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Kategorien > Fantasy > Zwischenmenschliches

Die Boten 2 (überarbeitet)

von C.Star

Wer Bin Ich?

Ein gewöhnlicher Herbsttag, wie jeder in Erinnerung hat. Die nackten Bäume, auf denen man selten die Vögel sitzen sehen konnte, schmückten die Straßen mit goldenen Blättern. Der Wind, der mir jeden Tag beim Radfahren in mein Gesicht blies, wurde von einem Tag auf den anderen kälter, wie die Menschen in meiner Umgebung. Ich fühlte mich von ihnen ausgeschlossen. Es begann in meiner Familie, dass ich mich ihrer Kultur und ihrem Glauben nicht anpassen wollte. Meine Art und Weise zu leben hätte zu starken Einfluss von der deutschen Lebensweise. Doch daran konnte ich leider auch nicht glauben. Wie sollte ich denn an starken Einfluss von Leuten haben, mit denen ich mich nicht verstand? Mir schien es zu sein, dass ich nirgendwo hin gehörte. Ich wandelte orientierungslos zwischen 2 Welten, bis ich meine eigene erschuf. Ich verschwand von der Realität, weil sie mir nicht gefiel. Ich erschuf meine eigene am Computer. Meine Welt, die ich kontrollierte, in der ich der Held war, in der der Rest meine Sklaven waren. Doch was bringt dir schon die unbegrenzte virtuelle Realität, wenn die begrenzte Realität Vorrang hat.
Meine Genialität beim Programmierern ging langsam verloren und ich kriegte es nicht hin, irgendetwas neues am Computer zu erschaffen, dass mich vom Alltag ablenkte. Die Welt hatte langsam nichts mehr für mich übrig, mit der ich etwas anfangen könnte.
Vor unserer Haustür suchte ich in meiner Hosentasche, die mit benutzten Tempos, Bonbonpapieren und all anderem Müll gefüllt war, nach meinem Schlüsselbund, an dem mein Hausschlüssel hing. Ich wurde ungeduldig und warf alle Tempos und Papiere auf den Boden. Dabei hörte ich ein Klirren. Ich wollte mich gerade bücken, da fiel mir dieser Junge auf der anderen Straßenseite auf, die 3 Meter entfernt von mir war. Er war blond und sah gepflegt aus. Durch seine überkreuzten Arme und indem er sich an eine Laterne lehnte, fühlte ich mich wie in einem klischeehaften Anime. Ich fühlte, dass der Junge ein Geheimnis in sich verborg.
"Hey, Bülent", rief er zu mir rüber. Ich nickte langsam mit meinem Kopf und fuhr fort: "Ich denke nicht, dass du weißt, wer du bist, dass du etwas besonderes bist." Eine merkwürdige Aura strahlte um den Jungen. In seiner Nähe zu sein, gab mir das Gefühl der Geborgenheit. Er hielt Inne und wartete auf eine Reaktion von mir. Ich untersuchte ihn aber näher. Mir fiel auf, dass dieser Junge ein einziger Kontrast zu mir war. Seine blauen Augen strahlten. "Du hast tiefe, dunkle Augen", sagt er dann, "deine Haare sind schwarz und deine Haut braun. Genau das Gegenteil meines Erscheinungbildes." Er meinte, ich sei etwas besonderes, nur weil ich anders als er war. Mir war noch nicht klar, worauf der Junge hinaus wollte. "Wie meinst du das," fragte ich ihn anschließend.
"Wieso denn so cool und selbstüberzeugt mein kleiner HipHopper", fragte er dann. Ich verstand nicht ganz. Ich wusste nicht woher der Junge mich kannte und warum er plötzlich vor mir stand. Ich wusste nicht wie ich handeln sollte. "Was geht ab? Bist'n kleiner Punk und willst Ärger?!"
