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Kategorien > Mysterie > Seltsam

Der Weiher

von Norbert Hilgers

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Mit der Suche nach Tim rückten Ereignisse in mein Bewusstsein zurück, die ich schon wie vergessene Akten in einer alten Schublade wähnte.
Nach einem lautstarken Streit mit Ellen war er, ohne das wir es gemerkt hatten, davongelaufen. Da ich in der Nähe geboren und aufgewachsen war, kannte ich mich gut in der Umgebung aus und wir hatten schnell alle möglichen Verstecke und Winkel abgesucht, ohne auch den geringsten Hinweis auf den Verbleib unseres Sohnes zu entdecken.
Seltsamerweise fielen erst jetzt meine Gedanken auf den Ort, an den mich zu erinnern mir fast physische Schmerzen bereitete.
„Wir müssen zum Dunkenweiher."
Meine Stimme klang so bestimmt, dass Ellen, die ohnehin schon ganz blass vor Sorge war, zu zittern begann.
„Was zum Teufel ist der Dunkenweiher?"
Ich sammelte mich einen Moment um zu überlegen, wie ich es ihr erklären sollte, ohne dass sie in Panik geriet.
„Der Dunkenweiher ist ein alter Dorfteich, der eigentlich schon verlandet sein müsste. Das Dorf selbst ist im letzten Jahr vom Tagebau geschluckt worden, aber vielleicht ist der Teich, der etwas außerhalb lag, noch vorhanden.“
Bevor ich Weiteres sagen konnte, war Ellen schon im Korridor und streifte ihre Regenjacke über.
“Mach schon! Worauf wartest du noch?“, rief sie aufgeregt.
„Keine Angst, Ellen, es geht keine Gefahr mehr von ihm aus; im letzten Herbst war er nur noch knapp einen halben Meter tief."
Ellen kam zurück, stemmte ihre Arme in die Hüften und sah mir tief in die Augen.
„Was hat es mit diesem verfluchten Weiher auf sich und woher kommt dieser merkwürdige Name?“, bohrte sie weiter.
Während wir den Feldweg hinunter zur Braunkohlegrube nahmen, durchforstete ich mein Gedächtnis und sammelte die Bruchstücke dessen auf, was ich über den Weiher zusammenbekam.
„Den Dunkenweiher hat man zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert als Gerichtsweiher genutzt. Ich glaube, dort stand früher die Richtereiche, an der man die zum Tod Verurteilten aufgehängt hat. In dem Weiher, so erzählte man, wurden Wasserproben an vermeintlichen Hexen durchgeführt."
Ellens Gesichtausdruck verriet mir, dass sie keine Vorstellung von dem hatte, wovon ich sprach.
„Die Wasserprobe bedeutete, dass die Opfer, meist Frauen, mit Daumen und Zehen aneinander gefesselt und an ein Seil gebunden wurden. So ließ man sie ins Wasser hinab. Wenn die Körper untergingen, so galten die Angeklagten als unschuldig und wurden wieder herausgezogen. Es kam jedoch gelegentlich vor, dass die Frauen dabei ertranken.
„Wie kam man denn auf diesen Quatsch?", warf Ellen erbost ein.
„Ganz einfach, man hat geglaubt, dass der Teufel mit der Hexe im Wasser wäre und ihr Untersinken verhindern würde oder dass Hexen sehr leicht sein müssten, um fliegen zu können, und daher nicht untergehen könnten.“
„Aber warum denkst du, dass Tim ausgerechnet zum Teich gelaufen ist?“
Ich rang mit mir, wie und ob ich Ellen diese alte Geschichte erzählen sollte.
Sie sah mich mit einem Blick an, der mir keine weitere Wahl ließ.
„Also gut, eine Geschichte, mit der wir Kinder vom Weiher ferngehalten wurden, besagte, dass zwei allein stehende Frauen der Hexerei bezichtigt wurden und mit ihnen eine Wasserprobe im Dunkenweiher durchgeführt wurde", erklärte ich.
„Warum sind sie der Hexerei bezichtigt worden?", warf Ellen ein.
„Als Kind wusste ich es nicht, weißt du, ich war noch keine zehn und vieles, was nicht für jugendliche Ohren bestimmt war, wurde nur unter vorgehaltener Hand getuschelt. Aber ich habe dir doch erzählt, dass ich vor einigen Monaten den alten Küster Paul Struder im Altenheim besucht habe. Wir kamen auf die Zeit zu sprechen, als wir noch Tür an Tür gewohnt haben. Struder hat sich als selbst ernannter Dorfchronist betätigt und hat alles, was noch an Wissen über das Dorf zu finden war, aufgeschrieben. Außerdem hatte er Zugang zu den alten Kirchenbüchern. Ich habe einiges kopiert und zu Hause durchgesehen. Also, er glaubt, dass die beiden Frauen ein, sagen wir einmal, außerordentlich inniges Verhältnis miteinander gepflegt haben. Da sie zudem wohl besondere Schönheiten gewesen sein sollen, sind sie vermutlich von Männern, die bei ihnen nicht landen konnten, denunziert worden."
