Der breitschultrige Besucher von vorhin schritt durch eine Schneise, die die Soldaten für ihn räumten.
"Zweifelt Ihr immernoch daran, daß ich vom Palast komme?"
"Es? es scheint, ich habe einen Fehler", konnte Daregan seine Zunge zu sagen bewegen.
"Ganz recht. Einen großen Fehler." Er umrundete Daregan langsam. "Aber der hat nicht erst heute Nachmittag angefangen. Ihr habt Alean te Benir Geld gegeben, nicht wahr?" Er schritt weiter um Daregan herum. "NICHT WAHR?!" donnerte er plötzlich.
"Ich? ja, das habe ich. Er? er mußte davon?"
"Er mußte davon eure Mitverschwörer bezahlen, die Bestechungsgelder, nicht wahr?"
Daregan spürte, wie er bleich wurde. "Mitverschwörer?"
"Sicherlich. Eure Mitverschwörer. Oder wollt Ihr etwa abstreiten, daß Ihr mit Alean te Benir gemeinsame Sache gemacht habt?"
Daregan schluckte. "Ich? ich wollte nur einem Freund helfen, ich hatte nie die Absicht?"
"Spart Euch Euren Atem. Wir haben Beweise für Euren Verrat." Er zog ein Stückchen zusammengerolltes Papier aus seinem Ärmel hervor. Daregan erkannte es. Es war die Nachricht, die er an Alean geschickt hatte. "'Dir zu helfen war keine brilliante Idee'", zitierte er. "Nein, das war es wohl nicht." Er schritt weiter durch den Raum, immer um Daregan herum. "Seht Ihr, als Ihr diese Nachricht schicktet, da hatten wir Herrn Alean te Benir bereits in Gewahrsam. Er hat seine Verbrechen gestanden und er hat auch gestanden, daß Geld von Euch zu haben."
"Geld wofür?"
"Oh, Herr Daregan! Ihr wollt mich doch nicht für dumm verkaufen! Hört Ihr mir nicht zu? Alean te Benir hat all Eure Pläne bereits gestanden. Ihr hattet vor, unseren hohen Herrscher, den edlen Samirat Taladen, auf die andere Seite des Flusses zu schicken. Ein feiger Anschlag auf sein Leben und seinen Thron!" Das Gesicht des Mannes verzerrte sich wütend. "Und dafür werdet Ihr mit Eurem Leben bezahlen."
"Nein! Herr, ich wußte nicht, wofür Alean das Geld verwenden wollte! Ich lebte in dem Glauben?"
"Spart Euch Eure Worte." Er zog ein weiteres, größeres Stück Pergament aus seinem Umhang und hielt es hoch. "Euer Todesurteil ist bereits gesprochen. Es wird noch heute Nacht vollstreckt und bereits morgen wird Euer Kopf über dem Tor des Palastes auf einem Pfahl die Sonne begrüßen." Mit einem metallischen Scharren zog er sein Schwert aus der Scheide.
Daregan erstarrte. So sah sein Tod aus?
Mit unheimlicher Klarheit nahm er alles um sich herum war. Das triumphierende Grinsen des obersten Soldaten, die Männer hinter ihm mit ihren gezogenen Schwertern, und ein klackendes Geräusch als Anathe etwas hochhob, daß einen halben Lidschlag später mit einem Feuerschweif an ihm vorbeizog. Die Soldaten verschwanden hinter einer Flammenwand, als das Glas der Öllampe auf dem Boden zerschellte und das Petroleum auf sie alle spritzte und sich auf dem Teppich verbreitete. Rufe und überraschte Laute kamen von den Kriegern. Daregan stand da wie angewurzelt, bis er eine Hand ihn am Arm packte. Anathe ließ ihn nicht los, sondern zerrte ihn durch die wild um sich schlagenden Soldaten zur Tür. Sie rannte mit ihm im Schlepptau aus der Tür. Daregan folgte ihr blind. Sie rannten auf die Frauengemächer zu, registrierte der kleine Teil von ihm, der noch zu rationalem Denken fähig war. Anathe stürmte hinein. Kliea stand besorgt direkt hinter der Tür und starrte ihnen mit großen, angsterfüllten Augen entgegen.
"Was ist los?"
"Wir müssen fliehen", keuchte Anathe. "Sie sind gekommen, um Daregan hinzurichten."
"Ach, sind sie das?" fragte Area. Daregan sah zu ihr auf. Ihre Stimme klang kalt und wütend.
Anathe richtete sich wieder auf. "Los, sie sind direkt hinter uns." Sie packte Kliea bei der knochigen Hand und zog sie hinter sich her. Daregan wandte sich um, um weiter zu fliehen.
"HIER! SIE SIND HIER!"
Die kleine Gruppe wandte sich wie vom Blitz getroffen um. Area lächelte sie alle bitter an. "Wo soll ich denn hin? Mit euch irgendwo in den kalten Norden, Bauer werden? Nein. Ich suche mir lieber einen mächtigeren Mann."
Anathe erholte sich als erste wieder. Sie packte Daregan erneut und zog ihn fort. Hinter sich hörten sie die Schritte der Soldaten. Daregan rannte. Er packte seinerseits Anathes Handgelenk und zog sie mit sich. Sie mußten zur Hintertür, das war der nächste Ausgang. Sie mußten es schaffen oder sie würden sie alle töten. Sie rannten durch das Treppenhaus für die Dienerschaft ins Erdgeschoß, durch die Küche und die Waschküche. Die irritierten Blicke einiger Sklaven folgten ihnen.
