Der zweite Sprung
von
MeSs
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Sie sitzt auf der Brüstung. Der Stein fühlt sich hart an. Und kalt.
Doch sie fühlt sich selbst ebenso.
Unsicher sieht sie nach unten. Kein Auto fährt auf der dunklen Straße. Niemand wird sie so schnell finden. Keiner wäre da.
Tränen fließen ihre Wangen hinunter.
Es ist doch keiner da!, sagt sie sich. Seitdem.
Sie verflucht den Tag vor zwei Monaten. Es war so schön sonnig gewesen, ein letzter Sommertag, der sich in den Spätherbst geschlichen hatte. Sie war spazieren gegangen. Mit der ganzen Familie.
Den letzten Tag müssen wir nutzen., hatte ihre Mutter gesagt. Also waren sie spazieren gegangen, bis die Sonne unterging. Im herrlichsten Blutrot hatte der Himmel gestrahlt, bevor alles in trübem Schwarz versunken war. Dann waren sie wieder nach Hause gegangen. Hatten sich Tee gekocht. Musik gehört und Mensch-Ärgere-Dich-Nicht gespielt. Ein bisschen getrunken und gefeiert, mal wieder einen Tag zusammen verbracht zu haben. Erst spät waren sie ins Bett gegangen.
Viel zu früh am Morgen war sie wach geworden. Es hatte gestunken, im ganzen Haus. Sie war aufgestanden und hatte in den Flur geschaut.
Ins Feuer.
Sie war gerannt. Hatte sie geschrieen? Wahrscheinlich. Sie wusste es nicht mehr. Ihre Erinnerung war erfüllt vom knisternden Feuer, von unerträglicher Hitze, von beißendem Rauch. Hustend war sie zum Zimmer ihrer Eltern gerannt. Sie waren ihr schon entgegenge-kommen.
Wir müssen aus dem Fenster springen!, hatte ihr Vater ihr zugerufen und sie ins Schlafzimmer gezogen.
Das Schlafzimmer im fünften Stock.
Mutter hatte das Fenster aufgestoßen. Unten stand bereits die Feuerwehr. Mit dem großen Tuch, dass alle drei auffangen sollte. Sollte.
Mutter sprang. Landete unverletzt. Vater sprang. Landete ebenfalls, ohne Schaden zu nehmen. Sie selbst hatte gezögert. Eigentlich hatte sie keine Höhenangst, aber an diesem Tag... .
Sie konnte es nicht. Sie war vor Angst erstarrt. Hinter ihr war Feuer, neben ihr, in den Stockwerken unter ihr. Sogar schon im Keller.
Wo die Gastanks standen.
Als sie sprang, ertönte der Knall. Das ganze Haus sackte ein Stockwerk ab, als der Keller zerfetzt wurde. Die Schaulustigen wurden umgeworfen. Die Feuerwehrmänner strauchelten.
Das Auffangtuch wurde davongeweht...
Sie zwingt sich zurück in die Wirklichkeit und holt tief Luft.
Hinter ihr steht der Rollstuhl, aus dem sie sich mühsam auf die Brüstung gehievt hat. Ihre Fingernägel krallen sich in den Stein. Ein warmer Wind kommt auf und streicht über ihre Beine, die von der Brüstung baumeln, doch sie spürt ihn nicht.
Den Aufprall an jenem Tag hatte sie gespürt. Doch gleich darauf war sie gestorben. Hatte sie jedenfalls gedacht. Die Haut verbrannt, die Knochen zerschmettert – wie hätte sie das überleben sollen?
Doch sie hatte es überlebt. Als würden sie mit einem übermächtigen Gegner ringen, hatten die Ärzte um ihr Leben gekämpft. Hatten sie gerettet. Und trotzdem...
Sie werden nie wieder laufen können., hatte der Oberarzt ihr gesagt, als sie irgendwann aufgewacht war. Wir konnten nichts tun. Es tut mir leid.
Sie flucht. Schreit ihr Leid heraus. Ein Pärchen, das auf der anderen Straßenseite entlang läuft, beschleunigt seine Schritte erschrocken.
Es ist ihr egal, aber gleichzeitig schämt sie sich. Sie wirft einen Blick auf den Himmel. Wieder Sonnenuntergang. Wieder dieser blutrote Himmel.
Wieder ein Sprung.
Sie hätte nie gedacht, dass sie einmal in solch eine Lage geraten würde. Eine Selbstmörderin.
Sie ahnte, was in der Zeitung stehen würde.
25-Jährige springt von der Brücke!, würde das Titelblatt reißerisch verkünden. Die Leute würden sich darum reißen. Tod, Blut, Mord – war das alles, was die Neugier der Menschen fesselte?
