Dezember (3)
von
Fjäril
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Dezember - Teil 3
Ich bin ein Formwandler. Mittlerweile habe ich mich über die Gesetze der Vernunft hinweg gesetzt und akzeptiert, dass ich nicht länger zu den Menschen gehöre. Ich kann unter ihnen leben, mich tarnen und verbergen, was ich bin – für eine Weile, aber nicht lange.
Seit jenem Tage, an dem ich Kadra in meine Seele gelassen habe, ist mein Leben nicht mehr mit normalen Maßstäben zu messen. Zwar stehe ich morgens auf, wie jeder normale Mensch, esse, trinke und atme, aber wenn mich mein erster Gang ins Badezimmer führt und mir aus dem Spiegel fremde Augen entgegen blicken, handelt es sich für mich um ein alltägliches Geschehnis. Manchmal vergaß ich, in welcher Gestalt ich mich befand, wie Kadra mich erscheinen ließ.
Ab und zu die Form zu wechseln oder mich optisch zu verändern gehörte zu mir, zu meinem Leben. Die Zeit mit Kadra hatte mich verändert, mich stärker und fremder gemacht.
Manchmal war ich mir sicher, dass ich ohne William ein anderer Mensch geworden wäre. Aber er hielt mich an das gebunden, was ich als Mensch geliebt und gelebt hatte.
Mit Kadra in meiner Brust hatte sich vieles für immer verändert. Gefühle waren anders, die Welt vor meinen Augen war intensiver und zugleich befremdlich geworden. Kontakte, die ich in meinem sterblichen Leben gehegt und gepflegt hatte, waren mir unwichtig geworden und schließlich ganz zerbrochen.
Es war für einen Dämon beinahe unmöglich, Kontakte mit Sterblichen zu halten. Und für mich war die Nähe meiner ehemaligen Freunde mit Entbehrung und Schmerz verbunden. Manchmal vermisste ich sie und griff zum Telefon, um eine vertraute Nummer anzurufen, aber meist kam ich nicht über das zweite Klingeln hinaus.
William seufzte neben mir, holte aus und legte seinen Arm um meine Hüfte, um mich näher heran zu ziehen. Er war wenige Minuten nach meinem Anruf zur Stelle gewesen und seitdem nicht mehr von meiner Seite gewichen.
Dankbarkeit durchströmte meine Adern. Ich genoss den Frieden, aber meine Gedanken waren wirr.
Ein Blick auf die große Wanduhr an der gegenüberliegenden Wandseite sagte mir, dass es beinahe drei Uhr war. Nur noch wenige Stunden und William musste sich entscheiden, ob er zur Arbeit gehen oder an meiner Seite bleiben würde. Obwohl ich seine Entscheidung bereits kannte, war ich voller Furcht, dass er möglicherweise gehen und mich alleine lassen konnte.
“Wir sollten nachsehen, ob es Aufzeichnungen über diesen Dämon gibt”, schlug Will vor, um die unheimliche Stille zu durchbrechen. “Hast du irgendetwas herausbekommen, was uns weiterhelfen könnte?”
Bisher hatten wir nicht ein Wort über die letzten Stunden verloren. Aber nun wurde William unruhig und ich wusste, es war an der Zeit, zu reden.
Aber was sollte ich erzählen?
“Vard”, sagte ich. “Sein Name ist Vard.”
Misstrauisch zog Will eine Augenbraue hoch und sah mich scharf an.
“Er... er hat es mir gesagt”, versuchte ich mich zu erklären und spürte selbst, wie kläglich dieser Versuch wirken musste. Ruckartig sprang ich auf und lief zu einem spärlich bestückten Bücherregal, in dem mein längst veraltetes Notebook stand, holte es und machte es mir erneut auf dem Sofa bequem. Ungelenkig klappte ich es auf und wartete, bis der Rechner hoch gefahren war.
VARD gab ich in Großbuchstaben in die Suchzeile ein und hoffte, dass mir das Internet brauchbare Informationen liefern würde. Diesmal wurde ich enttäuscht. Deprimiert fuhr ich das System herunter und knallte den Laptop neben mir in die Kissen.
“Nichts”, seufzte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.
