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Kategorien > Beziehungen > Emotionen

Der Wasserturm

von Norbert Hilgers

Nachdem der Donner mir fast das Trommelfell zerrissen hatte, dringt nun der
aufgewirbelte Staub ätzend in Mund, Nase und Augenlieder. Wie Puderzucker
bedeckt er meinen dunklen Ledermantel den ich wegen der eisigen Kälte eng um
mich gebunden habe. Sehr schnell ist es gegangen, ganz anders als es in den
Reportagen im Fernsehen gezeigt wird. Nachdem das Dynamit gezündet hatte
waren an mehren Stellen des alten Turmes kleine Lichtblitze zu sehen
gewesen. Backsteine waren durch die Kraft der Explosion aus ihrem Verbund
gerissen worden und hatten dem Turm seine Stabilität genommen. Zuerst sah es
aus als würde er widerstehen. Er zitterte nur ein wenig, neigte sich dann
langsam und bedächtig zur Seite. Er starb wie er gelebt hatte mächtig und
voller Würde. Viele Jahrzehnte hatte er das Bild unserer Stadt geprägt, war
Symbol von Wachstum und Wohlstand. Nun erinnerte nur noch ein rauchender
Haufen Schutt an seine über vierzigjährige Existenz. Dies ist ein Begräbnis
ohne Pfarrer, Kränze oder Blumen. Die Wenigen die gekommen sind wenden sich
aufregenderen Dingen zu, für sie hatte der Turm keine Bedeutung. Für mich
war er ein Freund, mehr noch ein Eingeweihter ein Mitverschwörer. Hatte er
doch ein Geheimnis bewart welches ich seit seinem Bau im Herbst 1952 mit ihm
teilte. Damals war ich an seiner Entstehung mitbeteiligt. Nein nicht als
Konstrukteur oder Bauleiter, daß kam erst sehr viel später Ich musste mir
mein Studium mit Hilfsarbeiten auf dem Bau verdienen. Hier lernte ich auch
Klara kennen. Klara war die Tochter meines Poliers. Hennes wurde er damals
genannt in Wirklichkeit hieß er Hans Keller, war ca. 40 Jahre alt, und hatte
schon damals Gicht in den Knochen. Klara, auch nach 40 Jahren scheint ihr
helles Lachen noch vom Wind mitgenommen und zu mir herübergetragen zu
werden. Siebzehn bescheidene Jahre, und einen Glanz in den Augen der soviel
Lebensfreude widerspiegelte, daß mir ganz schwindelig wurde. Klara war nur
einmetersechzig groß, hatte nussbraune toupierte Haare wie es zu jener Zeit
Mode war, und fast schwarze Augen. Ihre Fingernägel waren rot angemalt wenn
wir uns trafen. Die erste Liebe traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel,
und alle späteren Begegnungen und Beziehungen erreichen nie wieder eine
derart tiefe Verunsicherung und Bindung. Wir trafen uns heimlich, die
Tochter des Poliers Keller, und der Student Rainer Hoffmann. Unser erster
Treffpunkt war der Stadtpark, wo wir jedoch schnell feststellten das es zu
viele Menschen in dieser Stadt gab, die mich oder Klara kannten. Warum
niemand von unserer Freundschaft wissen sollte kann ich nicht begründen, ich
glaube das diese erste Liebe viel zu persönlich war , als das Andere daran
teilhaben oder auch nur davon wissen sollte. Wir kamen schnell auf einen
viel besseren privateren Treffpunkt, die Baustelle neuer Wasserturm. Hier
kannte ich alle Winkel und Verstecke. An den Wochenenden ruhten die
Bauarbeiten, und ein Loch im Bauzaun war schnell geschnitten, Das war unser
Versteck, wir trafen uns jeden Samstag und Sonntag-nachmittag hinter der
Baubude ihres Vaters, welches wir ganz besonders komisch fanden. Hier
konnten wir die unterschiedlichsten Persönlichkeiten annehmen, wir spielten
Romeo und Julia. Wir betrachteten den Turm wie unsere Burg und kamen uns vor
wie Lanzelot und Genoveva. Wir waren wieder Kinder und ließen Sie wieder
unbekümmert aus uns heraus. Klara beherrschte perfekt die Kunst der
Verwandlung und überraschte mich immer aufs neue mit dieser Eigenschaft. Der
Zeit der fast kindlichen Spiele folgte die Zeit der Träume und Enddeckungen,
wir entwarfen unsere Traumwelt, und schwelgten in naiven Gedanken. Auch
entdeckten wie nach und nach den Körper des anderen. Wir trafen uns viele
Male bis wir uns das erste mal küssten. Die Sinnlichkeit ihre Hand zu
streicheln, das Lachen in ihren Augen all das Wenige das doch tief ins Herz
traf. Wir schliefen nie miteinander, dennoch war das Gefühl mit meiner Hand
das erste mal ihren kleinen Busen berühren, elektrisierender als ein