Ellens betroffener Gesichtsausdruck erzeugte in mir, ohne dass sie einen Vorwurf aussprach, so etwas wie männliche Mitverantwortung ohne eigenes Zutun.
„Was wurde aus den Frauen? Sind sie ertrunken? Oder wurden Sie als Hexen verbrannt?", fragte sie.
„Das ist ja gerade das Merkwürdige. Als man sie an Händen und Füßen gefesselt in den Teich hinab ließ, gingen sie wohl sofort zum Missfallen einiger Dorfbewohner unter. Als man jedoch die Stricke herauszog, waren sie leer. Der ganze Teich wurde mit Stangen nach den beiden Frauen abgesucht, aber Sie wurden nie aufgefunden."
„Und nur der Verdacht, dass die beiden Frauen lesbisch waren, hat genügt sie zu denunzieren?"
„Sicherlich, aber es gab da noch etwas, das erschwerend dazu beigetragen hat."
„Und was war das? Waren sie die Hebammen des Dorfes? Oder waren Sie heilkundig und besaßen irgend welche Mittelchen gegen Impotenz, die dann irgendwann auch nicht mehr geholfen heben?", meinte Ellen spöttisch.
„Nein, nichts dergleichen. Es war, weil die beiden einen Sohn hatten!"
In Ellens Gesicht spiegelte sich Verblüffung.
„Keinen leiblichen", erklärte ich, „es muss wohl ein Findelkind gewesen sein, jedenfalls haben sie den Jungen ohne Vater aufgezogen."
„Irgendwie verstehe ich die Sache nicht. Was hat das Kind mit Hexerei zu tun?", fragte Ellen weiter.
„Der Junge war eine Zeitlang das einzige Kind im Dorf. Es gab nur wenige Familien, die ihre Kinder groß bekamen. Epidemien, herumlungernde Söldnergruppen, die Kinder als menschlichen Nachschub stahlen, Hunger und Ähnliches rafften die Kinder hin. Keiner gönnte diesen Frauen das Glück, ein gesundes Kind groß zu ziehen. Kurzum, später wurde immer wieder behauptet, dass merkwürdige Dinge in der Nähe des Weihers gesehen wurden."
„Und mit diesem Ammenmärchen hat man euch Kinder vom Weiher ferngehalten? Und was meinst du mit merkwürdigen Dingen?"
Ellen war an einem Holunderstrauch stehen geblieben und sah mir fragend in die Augen.
„Einige Dorfbewohner behaupteten, die beiden Frauen in der Nähe des Weihers noch Jahre nach ihrem Tod gesehen zu haben."
„Geistergeschichten, um kleine Kinder zu erschrecken", entgegnete Ellen geringschätzig.
Wir schwiegen gedankenverloren, während wir eine Lichtung überquerten.
„Was wurde aus dem Jungen?", fragte Ellen weiter.
„Er wurde von der Familie großgezogen, aus der die Denunzianten kamen, aber er hat wahrscheinlich seine Ziehmütter nie vergessen."
„Jetzt ergehst du dich aber in Mutmaßungen." Ellen schüttelte unwillig den Kopf. „Wie kommst Du überhaupt darauf, dass Tim den weiten Weg bis hin zum Weiher gelaufen ist? Ich denke, wir sollten umkehren und uns in der Nähe des Hauses umsehen. Vielleicht sitzt er jetzt längst schon in seinen geliebten Gameboy vertieft vor dem Schuppen."
„Sie haben ihn gerufen ",

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Kommentare

Norbert Hilgers schrieb am 2007-09-11 16:43:37:
Hallo Sina,

Deine durchweg positiven Reaktionen auf meine Storys
sind mir langsam peinlich.
Ich glaube, ich sollte bewusst mal eine wirklich miese Geschichte veröffentlichen!
Aber Spaß beiseite, ich freue mich immer wenn dir der Text gefällt!

Liebe Grüße

----- Norbert -----
sina franke schrieb am 2007-09-10 19:57:12:
ich bewundere dich zutiefst, die erste geschichte die ich hier ueberhaupt gelesen habe war der wasserturm und dann die folgenden geschcihten von dir. du bist einfach unglaublich. deine ideen, deine sprache einfach alles. dieses werk ist unglaublich geansehaut feeling, wunderschoen...
ich hoffe nach einer kurzen pause, die du ja mit dem schreiben hattest, kommt wieder mehr und neues. ich freue mich schon dadrauf.
hochachtungsvoll
sina

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