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Kategorien > Aus dem Leben > Alltäglicher Wahnsinn

Der neue Nachbar

von Das A

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Es mag eine Fügung des Schicksals sein oder eine weltweite Verschwörung, aber mit mir kann man es ja machen. Ich bin da nicht so.

*Der neue Nachbar*
Zwei Wochen ist es nun her, dass die Fitcom ihre Mahnschreiben und Kontrollanrufe aufgrund meiner freundlichen Korrespondenz eingestellt hat. Inzwischen habe ich mir überlegt, dass ich meinen Kontakt mit der Bude so gering wie möglich halten möchte, was dazu führte, dass ich nunmehr nur noch einmal die Woche und nicht zweimal, wie bisher, ins Studio gehe. Keine Sorge, meine Gesundheit ist dennoch nicht gefährdet, denn unweit meiner Wohnung gibt es einen schnuckligen kleinen Park, damit die südländischen gleich wie die Sozialhilfe bedürftigen Mitbürger einen Platz zum Genuss von koscherem Grillfleisch und ebensolchem Bier haben.Und außerdem gibt es ja noch meine lieben Mitmenschen, die dafür sorgen, dass ich keine Ruhe habe. Insbesondere, jener freundliche Herr, der nun in die Wohnung der im Dezember verstorbenen alten Dame unter mir eingezogen ist.
Neben dem Terrortrampler von oben, der allmorgentlich Sonette jammernden Operndiva aus dem Fünften und dem Yoga-Großvater aus dem Ersten, der bei Bedarf (oder auch ohne Bedarf) in T-Shirt und Unterhose den Einbeinigen Knickhals-Leguan auf Lotusblüte vormacht, ist er eine weitere Ausführung des Prototyp Mensch, den diese Stadt scheinbar magisch anzuziehen scheint. Und doch ist er wiederum ganz anders.
Wochenlang war ich hoch erfreut, dass sich ein neuer Mieter angemeldet hatte, denn in diesem von alten Leuten überlaufenen Gebäude versprach es ein deutlich jüngerer Bewohner zu werden. Jünger ist er, aber das istauch alles. Anfang 30, kurzgeschorene Haare, Brille, ungeflegter Stoppelbart, schlacksige Gestalt und einfach mal nicht zum Man-Model geboren. Aber die bemerkenswerteste Eigenschaft an diesem Mann ist, sein intensiver Hang zur "Freundlichkeit". Dabei nahm unsere Beziehung einen wunderbaren Anfang.
Es begab sich, dass ich wiedereinmal zum wöchentlichen Besuch des (ja!) Fitcomstudios unterwegs war, dass der Weg vom Dritten ins Erdgeschoss aufgrund von im Treppenhaus eingelagerten Utensilien des (nicht ganz so) alltäglichen Lebens deutlich erschwert wurde. (Bisher konnte ich mir noch nicht erklären, wofür man in einem fünf stöckigen Haus ohne Garten einen Laubsauger braucht.) Ich hoffte inständig, dass der herr derzeit in seiner Wohnung werkelte, aber dummerweise lauerte er mir bereits am Umzugswagen auf.
"Hi, kannste mir mal helfen?"
Ich hielt an und überlegt einen Moment ob er tatsächlich mich angesprochen hatte. Niemand da! /"Hallo Herr "...", sie dürfen mich duzen. Ich wohne übrigens über ihnen, sofern sie der neue Mieter sind."/ dachte ich, änderte aber aus Angst vor zu großer Aufdringlichkeit meine Antwort in:
"Klar, wobei?"
Natürlich sollte ich ihm bei der großen Eichenkiste helfen, in die bequem meine beiden Brüder gepasst hätten. Sie war schwer, sperrig und schlecht zu tragen, wie das so eine Eichenkiste an sich hat. Wir hoben sie bis in den Fahrstuhl, dann verabschiedete er sich mit einem höflichen "Ok, alles weitere geht schon!".
/Ach klar, kein Problem, hab doch gern geholfen. Ich schick dir die Arztrechnung wegen meiner Bandscheibe./
Ich verdrückte mich mit einem einfachen "Okay, kein Problem!".

Zwei Tage später klingelt es an meiner Tür. /Es klingelt! Wow! /Bei mir klingelt nie jemand! Außer Sektiere der evangelischen Kürsche (ne Andrea! ;) ), die mit mir über Vertrauen reden möchten. Ich schlunze in Boxershorts und T-Shirt zu Tür. Der Eichentruhen-Mann. Ich öffne die Tür mit einem freundlichen "N'abend!" und warte was er möchte.
"Ich bräuchte da mal Hilfe!"
/Kann ich sehen, bin aber kein Schönheitschirurg, sorry!
/"Na klar, Moment?"
Ich schlüpfe in meine Jogginghose und die ausgelatschten Pantoffeln und schlurfe die Treppe mit atemberaubender Geschwindigkeit herab. Unten steht das Treppenhaus immernoch voller Gerümpel, aber die Wohnungstür ist frei und ich trete ein. Im Bad hockt mein Untermieter vor der Waschmaschine. Juhu!
Zum Glück geht es nur darum sie vom Transportwägelchen zu rutschen und in die Ecke zu befördern. Das ist schnell getan, ohne nennenswerte Schädigungen der Columna vertebralis.
"So, reicht schon, rest krieg ich allein." bedankt er sich.
"Okay, bin dann mal wieder oben." antworte ich gleichfalls höflich./"Danke!" wär mal ganz nett, Arschloch!/
Im Flur fällt ihm dann doch noch etwas ein und ich drehe mich voller vorfreudiger Erwartung um.
"Ach, kannste mal nicht so rumtrampeln da oben, das nervt echt, Mann!"
Hm, kein Danke wie ich mir das erhofft hatte.
"Hm, wüsste nicht, dass ich trampele, die Vormieterin hat immer gesagt, ich sei sehr leise", gebe ich zurück.
"Ja, is aber so, musst ja nicht immer auf den Hacken rumlaufen. Die Vormieterin war vermutlich alt und hat nix mehr richtig gehört", grunzt er.
/Die Vormieterin war zufällig sehr nett und konnte sehr gut hören, auch wenn sie alt war./
"Ich geb mein Bestes!" antworte ich und verlasse seine Revier.

Seither schlappt meine Freundin beim Wochenendbesuch extra laut durch die Wohnung und bemüht sich das zarte Pflänzchen da unten, was den Mangel einer Trittschallschutzdämmung bei der Wohnungsbesichtigung nicht erfasst hat, auf die Palme zu bringen. Neben Laubsauger und alter Eichentruhe besitzt der Mann übrigens noch seltsame andere Dinge. Letztens erst offenbarte sich mir, dass er sich bisweilen in Leoparden-Bodies und schwarze Superhelden-Capes kleidet, die er danach auf seinem Balkon zu trocknen pflegt. Ungelogen! Seither versuche ich ihn zu meiden, da mir dass dann doch etwas unheimlich ist. :)

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