Stromschlag. Der Bau des Wasserturmes zog sich noch über den ganzen Herbst
hin. Die ganze Woche über fieberte ich unseren Treffen entgegen. Ende August
1952 sollte Richtfest gefeiert werden. In dieser Woche wurde schon am
Donnerstag Nachmittag nicht mehr gearbeitet, so daß wir uns am selben Abend
trafen. Klara hatte ihr kurzes geblümtes Kleid an. Die obersten Knöpfe hatte
sie kurz bevor sie den Bauzaun erreichte aufgeknöpft so dass, wenn ich wenn
sie sich zu mir herabbeugte ihre Brüste sehen konnte. Sie war an diesem
Nachmittag aufgeregter und anziehender als je zuvor, sie redete in einem
fort von sich und von ihren Träumen und Hoffnungen. Als sie mir einen Kuß
gab bemerkte ich, daß sie etwas getrunken hatte, es war nicht viel, und es
war bei Gott nicht soviel das sie nicht mehr wußte was sie wollte. Sie wußte
genau was sie wollte. Als sie die Holzleiter zur ersten Plattform des
Rohbaues hinaufstieg und mir ein Zeichen gab das ich ihr folgen sollte,
konnte ich erkennen das sie nichts unter ihrem Kleid trug. Ich kletterte wie
ein Irrer die Leiter hinauf, sah sie aber schon den Aufstieg zur zweiten
Plattform nehmen. Viel zu langsam durchdrang die Erinnerung an das was
Klaras Vater mir heute morgen noch eingehämmert hatte mein
hormongeschwängertes Gehirn. Die Haltebolzen der zweiten Plattform waren zum
größten Teil schon entfernt worden. Nur ein kleines Übergangsstück hinter
der Leiter war für die Arbeiter die mit den Abrissarbeiten beschäftigt waren
gesichert worden. Bevor ich Klara jedoch warnen konnte hörte ich den kurzen
Schrei und den nachfolgenden dumpfen Schlag mit dem ihr schmaler Körper auf
den Beton aufschlug. Danach folgte bleierne Stille. Ich war starr und völlig
benommen vor Schrecken, meine Beine zitterten so stark, daß ich die Tritte
der Holzleiter verfehlte und beinahe ebenfalls hinabgestürzt wäre. Sicher
hatte es nur wenige Sekunden gedauert bis ich bei ihr war, aber die Zeit
schien für mich endlos. Da lag sie. Sie schien zu schlafen. Mir war als
hätte sie sich nur hingelegt um mit ihren dunklen Augen den Himmel zu
betrachten, so wie wir es oft zusammen taten. Ihr kurzes buntes Kleid hatte
sich über ihre Oberschenkel gezogen, und in meiner Hilflosigkeit war das
erste was ich tat es so zu ordnen, daß niemand es sehen konnte. Ich nahm
ihren Kopf in meine Hände, und hoffte in ihren Augen einen Funken von
Erkennen zu entdecken. Ihre Wangen waren warm ihre Lippen rot, und
schmeckten wie immer.Nur erwiderte sie meinen Kuß nicht. Ihre Haare, die
kleine rosa Spange mit der sie sie in den Nacken gebunden hatte, alles
wirkte so lebendig. Komm steh auf, lass uns tanzen, der Mond ist heute nur
für uns beleuchtet. Ich schlang meine Arme um ihren Oberkörper zog sie zu
mir auf den Schoß, so saßen wir da Stunde um Stunde während ich erzählte.
Die Tränen die mir die Wange herunterliefen vermischten sich mit dem Blut
das sich unter ihr gesammelt hatte und bildete eine rosa Lache. Ich sprach
von all den Dingen, die wir noch vor uns hatten, lauter irren Kram,
verrücktes Zeug. Längst war es Nacht geworden, und der Körper in meinen
Armen wurde kalt. Den Gedanke jedoch mich von ihr zu trennen schob ich immer
weiter vor mir weg. Hier hatte ich die bisher glücklichsten Stunden meines
Lebens verbracht, hier wollte ich bei ihr sein. Erst gegen Mitternacht
konnte ich meine Gedanken soweit ordnen, daß ein Plan in meinem Kopf Gestalt
annahm. Ich legte Klaras Körper auf meinen Jacke und machte mich roboterhaft
an die Arbeit. Gegen Mittag hatte man begonnen eine Verschalung auszugießen,
der Beton mußte noch weich sein, so daß ich Teile aus ihm entfernen konnte.
Nach einer Stunde Arbeit hatte ich ein so großes Stück beseitigt, daß Klaras
Körper in die entstandene Offnung passen mußte. ich hatte den Ausbruch so
gestaltet das Klara sitzen konnte. Behutsam umfaßte ich ihre schmalen
Hüften, und trug sie zu ihrer letzten Ruhestätte. Sie saß da wie eine
griechische Göttin in der von Mondlicht schwach ausgeleuchteten Grube. Der
benötigten Beton war schnell gemischt, und nach und nach verschwand Klara
hinter einer Schicht aus Sand und Steinen. Nachdem ich die Spuren unserer
Anwesenheit beseitigt hatte schlich ich todmüde zurück in mein
Studentenwohnheim.