Sie beugt sich vor. Ihre verbrannte Haut schmerzt und sticht. Sie freut sich, diesen Schmerz bald nicht mehr spüren zu müssen. Dort oben, dort, wo sie hingehen würde, da gab es keinen Schmerz, keine Krankheit, kein Leid.
Vielleicht komme ich ja gar nicht dorthin., überlegt sie sich. Wirft einen weiteren unruhigen Blick gen Erde. Ein einzelnes Auto fährt unter ihr entlang, doch seine einsamen Lichter verschwinden schnell.
Irgendwo sind wir alle einsam., denkt sie.
Denkt an ihre Eltern, deren Besuche seit kurzem immer spärlicher geworden sind.
Denkt an ihre Freundinnen, die sie seit Wochen nicht mehr angerufen haben.
Denkt an ihren Freund. Ein ganzes Jahr lang waren sie zusammen gewesen. Bis er ihr nicht mehr ins Gesicht sehen konnte.
Sie schämt sich ihrer Vorwürfe wegen. Sie selbst kann sich ja auch nicht mehr ins Gesicht sehen. Als die Verbände zum ersten Mal abgenommen wurden, hatte sie einen hastigen Blick in den Spiegel geworfen. Und hatte sich erbrochen, als sie ihr verbranntes, wulstiges Gesicht gesehen hatte. Seitdem scheute sie jeden Spiegel, der ihr zeigen konnte, was aus ihr geworden war.
Ein Polizeiauto fährt hinter ihr entlang. Bremst. Ein junge Frau steigt aus.
Darf ich sie bitten, von der Brüstung zu steigen?, fragt sie höflich.
Ich genieße nur die Aussicht., antwortet sie. Ich rolle gleich wieder davon.
Die Polizistin wirft eine langen Blick auf den Rollstuhl. Plötzlich ruft ihr Kollege sie.
Da ist eine Schlägerei beim Italiener!, ruft er. Beeilung!
Die Polizistin sieht noch einmal zurück, als das Auto davonrast.
Sie atmet tief durch. Beugt sich nach vorn.
Ich bin allein... einsam... ohne Eltern, Freunde, Helfer... alle haben mich verlassen..., denkt sie. Ich bin hilflos, haltlos, gottlos... Gott... er hat mich auch verlassen... . Alles schmerzt... . Ich will diesen Schmerz nicht... ich will die Einsamkeit nicht... ich will dieses Leben nicht... .
Sie hängt über der unbeleuchteten Straße, als es zu regnen beginnt. Die kühlen Tropfen glitzern im Sonnenlicht, und ein Regenbogen erscheint.
Sie beugt sich weiter vor. Ein Schwalbenpaar fliegt unter der Brücke hindurch.
Sie beugt sich weiter vor. Ein Kohlweißling flattert unschuldig vor ihre Nase.
Sie beugt sich weiter vor. Die Wolkendecke reißt auf, und die Sonne wirft ihr einen zarten Lichtschein ins Gesicht.
Plötzlich stockt sie. In Gedanken hatte sie daran gedacht, was sie dazu brachte, zu springen. Bei jedem Gedanken hatte sie sich ein Stückchen vorgebeugt.
Doch jetzt kann sie nicht weiter. Ihr fällt nichts mehr ein.
Stattdessen fällt ihr ein, wofür es sich lohnt, zu leben.
Ein Liebespärchen... Regen... der Regenbogen... Schmetterlinge und Schwalben... Freunde... Eltern... Licht... Gott...
Sie beugt sich weiter – und fällt.
Hart prallt sie mit dem vernarbten Rücken auf den Gehweg, und für einen Moment weint sie vor Schmerz. Doch der Schmerz versiegt.
Sie presst die Lippen aufeinander. Sie will es nicht. Nicht jetzt. Sie will es jetzt nicht tun.
Sie lacht trotzdem. Ein lange zurückgehaltenes, erleichtertes, erlösendes Lachen bricht aus ihr. Über ihr erscheinen die ersten Sterne. Sie lacht weiter. Der Mond geht auf. Sie lacht weiter. Bis sie nicht mehr weiß, warum sie eben noch von der Brücke springen wollte.
Mühsam stemmt sie
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Kommentare
Jessi Nieber schrieb am 2009-03-06 17:16:06:
Die Geschichte ist wirklich schö, weit mehr als schön, konnte mich hinein versetzen, stand auch schon oft auf der brücke, wollte springen, weil nichts mehr da war, nichts rein gar nicht.... ausser eben man selbst
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