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Kategorien > Fantasie > Fantasy

Die Achte Puppe

von Floriel

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1.

Wren beugte sich vor, tauchte den schmalen Pinsel in sein selbst gemischtes Braun und fuhr dann damit über die Stelle, die die Augenbraue werden sollte. Ein dünner Strich entstand. Der Farbton passte perfekt zu den Haaren. Der alte Mann kniff konzentriert die Augen zusammen und machte die Linie etwas breiter. Es sollte ja auch natürlich aussehen. „Bist du jetzt endlich fertig?“, fragte plötzlich eine helle Stimme. Wren zuckte zusammen. Fast hätte er sich vermalt. „Sei still und beweg dich nicht“, schimpfte er. Die Stimme sagte nichts mehr. Wahrscheinlich war sie beleidigt. Wren schüttelte nur den Kopf und machte die Augenbrauen fertig. Er pustete vorsichtig, damit sie schneller trockneten. Dann kämmte er noch einmal das lockige nussbraune Haar, setzte zum Schluss ein grünes Hütchen darauf, passend zum Kleid und zu den Augen, und befestigte es mit einer Nadel. „Aua“, beschwerte sich die Stimme. „Ist ja gut“, meinte Wren. „So, jetzt bist du fertig.“ Die Puppe, die er vollendet hatte, schlug die Augen auf. Sie sah ihn kurz mürrisch an, stand dann langsam auf und strich mit ihren kleinen Händen den Stoff des Kleides glatt. Dann wankte sie zu dem Spiegel, den Wren in weiser Voraussicht aufgestellt hatte und betrachtete sich. Sie wirkte zufrieden. Wren packte sein Werkzeug und seine Farben zusammen. Vielleicht würde er demnächst mit einer neuen Puppe beginnen. Wren stellte schon seit Jahren Puppen her. Er hatte sich natürlich ziemlich erschrocken, als sie dann plötzlich anfingen, mit ihm zu reden, sich zu bewegen, zu leben. Doch mittlerweile war er so daran gewöhnt, dass es ihm gefehlt hätte, würden sie damit aufhören. Sie waren seine einzige Gesellschaft, seine Kinder und er war ihr Vater. Die Puppe vor ihm unterbrach ihn in seinen Gedanken. „Es wäre ganz schön, wenn du mir mal einen Namen geben könntest“, sagte sie. Die Kleine war ganz schön frech. Wren überlegte kurz. „Ana“, meinte er dann. „Ich nenne dich Ana. Wie gefällt dir das?“ Ana zuckte mit den Schultern und sprang leichtfüßig von der Werkbank auf den Boden. Dann lief sie zielstrebig durch die Tür der Werkstatt in den Hof. Wren wollte sie schon aufhalten, aber das war gar nicht nötig. Ana kam nicht weit. Auf halben Weg stieß sie mit Melody zusammen, Wrens dritte Puppe. Sie hatte ganz lange glatte Haare, die mit einem altmodischen Haarband aus Spitze zurückgehalten wurden. Außerdem trug sie ein hochgeschlossenes viktorianisch anmutendes Kleid. Sie hatte es sich selbst ausgesucht. Melody war die Ruhigste von allen. Sie machte sehr gern Musik, am liebsten auf einer winzigen Geige, die Wren ebenfalls gebaut hatte. Er war wirklich begabt. Jetzt stand Ana zum ersten Mal einer ihrer älteren Schwstern gegenüber, die sie auch gleich ziemlich streng anblickte. „Wer bist du denn?“ Ana war kleiner als Melody und das schüchterte sie offenbar ein. „Ich bin Ana“, sagte sie. Wren schmunzelte. Jetzt war es vorbei mit dem Frechsein. „Aha“, sagte Melody. Als ihr Erschaffer zustimmend nickte, meinte sie noch: „Na dann komm mal mit. Ich zeige dir das Haus.“ Wren ließ seinen kleinen Mädchen viel Freiheit. Sie kamen und gingen wie sie wollten. Nur dass sie sich fremden Menschen auf gar keinen Fall zeigen durften, außer mit seinem Einverständnis.
Als Melody und Ana verschwunden waren, ließ Wren sich ächzend in seinen Schaukelstuhl sinken. Früher hatte dieser Stuhl in seinem Wohnzimmer gestanden, doch die letzten Jahre hatte er ja mehr in der Werkstatt verbracht, als in seinem Haus. Und gelegentlich brauchte Wren eben einfach mal eine Pause. Kaum hatte er sich gesetzt, als auch schon eine kleine Gestalt herein huschte. Die älteste, seine erste Puppe, stand vor ihm und sah besorgt zu ihm auf. „Chiyo“, freute er sich. „Du bist wieder da.“ Chiyo kletterte den Schaukelstuhl hinauf und setzte sich auf seinen Schoss. Dann nahm sie seine große raue Hand in ihre kleinen zarten Puppenhände. „Du siehst müde aus, Wren“, sagte sie. „Ach Chiyo.“ Er lächelte sie an. Diese kleine Puppe mit den blonden Haaren und dem roten Rüschenkleid liebte er am meisten. „Ich werde alt Chiyo. Bald werde ich nicht mehr für euch da sein können.“ Eine Weile schwiegen sie. Dann warf Chiyo einen Blick auf die Werkbank. „Bist du fertig geworden mit ihr?“ „Ja“, bestätigte er. „Melody führt sie gerade durch das Haus.“ „Wirst du noch einmal anfangen?“ Wren wusste es nicht. Er hatte jetzt sieben Puppen gebaut. „Ihr seid wohl noch nicht genug?“ Chiyo sah ihn nur an. „Eine noch“, beschloss Wren. „Eine letzte.“

