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Kategorien > Aus dem Leben > wahre Geschichten

Der Winter war stärker als das siebente Gebot

von Winnineu

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Die Kälte war stärker als das siebente Gebot
Wie jeder Junge, so träumte auch ich von Abenteuern in fernen Ländern und Welten. Ich begleitete Gulliver auf seinen Reisen und mit Peterchen unternahm ich eine Mondfahrt. Doch die Reise die ich im Winter 1946, zusammen mit meiner Mutter und meinen drei Schwestern, antreten musste, war alles andere als ein schönes Märchen. Eine Woche dauerte diese Irrfahrt, von der es eine Rückkehr in die Heimat nicht mehr geben sollte. Auf dieser Reise war es kalt, sehr kalt. Kinder froren, alte Menschen starben.
Die Menschen rückten in den Waggons wie eine Vogelbrut in ihrem Nest zusammen um sich mit ihren Körpern gegenseitig zu wärmen. Wie oft der Zug unterwegs hielt, ich weiß es nicht und keiner hat es gezählt. Jetzt hielt er schon wieder. Jemand schaute durch eine Bretterfuge der Waggonwand und sagte zu den anderen gewandt: Wir halten in einer Stadt. Jetzt wurden die Waggontüren aufgeschoben. Die Menschen rieben sich die Augen, als sie vom hellen Tageslicht geblendet wurden. Wo sind wir jetzt? Als ihre Augen sich an das Tageslicht gewöhnt hatten, lasen sie auf dem Bahnhofsgebäude: Erfurt-Nord. Erfurt? Das muß doch in Thüringen sein. Ein Eisenbahner lief von Waggon zu Waggon und rief mit lauter Stimme: Aussteigen, alle aussteigen. Anschließend ging es zu Fuß durch die Stadt. Menschen blieben am Straßenrand stehen und schauten auf das Häuflein unglücklicher Menschen. Weckte dieser Anblick in ihnen vielleicht irgendwelche unangenehme Erinnerungen an frühere Zeiten? Wie eine herzliche Begrüßung sah es jedenfalls nicht aus.
Schließlich kamen wir in einem Barackenlager an, das früher sicherlich der Wehrmacht gehört hatte. Jetzt wurden die Menschen abgezählt und auf die einzelnen Baracken aufgeteilt. Es wurde Abend und die Kinder mußten ins Bett. Doch sie wollten alle in einem Bett schlafen und die Mutter dazu haben, denn es war kalt, sehr kalt und so wurde das Bett zum Vogelnest. Am nächsten Morgen wollten die Menschen die Kanonenöfen anheizen, die in allen Räumen standen, aber es wurde weder ein Stück Kohle noch ein Stück Holz gefunden, so sehr man danach auch im ganzen Lagergelände suchte. So wurde aus den Betten jedes zweite Brett entfernt und in den Öfen verbrannt. Als da nichts mehr zu holen war, wurden die Latten vom Lagerzaun abgerissen und ebenfalls verbrannt. Der erreichte Nutzen war minimal, denn der Frost nahm weiter zu. Dicke Kleidung und auch Decken, waren kein Hindernis für ihn, die warmen Körper zu erreichen. Vielleicht fror er selbst und suchte die Wärme der Menschen?

