Der fremde Mann
von
Astrid Schulzke
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Er läuft so schnell er kann die Strasse hinunter. Sie hat ihn geküsst. Vor Scham und Aufregung fangen seine Wangen zu brennen an. Sein erster Kuss. Er ist neun Jahre alt. Nur schnell nach Hause. Es ist schon Mittag. Die Mutter wird warten.
Er erreicht den Hof, die Haustür steht weit offen. Gar nicht Mutters Art. Sie schimpft ihn immer, wenn er die Tür auflässt. Wegen der Fliegen!
Leise betritt er das Haus. Er will sich noch schnell waschen.
Aus dem Schlafzimmer hört er ein Stöhnen und eine Männerstimme. Es klingt, wie zwischen zusammengepressten Lippen herausgestoßen. Langsam und vorsichtig nähert er sich der halbgeöffneten Schlafzimmertür. Ein Mann liegt auf der Mutter. Seine Hose hängt ihm zwischen den Beinen herunter. Mutter liegt ganz still. Ihr Kleid ist zerrissen. Wild bewegt sich der Mann auf der Mutter hin und her. Er kennt das aus dem Sexualkundeunterricht. Die älteren Jungen in der Schule nennen es „Ficken“. Das sagt man nicht, es heißt „Liebe machen“, hatte ihm die Mutter erklärt ohne zu Schimpfen
Er glaubt nicht, dass der Mann mit der Mutter Liebe macht. Der Kuss eben von Veronika, das war Liebe.
Der Mann scheint sehr wütend zu sein. Gebannt und gleichzeitig abgestoßen beobachtet er das Geschehen. Der Mann zischt der Mutter ins Ohr. „ Du Hure, die mieses Flittchen. Dachtest du, du kannst mich verarschen?“ Plötzlich greifen seine Hände nach dem Hals der Mutter. Er würgt und stößt sie. Die Mutter röchelt und versucht sich zu befreien. Wie gelähmt steht der Junge an der Tür. Er will schreien doch kein Laut kommt über seine Lippen.
Plötzlich liegt die Mutter still. Der Mann liegt schwer atmend auf ihr. Langsam erhebt er sich und dreht sich zur Tür. Er sieht den Jungen. Verwirrt schaut er ihn an. Dann sieht er auf die Frau. Ihre Augen sind weit aufgerissen und starren an die Zimmerdecke. Der Junge schreit. Er schreit und läuft davon. Seine Füße können ihn kaum tragen. Er läuft so schnell er kann die Strasse hinunter.
Der Mann zündet sich eine Zigarette an. Tief und genüsslich inhaliert er den Rauch. Die Straße vor ihm ist leer. „Kein Wunder“ denkt er, „bei diesem Sauwetter“.
Er geht noch nicht nach Hause. Langsam schlendert er die schmale Straße hinunter. Der Regen läuft ihm unangenehm kalt in den Nacken. Er krempelt den Kragen des Mantels höher und schiebt seinen Hut tiefer in die Stirn.
Eigentlich kein Wetter für seine Pläne. Aber das fiebrige Kribbeln in seinen Eingeweiden lässt ihn keine Ruhe mehr finden. Morgen hat er frei. Es muss geschehen.
Er biegt in die nächste Straße hinein. Urplötzlich ändert sich die Atmosphäre. Aus den Kneipen dringt helles Gelächter und laute Musik. Die Straße ist durch die grelle Leuchtreklame der vielen Bars in bunte Farben getaucht.
Der Mann spürt eine Flut der Erregung in sich aufsteigen. Wie der Wolf, der die Fährte des verletzten Tieres wittert, zieht er die Luft scharf durch seine Nasenflügel ein.
Die Kirchturmuhr auf dem nahen Marktplatz schlägt Mitternacht. Nun wird sie gleich kommen. Jeden Abend um diese Zeit verlässt sie das Lokal. Seit Tagen wartet er hier auf sie, um sie dann nach Hause zu begleiten.
Beim ersten Mal reagierte sie erschrocken und abweisend. Was wollte dieser Mann von ihr? Stück für Stück errang er ihr Vertrauen. Er hätte denselben Weg. War Koch in der Marktschänke seit einem halben Jahr. Es ist nicht gut für eine Frau, alleine durch die verlassene Gegend zu gehen, sagte er ihr.
Nun ist sie dankbar. Gerne unterhält sie sich ein wenig mit ihm auf dem Weg zu ihrem kleinen Haus am Rande der Stadt.
Sie ist allein mit ihrem kleinen Jungen. Ihr Mann hatte sich aus dem Staub gemacht. Kennt man ja. Verantwortung ist lästig.
Nun arbeitet sie als Garderobiere in dem Tanzlokal. So kann sie wenigstens tagsüber für den Jungen da sein.
Sie war hübsch fand er. So zierlich und mädchenhaft schüchtern. Eigentlich schade drum.
„Heute werde ich ihn hineinbitten“ sagt die Frau. „Er ist immer so höflich und nett. Immerhin kenne ich ihn ja nun schon ziemlich gut. Er scheint auch einsam zu sein.“
Ihre Kollegin zuckt mit den Schultern, „Wenn du meinst, ich finde ihn etwas merkwürdig. Warum kommt er nie herein? Warum wartet er immer vor der Tür? Aber du bist ja erwachsen. Mach was du denkst.“
„Da sind Sie ja, schön sehen sie aus mit dem hellen Hut auf Ihren dunklen Haaren“.
Die Frau lächelte verlegen. Es war lange her, dass ein Mann ihr Komplimente gemacht hatte. Sie lächelt ein wenig kokett zu dem großen Mann hinauf.
„Ich würde Sie gerne noch auf einen Kaffee einladen, wenn Sie noch nicht zu müde sind“ sagt sie ein wenig atemlos. Jetzt ist es heraus. Sie hatte all ihren Mut zusammen genommen.
Gerne, ich bin nachts nie müde, sagt der Mann mit einem verschmitzten Grinsen.
Der Mann liegt neben der schlafenden Frau im Bett. Beim Geschlechtsakt stellte er sich vor, was er mit ihr machen wollte. Nur wenn er daran dachte, konnte er kommen.
Morgen früh geht der Junge aus dem Haus. Er muss ja in die Schule. Er merkte die Erregung erneut in sich wachwerden.
Nur Geduld, bald ist es soweit.
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Kommentare
Cherry schrieb am 2010-08-10 14:08:25:
Also ich finde deine Geschichte richtig toll...
anfangs denkt man an eine Liebesgeschichte, aber dann wird relativ schnell klar worum das hier wirklich geht, echt gut beschriebn, und schön schaurig :)
klumapick schrieb am 2010-03-21 11:24:39:
ich is das alles so durcheinander
ka ich komm da nicht so klar
aber schön schaurig;)
Gimliy schrieb am 2008-06-11 18:38:01:
Richtig schön schaurig. Ziemlich hart, aber gut geschrieben.
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