Die Untersuchungen über das rätselhafte verschwinden Klaras zogen sich
mehrere Monate hin.Auch ich wurde befragt, aber der Beamte legte wenig
Enthusiasmus an den Tag, so daß mein erfundenes Alibi nie auf den Prüfstein
gelegt wurde. Ich arbeitete noch vier Monate auf der Baustelle wo ich mich
immer ganz in der Nähe von Klara fühlen konnte Mein Studium als
Wasserbauingenieur schloß ich wenige Jahre später ab. Ich habe mich dann
hier beim Bauamt des Kreises beworben, und mit Glück und Beziehungen den
Posten erhalten,. Auch der Wasserturm gehörte zu meinem Kontrollbereich.
Wann immer es mir die Zeit erlaubte besuchte ich Klara, ich lehnte mich an
das Mauerwerk und teilte mit ihr meine Träume und Sorgen. Klara war immer
ein geduldiger Zuhörer und in ihrer Anwesenheit entstanden die besten Ideen.
Dann wurde ich in eine andere Stadt versetzt und als dann Helga in mein
Leben trat, und mehr und mehr Klaras Stelle einnahm, wurden die Besuche am
Wasserturm immer seltener. Es kam mir wie Betrug an Beiden vor. Immer umgab
dieser stille Vorwurf unsere wenigen Treffen. Es vergingen dann einige Jahre
ohne das ich Klara besuchte.
Erst die Meldung im Rheinkurier, daß der alte Wasserturm gesprengt werden
sollte brachte Klara zurück in mein Leben.

Der letzte Rauch hat sich verzogen, der Staub sich gelegt. Die Rose die ich
mitgebracht habe lege ich hier ins Gras für dich Klara. Ich werde dich
vermissen Wasserturm, doch langsam wird mir klar das die Zeit uns Beide
längst eingeholt hat.

Kommentare

franke, sina schrieb am 2010-02-22 22:51:15:
wir schreiben das Jahr 2010, vor drei jahren habe ich das letzte mal díese geschichte kommentiert. heute habe ich sie wieder gelesen und wieder traten traenen in meine augen.
ich kann einfach nicht aufhoeren an diese geschichte zu denken. sie ist etwas ganz besonderes. und ich werde sie wieder lesen, bis ich sie eines tages auswenig kann ^^
ich hoffe, dass auch andere diese geschichte lesen und die kommentieren.

ganz liebe gruesse an den autor dieser geschichte, die mich schon seid drei jahren zum weinen bringt

sina
franke, sina schrieb am 2007-05-27 19:19:05:
es tut mir leid.
wollte dir nur noch mal sagen wie geil diese geschichte ist. lese sie fast jedesmal wenn ich hier on bin. sie ist einfach der hammer.
und trotz der unzähligen male, die ich sie gelesen habe, überzieht mich eine gänsehaut.
ganz liebe grüße
sina
sina franke schrieb am 2007-04-02 12:07:08:
das ist echt der wahnsin so schön und traurig zugleich...
man kann sich sehr gut in diese person hineinversetzen... du hast wirklich talent

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