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Kategorien > Fantasy > Dichtung

Des Schicksals Herrin

von Joseph Vallant

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„Ehe im Dämmerlicht die Sonn’ verglüht, ist deine Macht vollends besiegt!“

Unterm morgendlichen Nebelflor erstreckt sich vor mir ein blassgräulicher Horizont, der eingebettet im Silberkleid, offen, schier endlos, zur Gänze fast die im matten Grün schimmernden Steppen verschlingt. Lediglich eines zaghaften, durchsickernden Sonnenstrahls werden meine trüb blinzelnden Augen gewahr. Boréas stürmt indes klagend über die wogenden Grashalme, die vom Sturme übermannt, ihres glitzernden, eisigen Hauptes beraubt werden.
Rasch schlüpfe ich in meine zu engen, erdbraunen Lederschuhe, werfe mir meinen mottenzerfressenen, mit bunten Stofffetzen geflickten Umhang um die Schultern, drehe dem kugelrunden Fenster meines Gemachs den Rücken zu und trotte der sperrigen Buchenholztür meines kleinen Hauses entgegen. Bedächtig drehe ich den goldenen, brüchigen Knauf im Gegenuhrzeigersinn und schwinge die robuste Tür laut quietschend über allerhand Unkraut das unter meinem Haus hervorwuchert. Bevor jedoch die abblätternde Schwelle meines Heims hinter mir liegt, noch bevor mein kastanienbraunes Haar vom brechenden Winde zerzaust, wispert ein leises Geflüster aus den mit Dunkelheit durchfluteten Gängen:

„Brichst schon im frühen Vogelsang, gen Norden auf mit schnellem Schritt,
so soll dir werden flau und bang, denn ich zieh’ leisen Fusses mit.“

Die stürmend’ Böe hält inne, die wogenden Grashalme beenden abrupt ihren lieblichen Tanz, selbst die tief gleitenden Nebelschwaden scheinen noch leiser über die Felder zu kriechen um nicht von der heraufziehenden Kälte erfasst zu werden. Andächtig plustere ich meinen Brustkorb mit langen Atemzügen auf, um ihn danach demütig wieder zusammenzuziehen, denn in den zischenden Lauten die gerade mein horchendes Ohr erreichten, offenbarte sich mir keine fremde, sondern eine stets vertraute Gestalt. Sobere ist es, der sich an meinen kühlen Nacken klammert und mir zugleich seinen pechschwarzen Schweif über Lid und Gesicht schwenkt, welcher den letzten sprühenden Funken zu ersticken vermag. Nach Luft ringend, erzwinge ich einige tapsige Schritte die mich jedoch nicht aus seiner pulsierenden Umgarnung befreien.

„Trüb ward dein kruder Blick, der mir zur Stund’ ins Antlitz späht,
erhasche gar frohlockend’ Glück, welch Teufel hat es einst gesät?
Im Seelenschlunde herrsche ich, führ’ uns entlang am Scheideweg,
dort erfüllet grausam sich, welch’ Schicksal ich für dich nur heg’.“

Das anfängliche Zischen fliesst wie ein brechender Strom in herrisches Gebrüll über, jenes mir, jedoch ohne es auszusprechen, befiehlt, meine beiden zitternden Füsse in Bewegung zu setzen und endlich über die abblätternde Schwelle meines Hauses zu schreiten, die mich jenseits ihres spröden, bröselnden Anblicks einiger hoch aufragender Berge erfreut, die mit schneebedeckter Spitze vor kleinen schimmernden Eichenwäldern wachen.
Bereits nach wenigen Schritten dringt eiskalter feuchter Morast in die undichten Sohlen meiner knöchelhohen Schuhe und sprudelt zwischen den weit auseinanderklaffenden Zehen umher. Notgedrungen wate ich durch manch’ matschigen Tümpel und kämpfe mich gegen zahlreiches Getier in den endlosen Sümpfen hindurch, meine lustlosen Augen stets auf die Bergspitzen gerichtet, die Wolken und gar Himmelszelt zu durchbohren scheinen.
Pochende Donnerschläge und blitzende Funken künden vom herannahenden Gewitter, dessen dunkles Gewölbe die ruhenden Berge unter seinem nächtlich schwarzen Gewand verhüllt. Ausgelaugt erreiche ich die tobenden Gewässer, zu jenen mich Sobere sturen Marsches zu führen vermochte. Unweit der Berge, an deren Fuss wir uns nahezu befinden, erhasche ich eine wild umherrudernde Gestalt, mit einer ebenso eigenwilligen, spärlich Licht spendenden Laterne.

