Der lange Brief eines Freundes
von
de Vachroi
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Der Brief eines Freundes
Mein lieber Freund,
eigentlich wollte ich nicht schreiben aber ich tue es trotzdem.
Verbuche es unter -labil - oder auch darunter, der Versuchung nicht widerstehen zu können! Die schönste Variante wäre natürlich – Du würdest Dich über das Geschriebene freuen.
Also, auf zum Gefecht mein Lieber – und nicht unter dem Motto, dass der soziale Minderwertigkeitskomplex die Seele zerfrisst, Missverständnisse schürt und gegebenenfalls die Sprache zu Steinen zermahlt, die sich in solchem Falle die Menschen, in Härte verwirrt, gegenseitig an die Herzen werfen.
Das wäre dann wohl eher eine sehr fragwürdige Revue und emotionaler Schredder, die den Menschen dann lieber als listig auf Lust Lauernde denn als ohnmächtiger Ausgelieferte sieht.
Es ist so Vieles klar und gut in den Vordergründen; dem Untergründigen aber bleibt vielleicht nur ein leises Flehen, bemerkt zu werden!
Ich bin sicher mein lieber Freund, Du hast eine ausgezeichnete Wahrnehmung und weißt darum, dass manches Lachen nicht weit entfernt vom Schrei siedelt, und was daran vielleicht auch nur Verzweiflung oder grimmiger Trotz sein kann.
Weißt Du, man spricht so oft vom Horizont – man sagt High - Way, ist aber im Grunde genommen eine Einbahnstrasse.
Und irgendwie hat man das Gefühl der falschen Fahrtrichtung. Fahrt?
Eigentlich doch Stillstand, Warten – als vorgenommenes Sterben!
Ich denke zum Beispiel sehr viel darüber nach, noch einmal an den Ort meiner Jugend zu fahren – zu den ausfallenden Seen und die darüber liegenden Wälder mit dem üppigen Grün – hin zum Ort des kindlichen Wünscheerfüllens auch als letzte Erwachsenen –Zuflucht.
Vielleicht ein Verlangen, sich zurückzuwenden, etwas vermeintlich Verlorenes zu suchen, damit es nicht gänzlich verloren sei. Einen Glanz vielleicht, der im Heutigen fehlt.
Die Welt, mein lieber Freund, ist eben doch nicht nur ein materielles Gebilde; sie ist sicher ebenso besiedelt von Bildern, die wir uns machen. Vorstellungen, die, so irreal sie sein mögen, ein Eigenleben haben und letztendlich auch Macht darüber, wie sich Dinge gestalten. Was wir sind und was wir glauben zu sein, was andere kaum in uns sehen vermögen – diese Unstimmigkeit schmerzt bisweilen oft, wirft uns um. Wieder aufstehend durchschauen wir die Illusion und wissen doch: Weitergehen ist nur möglich im Traum.
Allerdings bin ich mir dabei bewusst, dass alles Weggehen nur ein Hin zu Trauerrändern ist. Während die Entfernungen zum eigenen Ich immer größer werden, vielleicht nicht zu überwinden sind.
Das ist es wohl wahrlich nicht!
Wahre Schicksalsbewegung wäre doch etwas anderes, wäre Bewegung im spannenden Widerspruch: Unser Denken – so meine ich – muss sich einerseits der Krümmung der Dinge, ihrer Beugung, ihrer Unumkehrbarkeit irgendwie anpassen, es kann aber andererseits in jedem Moment auch der schönen Versuchung erliegen, den Dingen des Alltags gewissermaßen in Sternen – Höhe zu entgehen.
Ich weiß, dass es so möglich wird – in prickelnden Abstand zu sich selbst – die eigene Lebenskurve zu entdecken.
Und ich denke, dass könnte nicht weniger berühren, als in großer Höhe die Erdkrümmung zu erahnen. Das wäre vielleicht letztlich Leben als Erlebnis – wenn das leben selbst schon ein Erlebnis wäre.
In diesem Zusammenhang, liebster Freund, komme ich – auch in Anbetracht meines Daseins – zu der Erkenntnis, dass nicht Gott mit den Menschen in Konflikt geraten muss, um die Welt ins Wanken zu bringen.
