Die Bestie in deinen Augen
von
sina franke
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Ich sehe in deine Augen. Sind das die Augen, die mich sonst immer anlächelten? Sind es die Augen, die immer so viel Wärme ausstrahlten?
Doch was ist passiert?
Wenn ich in deine Augen schaue, kann ich nichts außer einer tiefen, hinunterreisenden Dunkelheit erkennen. Eine so tiefe Finsternis, dass sie zu glühen scheint.
Was ist mit dir passiert?
Deine Hand berührt die meine und ein kalter Schauer überflutet mich und ich bekomme eine Gänsehaut, dass es mir fast den Atem nimmt.
Was ist mit mir passiert?
Dein Lächeln, welches ich so abgöttisch geliebt habe, ist in meinen Augen nur noch ein höhnisches Grinsen. Eine Fratze, die ich nicht mehr erkenne. Habe ich die Augen vor der Wahrheit verschlossen? War ich blind vor Liebe? War ich zu blind, um zu sehen, wie du wirklich bist? Was aus dir in all den Jahren geworden ist?
Deine Ausrede ist so verlogen, dass deine Augen anfangen zu glänzen. Du lachst sie aus.
Was passiert, wenn du hier rausmaschierst ?
Werden alle sagen „ Der arme Junge hatte so eine schlechte Kindheit, wurde vernachlässigt, kommt aus einer Immigrantenfamilie und kann nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden“?
Ich würde alles darum geben, dass es wahr währe, aber das ist es nicht. Die Wahrheit ist, dass dir andere vollkommen egal sind. Dass du keine Rücksicht nimmst, dass du ein Ignorant und ein Egoist bist.
Und das habe ich all die Jahre nicht bemerkt!
Bin ich am Ende daran schuld, dass du, den ich liebte, so geworden bist? Stellen sie sich nun die Frage, ob ich es hätte verhindern können, wenn ich eine schützende Hand über dir gehabt hätte?
Ich glaube wohl kaum.
Du hattest es schon immer in dir, doch ich war zu schwach um die Gefahr zu sehen. Ich hatte oft in deine Augen geblickt, die so schwarz waren, dass sie selbst die Dunkelheit verschluckten. Und der Irrsinn war in ihnen geschrieben. Hätte ich es sehen sollen, dass manchmal diese Bestie aus deinen Augen schaute, hätte ich sehen müssen, dass diese Bestie zum Töten bereit war?
Was ist da bloß passiert?
Wegen einer Geldbörse mit einem Betrag darin, dass du dir davon gerade mal ein Mittagessen kaufen konntest. Nichts weiter. Keine Millionen!
Und dafür hast du getötet?
Und ich weiß, dass es dir nicht ums Geld ging, dass es nur darum ging der Bestie ein bisschen Auslauf zu gönnen. Ein bisschen mit ihr zu spielen, doch du konntest sie nicht mehr bändigen, als sie dem Bultrausch verfallen war. Hattest keinen Eingriff mehr darauf, etwas zu tun.
Und doch, du hättest aufhören können!
Wenn jemand am Boden liegt, dann hört man auf! Und das hast du nicht getan. Wie konntest du nur?
Sein Leben. Dein Leben!
Vorbei! Du bist so töricht gewesen, wie ein kleiner Junge bei einer Rauferei. Doch das war es nicht. Nicht mal annähernd.
Er war alt und gebrechlich und du stolz und stark.
Wie oft habe ich die Worte „Respekt“ aus deinem Munde gehört. Doch was bedeutet dieses Wort für dich. Die Leute, die in deinen Augen Respekt vor dir haben, haben in ihren Augen Furch vor dir. Große Furcht, und ich habe es nicht gesehen.
Respekt? Wo ist da der Respekt, wenn man einen alten Mann tot tritt, für nichts?
Wärst du früher oder späte auch so über mich hergefallen? Wäre die Bestie auch in dir erwacht, wenn ich da gestanden hätte, statt der Mann?
Ich hatte sie oft gesehen, kurz auflodern in deinen Augen, wenn wir uns stritten, aber dann war da wieder dieses Lächeln in deinen Augen, was ich so liebte.
Was ist nur passiert?
Wie konntest du nur?
Und jetzt sitzt du da, mit deinem hämischen Grinsen im Gesicht und blickst belustigt in die Runde. „Jugendknast, dass steck ich weg, mit links, ist wie Kindergeburtstag.“ Das waren doch deine Worte, oder?
Und ich wünsche mir, ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass sie dich härter bestrafen. Ja, meine Liebe zu dir hat sich in Abscheu gewandelt und du weiß es noch nicht.
Du sollst es bald erfahren.
„Die Zeugin Luisa Marter bitte“
Ich trete vor. Sehe in dein Gesicht und du erkennst, dass ich nicht auf deiner Seite stehe. Wirst du traurig, dass du mich nach all den Jahren verloren hast?