“Dann werde ich es versuchen”, meinte Will und zog sein Handy aus der Hosentasche. Mit flinken Fingern wählte er eine mir unbekannte Nummer und wartete, bis am anderen Ende abgenommen wurde. “William hier”, sprach er in den Hörer. “Kira ist vorhin auf einen Dämon gestoßen.” Am anderen Ende erklang eine Stimme, die ich nicht verstehen konnte, aber eindeutig weiblich war. “Sein Name ist Vard und vermutlich ist er sehr alt. Ich brauche alle Informationen, die du über ihn finden kannst.” Er wartete. “Alles”, fuhr er anschließend fort. “Historische Berichte, Stammbaum, was auch immer du finden kannst. In Ordnung. Wir warten.” Er legte auf und sah zu mir herüber. “Sarah kümmert sich darum. Sie ruft an, wenn sie etwas gefunden hat.”
“In Ordnung.”
Sarah war zuverlässig. Sie war einer der wenigen Menschen, die von unserer Existenz wussten und uns unterstützen. Trotzdem blieb das vertraute Gefühl von Erleichterung aus.
Ich versuchte zu lächeln, hatte jedoch das Gefühl, durch eine starre Maske aus Eis hindurch dringen zu müssen, was ein Lächeln nicht unbedingt vereinfachte.
“Du hast mir nie gesagt, dass sie so alt ist”, stellte ich fest, als mir mein Dämon signalisierte, dass es an der Zeit war, mich zu öffnen. “Er kannte Kadra.”
Ohne genauer ins Detail zu gehen wusste ich, dass er mich verstanden hatte.
“Ich habe dir das Alter deines Dämons nicht vorenthalten”, konterte William kühl und starrte reglos an die gegenüber liegende Wand. “Du hast dich nie sonderlich für sie interessiert, Kira. Dir war stets nur wichtig, dass ihr beide leben konntet. An einem Miteinander hattest du nie Interesse.”
Obwohl es schwer zu verstehen war wusste ich, dass er recht hatte. Kadra war für mich zu jeder Zeit ein Fremdkörper gewesen. Etwas, das nicht zu mir gehörte. Als ich begonnen hatte, sie als beständigen Teil von mir zu akzeptieren, hatte ich ihr Leben .. einfach hingenommen.
Seufzend schmiegte ich mich an ihn. “Du hast sicher recht. Also, wie alt ist sie?”
“Alt.” Sein Arm, der eng um meine Hüfte lag, spannte sich an meiner Haut. “Sie kommt aus einer anderen, einer alten, magischen Epoche.”
“Alt, wie Varek?”
Das Thema zermürbte ihn. “Nein.” Er schüttelte den Kopf und hielt den Blick starr auf die weiße Wand gerichtet. “Nicht einmal annähernd. Varek ist so alt, er könnte ein Krieger der ersten Zeit sein. Dein Dämon ist jünger, aber du solltest respektvoll mit ihr umgehen. Sie ist älter, als ich angenommen habe.”
Ich spürte, dass er mehr sagen wollte, als tatsächlich über seine Lippen kam, aber ich kannte ihn zu gut, um nachzuhaken. Wenn William bemerkte, dass ich ihn durchschaut hatte, würde er sich verschließen und schweigen, bis ich ihn gehen ließ. Er redete niemals viel und noch weniger, dann we dazu gezwungen wurde. Das hatte ich von ihm gelernt und wusste es allmählich umzusetzen.
“Will-”
Ich verstummte, während sich Will aus meinen Armen wand und nach seinem Handy griff, das zu klingeln begonnen hatte. “Ja?”, fauchte er scharf in den Hörer und presste anschließend so fest die Lippen aufeinander, dass sie alle Farbe einbüßten. “Aha.”
Am anderen Ende erkannte ich Sarahs aufgewühlte Stimme. Etwas schien sie in besondere Fassungslosigkeit zu versetzen. Die Euphorie ihrer Worte griff die ein Lauffeuer auf William über. Er reckte sich, spannte sich auf der Kante des Sofas und sprang auf, kaum dass sie geendet hatte, ließ das Handy in der Innentasche seines Mantels verschwinden und wappnete sich gegen
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