Die Ameise
von
Compuexe
"Haben sie das gesehen?"
Meine Nachbarin hält mir entrüstet einen beschriebenen Zettel vors Gesicht.
Wegen dringender Reparaturarbeiten muss der Strom vom
14.7.2003 von 13.00 Uhr
bis
14.7.2003 14.00 Uhr abgestellt werden.
Wir bitten um Ihr Verständnis.
Stadtwerke Weinheim
Ich sehe auf die Uhr: 12.57 Uhr.
Uiii, das wird knapp.
Ich also schnell zurück in die Wohnung und den PC runter fahren.
Ich rufe noch kurz meine Frau an, weil die auch die Angewohnheit hat, sich
nachmittags mal nach meinem Befinden zu erkundigen, als auch schon unser
Telefongespräch jäh unterbrochen wird. Der Fernseher geht aus, Jan Ulrich
verschwindet ganz plötzlich vom Bildschirm, der Ventilator stellt seine
Arbeit ein. Hmmm, was mach ich jetzt in dieser Stunde? Ich zieh mir ein
T-Shirt an, nehme meine Wohnungsschlüssel und beschließe, ein wenig
spazieren zu gehen. Raus aus der Wohnung, rechts ab Richtung Krankenhaus,
über die Überführung, dann nach links Richtung Autobahn, über den
Autobahnzubringer und schon tut mir alles weh.
Mein Gott, wann bin ich denn das letzte Mal länger als 10 Minuten gelaufen?
Im letzten Jahrtausend? Ein paar Minuten später im freien Feld, es ist fast
völlig still um mich herum, werden die Waden hart und schmerzen. Nach etwa
einer halben Stunde sehe ich am Wegrand einen riesigen Nussbaum, vor dem ein
großer Holzstapel liegt.
Ächzend lass ich mich, völlig erschöpft und keuchend wie eine alte Dampflok,
auf dem Holzstapel nieder. Man kann so ein Gefühl gar nicht beschreiben, wie
ist das herrlich.
Mein Atem geht langsam etwas ruhiger, die Waden schmerzen nicht mehr so
stark, ich genieße nur noch die Natur rund um mich herum. Belustigst sehe
ich zwei Hasen zu, die ein paar Meter weiter auf dem Weg verspielt
miteinander kämpfen.
Vom Holzstapel breche ich einen langen Zweig ab und stochere damit am Boden
herum.
Plötzlich verirrt sich eine kleine Ameise auf meinen Zweig.
Sofort heb ich den Zweig hoch zu meinem Gesicht, um sie aus der Nähe zu
beobachten.
Scheinbar hat sie aber etwas dagegen, denn egal wie ich den Zweig drehe,
immer wieder krabbelt sie auf die Unterseite des Zweiges.
Frei nach Fox Mulder: Die Antwort liegt irgendwo.....da unten!
Sie verweigert sich mir einfach, sie vereitelt meinen Versuch, sie genauer
zu betrachten.
Nach etwas fünf Minuten, als sie den Zweig mehrmals von links nach rechts
und zurück überquert hat, hab ich Mitleid mit ihr und lege den Zweig ganz
sachte wieder auf den Boden.
Zwei drei kurze Schritte, ein bitterböser Blick zu mir nach oben und schon
ist sie im unübersehlichen Dschungel im Mikroformat verschwunden.
Aber glaubt mir, oder glaubt mir, ich hab sie noch ne ganze Weile schimpfen
hören.
Kommentare
g.rosebrock@web.de schrieb:
Ich finde die geschichte eigentlich ganz witzig. Man kommt zwar nicht ganz mit aber nicht schlecht
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