Ich wartete darauf, dass er eine Faust ballt, doch er konterte ganz locker: "Denkste' ich hätte Angst vor jemandem, der nicht weiß, wer ich bin und noch nicht einmal Ahnung hat, wer er selbst ist. Ich bitte dich, ein bisschen mehr Niveau in die Sache zu stecken." Irgendwie mochte ich diesen Jungen nicht.
Der laberte lieber, als sich zu schlagen. Langsam stieg ich auf die Straße und lief auf ihn zu. Er sprang zurück ohne seine Arme zu bewegen. "Nicht so hastig. War nur ein Scherz", fuhr er dann fort," außerdem hättest du keine Chance gegen das Gute!" Das Gute hörte sich so dumm an, wie die Teletubbies, wenn sie ein neues Wort kennen lernen würden. Der Junge sprang rückwärts auf einen blauen Container, der hinter ihm war. Er schaute mich mit einer ungewöhnlich ernsten Mimik an.
Für einen Moment war meine Umgebung von dem Rest der Realität abgeschottet. Mein Herz, das am Anfang schneller klopfte, als je, beruhigte sich auf den anderen Moment. In dem Moment hatte ich ein Gefühl, dass ich heute nicht mehr definieren kann. Der Junge kam mir wie ein Jahrelanger Freund vor. Ich versuchte mich mit einem Schrei von diesen Gefühlen nicht überzeugen zu lassen. "Ich bin schon etwas besonderes, genau wie du. Du weißt es nur noch nicht," kam es dann aus seinem Mund geschossen, als ob er nun die ganze Zeit nachgedacht hatte, diesen einen passenden Satz zu finden.
"Bei Gott und Allah, wir sind alle etwas besonderes. Jeder hat seine besonderen Seiten, aber du und ich, wir sind das Besondere vom Besonderen.", fuhr er dann fort. Im selben Moment schien ein Gewitter herbei zu kommen. Ein heftiger Windstoß ließ die Laterne, vor der ich nun stand, wackeln und die Blätter wurden rumgewirbelt. Als ob das schon nicht genug war, begannen die Augen des Jungen in einem stechendem Blau zu leuchten. Seine Weiße Kleidung ging in das Weiß seiner Aura über, die nun sehr stark aufleuchtete. Ich verglich ihn für diesen Moment für Gott oder Mohammed. Oder war es Jesus? Ein erneuter heftiger Windstoß blies mich mit Leichtigkeit von der Laterne weg. Ich knallte brutal mit meinem Rücken gegen eine Wand. Mein Herz pochte wie noch nie. Mein Rücken schmerzte und ich bekam nur schwer Luft. Langsam begann der Junge über den Boden zu schweben.
"Ich erwarte dich heute um 15 Uhr am Spielplatz im Aa See", sagte er dann. Langsam rutschte ich die Wand runter und lehnte mich dann auf dem Boden an sie. Ich war in dem Moment sehr verwirrt. Ich kann mich noch an die Tempos erinnern, die mit den goldenen Blättern auf dem Boden vermischt waren. Vielleicht starrte ich dort fünf Minuten lang Löcher in die Luft, in denen ich den Jungen suchte. Doch alles was ich fand und bekam, war die nächste kühle Herbstbrise, die durch mein schwarzes, kurzes Haar streifte und meine Schlüssel vor meine Füße herwehte. Diese schnappte ich mir, um die Tür zu öffnen. In der Küche suchte ich dann nach den Antidepression-Pillen. Ich dachte, es wäre meine Depressionen, die meine Augen dazu zwangen, solche Erlebnisse zu haben. Ich nahm sofort 5 Stück und schluckte sie mit einer Cola runter. Dann ging ich in mein Zimmer und schaltete die MP3's von Jack Off Jill, eine Punkgruppe, an, die ich mir runtergeladen hatte. Ich legte mich hin und presste mein Kissen gegen mein Gesicht. "War das alles vorhin real?" Ich presste mein Kissen viel fester gegen mein Gesicht. "Es war nur eine Wahnvorstellung!" Darauf hin zitterte ich am ganzen Leib. Schmerzen, die mich an dem Tag zum Weinen gebracht hatten, was ich heute nicht nach voll ziehen kann. "Was sollte ich mit diesem Jungen anfangen? Sollte ich wirklich zu ihm gehen," ging es mir immer durch den Kopf. Ich konnte an nichts anderes mehr denken.