„Sind Sie auch der Meinung, dass er von zu Hause aus, nicht genügend Anstand und Respekt gegenüber andern Leuten vermittelt bekommen hat? Wissen Sie, dass er nicht genügend Annerkennung und Liebe bekommen hat, dass das die Wirkung auf sein Verhalten hatte?“
Sie sehen mich fragend an und du siehst mich an. Du lächelst, eine Bitte, ein Flehen, ein Ich-Liebe-Dich Blick.
Ich kann nicht anders.
„Nein.“
Schweigen. Du bist verdutzt. Kannst es nicht fassen, dass ich gegen dich aussage. Hasst du mich jetzt auch, oder verstehst du mich? Deine Augen werden starr, sie blicken mich an und ich sehe sie. Die Bestie in deinen dunklen Augen auflodern.
„Er weiß ganz genau was er tut. Und er wusste auch, dass er den Mann töten würde. Er wusste was Respekt ist und seine Eltern waren nie Gewalttätig. Sie haben sich integriert und sehen sich selbst als Deutsche. Sie stehen sogar bei der Nationalhymne auf, ich weiß es, ich war dabei! Und sie haben ihm gelehrt was Gut und Böse ist, er weiß es ganz genau. Und er muss für seine nicht zu entschuldigende Tat büßen.“
Meine Knie sind ganz weich und ich zittere am ganzen Körper, doch meine feste Stimme hallt an den Wänden wieder, prallt zurück und gräbt sich in meinen Kopf. Auch in seinen.
Ich halte den Kopf erhoben und stolziere wieder an meinen Platz. Du hast das letzt mal verletzt.
Du wirst es nie wieder tun.
Ganz Gewiss.
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Kommentare
anke schrieb am 2009-11-20 22:25:07:
Wow, echte gute Geschichte.
Du hast einen klasse schreibstil. Man kann sich total gut in sie hinein versetzten.
Klasse echt
Liebe Grüße
nachtmahr schrieb am 2008-11-30 14:25:31:
nochmals guten tag!
gut, sehr gut.wirklich.
vllt deine beste geschichte.
exzellentes, aktuelles thema, wirft auch fragen auf. ich find's immer gut wenn autoren, amateure und professionelle, sich mit aktellen sozialen problemen auseinandersetzen (auch wenn ich selbst leider nur sowas wie ein "l' art pour l'art"- schriftsteller bin).
das einzige was ich naja, "bemängeln" ist zu hart, würde ist, dass sie "nur" gegen ihn aussagt. bin ein mann, deswegen wohl; aber wäre da für drastischere maßnahmen: mord, zumindest in der geschichte (da ist es ja sozusagen legitim ;) ). aber das ist eine sehr persönliche meinung, die keiner teilen muss und die kaum die qualität der geschichte angreifen, eher vllt sogar zeigen dass sie sehr ansprechend ist wenn mir als alten lethargiker solche gedanken kommen.
hervorragend!
lg,
nachtmahr
Dos, Susanne schrieb am 2008-01-22 20:47:18:
Hey. Danke für deinen Kommentar. Ich habe viel drüber nachgedacht. Dein Einwand, dass es zu engstirnig ist, ist schon berechtigt, andererseits hast du auch richtig erkannt, dass ihr so lange Liebe gefehlt hat, dass ein Fremder, der sich auf den ersten Blick verliebt hat, sie ihr geben kann. Aber jetzt zu dieser Geschichte:
Ich finde das sehr gut geschrieben. Vor allem der erste Teil gefällt mir. Du machst klare Andeutungen, doch die richtige Auflösung, wo sie sich befinden und was genau passiert ist, kommt erst später. Mich würde interessieren, ob es einen bestimmten Anlass gibt, der dich zu dieser Geschichte bewegt hat.
Liebe Grüße
Susi
natha.schmidt@freenet.de schrieb am 2008-01-19 23:59:51:
die geschichte ist super.
wenn du lust hast kannst du ja ne vorgeschichte dazu schreiben oder wie es im knast für ihn war.
ich würd gerne mehr davon lesen
Lilly schrieb am 2008-01-10 22:41:58:
Klasse, ich hatte eine Gänsehautm. Ich liebe deinen Schreibstil!!!
Liebe Grüße
Lilly
Johannes Beck schrieb am 2008-01-08 21:12:39:
"Meine Knie sind ganz weich und ich zittere am ganzen Körper,..."
Genauso wirkt diese Geschichte auf mich. Wow. Ich mag deinen Stil, die Art wie du schreibst, mit Wiederholungen und Fragen etc.
Echt genial.
Spitze, freu mich auf die nächste Geschichte von dir *g*
Lg ko
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