Der Zauberring
von
Fiete
1
Es geschah vor langer Zeit. Wir stehen auf dem Marktplatz von Eulenbüttel, einem kleinen, gemütlichen Dorf, in dem heute ein Wunder geschehen sollte.
Es wohnen nicht so viele Menschen in Eulenbüttel, aber es gibt alles was man braucht, zum Beispiel eine Schule, eine Kirche, eine Feuerwehr und sogar einen kleinen Krämerladen in dem man leckere Süßigkeiten wie Lakritze und kleine rote Lollis mit Kirschgeschmack bekommen kann.
Der Laden gehört Herrn Rauschmann und die Kinder aus dem Dorf treffen sich oft dort, um sich von ihrem Taschengeld etwas zum Naschen zu kaufen.
Herr Rauschmann ist ziemlich klein und hat einen so dicken Bauch, dass er sich kaum seine Schürze zubinden kann. Herr Rauschmann hat immer eine grüne Schürze um und mit seinem Lockenkopf sieht er fast aus wie ein Wichtelmännchen. Er trägt eine kleine runde Brille auf der Nase und hat einen ziemlich großen Rauschebart. Vor lauter Bart kann man sein Gesicht gar nicht richtig erkennen und weil Herr Rauschmann immer lustig ist und alle Kindern ihn gern haben, nennen alle ihn nur Rauschi.
Auch Emma sitzt wieder einmal vor dem Laden auf der Holzbank, die einmal rundherum um einen alten Baum gebaut war. Es gibt kaum noch einen freien Platz auf der Bank, so viele Kinder sind da.
Emma ist 6 Jahre alt und trägt am liebsten Hosen. Das passt besser zu ihren Haaren meint sie, denn die wollen nicht so richtig wachsen und sind ganz kurz geschnitten, wie bei den Jungs.
Außerdem ist ihre Nase etwas krumm, seit sie einmal mit ihrem Roller in einen Zaun gerast war und sich dabei die Nase gebrochen hatte. Emma findet die anderen Mädchen im Dorf viel hübscher als sich und das macht sie oft traurig.
Emma hat sich eben eine gelbe Brausepulverstange gekauft und war gerade dabei, etwas von dem Brausepulver in ihre Hand zu streuen, um dann eine Portion Spucke darauf tropfen zu lassen. Das macht sie immer so, es schäumt dann so schön und wenn man den Schaum ableckt, kitzelt das ganz doll auf der Zunge.
Wie sie alle so dasitzen und ihre Leckerreinen naschen, kommt plötzlich Rauschi aus dem Laden heraus. Das ist ungewöhnlich, denn eigentlich verlässt Rauschi seinen Laden immer erst am Abend, wenn kein Kunde mehr zu erwarten ist.
Rauschi geht zu den Kindern und seine Augen funkeln hinter seiner Brille als er sie fragt:
„Habt ihr eigentlich schon einmal den goldenen Ring gesehen, der im Wald in dem großen alten Eichenbaum festklemmt?“
Die Kinder sehen ihn mit offenen Mündern an und keiner sagt etwas. Beim dem alten Eichenbaum sind sie schon oft gewesen, aber einen goldenen Ring hatten Sie dort noch nie gesehen.
Rauschi setzt sich zu ihnen auf die Bank und flüstert geheimnisvoll: “Der Ring soll verzaubert sein und wenn man seinen Ringfinger durch ihn hindurch steckt, bekommt man ewige Schönheit.“
Kaum hat Rauschi das gesagt, springen die Kinder auf und rufen aufgeregt „ Los wir laufen hin, alle mitkommen!“
So schnell hat noch niemand die Kinder laufen gesehen. Auch Emma steht auf und trottet langsam hinterher in Richtung Wald. Sie denkt sich: „Was wollen die denn alle da, die sind doch schon schön genug, noch hübscher werden können die doch nun wirklich nicht“
Als Emma an dem Eichenbaum ankommt, sieht sie, wie die anderen Kinder den ganzen Baum absuchen, aber noch keinen Ring gefunden haben.
Plötzlich ruft der kleine Felix aufgeregt:“ Da oben blitzt etwas!“ Und tatsächlich, ein Stückchen höher über den Köpfen der Kinder, klemmt ein goldener Ring im Baum.
Keiner der Kinder kann der Ring erreichen, sie sind alle zu klein. Da hat der starke Berti eine Idee „Ich mache mit meinen Händen eine Fußleiter und ihr klettert hoch“ sagt er. Gesagt, getan. Ein Kind nach dem anderen klettert auf die Hände vom Berti und steckt dann seinen Ringfinger durch den Ring. Einige versuchen sogar den Ring herauszuziehen, aber der bewegt sich kein bisschen.
Keines der Kinder bemerkt danach eine Veränderung an sich, die Mädchen sind so schön wie immer und die Jungs glauben sowieso nicht so richtig an einen Zauber.
„Komm’ Emma, jetzt bist du dran“ sagt Berti. Emma will eigentlich nicht, aber da hat Berti sie schon gepackt und am Baum hochgehoben. Der Ring ist nun direkt vor Ihrer Nase und es sieht so aus, als hätte der Ring noch einen großen, grünen Edelstein der in den Baum eingewachsen ist.
Emma steckt vorsichtig ihren rechten Ringfinger durch den Ring und der Ring passt ihr genau.
Was dann geschieht, kann keiner glauben. Es wird ganz ruhig im Wald, kein Blatt weht mehr im Wind, die Vögel zwitschern nicht mehr und es riecht irgendwie süß, wie nach Honig.
Plötzlich fängt der alte Eichenbaum an zu knarren und er beginnt sich zu bewegen.
Die Kinder trauen ihren Augen nicht, als plötzlich kleine goldene Blätter von hoch oben aus dem Baum auf Emma herabregnen. Emma weiß nicht was mit ihr geschieht und merkt auf einmal, wie die Stelle, wo der Ring im Baum festgewachsen ist, ganz weich wird und sie den Ring schließlich herausziehen kann.
Sie plumpst zusammen mit Berti auf den Boden und aus der jetzt leeren Stelle im Baum strömt ein rosafarbener Nebel heraus und bald können die Kinder nicht mehr die Hand vor ihren Augen sehen.
So schnell wie der rosa Nebel gekommen ist, verschwindet er auch wieder und die Kinder blicken sich verwundert an. Sie sehen alle noch immer so aus wie vorher.
Da ruft ein Mädchen: „Seht euch die Emma an!“ Und tatsächlich, Emma ist kaum wieder zu erkennen.
Sie hat jetzt lange blonde Haare und ein ganz hübsches Kleid an. Aber das Schönste ist, wie durch ein Wunder ist ihre Nase wieder ganz gerade. Emma ist mit einem Mal viel hübscher als sie es sich immer erträumt hatte.
Alle Kinder stehen staunend um sie herum, als Emma versucht den goldenen Ring wieder von ihrem Finger abzuziehen, aber das gelingt ihr nicht, der Ring bewegt sich nicht ein Stück.
Von diesem Tag an gehört der Ring für immer zu Emma und sie trägt ihn tagein tagaus am Ringfinger ihrer rechten Hand.
Wenn Du einmal ein hübsches Mädchen siehst, achte darauf, ob es einen goldenen Ring mit einem grünen Edelstein am Finger trägt - vielleicht ist es Emma!
1
Kommentare
Keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen