Geschichte einsenden Links & Rings AGBs Impressum
Kategorieauswahl
Wir freuen uns über jeden Autor, der hier auf Storyparadies.de seine Geschichten veröffentlichen möchte.Da jeder Autor Feedback braucht, sind Kommentare, solange es sich um konstruktive Kritik handelt, möglich und auch ausdrücklich erwünscht. Bitte verwenden Sie zur Einsendung der Geschichten und Kommentare unser Formular und beachten Sie dabei unsere Regeln.
Suche


Kategorien > Kurzgeschichte > Liebe

Der wahre Reichtum

von Michael Schwarz

1 2 3

Ich muss nach Draußen, eine rauchen. Dieses oberflächliche Geschwätz hält doch niemand aus. Wieso habe ich mich nur darauf eingelassen? Warum habe ich überhaupt zugesagt? Klassentreffen. Was für eine dämliche Idee? Würde mir an einem dieser Leute etwas liegen, träfe ich ihn auch ohne dass jemand so einen Abend organisierte. Wieso muss ich mich zwanghaft mit meinen ehemaligen Mitschülern treffen, mit ihnen eine sogenannte geschlossene Gesellschaft teilen und dafür sogar noch einen meiner wenigen freien Abende opfern? Und das alles nur, weil wir vor 15 Jahren das Abitur bestanden haben. Dabei hätte ich weiß Gott besseres zu tun. Auf meinem Schreibtisch stapeln sich wichtige Projekte, meine Inbox ist voll dringender Anfragen. Wie viel Geld hätte ich meiner Firma heute Abend noch einbringen können? Doch was tue ich anstatt? Völlig ineffizient, meine Anwesenheit auf dieser überflüssigen Veranstaltung. Wenn schon Empfang und Häppchen, dann hätte ich auch an dem heutigen „Business Network Meeting“ der Deutsch-Amerikanischen-Handelskammer teilnehmen können. Da hätte ich wenigstens potentielle Kunden akquirieren und nützliche Kontakte knüpfen können. Aber hier? Keine nützlichen Kontakte, nicht einmal neue Leute. Hier rollt der Rubel nicht. Hier steht die Gelddruckmaschine still. Wie viele Einnahmen mir durch diesen langwierigen Abend durch die Lappen gehen, möchte ich gar nicht überschlagen? Wenn es wenigstens interessante Gespräche gäbe – aber nichts, nur das übliche, oberflächliche Gelaber. Jede Begegnung läuft nach dem gleichen Schema ab. Man sieht sich, legt ein gespielt freudiges Lächeln auf, schüttelt die Hände und begrüßt sich anschließend mit dem einstudiert klingenden Satz: „Hallo, lange nicht mehr gesehen, wie geht’s dir?“. Was soll diese Frage? Wie es mir wirklich geht, interessiert hier doch sowieso niemanden. Mir ist es schließlich auch egal, in welchem Gesundheitszustand sich meine Klassenkameraden befinden. Man tauscht während eines nun folgenden, kurzen Smalltalks Firma, Position und, wenn es hoch kommt, das aktuelle Automodell aus. 911, X5, A8, E-Klasse, und so weiter. Danach beteuert man, dass man doch unbedingt in Kontakt bleiben und in Zukunft doch öfter etwas zusammen unternehmen sollte. Ich nicke stets freundlich, drehe mich um und hoffe, diesen Menschen in naher Zukunft so schnell nicht wieder sehen zu müssen. Und schon stehe ich vor dem Nächsten und das Ritual beginnt von neuem. 32 Mal habe ich dieses Theater nun schon über mich ergehen lassen, jetzt reicht es. Jetzt ist es genug. Ich muss nach Draußen, eine rauchen.