Es genügt doch im Grunde das ganz normale ewige Drama zwischen geträumten Soll und realem Haben, zwischen einer erfüllbaren, freilich eingeschränkten Alltags – Existenz, die vor alles geht, weil sie Schutz bietet – und jenem unerfüllten Traum vom gesteigerten Dasein, der uns rücksichtslos nachgeht. Der uns im Grunde quält, während wir unsere Verbindlichkeiten leben –sie erst leben, dann abarbeiten.
Alltag, mein lieber Freund: zunächst sicher immer ein lustvolles Spüren, dann schmerzende Spurlosigkeit!
Manchmal denke ich, dass im Grunde die kleinen, scheinbar banalen Tragödien verfehlter Nächstenliebe die wahren Tragödien sind. In einer Gesellschafts- Ordnung, die alles befristet, die vor jeden Sinn einen Preis setzt.
Und wenn ich in diesem Zusammenhang an meine letzten Arbeitsjahre denke – die da gegebene Fluchlust (nicht Klagelust) zeigte ich letztlich nur als einen völlig natürlichen Reflex und zugleich als notgedrungen. Das Abenteuer als Aufbruch – und Zusammenbruch.
Man will die kleine heile Welt, muss sie aber zerstören, um den Glauben an die Welt überhaupt zu erneuern. Doch dieser Weg hinterlässt in aller Regel grausame Spuren.
Also, lieber Freund, absolute Traumlosigkeit? Nur noch ein eingerichtetes Leben? Pragmatismus gegen Sehnsüchte?
Das alles klingt wie schwarze Gruft – deshalb sage ich ganz laut – Nein – und kehre immer wieder zur Hoffnung, zum Streiten, zum Denken, eben zu diesem Fallen und Erheben zurück!
Ich weiß, dass diese Lebenshaltung auch immer verbunden sein wird mit Deiner so glänzenden Gelassenheit, mit Warten, das irgendwie auch stets einem Todesurteil gleich kommt – ja, das lebend abgebüßt wird. Dies macht ohnehin jede unerfüllte Sehnsucht zum Dämon: Denn wer zum warten verurteilt ist, gerät schnell im Licht der sich türmenden Erwartungen zugleich in den Sog des Dunklen, Zerstörerischen; er verliert sich an die seelenverätzenden Kräfte.
Und wenn Du so willst, Hoffnung schürt auch deren Gegenteil, die Verzweiflung. Es ist und bleibt wohl so, dass gesteigertes Empfinden – diese eigentlich doch wundervolle Gabe unseres Bewusstseins – immer auch der große Wundenreißer ist, der uns mit Bildern schlimmstmöglicher Wendungen peinigt.
Also kommt es darauf an, im Warten ganz einfach Mensch zu bleiben! Dann schafft man das wohl alles.
Da kommt mir doch auch in den Sinn, dass es mich schon irritiert hat, dass Du meinst, ich hätte mit meiner Einsamkeit Schwierigkeiten, könnte damit nicht umgehen. Ich muss dazu feststellen, ich fühle mich überhaupt nicht einsam.
Zum anderen muss ich dir sagen, dass ich diese Lebensweise selbst so gesucht und gewählt habe. Mein „Weltschmerz liegt in ganz anderen Regionen“.
Wenn mich die Denkerstunden ereilen, denke ich in aller Regel keineswegs über mein Alleinsein nach oder entwickle hierzu schreckliche Selbstmitleidsphasen.
Ich denke, mein Alltag ist mit genug Trubel ausgestattet und das ich dann auch die absolute Stille oder, wenn Du willst, die Einsamkeit in meiner“ Festung“ suche, ist das für mich schon in Ordnung.
Irgendwie, mein Lieber, bleibt doch jeder an sein Leben, an seine Welt gefesselt – irgendwie unterliegt doch jeder letztendlich den Gesetzen seiner eigenen Persönlichkeit. Man muss wohl nur damit klarkommen.
Mehr habe ich nun nicht zu berichten, mein Freund. Ich habe sehr gern mit Dir geplaudert und hoffe darauf, dass Du mir zugehört hast.
Ich wünsche Dir das Allerbeste und lasse mich mein Gedankenspiel mit den Worten beenden: Jeder Traum, der die Wirklichkeit nicht negiert,
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