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Kategorien > Mysterie > Außergewöhnliches

Der stille See

von Martin Anger

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Als ich durch die Bäume sah, sah ich ihn schon wage und unbestimmt vor mir. Ich ging bis an den Waldrand und stellte mich im Schatten einiger Himbeeren so auf, dass ich die Fläche vor mir einsehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Die Wurzeln der Himbeersträucher ragten direkt ins Wasser eines großen Sees, der vor mir lag. Ganz schwach meinte ich am Horizont das andere Ufer des Sees zu erblicken. Nach links und rechtes schien er sich endlos auszubreiten. Der Wind ließ kleine Wellen, die in der Sonne wie Gold glänzten, über den See tanzen. Sonst lag der See völlig ruhig und verlassen dar. Nur ein paar Vögel waren weit draußen über dem Wasser zu sehen. Trotzdem war es mir unheimlich zumute. Ich hatte kein gutes Gefühl. Ein böses Ahnen einer drohenden Gefahr stieg in mir auf.

Plötzlich hörte ich einen Schuss. Angstvoll duckte ich mich und kroch noch tiefer in die Himbeeren. Dabei war es mir egal, dass ich sowohl Gewand als auch meine Haut aufschürfte und teilweise zerriss.

Als ich nach einiger Zeit den Kopf zu heben wagte, sah ich vor mir im See einen Körper treiben. Rund um ihn färbte sich das Wasser rot. Der Mann – ich glaubte ihn als solches zu erkennen – bewegte sich schwerfällig und versuchte über Wasser zu bleiben. Obwohl ich wusste, dass er sterben würde, wenn ich ihm nicht half, wagte ich mich nicht aus meinem Versteck heraus. Irgendwo musste der Schütze sein. Im Gestrüpp war ich weitgehend sicher.

Nach scheinbar endlos langer Zeit – ich hatte das Zeitgefühl jedoch komplett verloren – wagte ich mich dann doch, in den See und den Mann herauszuziehen. Es war jedoch schon zu spät. Ich hatte eine Leiche geborgen. Als ich sie mir nun näher betrachtete, kam es mir vor, als ob ich den Mann schon früher gesehen hätte. Ich konnte jedoch absolut nicht sagen wo.

Plötzlich meinte ich Schritte zu hören. Ich drehte mich schnell einmal um Kreis. Dann duckte ich mich in die Himbeeren und lauschte angstvoll. Es war auf einmal komplett still. Absolut nichts war zu hören. Selbst die Natur schien den Atem anzuhalten. Nach einiger Zeit glaubte ich schon, mich getäuscht zu haben. Da hörte ich das knacken eines Astes. In Panik fuhr ich zusammen. Ich zitterte stark und versuchte dennoch ruhig zu bleiben und auf die Umgebung zu lauschen. Nichts geschah. Hatte ich mich getäuscht? Spielten meine Sinne verrückt? Regte der Tote meine Phantasie zu viel an?

Nach einer guten halben Stunde kroch ich vorsichtig aus dem Versteck. Der Platz wo der Tote gelegen hatte war leer. Was war mit ihm passiert? Ich hatte ihn doch klar und deutlich gesehen, als ich mich versteckte. Ich sah auf den See. Er lag ruhig und lautlos da. Nur der Wind spielte leicht mit den Wellen und in der Ferne zogen ein paar Vögel ihre Kreise. Nirgendwo war etwas Verdächtiges zu sehen. Weder Abdrücke oder Blut im Graß oder auf den Büschen. Auch an meinen Händen war nichts zu sehen. Sie waren weder dreckig noch mit Blut beschmiert noch war mein Gewand zerrissen. Plötzlich überfiel mich wieder die Angst. In Panik rannte ich so schnell ich konnte aus dem Wald.

Als ich draußen war, vermochte ich nicht mehr zu sagen, ob ich alles erlebt hatte oder geträumt hatte. Obwohl es seltsam gewesen war, ist es mir doch auch real und echt vorgekommen. In den folgenden Jahren ging ich noch öfters in Wald, ohne je etwas Besonderes zu sehen oder zu hören. Auch meine Nachforschungen nach einer eventuell gefundenen Leiche ergaben nichts. Alles schien so, als wäre nie etwas passiert. Konnte das stimmen? War es möglich, dass ich mitten am Tag geträumt hatte, und dabei doch alles als real wahrgenommen hatte? Oder geschahen damals wirklich Dinge die für mich unbegreiflich und unheimlich bleiben würden? Ich weiß es nicht, wenn aber jemand von seltsamen Ereignissen berichtet lache ich nicht darüber, sondern denke, dass vielleicht auch ich Zeuge so eines Ereignisses gewesen war.

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