Der kleine Gott
von
Beautiful Experience
Schnecke. Es ist beinahe unmöglich, mir Deine Perspektive zu eigen zu
machen.
Ich bemühe mich dennoch und beobachte Dich in Deiner unendlich bedächtigen
Art der Fortbewegung. Du kriechst den Boden vor meinen Füßen entlang und
beabsichtigst (oder denkst Du vielleicht gar nicht darüber nach?), die alte
Mauer des verwilderten Gartens zu erreichen - Du hast alle Zeit der Welt
dazu.
Es gibt nichts, das Dich drängen könnte, nichts, worüber Du Dir Sorgen
machen müßtest.
Für Dich gibt es nur Deinen Weg, den Du seit wohl undenklichen Zeiten mit
aller Dir eigenen Geduld zurückzulegen scheinst.
Dich kümmert nicht die Bedrohung, Du spürst nicht die Bedrohung, die Dir auf
diesem Pflaster seit Urzeiten begegnen kann.
Du kennst nur Weg und Ziel - nichts sonst ist für Dich von Belang.
Du bewegst Dich in Deiner eigenen Welt, zu der ich keinen Zugang zu haben
scheine.
Du bemerkst mich nicht einmal.
Für Dich bin ich nicht von Bedeutung, völlig ungeachtet meiner körperlichen
Größe, ungeachtet auch meines Schattens, den ich im Sonnenlicht auf Dich
werfe.
Du empfindest weder Furcht noch Zorn darüber, dass ich Deinen Lauf mit
meinen Augen aufmerksam verfolge.
Weg und Ziel, nichts sonst findet in Deinem Bewußtsein Platz..
Aber ich bringe es auf den Punkt: nichts von all dem interessiert mich
wirklich.
Ich sehe Dich, und ich sehe das Sonnenlicht auf Deinem Schneckenhaus
funkeln.
Ich kann sogar, wenn ich mich etwas bemühe, die Spur sehen, die Du auf dem
Asphalt hinterlassen hast.
Ich bewundere auch die Tatsache, dass Du immer noch lebst und Dein Ziel im
Auge behalten kannst:
trotz all der Menschen und Fahrzeuge, die Deinen Weg gekreuzt haben müssen.
Dennoch ist nichts davon für mich von Belang.
Ich beneide Dich um die Ausschließlichkeit und Sorglosigkeit Deines Lebens.
Es kränkt mich, Deine Vollkommenheit anerkennen zu müssen.
Und obwohl Du fast das Ziel Deiner langen Reise erreicht hast, Deine Fühler
fast die Mauer erspüren können, gefällt es mir, Gott zu sein für Dich.
Ich gehe weiter, ohne das Knirschen unter meinem Absatz besonders zu
beachten.
Einige Tränen kann ich trotzdem nicht unterdrücken - und ich verdamme mich
dafür, dass ich weine.
Kommentare
Audrey schrieb am 2006-08-21 23:31:27:
Toll! Ein Stück,wie kein Anderes.Lg Audrey
jessicaknake@aol.com schrieb:
Ich wundere mich gerade, dass noch kein Kommentar zu deiner Geschichte geschrieben wurde. Ich finde sie ganz faszinierend. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, einmal zu versuchen aus der Sicht einer schnecke zu schreiben, bzw. zu versuchen ihre Beweggründe zu verstehen.
Lieben Gruß Jessi
rosenwind@utanet.at schrieb:
Gefällt mir auch recht gut, nur am Schluß wirds mir zu dramatisch- müssen immer gleich Tränen den Schmerz ausdrücken? Wie schauts aus mit "weh tun?"Naja, nur so ein Vorschlag....
Sonst aber echt gut.
rehmer1000@aol.com schrieb:
Interesante Sichtweise die du hast kann mich selbst ziemlich gut in die geschichte denken. Respekt vor deiner Leistung.
mfg rehmer1000
shania-ojibway@gmx.de schrieb:
Klasse, hat mich total fasziniert, mitgerissen und vergessen lassen. Hat mir lange Hoffnung gegeben bis ich dann das Ende gelesen habe. Leider!
Wäre bestimmt auch schön gewesen, das Ende offen zu lassen ...
trotz alledem eine Verbeugung wert
inter-nette Grüße anbei
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