Der kleine Senn
von
Studendekopp
Der Kleine Senn – eine Geschichte über Selbsterkenntnis
Am Anfang war die Welt wüst und leer.
Der kleine Senn strich durch die endlosen Weiten und langweilte sich. Wohin er auch sah, es war nichts zu sehen.
Woran er auch dachte – aber es gab ja nichts zum daran denken, also dachte er auch an nichts. Er wusste nicht woher er kam und er wusste nicht, wohin er ging. Er wusste nicht, wann er geboren war, oder ob er überhaupt geboren war oder was eine Geburt überhaupt war.
Er wusste nicht warum er lebte oder wer er war, oder..., ja er wusste nicht einmal, dass er nichts wusste.
So zog er weiter durchs All und dachte eben mal wieder gar nichts, aber das konnte ja nicht ewig so weitergehen. Da erkannte er, dass er war und er sprach: „Ich bin!“ Und als er sich umschaute, sah er, dass die Leere um Ihn herum auf einmal schwarz war. Da freute er sich, weil er ja schon eine Ewigkeit hatte ins leere Nichts blicken müssen und die Freude wurde gelb. Und als er lachte und sagte: „Ich freue mich!“ da sprang die gelbe Freude in einem hohen Bogen aus seinem Mund und kringelte und kreiselte um ihn herum und flog hinaus ins schwarze Nichts. Und weil er sich da noch mehr freute und lachte, da sprang auch immer mehr Freude aus Ihm heraus und bald war alles voll. Aber er lief weiter und überall wo er war hinterliess er eine Menge sich kringelnder und kreiselnder gelber Freude. Wie der kleine Senn so vor sich hin tollte und spielte und sich freute hatte er’s gar nicht gemerkt, aber irgendwann bemerkte er es doch. Vor lauter Gelb war das ganze schwarz verschwunden! Und so mir nichts, dir nichts war aus der tollen neuen Vielseitigkeit seiner Welt eine neue triste Einfarbigkeit geworden.
Da wurde er ganz traurig und es rollten Ihm dicke Krokodilstränen die Backen herab und die waren schwarz und er weinte und heulte wie ein Schlosshund und die Tränen vereinigten sich zu Bächen und Strömen, zu Flüssen und Ozeanen und weil sie Ihm die Augen verklebten, bemerkte er gar nicht, dass sie drohten das ganze, grade erst entstandene frohe Gelb, wieder wegzuspülen. Erst als fast nichts mehr übrig war, stach das Gelb aus dem ganzen Schwarz so sehr heraus und ihm in die Augen, dass er sie öffnete. Und was er da sah, das war so überwältigend, dass er seinen Mund öffnete und staunte und nur ein langgestrecktes „Oooooh!“ konnte seine Lippen verlassen. Und die Sterne begannen zu glitzern und zu blinken.
Das war zuviel für unseren kleinen Senn und er schlief ein.
Sobald er eingeschlafen war, begannen die Sterne mit ihm zu sprechen. Das heisst, ob sie mit ihm sprachen, das wusste er gar nicht so genau, denn sie schauten ihn nicht an und sie redeten auch nicht sehr verständlich. Einer sagte: „Licht! Licht! Licht! ...“ und einer „Schatten! Schatten! Schatten!“ Einer sprach: „Liebe! Liebe! Liebe!“ und einer sprach „Hass! Hass!“ Hass!“ Einer summte, und einer brummte, einer schnalzte und einer walzte. Einer knatterte und einer blubberte und einer blieb völlig stumm, machte nur manchmal ein dunkles “Brommmmm!” So entstand ein furchtbares durcheinander von Klängen und Stimmen und der kleine Senn wusste nicht mehr aus noch ein. Als er dachte, er könne es nun gar nicht mehr aushalten, da wachte er auf. Da waren die Sterne wieder stumm.
So etwas wollte er nicht noch einmal erleben, deshalb dachte er darüber nach, wie er es verhindern könnte. Da hatte er eine Idee.
Er nahm die Sterne und ordnete sie zu schönen Figuren, die ihm gut gefielen. Manche zu Haufen, andere zu Spiralen, manche zu Kugeln, zu Tellern und manche ganz einzeln weit draussen im All, wie es ihm grad gefiel.
Dann legte er sich wieder schlafen. Es dauerte nicht lange, da begannen die Sterne wieder zu singen und zu sprechen. Aber weil er sie nun so schön geordnet hatte, hörten sie sich nicht mehr wild und durcheinander an sondern sie gaben ein wunderschönes Konzert, schöner als es je irgend ein Orchester gespielt hatte.
Da kam in ihm eine grosse Liebe zu den Sternen auf und die Liebe wurde rot. Und die Liebe flog zu den Sternen und immer um sie herum und in deren Licht begann sie in allen Farben zu schimmern. Und weil er das so schön fand wurde die Liebe in ihm immer grösser und deswegen sangen die Sterne immer schöner und die Liebe flimmerte und glimmerte immer doller, bis er es nicht mehr aushielt, da wachte er auf.
