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Kategorien > Kurzgeschichte > Drama

Die Beichte

von Norbert Hilgers

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Mit dem Handrücken wischte Pfarrer Kessel sich die kalten Schweißtropfen von der Stirn. Bevor er die Tür zum Zimmer hinter sich zuzog, betrachtet er voller innerer Zerrissenheit den leblosen Körper der, angeschlossen an ein Gewirr von Kabeln und Schläuchen, auf dem Krankenbett lag. Er hatte einem sterbenden die letzte Absolution verweigert und fast so etwas wie Lust empfunden als er dem flehentlichen Bitten des Mannes nach Vergebung mit eisernem Schweigen begegnet. Der steril wirkende Gang an den sich die Türen der Krankenzimmer in kalter Monotonie anschmiegten, verlor sich im schwachen Licht gelblich gefärbter Neonlampen. Es war vier Uhr dreissig und erst in einer Stunde würde das Krankenhaus aus seiner Lethargie erwachen. Aus der Innentasche seines Mantels zog er mit zittrigen Fingern eine blaue Zigarettenschachtel. Kessel lehnte sich mit geschlossenen Augen an die Wand neben Zimmer 34 und lies den ungefilterten Rauch einer Gauloises tief in seine Lungen strömen. Zehn Minuten hatten gereicht den letzten Zipfel seines ohnehin brüchigen Weltbildes entgültig zu zerstören. Kessel öffnete die Augen und sein Blick viel auf eines, jener typischen Gemälde das unbeachtet die Tristes der unpersönlichen Krankenhausatmosphäre verstärkte. Das Motiv, der Druck einer unbedeutenden profillosen Landschaft, verschwand hinter dem Spiegelbild seines verhärmten Gesichtes dessen erloschenen Augen sich hinter einer zu großen Brille versteckten.
Die strähnigen Haare waren streng nach hinten gekämmt und reichten bis weit in Nacken.
Mit der rechten Hand suchte Kessel unter dem abgestoßenen Priesterkragens die dünne Goldkette. Als er sie zwischen seinen Fingern spürte fuhr er an ihren Gliedern entlang bis sie den Ring ertasteten. Niemand, außer ihm und Erika hatte ihn jemals zu Gesicht bekommen. Er verspürte kaum einen Widerstand, als die Kette mit einem kurzen heftigen Ruck zerriß. Es war lange her, daß er die feine Schrift, die in der Innenseite des Ringes eingraviert war betrachtet hatte. „Erika“ stand auf der einen Seite und ihr Gegenüber „Für immer“. Für immer hatte nur noch vierzehn Tage bedeutet. Dann, an einem nebligen Septembermorgen vor dreiundzwanzig Jahren, hatte ein unbekannter Wagen Erikas Fahrrad erfasst. Die Wucht des Aufpralls war so stark gewesen, daß Ihr Körper einige Meter durch die Luft geschleudert wurde und dann gegen einen Baum stieß. „Sie ist sofort tot gewesen und hat nichts gespürt“, versuchte einer der Notärzte ihn zu trösten, aber er hatte keinen Trost verspürt. Er hatte überhaupt nichts empfunden, er war selbst wie tot. Kessel kam sich vor wie in einem Kino auf dessen Leinwand ein schlechter Film abläuft und er war lediglich ein Zuschauer. Jeden Moment lief der Abspann, dann würde das Licht angeschaltet werden, er würde aus dem Raum gehen und alles war wie früher. Aber der Film endete nicht und der Raum besaß keine Türen durch die er ihn verlassen konnte. Die Erkenntnis und der Schmerz kamen erst Stunden später. Umgeben von einem dichten Schleier aus Wut, Trauer und Niedergeschlagenheit musste er mit Ansehen, daß die Suche nach dem flüchtigen Unfallverursacher nach und nach eingestellt wurde. Seine Geliebte wurde zu einem ungelösten Fall reduzierte und landete bei den Akten.
Das der Fahrer des unbekannten Wagens ohne jede Strafe davonkommen sollte, war für Kessel ebenso unbegreiflich wie unannehmbar. Wochenlang fuhr er mit dem Wagen seines Vaters die Umgebung ab und kontrollierte jedes blau lackierte Auto nach den winzigen gefundenen Lacksplittern. Es stellte jedoch heraus, daß die Polizei jedesmal vor ihm da gewesen war. Es gab keine Zeugen und nach und nach gab auch er deprimiert die Suche auf. Kessel entzog sich. Seine Freunde spürten, daß er nur noch widerwillig zu ihren Einladungen kam und wenn, dann still in irgend einer Nische verschwand. Zunehmens einsamer wurde es um ihn und wenn seine Eltern nicht gewesen wären.....
Voller Selbstzweifel suchte nach einem Sinn und bediente sich der Möglichkeiten, die ihm angebracht erschienen. Auf einem Exerzitienwochenende war ihm ein möglicher Weg gezeigt worden. Kessel trat ins Priesterseminar ein und hoffte auf eine Antwort. Als Pfarrer übernahm er später eine kleine Gemeinde in der Nähe seiner Heimatstadt. Aber auch hier fand er keinen Frieden und die Jahre der Suche reihten sich ohne wie Perlen aneinander.

