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Gesellschaft > 1024 Error while loading Unterkategorie object in class.GeschichteAdoDB.php @ line 587
Die Anschuldigung
von
Vikunja
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Man kann nicht behaupten, dass Romina Memescu vom Schicksal oft bevorzugt gewesen wäre. Eher müsste man konstatieren, dass Romina, verglichen mit den Menschen ihres Dorfes, ein schwere Los gezogen hat. Zu sagen, sie wäre hässlich, wäre möglicherweise übertrieben, aber hübsch war sie gewiss nicht. Etwas zu lang und viel zu dünn geraten, mit einem langen Gesicht, blassen Lippen, einer schiefen Höckernase und einem leicht hängendem Augenlied war sie sicherlich keine Schönheit, der die Menschen hinterher schauten. Auch beliebt war Romina nie gewesen. Schon seit frühester Kindheit in der Schule war sie von ihren Mitschülern gehänselt und geärgert worden und hatte des Öfteren Schutz bei den Lehrern suchen müssen, die jedoch viel zu selten ein warmes Wort ihr gegenüber und ein strenges ihren Schulkameraden gegenüber fanden.
Ihr Vater starb, als sie noch in die Grundschule ging und ihr älterer Bruder verließ die Familie, sobald er alt genug war, um die ärmlichen Verhältnisse in dem moldawischen Dorf hinter sich zu lassen und sein Glück in der Kavallerie zu finden. Seither lebte Romina alleine mit ihrer nun kränklichen Mutter in ziemlich ärmlichen Verhältnissen in dem einigen hundert Seelen zählenden Dorf in der Provinz. Ein ums andere Mal hatte sie sich gewünscht das Dorf verlassen um in die große Stadt gut zwei Wegstunden entfernt zu ziehen, doch der Zustand ihrer kranken Mutter ließ dies nicht zu, und so blieben ihre Träume unerfüllt. Einen Mann, der sie unterstützt hätte, hatte sie bisher nicht gefunden, und so langsam begann sie sich damit abzufinden, dass sie einen solchen Mann auch nicht mehr finden würde. Nein, man kann wirklich nicht behaupten, dass Romina ein glückliches und unbeschwertes Dasein fristete. Doch nicht einmal Romina hätte gedacht, dass alles noch so viel schlimmer hatte kommen können.
Romina gehörte zu jenen Menschen, die versuchten ihr persönliches Leid mit wöchentlichen Messebesuchen in der Kirche zu lindern. In eben jener Dorfkirche trug sich seit neuestem zu, dass der Betrag im Kollektenbeutel seit einigen Wochen im Vergleich zu zuvor deutlich gemindert schien, obwohl nach wie vor die üblichen Besucher kamen und niemand oft fortblieb oder verstorben war. Nachdem der Pfarrer ein deutliches Wort an seine Gemeinde verloren hatte, dass man die kirchlichen Leistungen einschränken müsse, sollte der Spendenbetrag weiterhin so marginal bleiben, jedoch alle Kirchengänger versicherten, nicht weniger zu geben, sich sogar bereit erklärten noch mehr zu geben, die Kollekte jedoch gleich gering bleibe, kam der Verdacht auf, jemand in der Gemeinde könne sich an dem gottgewollten Obolus unbefugter weise gütlich tun. So rief der Pfarrer einige Wochen später den Übeltäter in seiner Predigt dazu auf, sich bei ihm zu melden, auf dass er beichten möge und seine Schuld abarbeiten könne. Da sich niemand meldete begannen die Gemeindemitglieder bald einander zu misstrauen, und da Romina von jeher nicht beliebt war bei ihren Mitgliedern, wurde sie bald hinter vorgehaltener Hand beschuldigt. Nicht kurz darauf wurde sogar recht offen behauptet, man habe sie dabei beobachtet, wie sie mit ihren langen Fingern recht ungeniert in den Beutel griff.