Als er um sich schaute, sah er, dass die Liebe nicht verschwunden war, aber sie hatte sich nun ein wenig gewandelt oder vielleicht auch nicht, nur konnte er das jetzt erst sehen. Nämlich, als zufällig ein Stern mit seiner Liebe ganz nah an ihm vorbeiflog, da sah er, dass die Liebe gar nicht in vielen Farben schimmerte, sondern dass nur viele kleine farbige Bällchen um den Stern herumtanzten. Manche waren braun, andere rot, manche grün oder blau und manche grau oder weiss. nur gelb war keiner, gelb waren ja auch schon die Sterne. Von weitem sah das aus, als wenn die Sterne bunt flimmern würden, aber von nahem sah es anders aus.
Da entdeckte er, dass die Bällchen auch flimmerten, wenn er ganz genau hinschaute und als er noch genauer hinschaute, konnte er sehen, das die Farbe von den Bällchen aus vielen kleinen Pünktchen bestand, manche waren fest andere bewegten sich langsam kriechend über die Oberfläche.
Pünktchen, dachte er sich und wusste auch nicht so genau, was er damit jetzt anfangen sollte. Wieso Pünktchen? Eben noch war er damit beschäftigt gewesen sein armes Hirnchen damit zu martern, dass er probierte ihm wenigstens die rudimentären Grundlagen des Lösens einfacher Differentialgleichungen einzuimpfen und auf einmal hatte sich dieser blödsinnige Gedanke in seinem Bewusstsein breitgemacht. Er gab es auf und ging in die Küche. Ein Blick in den nicht gerade rosig duftenden Kühlschrank, der ihn aber nichtsdestotrotz mit diesem leeren Blick anstarrte brachte ihn zu der Erkenntnis, dass er das genauso gut auch hätte sein lassen können. Also schloss er ihn wieder. Der Gedanke an eine weitere Portion Nudeln mit Tomatensoße ließ ihn erschaudern.Träge schleppte er sich zurück in sein Kämmerchen und begann sich eine Zigarette zu drehen. Nachdem er fertig war steckte er sie an und starrte mit trübem Blick aus dem Fenster. Wenn er so sitzen bliebe musste doch irgendwann irgend etwas passieren? Nein dieses Experiment hatte er schon zu oft durchgeführt. Das Gewissen pochte wieder an die Tür seines Bewusstseins, und ließ sich nicht von dem riesigen gruseligen in Blutlettern geschriebenen Schild mit der Aufschrift “Wegen Überlastung geschlossen, klopfen kann zum Hirntod führen!!!“ abhalten. Während seine Sicherheitstruppen sich daran machten jeden Gedanken an die bevorstehende Matheklausur bereits im Keim zu ersticken, konzentrierte er sich intensiv auf das Putzverhalten von Tauben, da sich ihm auf dem gegenüberliegenden Dach ein einzigartiges Beobachtungsobjekt darbot.
Vielleicht hätte er sich doch einen anderen Studiengang als ausgerechnet Multidimensionale Universalistik aussuchen sollen, aber alles andere war ihm irgendwie zu kleinkariert, geradezu trivial erschienen. Wieso sollte er sich mit den schnöden Kleckereien beschäftigen, die sich um die Alltäglichkeiten der Menschen drehten? Das machten doch schon elf Milliarden anderer Menschen. Nein, so jemand wurde nicht mehr gebraucht, das bewiesen allein schon die Arbeitslosenstatistiken. Gebraucht wurden Leute, die sich ums Große ums Gesamte kümmerten die sich aufs Wesentliche konzentrierten. Jemand der sich nicht von Kleinigkeiten ablenken ließ, jemand der der irregewordenen Menschheit wieder den Weg in vernünftige Bahnen zeigte.
Aber wieso sollte er dafür Differentialgleichungen lösen? Wäre es nicht richtiger erstmal die Grundlagen zu klären? Den Sinn des Lebens zu finden und die Erleuchtung zu erlangen und sich dann an die Feinheiten zu machen?
Er hatte wohl schon den richtigen Studiengang gefunden, nur war der komplett falsch herum aufgezogen. Aber es half alles nichts, zwar war seine Logik eindeutig und glasklar, seine Schlusskette absolut hieb- und stichfest, aber irgendwie wurde er das nagende Gefühl nicht los, dabei am entscheidenden Punkt vorbeiargumentiert zu haben.
Wie er sich nun mit diesen überaus anstrengenden Gedanken müde gemacht hatte und ausserdem ja auch schon einiges geschafft hatte, musste er sich erstmal hinlegen.
Und bald nachdem er sich hingelegt hatte begann er zu träumen –
die Geschichte vom kleinen Senn.
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