Deutschstunde
von
Glory Halleluja
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Deutschstunde
Vielleicht war ich auf der Suche nach Jemandem.
Jemandem, der nicht einfach der dumpfen Schafherde hinterherblökte.
Jemandem, der nicht mit dem Strom schwimmen musste, sondern sah, dass es noch eine andere Richtung gibt.
Ich glaubte, so jemanden gefunden zu haben.
Ich hasse meine Klasse.
Ich verabscheue sie wirklich von ganzem Herzen. Jeden einzelnen von ihnen: Peter mit den schlabbrigen Hosen, Thomas, der immer Mundgeruch hat, Marvin, der nie seine Hausaufgaben macht, Adrian, der seine vorlaute Klappe nicht halten kann, Sophie, die sich in jeder Stunde die Wimpern tuschen muss, Julia, weil sie laut schmatzend Kaugummi kaut, Meike und Constanze mit ihrer ständigen Kicherei, und so weiter und so fort…ich könnte noch mehr über diese Idioten erzählen, weil es neunundzwanzig sind und jeder einzelne mich einfach nur total abnervt. Es sind neunundzwanzig.
Und alle hassen mich genauso wie ich sie.
Ich kam heute morgen in das Klassenzimmer. Zog meine Jacke aus. Stellte meine Tasche auf den Tisch. Und musste feststellen, dass mein gesamter Stuhl mit Kaugummi verklebt war.
Ich habe herausgefunden, dass es sie am meisten ärgert, wenn ich sie ignoriere. Also habe ich den Stuhl einfach mit dem daneben ausgetauscht und dabei keine Miene verzogen. Innerlich brodelte es in mir.
Ich werde es Herr König, unserem Deutschlehrer melden. Ein leises Stimmchen in meinem Kopf raunt mir zu, dass das sowieso nichts bringen wird, weil der alte Herr König sich mal so gar nicht in dieser Klasse durchsetzten kann. Sie tanzen ihm auf der schrumpeligen Nase herum, wie es ihnen beliebt. Dass unser Notendurchschnitt in Deutsch auf dem Nullpunkt ist, steht außer Frage.
Seufzend räume ich meine Hefte und Federmappe auf den Tisch. Ich durchblättere noch einmal den letzten Hefteintrag. Was ist Romantik? Kann ich. Ich schließe das Heft wieder.
Wenn ich mich auf meinem Platz in der ersten Reihe umdrehe, hab ich einen guten Überblick über das Chaos hinter mir. Blätter wirbeln durch die Luft, Papierkügelchen werden durch schleimige Spuckrohre geschossen und treffen schrill kreischende Mädchen. Marvin steht auf dem Tisch und trommelt auf seine Brust wie King Kong, während Julia und Constanze ihm laut zujubeln. Leute, wir sind in der zehnten Klasse.
Ich werfe einen genervten Blick auf die Uhr. Schon nach acht. Herr König wird doch wohl nicht auf seine alten Tage noch auf der Treppe kollabiert sein? Immerhin ist er schon Mitte sechzig und unser Klassenzimmer befindet sich im dritten Stock. Ich will eben aufstehen und nachsehen, als die Tür aufgeht.
Es ist nicht Herr König.
Definitiv.
Er sieht aus wie ein Student. Schokobraunes Haar, in langen Locken hinter die Ohren geklemmt. Ein Jacket aus Kord, weißes Hemd und helle, ausgefranste Jeans über Converse Chucks. Er trägt eine Ledertasche, die an einem Riemen über seine Schultern hängt und eine Hornbrille, die ihn aber überhaupt nicht wie einen Streber ausschauen lässt. Schlau schon, aber sie wirkt eher wie ein modisches Accesoire als wie eine Sehhilfe.
Er kommt also herein und stellt seine Tasche auf das Pult, daneben einen kleinen Pappkarton. Er stützt sich darauf, verzieht seinen Mund und beobachtet die restliche Klasse, die ihn anscheinend noch gar nicht bemerkt hat. Oder haben will.
Ich starre ihn an. Was wird er jetzt machen? Was denkt er? Ist er eingeschüchtert? Und hat er überhaupt mich bereits bemerkt? Wie gesagt, ich sitze in der ersten Reihe. Mein Tisch berührt das Pult, ich kann den Inhalt seiner Tasche sehen; Mappen sind darin, Taschenbücher und ein Apfel.