Verzweifelt saß Romina zuhause und dachte darüber nach, wie sie ihre Unschuld beweisen könnte. Niemals wäre ihr in den Sinn gekommen eine solche Sünde zu begehen. Natürlich gab es keinerlei Beweise, die gegen sie sprachen, doch seit das Gerücht einige Tage zuvor in Umlauf geriet fühlte sie sich überall von abschätzigen Blicken getroffen. Und so bat sie daheim den allmächtigen Herren, er möge der Dorfgemeinschaft den Gedanken nehmen, sie hätte sich an der Kollekte bereichert. Nur ein einziges Mal, als sie noch ein kleines Mädchen war, hatte sie mal gestohlen – einen halben Laib trockenen Brotes, da ihr Bruder ihre Mutter und sie nicht immer mit Essen versorgen konnte und ihr der knurrende Magen schier die Sinne raubte. Jedoch hatte sie sich dieser Tat immer geschämt und hatte immer ein schlechtes Gewissen gehabt, so dass es ihr nie wieder in den Sinn kam sich am Eigentum anderer zu vergreifen. Dass ihr die Gemeindemitglieder nun einen solch schweren Diebstahl vorwarfen traf sie darum umso härter.
So wachte sie am nächsten Sonntag mit dem Hahnenschrei auf und fühlte, wie sie sich vor dem Gang zur Kirche zu fürchten begann. Vor den Blicken der anderen. Vor deren Getuschel. Vor ihren anklagenden Gesten. Jedoch war die Messe meist der einzige Augenblick in der Woche, wo sie sich geborgener fühlte, und so mochte sie auch nicht darauf verzichten, versuchte ihre Angst zu unterdrücken und sich einzureden, dass die Gerüchte sicherlich sehr bald verebben mögen. Auf dem Weg zur Kirche schlug ihr Herz dennoch bis zum Halse und jeder Schritt war ihr schwer. Als sie die Kirche betrat, standen die Gemeindemitglieder wie üblich vor Messebeginn vor den Toren der Kirche auf einen Schwatz. Sobald sie Romina erblickten verstummten alsbald alle Gespräche und man wandte ihr den Kopf zu. Manche mit höhnischen, manche mit abschätzigen Blicken, einige auch einfach nur neugierig. Die Menschen bildeten eine kleine Gasse zu den Toren hin sobald Romina nah genug war, und so musste sie durch den Tunnel der starrenden Menschen um ins Innere der Kirche zu gelangen. Sie senkte ihr Haupt, um den Blicken der Kirchengemeinde zu entgehen, jedoch spürte sie jeden einzelnen Blick in ihrem Nacken und auf ihrer Haut brennen. Obwohl sie wusste, nichts Falsches getan zu haben, so fühlte sie sich unbegreiflicherweise in irgendeiner Art und Weise schuldig.
Während der Predigt und der Gebete spürte sie immer wieder, wie die Blicke einzelner Kirchengänger sie streiften oder musterten. Sie versuchte diese Blicke zu ignorieren und mit verkniffenen Lippen der Predigt zu folgen. Passenderweise hatte der Pfarrer eine Predigt vorbereitet die um die Sünde des Neids und des Stehlens ging, und wie wichtig es für das Seelenheil wäre, sich seinen Taten zu stellen und Reue zu zeigen. Am Ende seiner Predigt angelangt verwies er noch einmal auf den aktuellen Diebstahl, und wie wichtig es sei dass der Täter, oder vielmehr die Täterin, sich ihm stellen möge. Der Pfarrer selbst schaute dabei sehr eindeutig in Rominas Richtung und auch die anderen Menschen wandten ihr die Köpfe voller Erwartung zu. Romina spürte, wie sie errötete und senkte den Kopf. „Ich war es nicht! Ich war es nicht! Ich war es nicht! Oh Herr, bitte hilf mir!“, dachte sie.
Drei Tage darauf war sie auf dem kleinen Markt im Dorf Nahrung für ihrer Mutter und sich einkaufen, als sie vernahm, dass abermals die Kollekte sündhafter weise erleichtert wurde. Unverhohlen und voller Abscheu wurde Romina von allen Seiten begafft, die alte Bäuerin am Kartoffelstand weigerte sich gar ihr etwas zu verkaufen, andere Verkäuferinnen an anderen Ständen begannen mehr Geld als üblich für ihre Waren von ihr zu verlangen. Aufgrund dieses aggressiven Verhaltens ihr gegenüber fühlte Romina wachsende Panik in sich aufsteigen, merkte sie
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