Geschichte einsenden Links & Rings AGBs Impressum
Kategorieauswahl
Wir freuen uns über jeden Autor, der hier auf Storyparadies.de seine Geschichten veröffentlichen möchte.Da jeder Autor Feedback braucht, sind Kommentare, solange es sich um konstruktive Kritik handelt, möglich und auch ausdrücklich erwünscht. Bitte verwenden Sie zur Einsendung der Geschichten und Kommentare unser Formular und beachten Sie dabei unsere Regeln.
Suche


Kategorien > Melancholie > Judenverfolgung

Der erste Schnee

von Shagohood

1

Es war dieser eine unglaubliche Moment, der es vermochte mich an diesem Tag lächeln zu lassen. Es war dieser eine Moment, der es vollbrachte, dass ich meinen Schmerz vergessen konnte und sei es auch nur, wie es schon heißt, für einen kurzen Moment.
Die Natur verwandelte sich. Ich sah Bäume, deren Blätter zu Boden segelten um zusammen mit den anderen einen bunten Teppich über die Erde zu spannen. Wie ein gekachelter Boden reiten sich gelbe Blätter an die roten und an jene, die bereits braun geworden waren.
Ein Mosaik der Natur.
Man sollte meinen, dass es mich bekümmerte, da dadurch eine Symbolik für den Tod oder das Ende frei gelegt wurde, doch dem war nicht so. Selten sah etwas Friedlicheres als jene Blätter, wie sie wie kleine Segelflugzeuge im Wind tanzten und sanft landeten. Es machte ihnen nichts aus ihren Baum zu verlassen um sich einem neuem Schicksal hinzugeben.
Ich stand in der Menge und beobachtete die Bäume. Ich war der Einzige, der sich in diesem Moment auf die Bäume konzentrierte. Die Anderen schrieen und weinten.
Plötzlich kam ein Wind auf. Eine leichte Brise streichelte meinen Körper, während ihre Kälte mir dabei das Zittern aufzwang. Der Wind schien zu tuscheln. Zuerst dachte ich, dass jemand hinter mir stand und mir zuflüstert, doch war ich einsam in der Menge.
Der Wind las ein einzelnes Blatt auf und trug es langsam in die Luft. Es wirbelte und drehte sich. Es vollführte Kunststücke. Das Blatt forderte meine Aufmerksamkeit.
Als ich dem Artisten nachsah, verstand ich was ich sehen sollte.
Der erste Schnee fiel. Zu Hunderten kamen sie vom Himmel und legten sich überall nieder.
Kleine weiße Wolken, weich wie Watte und kalt wie Eis, füllten die Luft.
Ich ignorierte die Schreie um mich herum und breitete meine Arme aus.
Ich lächelte. Eine Stille füllte meine Welt.
Wie weggewischt war jeder Anflug von Angst und Leid. Die Anderen sahen es nicht.
Es schien auch gar nicht mehr kalt zu sein. Hatte ich vorher noch gefroren, empfand ich es nun als angenehm, die weichen Wölkchen auf meiner Haut vergehen zu lassen. Langsam verblasste der Blätterteppich unter dem Schnee. Es zog sich ein neuer Schoner über die Erde. Er war weiß und schien absolut rein. Widerstandslos ließen die Blätter sich zudecken.
Nur dieses Bild schien friedlicher zu sein als es die Blätter selbst waren. Sie zeigten mir, dass ich keine Angst zu haben brauchte.
Ein starker Stoß füllte meinen Rücken mit Schmerzen und ich wurde zu Boden geschleudert.
Fort waren meine Ruhe und Stille. Anwesend waren Leid, Schmerz und Schreie.
Mein Lächeln war vergangen.
Ich lag mitten auf der Straße und spürte den Schnee. Nachgiebig knirschte der Schnee widerwillig unter mir. Ich drehte mich langsam auf den Rücken um meinen Angreifer auszumachen, doch der Schmerz erschwerte diese einfache Geste zutiefst.
Ein großer uniformierter Mann richtete die Mündung seines Gewehrs auf mich. Seine Waffe ließ mich verstehen, was den Stoß verursacht hatte. Sein Gesicht war von Hass überzogen.
„Steig in den Laster! Du Made!“ forderte er, während er mit seiner Waffe eine kurze, aber eindeutige Bewegung zum Laster machte. Dieser Mann meinte es ernst.
Ich richtete mich auf, unterdrückte den Schmerz und die von ihm verursachten Tränen und ging zum Laster. Ich schritt vorbei an den Anderen, die ebenfalls zum Abtransport zusammen getrieben wurden. Ich schritt vorbei an jenen, die des Soldaten Forderung missachtet hatten und leblos unterm Schnee verschwanden. Ich stieg in den Laster.
Es war dieser eine unglaubliche Moment, der es vermochte mich an diesem Tag lächeln zu lassen. Es war dieser eine Moment, der es vollbrachte, dass ich meinen Schmerz vergessen konnte und sei es auch nur, wie es schon heißt, für einen kurzen Moment.

