Der alte Mann
von
Himmelsfee
1
DER ALTE MANN
Anna kam zurück an dieses Haus, in dem der alte Mann gestorben war. Es war eine heiße Sommernacht im Juli und es zog die zierliche schwarzhaarige Frau wieder und wieder dort hin. Sie kannte diesen alten Mann gar nicht persönlich, hatte ihn niemals gesehen.
Nun war das Haus leer und dunkel, in dieser Nacht. Trotzdem lebte dieses alte Gemäuer weiter. Es strahlte einen verwunschenen Zauber aus, weil Anna wusste, dass dort ihr
Liebster einmal war. Der Mann, den sie nicht vergessen konnte. Ihm gehörte nun dieses Haus,
aber er wohnte nicht darin. Anna wusste nicht warum, vermutlich weil es noch nicht fertig renoviert war.
In dieser Nacht glaubte Anna einen Lichtschein zu bemerken, aber als sie näher kam, stellte
sich dies als Trugschluss heraus. Verwunschen lag das Gebäude im Dunkeln der Nacht und ein kleiner Garten, der das Haus umschloss, schmiegte sich verschlafen an das angrenzende Feld. Der Duft des Feldes und die Geräusche der Nacht betäubten Anna’s Sinne und ihr Herz schlug wie wild. Erst als sie sich ein wenig in das Gras setzte, wurde sie ruhiger. Die Stimmen der Nacht wurden lauter und schwollen an zu einem Konzert der Grillen. Dieser Sommer war
so traumhaft schön, dass es schade war um jede Stunde, die man verschlief.
Der Himmel war übersäht von Sternen und Lichter bewegten sich am Firmament, sowohl
Flugzeuge, als auch Satelliten zogen dort oben hoch am Himmel vorbei.
Nun genoss Anna erst richtig den Zauber dieser einmaligen Nacht. Sie fühlte Gott war wieder da und die Seelen der Verstorbenen, die Anna liebte. Die hübsche Frau hatte einen Wunsch.
Sie wollte den Rest Ihres Lebens in diesem kleinen alten Haus, welches teilweise baufällig war, verbringen. Sie wünschte sich diesen einen Mann an Ihre Seite, der ihr nur mit seiner Anwesenheit allein das Glück geben konnte, das Anna sich ersehnte. Sie würde warten auf ihn, bis er von der Arbeit käme aus dem Wald, denn er war als Forstwirt tätig. Sie wollte seinen Duft und den Duft des Waldes einsaugen, wenn er nach schwerer Arbeit heimkäme und es würde dann das Essen schon bereit stehen. Der Hund würde sich freuen, dass sein Herrchen endlich kommt und Anna wäre glücklich, wenn das alte klapprige Auto die
unbefestigte Auffahrt herunterkommen würde. Denn dann würde er aussteigen, mit rot kariertem Hemd und Latzhose und mit einem schiefen Lächeln und mit einem Kuss würde er Anna begrüßen und in die Töpfe gucken, was es zu essen gäbe. Er würde erzählen, was der Tag so gebracht hat und Anna würde seinen Worten lauschen. Sie würden im Sommer noch ein wenig im Garten sitzen und erzählen und dann früh schlafen gehen, denn die Nächte wären zärtlich und das würde niemals enden, dass wusste Anna.
Alle materiellen Dinge wären damit unwichtig geworden. Es würde ausreichen, wenn genügend zu essen da wäre. Nur ein friedliches ruhiges Landleben wünschte sich die Frau noch, die im Moment in der hektischen Tretmühle des Büroalltags eingesperrt war und die schönste Zeit ihres Lebens mit Hetze und Stress vertat. Sie zahlte diesen hohen Preis wegen eines guten Lebensstandards mit kaufen von materiellen Dingen und verreisen, aber letztendlich zählte das alles nicht, wenn der Liebste fehlte und wenn ihrem Herzen die Liebe fehlte.