Er schaut sich das Spektakel noch eine ganze Weile an. Dann ist es ihm wohl genug. Er stellt sich aufrecht hin, legt die Hände an den Mund und ruft:
„GUTEN MORGEN, LIEBE KLASSE 10B!VIELEN DANK FÜR EUREN HERZLICHN EMPFANG! DÜRFTE ICH EUCH BITTEN, ES ZU UNTERLASSEN EURE KAMERADEN ZU BESCHIEßEN UND EURE PLÄTZE EINZUNEHMEN?!“
Das hat Wirkung. Seine Stimme ist laut und klar und für einen Moment ist es tatsächlich ruhig. Wahrscheinlich sind sie überrascht, das jemand so laut das Wort ergreift. Herr König hätte das nie getraut.
Jedenfalls sitzen sie jetzt brav da und mustern den Neuankömmling neugierig. Ich kann mich dem nur anschließen.
„ Danke sehr, vielen Dank!“ Er lächelt uns an, erweckt den Anschein, als würde er sich wirklich darüber freuen, hier unterrichten zu dürfen. Mir gefällt sein Lachen, es ist offen und froh und lässt sein gesamtes schmales Gesicht leuchten.
„ Mein Name ist Monsch, Arne Monsch. Ihr werdet es vielleicht noch nicht mitgekriegt haben, aber mein Vorgänger, der geschätzte Kollege König, scheint gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe zu sein.“
Die Klasse bricht in Jubel aus, Peter hampelt auf seinem Stuhl herum und schreit: „ Endlich! Das wurde ja auch mal Zeit!“
Mir gibt es einen kleinen Stich in den Magen. Der gute, alte Herr König! Hoffentlich ist nichts wirklich Schlimmes passiert. Ich sehe seinen klapprigen Peugot, kombiniert mit einer regnerischen Nacht und dem schwachen Herzen…Solche geschmacklosen Hohlköpfe! Wie können die darüber lachen?
Herr Monsch scheint gleicher Ansicht zu sein. Er runzelt die Stirn und verschränkt die Arme.
„ Ich verstehe jetzt nicht wirklich den Anlass zur Freude. Herrn König plagen schlimme Herzprobleme und er hat mich beauftragt, den Unterricht hier weiter zu führen. Ich bin frisch von der Uni, habe Germanistik und Literatur studiert. Ich hoffe, wir kommen miteinander aus. Bei gegenseitigem Respekt und Wertschätzung dürfte das kein Problem sein.“
Anita aus der letzten Reihe schnaubt. „ Wie kann man bitte so was dermaßen langweiliges wie Deutsch studieren?“ Sie prustet, als ob sie etwas höchst geistreiches und lustiges gesagt hätte und lässt sich von ihren Banknachbarinnen abklatschen. Das war eigentlich klar. Leute, die außerhalb der Schule noch nie ein Buch in der Hand gehabt haben, fragen so etwas.
Herr Monsch legt den Kopf schief.
„ Ganz einfach: Ich liebe Literatur. Ich liebe Bücher, liebe die Sprache.“ Seine Stimme wird warm. „ Wenn man viel liest, erschließt sich einem die ganze Welt, Du siehst Orte, die du nie sehen könntest, hörst Leute reden, die du nie treffen wirst, erlebst Geschichten, an die deine eigene nie herankommen kann. Magst du denn keine Bücher?“
Er spricht mir aus der Seele. Wie viele Nachmittage habe ich im Bett liegend und lesend verbracht! Tausende von Büchern reihen sich Rücken an Rücken in meinen Regalen . Ich suchte mit Frodo den Einen Ring, als ich sechs Jahre alt war, schmachtete mit Romeo und Julia, versteckte mich mit Dracula unter meinem Bett und saß mit hochroten Ohren hinter Dem Vorleser. Ja, Lesen ist wie eine Sucht, ist meine Sucht.
Aber Anita lacht Herrn Monsch geradewegs ins Gesicht. “Ob ich Bücher nicht mag? Nicht mag? Ich hasse Bücher!Das ist so langweilig, Herr Lehrer, da schau ich doch lieber Fernsehen!“, gröhlt sie. Die Klasse kichert und murmelt zustimmend.
„ Es ist immer schade so etwas zu hören.“
Herr Monsch seufzt betrübt. „ Lesen ist so
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Kommentare
Helena schrieb am 2010-04-05 20:13:48:
-R-E-S-P-E-K-T-
Wunderbar geschrieben, wie immer. Aber dieser Arne ist mit 21 etwas zu jung für nen Lehrer, meinst du nicht?
H wie Helena schrieb am 2010-04-05 19:38:51:
Na, der Herr König wird doch wohl nicht unser lieber hardcore Gandalfavus sein, oder?
Glory HAlleluja schrieb am 2010-03-30 21:53:21:
Weiß nicht. Soll ich? Und wie soll sie weitergehen? ISt doch ziemlich abgeschlossen, oder?
jenny schrieb am 2010-02-20 17:03:12:
wow, hst du vor eien fortzetzung zu schreiben?? find ich echt gut!
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