Am Abend war der Anruf vom Kreiskrankenhaus gekommen und Kessel war sofort losgefahren. Voller Mitleid hatte er am Bett des alten Mannes gesessen und sofort gewußt das der Tod im Zimmer als zurückhaltender Gast bereits anwesend war. Etwas Zeit verblieb, daß spürte Kessel aus Erfahrung. Die rasselnde Stimme des Kranken, die seine Gebete begleitete, wurden nach und nach schwächer. Kessel spürte, daß es zu Ende ging. Er legte mitfühlend seine Hand auf den Arm des Sterbenden. Völlig unerwartet umschlossen die schon wächsernen Finger des Mannes sein Handgelenk. Sein Oberkörper bäumte sich auf und der Mund versuchte Sätze zu formen. Kessel beugte sich zu ihm hinab, so daß er seine geflüsterten Worte noch verstehen konnte.
Fünf Minuten lang sprach der Alte stockend und wiederholt unterbrochen von Hustenanfällen. Diese wenige Zeit genügte jedoch, daß Kessels Magen sich zu einem Stück brennenden Eises verwandelte. Es war unfassbar, vor sich lag der Mann, der vor zwei Jahrzehnten sein Leben zerstört hatte. Der, der zu feige gewesen war die Verantwortung zu übernehmen und für seine Tat gerade zu stehen. Kessel fühlte sich betrogen und benutzt. Eine Minute hatte er da gesessen ohne zu einer Bewegung fähig zu sein. Dann hatte er die Hände des Mannes gespürt, die sich mit letzter Kraft an ihn klammerten und die zittrigen Worte gehört die flehentlich um Verzeihung und Erlösung baten.
Aber Kessel hatte sie angewidert abgestreift und war mit seinem Stuhl aus seiner Reichweite gerückt. Ungerührt sah er zu wie Tränen aus den Augen des Sterbenden liefen und er am ganzen Leib zitterte. Nach einem letzten Aufbäumen, sackte der Körper in sich zusammen. Kessel saß da und starrte auf den gefliesten Boden. Immer wieder, wie ein nicht endendes Echo klangen die Worte des Mannes in seinem Kopf nach und formten sich zu Bildern. Eines fügte sich zum Anderen.
An dem Morgen des Unglücks war er mit seinem neuen Ford zum Dienst gefahren. Es war ein nebliger Tag und er hatte sich noch nicht richtig an den Wagen gewöhnt, dessen Lenkung und Bremsen von Hydrauliksystemen unterstützt wurden.
Dann plötzlich war Erika mit ihrem Fahrrad aus dem Dunst aufgetaucht und er hatte reflexartig gebremst. Die Bremsen des Wagen reagierten ungewohnt schnell und das Fahrzeug kam auf dem nassen Asphalt ins Rutschen. Fassungslos hatte er mit angesehen wie der Körper der jungen Frau von seinem Wagen erfaßt und von der Straße geschleudert wurde. Er war ausgestiegen und hatte als erfahrener Landarzt sofort erkannt das jede Hilfe zu spät kam. Panisch hatte er sich zurück ans Steuer gesetzt und war ohne Ziel einfach drauflosgefahren. Sein Entschluss war

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Kommentare

sina franke schrieb am 2007-06-17 22:37:06:
oh mein gott.
gänsehaut. hammer. berührend. einfach fantastisch, traurig und so wunder schön geschrieben. ich bin fassungslos, dass eine geschichte soetwas bewirken kann. . .
deine geschichte mit dem wasserturm ist die beste die mir je untergekommen ist, doch das hier ist einfach unantastbar. hut ab.
hochachtungsvoll
sina
Norbert Hilgers schrieb am 2007-01-17 14:37:57:
ich muß zugeben, daß ich die Geschichte mit der heissen Nadel geschrieben und veröffentlicht habe.
Es finden sich etliche Fehler, die sicherlich zu berichtigen sind. Einige Kritikpunkte sind mir jedoch nicht klar. Pfarrer/Priester.
Ist ein Pfarrer nicht auch Priester? Auch kann ich die Stelle in meinem Text nicht finden an, der ich davon spreche, daß Kessel, bevor er Geistlicher wurde, verheiratet war. Es sollte sich um einen Verlobungsring handeln, was zugegeben nicht eindeutig definiert ist.

Bin immer bereit dazu zu lernen

Norbert
Pit Petrol schrieb am 2007-01-16 22:47:57:
Tut mir Leid, aber das stimmt vorne und hinten nicht: Im ersten Satz wird von Kessel als Pfarrer beschrieben, dann hat er eine Absolution verweigert (ist also offenbar berechtigt sie auszusprechen) und dann ist er ein Priester ("suchte Kessel unter dem abgestoßenen Priesterkragens")
Was denn nun? Gehört Kessel der evangelischen oder der katholischen Kirche an? (Oder ist er Pfarrer/Priester einer neuen Ökumene???) Die Tatsache, dass er eine Frau hatte verträgt sich definitiv nicht mit der Absolution.
Heaven schrieb am 2007-01-16 16:33:17:
Hey,

mir gefällt deine Geschichte wirklich sehr!!!
Sie ist super geschrieben, spannend, wie man langsam immer mehr über den Mann erfährt. Auch den unvorhersebaren Schluss finde ich sehr gut gelungen!! =)

lG Heaven
Moritz schrieb am 2007-01-16 13:31:49:
klasse.
Erst dachte ich, dass die Geschichte mich nicht mehr überraschen könne....aber dann. Echt gelungen.

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