Leider war das alles nur ein Traum, Anna’s Traum. Sie konnte sich kaum noch an den Liebsten erinnern, so lange war es her, dass sie ihn nicht mehr gesehen hatte. Selbst die Liebe konnte sie nicht mehr abrufen, weil sie sie mit allen Mitteln getötet hatte, töten musste…
Sie war darüber krank geworden und sie hatte gewusst, dass es so kommen musste. Was tut man mit einer Liebe, die einfach nicht von selbst vergehen will, auch nach Jahren nicht…
Man versucht, sie zu ersticken, um nicht vor Sehnsucht kaputt zu gehen, aber man zahlt einen hohen Preis. Anna’s Magen funktionierte nicht mehr richtig infolge von unterdrückter Sehnsucht und erstickten Gefühlen. Es war Anna gelungen, nichts mehr zu fühlen in diesen Jahren, seit ihr Liebster sie verlassen hatte.
Und doch, in manchen solcher Nächte, wenn Anna dann wach lag und vor Sehnsucht nicht schlafen konnte, führte sie Zwiegespräche mit ihm und er antwortete immer in diesen Zwiegesprächen. Anna wusste immer, was er denkt und was er sagt. Leider sah das in der Realität anders aus. Da hätte Anna viel darum gegeben, seine Gedanken und Gefühle zu erraten.
Aber es kam auch vor, dass Anna es nicht mehr zu Hause in der leeren Wohnung aushielt, so wie in dieser Nacht. Dann setzte sie sich in das Auto und fuhr zu diesem Haus. Sie war noch nicht oft dort, seit sie wusste, dass es IHM gehört.
Er erzählte ihr einmal, dass er es von dem alten Mann geschenkt bekommen hatte. Da hatte der Alte noch gelebt, aber die Tage des Alten waren gezählt. Er war schwer krank und musste bald sterben. Da er keine Angehörigen hatte, vermachte er es dem einzigen Menschen, der sich je um ihn so rührend gekümmert hatte. Vor einem halben Jahr, an einem kalten Wintertag war der Alte gegangen und Anna hatte für ihn gebetet, obwohl sie ihn nicht kannte. Anna wusste von ihrem Liebsten, wie es um den Mann stand und sie bat ihn darum, ihr mitzuteilen, wann seine Stunde gekommen war. Dies tat er dann auch und Anna betete für den alten Mann
und sie beneidete ihn. Sie beneidete ihn darum, dass der Alte seine letzten Stunden mit IHM
verbringen durfte. Anna schämte sich dafür, aber sie konnte gegen dieses Gefühl nicht ankämpfen. Sie würde sich so wünschen, das auch in ihrer letzten Stunde, ER da wäre und sie weinte bittere Tränen, weil sie fühlte, dass das wohl niemals sein würde.
1
Kommentare
Traumfänger schrieb am 2009-01-05 10:09:52:
Eine wunderschöne Geschichte.
Himmelsfee schrieb am 2007-01-11 01:02:13:
Hallo Kalliope,
vielen Dank für Deinen Kommentar. Die Geschichte ist autobiographisch und die erste Geschichte überhaupt, die
ich ins Netz gestellt habe. Ich bin ein totaler Anfänger und habe gerade mal insgesamt 2 Geschichten geschrieben.
Stoff gäbe es noch genug in dieser Richtung.
Nun, es stimmt, am Schluß fehlt noch was, wer weiß, was das Leben noch so bringt:-)
Lg Himmelsfee
Kalliope schrieb am 2007-01-08 19:43:15:
Das ist eine wunderschönen kleine Geschichte, auch ihr Rahmen! Das Problem mit der Liebe kann ich sehr gut nachvollziehen.
Ist nur schade, dass man nicht ein bisschen mehr über die Geschichte der beiden erfährt. Und irgendwie fehlt am Schluss noch was. Weiß aber auch nicht so genau, was. Vielleicht fällt dir noch was ein.
LG Kalliope
Kommentar hinzufügen