2.

Genau sieben Tage später begann der alte Wren mit seiner letzten Schöpfung. Zuvor hatte er ein Bild angefertigt um eine genaue Vorstellung zu haben, wie sie aussehen sollte. Er arbeitete mit Holz, doch er wusste, wenn sie fertig war, würde sie sich nicht so anfühlen, als wäre sie aus Holz. Sie wäre wie ein kleiner Mensch, so wie alle anderen auch. Zudem beherrschte Wren die Kunst, das Holz wie Haut aussehen zu lassen. Er begann mit dem Körper. Die großen Teile machte er immer als erstes, dann die kleinen, wie Hände und Füße. Nach wenigen Wochen hatte er alle Körperteile fertig und konnte sie zusammensetzen. Jetzt musste er ihr noch Augen geben und Haare. Wie besessen arbeitete er den ganzen Tag bis tief in die Nacht. Er suchte ihr ein paar schwarze Augen aus und ihre Haare wurden grau. Dunkelgrau, nicht wie das Haar von alten Menschen, sondern fast Schwarz.
Als er alle Haare an dem Puppenkopf befestigt hatte, schlief er erschöpft ein. Wren sah nicht mehr, wie seine neuste Kreatur langsam den Kopf hob und mit dem noch lippenlosen Mund zu lächeln begann.

Als der alte Mann am Morgen darauf erwachte, hatte er starke Rückenschmerzen. Aber so war das in seinem Alter und es hielt ihn nicht davon ab, wieder aufzustehen und weiter zu arbeiten. Als er die unfertige Puppe hochhob, fiel ihm etwas auf. „Was ist denn das?“, brummte er überrascht. Gestern noch hatte er ihr doch zwei Schwarze Augen eingesetzt. Jetzt hatte sie verschiedenfarbige Augen: Das eine war immer noch schwarz, das Andere hatte jedoch eine hellrote Färbung angenommen. Wren war irritiert. Hatte er gestern nicht aufgepasst? Schnell gewann er seine Fassung wieder. Eigentlich passte das ganz gut zu ihr. Er holte seine Palette hervor und begann, die Farben zu mischen, um ihre Augenbrauen und die Lippen zu bemalen. Die Augenbrauen wurden schwarz, die Lippen dunkelrot. Nun war er benahe fertig. Er zog ihr nur noch kleine schwarze Lackschuhe an, ein langes dunkelgraues Kleid und frisierte ihr Haar. Er flocht kleine schwarze Rabenfedern hinein. Erst als er fertig war fiel ihm etwas auf. Diese Puppe hatte sich nicht bewegt und auch noch kein Wort gesprochen. Und gerade als er diesen Gedanken dachte, sprang die Puppe auf. Sie wirkte kein bisschen unsicher, sondern lief gleich zum Spiegel und betrachtete sich. Dann sah sie ihren Erschaffer mit einem hochmütigen Lächeln an. „Vielen Dank auch, alter Mann“, flötete sie. Wren starrte sie an. Was war denn hier los? Wieso benahm sie sich so merkwürdig? Das

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