In den Baracken lebten die Menschen gezwungenermaßen auf engstem Raum und wuchsen so zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen. Doch daß sie bereits mitten in der Adventszeit lebten, war ihnen allem Anschein nach nicht bewußt. Niemand sprach von der Vorweihnachtszeit mit seinen bekannten Freuden. Selbst die Kinder verlangten kein Stück Papier, um einen Wunschzettel an den Weihnachtsmann zu schreiben. Es war, als ob die Erinnerung an diese Zeit aus dem Gedächtnis der Menschen ausgelöscht, oder zumindest ins Unterbewußtsein verdrängt worden wäre. Erinnerungen sind etwas sehr schönes, aber in bestimmten Lebenslagen können sie auch schmerzen. Vielleicht besitzt der Körper des Menschen so etwas wie eine Schutzfunktion, mit deren Hilfe bestimmte Erinnerungen im Gedächtnis blockiert werden, um seine Seele vor Schäden oder einer Überbelastung zu bewahren? Ich weiß es nicht. Nach ungefähr zwei Wochen Lagerleben, wurden uns zwei Zimmer zur Untermiete zugewiesen. Wir waren fünf Personen. Bei der Schlüsselübergabe war auch ein Kellerschlüssel dabei, doch der Keller war leer. Also weiter frieren, obwohl in einem Zimmer ein schöner Kachelofen mit Bratröhre stand, so einer, wie wir ihn zu Hause hatten.
Bei meinen täglichen Erkundungen, kam ich eines Tages auch zur Kalkreiße. Dort standen Züge, Züge vollgeladen mit Kohle. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Ich trat an einen Waggon näher heran, stieg hoch und nahm ein Brikett in meine Hände. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Als ich zu Hause wieder ankam, da sah ich meine drei kleinen Schwestern in ihrem gemeinsamen Bett sitzen, die Bettdecke bis zum Hals hochgezogen, um sich vor der Kälte zu schützen. Und morgen soll Heiligabend sein, ein Tag auf den sich besonders die Kinder jedes Jahr freuen? Bei seinem letzten Heimaturlaub bat Papa mich darum, auf seine kleinen Mädchen aufzupassen, denn ich wäre nun ja schon groß. Daran erinnerte ich mich jetzt und überlegte, wie ich ihnen in dieser Situation am besten helfen könnte. Sie frieren, also muß ich Kohlen besorgen. Ich nahm meinen Rucksack, den unsere Mutter für jedes ihrer Kinder vor der Vertreibung maßgeschneidert angefertigt hatte und begab mich zurück zur Kalkreiße. Die Züge standen noch da. Ich kletterte auf einen Waggon und warf soviel Kohlen herunter, wie in meinen Rucksack rein passen würden. Danach kletterte ich herunter und war gerade im Begriff, die Kohlen in meinen Rucksack zu verstauen, da blickte ich plötzlich auf zwei Stiefel. Mein Blick glitt langsam nach oben, vorbei an einer schwarzen Uniform, bis er an einem Gesicht haften blieb, das mich vorwurfsvoll ansah. Es war ein Bahnpolizist. Er sprach mich an: „Kennst du das siebte Gebot?“ „Ja“ „Und wie lautet

es?“ „Du sollst nicht stehlen.“ „Und warum hast du gestohlen?“ „Meine kleinen Schwestern frieren doch so sehr zu Hause und morgen ist Heiligabend.“ „Jetzt sag mir noch deinen Namen und wie deine Schule heißt, denn ich muß deinen Rektor informieren.“ Lügen darf ich auch nicht und so informierte ich den Polizisten wahrheitsgemäß. „Jetzt schütte die Kohlen aus deinen Rucksack und geh‘ nach Hause.“ Als ich aus der Sichtweite des Polizisten war, da wartete ich eine Weile. Dann schlich ich mich, die Umgebung immer im Auge behaltend, ganz langsam an die Stelle zurück, wo ich die Kohlen ausschütten mußte. Vom Bahnpolizisten war weit und breit nichts mehr zu sehen. Sicherlich saß er jetzt in dem kleinen Bahnhäuschen und wärmte sich am Ofen. Schnell die Kohlen in den Rucksack verstauen und dann nichts wie weg vom Bahngelände.
Am nächsten Morgen war meine erste Aufgabe, den Kachelofen anzuheizen. Meine kleinen Schwestern und auch meine Mutter standen daneben. Ihnen allen stand die Überraschung im Gesicht geschrieben. Alle Viertelstunde hielten meine Schwestern ihre kalten Hände an die Kacheln des Ofens. Doch diese waren immer noch kalt. Endlich! Nach ungefähr einer Stunde fühlten sich die ersten Kacheln lauwarm an. Jetzt waren meine Schwestern vom Ofen nicht mehr weg zu bringen. Sie standen mal mit dem Rücken, mal mit dem Bauch am Ofen, hielten ihre Backen mal links und dann wieder rechts an die Kacheln und nahmen die Wärme in sich auf, als sei es das schönste Geschenk, das sie je erhalten hatten. Papa wäre jetzt bestimmt stolz auf mich gewesen.
Zur Mittagszeit nahm ich wie jeden Tag, die Milchkanne und ging damit zur Volksküche. Dort wurde sie mit Suppe

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