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Der zweite Weg

von Stefan


Da oben stand er. Schaute nach unten. Hinter ihm fuhren die Autos vorbei. Niemand schien sich für das, was er vor hatte, zu interessieren. Er spürte den Fahrtwind, den die Autos verursachten im Rücken. Es wunderte ihn, dass er das noch wahrnahm. Sollte er es jetzt tun. Viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Wenn er jetzt los lies, würde es einige Sekunden dauern und dann wäre alles vorbei. Wollte er das wirklich? Auf einen Schlag alles vorbei. Was kommt danach? Kommt überhaupt etwas danach.? Oder ist es nur vorbei und alles ist dunkel. Sollte das alles ein so schnelles Ende haben? Krampfhaft hielt er sich an dem Eisenholm fest. Er spürte plötzlich, wie das Blut durch seine Adern floss. Plötzlich war die Angst da, dass es nur nicht vorbei sein darf. Wie konnte er sich nur so gehen lassen. Jetzt stand er auf der anderen Seite der Sicherheit und unter ihm war ein sehr weiter Weg mit Nichts. Einfach nichts. Wo er doch das Leben im Grunde so liebte. Immer auf der Suche nach dem Leben. Nach Wärme, nach Bewegung. Die Sehnsucht nach Begeisterung packte ihn wieder. Wie konnte er nur auf eine solche Idee kommen. Das war doch nicht er selbst. Nein. Immer fester griffen seine Hände um den Eisenholm. Nur jetzt keinen Fehler machen und langsam wieder zurück. Langsam zog er sich mit dem Rücken an den Eisenholm. Dann drehte er sich langsam um und kletterte auf die andere Seite in die Sicherheit. Wie die Autos vorbei rasen. Man wird schneller überfahren, als dass man auf der anderen Seite in das Nichts fällt, dachte er. Langsam kam wieder seine objektive Einstellung zurück.

Dachte er doch immer, wenn es zu schlimm kommt, lass ich alles stehen und liegen und gehe. Das was er gerade vor hatte, war für ihn eigentlich nie eine Lösung gewesen. Vor einem solchen Schritt gab es noch tausend Möglichkeiten, etwas anderes zu tun. Wollte er nur einmal das Gefühl erleben, so am Abgrund zu stehen, dass er sich zu einem solchen Tun hatte hinreisen lassen. Wahrscheinlich war es der Kick, den er brauchte, um wieder zu sich zu kommen. Er spürte wie das Leben wieder zurück kam.

Er ging entlang der Straße Richtung Brückenanfang. Dort hatte er sein Auto stehen lassen. Wie schön es wieder zu sehen. Es stand da, als ob sich nichts verändert hat. Nach außen hatte sich auch nichts verändert. Jedoch für ihn hatten die wenigen Sekunden am Abgrund vor dem Nichts vieles verändert.

Am Auto angekommen, schloss er es auf und stieg ein. War das ein Gefühl in den körpergerecht geformten Schalensitzen. Er steckte den Schlüssel in das Zündschloss und startet den Motor. Wie gut hörte sich dieser Klang des Motors an. Man konnte aus dem Klang seine Kraft hören. Er legte den Gang ein und fuhr los.


Langsam wurde es hell. Es hatte aufgehört zu regnen. Die nächste Abfahrt der Autobahn fuhr er runter. Er befand sich mitten in Frankreich in der Nähe von Lyon. Man konnte schon den Einfluss des Mistral auf die Landschaft spüren. Es war nicht mehr so kalt wie im Norden. Da kam schon ein kleiner Ort. Die Einfahrt ging über eine Kreisel, in dem bereits Blumen blühten. Die Straße weiter sah er schon Menschen, die ihren Erledigungen nachgingen. Am nächsten Café hielt er an. Parkte am Straßenrand und stieg aus. Er musste sich nach dem Aussteigen nach der langen Fahrt, welche er die Nacht hinter sich gebracht hatte, erst einmal strecken. Dann ging er direkt zu dem Café. Draußen standen Tische und Stühle und er setzte sich dorthin. Es waren kleine Bistrotische und die Stühle hatten eine halbrunde Form. Es war sehr bequem in ihnen zu sitzen. "Garcon, einen Café bitte". Nach ein paar Minuten hatte er einen kleinen schwarzen Espresso vor sich stehen. Schwarz war er mit einer kleinen Schaumkrone. Eben ein richtiger Espresso. Er tat zwei Zuckerstückchen hinein und rührte ihn um. Nach dem ersten Schluck kamen die Lebensgeister nach der langen Fahrt wieder zurück. Was in einer so kleinen Tasse für eine Kraft steckt, dachte er. Die Kraft nach Leben. Was ein so kleines Getränk für Gefühle auslöst. Er steckte sich eine Zigarette an und zog den Rauch tief ein.
Die Sonne schien und er spürte die Wärme auf seinem Gesicht. Wie angenehm das ist. Er schloss die Augen um den Moment zu geniessen.