1

Kommentare

~Anna~ schrieb am 2008-05-13 20:24:35:
Marten, deine Geschichte ist wunderbar. Du verbindest Schönheit, Freude und Hoffnung mit Trauer, Leid und Schmerz - und das so raffiniert und ausdrucksvoll.
Ich liebe deinen Stil.

Ich würde sagen "Meisterwerk"
Ganz liebe Grüße, Anna
Juls schrieb am 2007-11-07 10:54:46:
Ich beobachte die Blätter zur Zeit auch sehr gerne. Besonders jetzt haben sie eine wundervolle Farbe und diese kurzen Momente, in denen man sich ihrer Schönheit besinnt, streicheln einem die Seele - ich kann es leider nicht so gut beschreiben wie du.
Was ich sehr gerne mag - bzw was mich sehr berührt und mich dazu bringt, deine Geschichten und Erzählungen zu verschlingen, ist dieses minimale Fünkchen Hoffnung in mitten von (wie du eben beschrieben hast) Schreien und unendlichem Leid. Mein Leben kommt mir oft so vor. Oder ich beschwöre Visionen herbei, die solche Bilder aufzeigen.
Hoffnung, die so vergänglich wie die Laubpracht im Herbst ist.
Ein Übergang zum Winter.
~.~
Du siehst wiederum: du hast dein Ziel erreicht. ^.^
Lady schrieb am 2007-09-11 13:56:40:
Hey baby :) da schon lange keiner hier einen eintrag gemacht hat, dachte ich mir ich lob dich mal wieder ein bisschen =) wundervoller ausdruck, wundervolle geschichte und der schriftsteller ist auch schwer in ordnung ;) lieb dich
sina franke schrieb am 2007-06-20 21:23:54:
einfach unglaublich, umso mehr ich lese umsomehr überzeugst du mich. es ist eine gabe die du da hast. dise ergreifende stil, die metaphern "doch war ich einsam in der Menge" einfach der hammer!!! du bist ein ganz großes talent. RESPEKT!!!
hochachtungsvoll
sina
Stephan schrieb am 2007-05-02 19:19:19:
Respekt.........Mehr kann ich dazu nicht sagen.....bin sprachlos.....sehr schön.....

....mach bitte weiter so!
jessman schrieb am 2007-04-30 20:00:11:
nice, nice! nicht schlecht! weiter so ;)
Cinek schrieb am 2007-04-25 17:11:24:
Nun bin ich auch mal auf die Seite gekommen! Marten, wenn du später als Schriftsteller nen Nobelprsis kriegst,
vergiss dann mal net deine Kumpels ;-) (z.B. ICH)*g Aber echt super Storys!!! REEEESPEKT:-)
Mr MAxi schrieb am 2007-04-23 22:10:31:
Marten, lieb dich :> dermaßen Ultra und ich liebe jede Geschichte von dir!
Ich wusste auch nich das du sowass kannst, aber wie ich jetz sehe kannst dus wohl.
Das sind die wunderschönsten Stücke die ich jeh gelesen habe =) ! weiter so mein dicker !
Lissy schrieb am 2007-04-14 22:43:03:
Die erste Geschichte,die ich von dir gelesen habe und bisher auch die schönste^^
Mach weiter so....aber ich glaube "Der erste Schnee" wird für mich immer unschlagbar sein!
Ich kann sie schon auswendig....aber immer wenn ich diese Geschichte noch einmal lese bekomme ich Gänsehaut

Alles Liebe L.
Malte schrieb am 2007-04-13 18:21:36:
Alter...Ich wusste gar nicht, dass du sowas kannst Marten...bin echt beeindruckt.

Gruß
Heaven schrieb am 2007-03-24 21:13:00:
Wow, tolle Geschichte!! Gleichzeitig traurig und wunderschön geschrieben!!

liebe Grüße, Heaven
Juli84 schrieb am 2007-02-03 05:04:32:
Das ist traurig und berührt sehr. Gut ge- bzw beschrieben.

Liebe Grüße Juli
Lucie Li schrieb am 2007-01-30 07:51:16:
´Als ich dem Artisten nachsah, verstand ich was ich sehen sollte´
An dieser Stelle habe ich die erste Gänsehaut bekommen, dabei blieb es nicht. Eine Geschichte die unter die Haut geht.

Liebe Grüße
Lucie

Kommentar hinzufügen



Aufgrund des extremen Mißbrauchs der Kommentarfunktion sind wir leider gezwungen, die Kommentare ab sofort redaktionell zu überprüfen. Wir bitten um Ihr Verständnis.