Das Aufflackern eines schlechten Gewissens überkam Daregan. Er würde sie alle ihrem Schicksal überlassen müssen.
"LAUFT!" schrie er, so laut er konnte. Aber die Sklaven blieben nur wie angewurzelt stehen und starrten verblüfft. Anscheinend war es ein zu unglaublicher Befehl, um ihm folge zu leisten.
Dann stieß er die Tür auf.
Ein überraschtes Gesicht starrte ihm entgegen. Ein Gesicht umgeben von einem Helm der königlichen Wache. Der junge Mann überwand seine Überraschung, griff nach seinem Schwert und beugte sich plötzlich mit schmerzverzerrtem Gesicht vornüber. Anathe neben ihm hatte schneller reagiert als er. Und auf eine Weise, die Daregan nie in Betracht gezogen hätte. Sie hatte ihm einen Tritt in eine Gegend verpaßt, die Daregan bei weitem als zu schmerzvoll empfand.
Aber man mußte ihr lassen, es war nicht tödlich und würde die Wache lange genug aufhalten, damit sie entkommen konnten.
Sie rannten die dunkle Straße hinunter und flohen aus der Stadt, die so lange Daregans Heimat gewesen war.
* * *
Daregan hockte im Licht der aufgehenden Sonne auf einem kleinen Hügel und zog die Kapuze des rauhen Mantels tiefer in sein Gesicht. Er blickte auf die Stadt hinunter, auf die rauchende Stelle, die einst sein Haus gewesen war und die jetzt wie eine schwarze Wunde zwischen den alabasterweißen Häusern der anderen Kaufleute lag. Es war, als würde dieser klaffende, verkohlte Mund ihn mit den Stimmen seiner Vorväter anklagen.
Du hast alles verloren.
Er war dumm gewesen, hatte einem falschen Freund vertraut, und jetzt hatte er nichts mehr als das nackte Leben. Er vergrub sein Gesicht in den Händen.
"Dari", flüsterte Anathe eindringlich in sein Ohr, "Dari, wir müssen weiter." Daregan blickte über die Schulter, wo Anathe die beiden Maulesel festgemacht hatte, die sie unrechtmäßig an sich gebracht hatten. Eines war beladen mit hauptsächlich gestohlenen Gütern, auf dem anderen saß Klieas gebeugte Gestalt.
Dann wandte er sein Gesicht wieder der Stadt zu.
"Warum? Es ist doch alles verloren."
Anathe hockte sich neben ihn. "Was ist verloren?" fragte sie.
Er machte eine ungeduldige Geste auf die Stadt unter ihnen, das verkohlte Haus.
"Alles! Alles was meine Vorväter erschaffen haben! Es ist in Flammen aufgegangen!"
Sie schlang eine Hand um seinen Arm und strich sanft darüber. "Das mag so sein", sagte sie. "Aber was unsere Kinder schaffen werden, das ist nicht in Flammen aufgegangen."
Daregan sah sie an.
"Unsere Kinder?"
"Unsere Kinder", bestätigte sie.
Daregan schwieg eine Weile. Unsere Kinder.
"Wo sollen wir jetzt hin?" flüsterte er.
Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. "Heim", sagte sie schlicht.
Kommentare
Judith Voce schrieb:
Hallo Hawk,
eine vortreffliche Geschichte, wie man sie aus deiner Feder gewohnt ist. Gut hat mir gefallen, daß diesmal die weibliche Hauptperson nicht wie sonst das hilflose Weibchen ist, sondern Biß hat, Grips und sogar Bildung. Den Schluß habe ich in etwa so in der Art erwartet: irgendeine Katastrophe passiert, und die beiden sind frei, nach Norden zu ziehen.
Allerdings fand ich es etwas unwahrscheinlich, wie Daregan die Gesandten des Königs abgefertigt hat. Ist er so ein Hitzkopf, daß er sie gleich rausschmeißt und sich nicht einmal anhört, was sie zu sagen haben? Und warum nennt der Gesandte des Königs seinen Namen nicht? Das ist doch sonst immer das erste, was jemand von hohem Rang und in wichtiger Mission nennt: seine Namen und Titel ... aber egal.
Ich finde, du hast nicht nur die Figuren (Anathe ist natürlich mein Liebling; ich liebe toughe Frauen, die obendrein gelehrt sind), sondern auch den Hintergrund schön und stimmig ausgearbeitet: die detaillierte Beschreibung seines Hauses und Haushaltes, die etwas exotischen gesellschaftlichen Strukturen usw.
Was mir noch sehr positiv auffällt: dein Held macht eine innere Veränderung durch. Er denkt nach, beginnt, katalysiert durch Anathe, das Bestehende in Frage zu stellen. Und das ganz allmählich, so daß es glaubhaft rüberkommt.
Grüße, Judith
JBHawk schrieb:
Mal wieder vielen lieben Dank für Deine Kritik und ich muß Dir sogar recht geben. Die Katastrophe ist nicht so wahnsinnig geschickt von mir herbeigeführt worden. Aber es mußte ja irgendwie passieren... ;)
Aljedan@sms.at schrieb:
sehr nette geschichte. ich schreibe selber und mir gefällt dein stil.
mach weiter so.
mfg Aljedan
Kommentar hinzufügen