"Haben Sie mal Feuer", riss ihn eine Stimme aus seinen Träumen. Als er die Augen öffnete, sah er eine ältere Dame am Nebentisch, die ihn dies fragte. "Ja klar doch" und er reichte ihr das Feuerzeug. Genüßlich steckte sich die Alte eine Zigarette an. Er schätzte sie auf über 70 Jahre. Ihr Gesicht war braun gebrannt und hatte viele Falten. Man konnte sehen, dass sie früher mal eine schöne Frau gewesen war. Ihre Hände hatten auch viele Falten, jedoch waren sie sehr gepflegt. Hände haben schon was und können viel über ihren Besitzer aussagen. "Danke" sagte die Alte und reichte das Feuerzeug wieder zurück. "Heute wird wieder ein schöner Tag", sagte die Alte. "Am schönsten ist es am frühen morgen. Es ist herrlich, hier zu sitzen und die frischen Sonnenstrahlen des erwachenden Tages zu spüren". Man konnte die Lebensfreude trotz des fortgeschrittenen Alters der Dame fühlen. "Probieren Sie mal die frischen Croissants hier", sagte die Alte und rief nach dem Kellner. "Zwei Croissant und einen Café au Lait für mich. Trinken Sie auch noch einen Café?" "Ja, bringen Sie mir auch einen Café au Lait". Er fragte die Alte, "sind Sie von hier?" "Von hier bin ich nicht", sagte sie, "aber ich lebe hier schon seit zwanzig Jahren. Davor lebte ich in Paris mit meinem Mann. Er hatte dort die Generalvertretung für Klimageräte einer Firma für Frankreich. Wir haben da sehr viel Geld verdient. Ja, das ist schon lange her". "Und wo ist Ihr Mann jetzt?" "Er lebt jetzt wieder in Holland. Wir haben uns damals in Paris getrennt. Ich hatte dort einen schweren Verkehrsunfall. Lag lange im Krankenhaus und hatte lange Probleme mit meinem Bein. Irgendwie hat er meinen Unfall nicht verkraftet. Der Unfall hat unser Beider Leben verändert. Er ist bereits damals, einige Zeit nach meinem Unfall, wieder nach Holland gezogen. Wir sind nämlich beide aus Holland. Und seit dieser Zeit lebe ich jetzt hier. Hier ist es angenehmer als in Paris. Wegen dem Wetter, Sie verstehen." "Ja, ich denke das Wetter spielt eine große Rolle bei der Lebensqualität. Ich komme aus Deutschland. Dort ist das Wetter zum großen Teil nicht so besonders. Im Sommer gibt es mal ein paar Wochen, wo es angenehm ist, aber der große Rest ist meistens nicht besonders. - Und was machen Sie jetzt hier?" Der Garcon brachte die Croissants und stellte die Café au Lait auf den Tisch. Den Croissants konnte man ansehen, dass hier bei der Zugabe von Butter nicht gespart wurde. "Na, greifen Sie zu", sagte die Alte und man konnte ein Leuchten in ihren Augen sehen. Die Augen schienen nicht gealtert zu sein und die braunen Falten schienen ihre Lebensfreude zu spiegeln. "Ja, wie bereits gesagt lebe ich hier und will das auch weiterhin tun. Nach Holland möchte ich nicht mehr zurück. Ab und zu telefoniere ich mit meinem Mann. Es scheint ihm nicht mehr so gut zu gehen, aber das ist seine Sache. Zweimal die Woche gehe ich hier in der Stadt auf den Markt und verkaufe dort Silberschmuck. Man kann sich zur Rente etwas dazu verdienen, so dass es reicht. - Und was hat Sie hierher getrieben?" "Wie soll ich das sagen? Vielleicht so, die Alternative vor dem Nichts und der Chance auf das Leben. Kurz vor der ersten Alternative habe ich mich für den zweiten Weg entschieden." "Eine richtige Entscheidung", sagte die Alte und man konnte die Lebensfreude in ihren Augen leuchten sehen. "Na, wie schmeckt der Croissant? Hab ich zuviel versprochen", fragte die Alte. "Ganz toll mit dem Café" antwortete er und steckte sich den letzten Rest des Croissants in den Mund.
Die Alte stand auf und legte einige Münzen für den Café auf den Tisch. "So jetzt muss ich aber gehen, damit ich noch einen guten Platz auf dem Wochenmarkt bekomme. Sie erinnern sich, dass ich doch Silberschmuck verkaufe. Und bleiben Sie auf dem zweiten Weg, das ist der Richtige", lachte sie. "Ja, einen schönen Tag noch und gute Geschäfte", entgegnete er.


Kommentare

mr-southern@web.de schrieb:
einfach nur schön !

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