„Weiter vorwärts kleiner Wicht, der Fährmann legt am Ufer an,
an der Styx die reissend bricht, tritt Charon fahl an dich heran.
Verlangt er nach dem Obolus, reich’ was dir das Beste dolcht,
auf die Wang’ zum Abschiedsgruss, küss ich den der mir gehorcht.“

Erbost greift der Fährmann nach meiner aufgedunsenen Hand und zieht mich in die aufschäumende Gischt des Flusses. Vom starken Niederschlag bis auf die Haut durchnässt, hieve ich mein rechtes Bein über die Bootskante, kurz danach das Linke.
Mein lebloser Kopf versinkt zwischen zwei zusammengefallenen Schultern, die Ellen dicht beieinander liegend darunter, presse ich sie kräftigen Druckes in meinen Magen um dem Unbehagen, hervorgerufen durch den dunklen, allseits wachenden Schweif Soberes, Einhalt zu gebieten.
Mit einem kräftigen Ruck seiner wuchtigen Statur wirft sich der Fährmann gegen das kleine Boot und presst es in die glasklaren Fluten des Styx‘. Aufwirbelnde, wie Flocken von Schnee umhersausende Gischt verwehrt mir den Blick ans moosige Ufer, das durch die hämisch zischende Gestalt von Sobere düsterer erscheint als die über uns wachende und sprühend funkende Gewitterwolke.
Zu beiden Seiten zieht die Welt an mir vorüber und das strömende Rauschen des Wassers erobert meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Noch ein letztes Mal über die hölzerne Kante des Bootes blickend, eräuge ich am nahezu verschwundenen Ufer ein beissend helles Licht. Mein zunächst weit aufgerissenes Augenpaar verschwindet hinter fest zusammengekniffenen Lidern, die den Blick auf das Licht trüben, dessen Umrisse sich nun zur Gestalt formen.
Lieblichen Sanges und frohlockenden Lächelns nähert sich das zum Leben erkorene Schicksal, sanften Zuges reicht sie mir ihre Hand und entschwebt mit mir durch die aufschäumenden Wasserfluten, hinüber zur feuchten Uferstelle, die vor wenigen Augenblicken noch durch den grimmigen Fährmann besetzt wurde. Ihr wallendes, weizenblondes Haar schmiegt sich behaglich an die wollig wärmenden Arme die mich fest umschlossen halten. Ein leises Flüstern hallt abermals durch den pfeifenden Wind, vertraulich fremd erreicht es mein Herz und erobert es gleichwohl, weder aber mit Zweifel noch mit dem grauen Nebelvorhang der sich einst schloss; es ist mein liebes Gedicht das da schwingt. Sanft lege ich ihr aber meinen Zeigefinger auf die weichen Lippen die des Liedes künden und ersuche darum, nun meiner Laudatio Gehör zu schenken.

„Eh’ im Abendrot ein Wort gesprochen, fühl’ unter unserm Sternenheer;
mein lechzend’ frohes Herzenspochen, findet keine Ruhe mehr.
Dass du mir doch das Liebste bist, künd’ ich auf Erden jedem,
selbst im grössten Seelenzwist, lohnt sich mit dir ein Leben.
Ich sucht’ den Sinn der weltgebunden, der mir bescheret Treu’ und Halt,
diesen hab ich heut’ gefunden, in deiner hehren Lichtgestalt.“

Die am Firmament prangende Gewitterfront weicht einem glutroten Himmelsgewölbe und die eben noch reissenden Fluten treiben gemächlichen Stromes dahin.
Kraftvoll erhebe ich Haupt und Stimme, lasse meinen Blick zum nahezu verschwundenen Schweif Soberes wandern, der sich hinter einer untergehenden Feuerplatte windend vor Schmerz auflöst;

„Ehe im Dämmerlicht die Sonn’ verglüht, ist deine Macht vollends besiegt!“

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