„Was für eine herrliche Luft“, ertönt es hinter mir, als ich mir gerade eine Zigarette anzünden möchte. „Atme mal diese frische Waldluft tief ein und fülle deine Lunge damit“, fordert mich die unbekannte Stimme in meinem Nacken auf. Für kurze Zeit stehe ich wie angewurzelt mit offenem Mund da. Herrliche Luft? Frische Waldluft? Was redet der denn da? Es ist kalt und es hat den ganzen Tag geregnet. Was ist denn daran herrlich oder frisch? Moment einmal, ist das nicht Michael, aus dessen Mund diese Worte stammen. Den habe ich bis jetzt in dieser homogenen Masse noch gar nicht gesehen, dabei wäre er mir von all diesen noch der liebste Gesprächspartner gewesen. Ich habe ihn zwar auch seit dem Abitur nicht mehr gesehen, doch er ist immerhin der einzige, an den ich hin und wieder denken musste. Ihn zu sehen und zu erfahren, was aus ihm geworden ist, war auch fast der einzige Grund, warum ich mich hier überhaupt blicken habe lassen. Michael gehörte niemals zu irgendeiner der Cliquen und fügte sich nie irgendwelchen Trends oder Modeerscheinungen. Er lebte sein eigenes Leben, war dabei allerdings auch nie besonders erfolgreich. Er hatte stets schlechte Noten – außer in Sport natürlich – das machte ihm jedoch nichts aus. „Der Vierer ist der Einser des kleinen Mannes“, hatte er mir einmal gesagt. Er konnte sich über diese ausreichende Zensur so sehr freuen, wie ich über ein „sehr gut mit Stern“. Ich drehe mich um und blicke direkt in sein alt bekanntes, breites Grinsen. „Michael! Hallo. Lange nicht mehr gesehen, wie geht’s dir?“, will ich gerade sagen, doch da verschlägt es mir, Gott sei Dank, die Stimme. Fange ich jetzt auch schon damit an? Weiß ich denn nichts Besseres, als diese leeren Worthülsen der anderen „nachzuplappern“? Doch wie sollte ich denn sonst das Gespräch beginnen. „Seit wann rauchst du denn?“, unterbricht Michael plötzlich meine Gedanken. „Der Stress.“ – „Der Stress?“ – „Die Arbeit, der Stress, Frau, Kinder, du weißt schon.“ – „Arbeit, Stress, Frau, Kinder? Nein, ich weiß nicht, aber was haben diese Dinge denn mit dem Rauchen zu tun?“ Gute Frage. Warum rauche ich eigentlich? „Mein Chef raucht, da habe ich auch angefangen. Anfangs nur, um in seiner Nähe zu sein, mich bei ihm einzuschmeicheln und, um eventuell als erster an gewisse Informationen zu kommen. Inzwischen ist das Rauchen für mich Entspannung.“ Michael sieht mich verständnislos an. „Wie entspannst du dich denn, wenn du gestresst bist?“, will ich wissen. Michael macht ein noch verständnisloseres Gesicht. Er schweigt, überlegt, reibt sich das unrasierte Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger. „Im Grunde genommen macht man sich doch all diese Dinge selbst.“ Jetzt bin ich überfordert. Ich blicke ihn fragend an. „Ich meine, den Stress, die Frau und die Kinder.“ – „Nicht unbedingt“, hake ich ein. „Den Stress macht die Arbeit, die Frau und die Kinder. Das sind sozusagen die Ursachen.“ – „Stress ist die Wirkung, da hast du Recht, aber die Ursache kannst du nicht auf andere schieben, die musst du schon bei dir selbst suchen. Stress macht man sich doch selbst.“ Er grinst mich wieder breit an. „Ich weiß ja nicht, was du beruflich machst, aber mein Chef gibt mir immer mehr Projekte und Aufgaben, dass ich schon bald nicht mehr weiß, wann ich das alles erledigen soll. Dazu stänkert meine Frau ständig, ich kümmere mich zu wenig um sie und ich liebe sie nicht mehr so sehr wie zu Beginn unserer Beziehung. Dass das nicht stimmt, versteht sich ja wohl von selbst. Aber dieses Weib kann und will einfach nicht verstehen, dass die Hunderternoten nicht einfach vom Himmel fallen. Und dann sind da noch die Kinder. Nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag muss ich mich noch um die Organisation von Nachhilfestunden kümmern – stell Dir vor, mein ältester bringt mir in Englisch eine Drei nach Hause – und von einer Elternsprechstunde zur nächsten hetzen. Am Samstag arbeite ich beziehungsweise ich versuche es, weil mich meine Frau Gattin ständig mit ihrem stichelnden und vorwurfsvollen Organ davon abzuhalten versucht. Inzwischen gehe ich daher auch samstags ins Büro. Bleibt also nur noch der Sonntag. Aber nicht einmal dieser eine Tag sei mir gegönnt. Der kleine muss morgens zum Fußballtraining und meine Tochter zum Balletunterricht gefahren werden. Anschließend kann ich beide zu den Tennisstunden chauffieren, dann gibt es Mittagessen und danach kutschiere ich meine Kinder zur Musikschule. Stress

1 2 3

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen



Aufgrund des extremen Mißbrauchs der Kommentarfunktion sind wir leider gezwungen, die Kommentare ab sofort redaktionell zu überprüfen. Wir bitten um Ihr Verständnis.