Schaukeln, die wie von Geisterhand angeschaukelt wurden. Wippen, die automatisch hoch und runter gewippt wurden. Rutschen, auf denen kein Kind rutschte. Niemand war da. Ich war der einzige auf dem Spielplatz. Im Hintergrund hörte ich die Autos fahren. Das war aber auch das einzige, was ich hörte. Ich schaute dann zum See rüber und sah einen Jungen am Rand sitzen. Langsam lief ich zu ihm und tippte ihn an der Schulter an.
"Du bist spät dran", sagte er. Ich erkannte die Stimme des Jungen. "Was willst du, wie heißt du", fragte ich ihn. Es war still und ich hörte nun neben dem Verkehr auch das leise Rauschen der Aa. Über mir drehte eine Krähe seine Kreise ohne ein bisschen zu krähen. "Mein Name ist zur Zeit nicht wichtig Bülent. Aber meine Bestimmung wird wohl eine noch größere Rolle spielen. Kurz und knapp gesagt, bin ich der Junge, der die Welt vor der bevorstehenden Dunkelheit und Kälte beschützen soll", sagte er dann. "Was meinst du denn mit Kälte", fragte ich ihn. Der ernste Blick des Jungens lockerte sich kein bisschen auf meine Frage. Stattdessen fixierte er es stärker auf mich. "Wir beide haben keine Zeit für lange Erklärungen. Ich bin nicht hier her gekommen, um dir Religionsunterricht zu geben, sondern um dein wertvolles Leben zu retten. Also, kommen wir schnell auf den Punkt," versuchte er mir zu erklären, "du wirst von dem Problem, dass ich dir jetzt versuche zu erklären, am meisten betroffen sein, wenn du mir jetzt nicht gut zuhörst und meine Vorschläge nicht beachtest." Ich lief zur Schaukel, saß mich hin und holte richtig Schwung. Am höchsten Punkt fühlte ich mich wie ein Vogel, dessen Flügel gebunden waren.
Der Junge schaute hoch zu mir und guckte verwundert. Dann presste er schon wieder seine Augenbrauen zusammen und befahl mir, dass ich nun aufhören sollte. Ich sprang am höchsten Punkt von der Schaukel. Eine kurze Zeit lang genoss ich die Schwerelosigkeit, doch dann knallte ich hart auf den Boden der Tatsachen. Es begann schon wieder heftig zu wehen. Der Wind wirbelte den Sand rum, der den ganzen Spielplatz bedeckte. Die Schaukeln drehten nun ihre Runden. Dann schaute ich wieder auf den Jungen. Ein helles Licht trat aus seinen Augen und sie leuchteten wie Neonlicht. Auf einmal fühlte ich mich sehr unwohl. Ich bekam sogar Angst. Meine Knie wurden weich und sie schienen zusammen zu brechen. Ich fiel auf den Boden und schaute auf den Jungen hinauf. Der Wind wurde milder und ich spürte den Sand, der locker in der Luft schwebte, in meinen Haaren. Die Umgebung des Jungen wurde von allen physikalischen Gesetzen befreit. Er selbst, schwebte einige Zentimeter über den Boden. Sogar die kleinsten Kieselsteine schwebten nun. Im Gegensatz zu der Aura des Jungen, war die Sonne nur eine schwache Glühbirne. Trotz dieser Helligkeit, taten mir die Augen aber nicht weh.
"Jetzt höre mir sehr gut zu Bülent, das werden die letzten Worte von mir sein, die du zu hören bekommst. Die Kälte, die Herzlosigkeit und alle Assoziationen damit werden auf dich zurück kommen. Denn du bist die Quelle von denen!" Ein schwerer Schlag in das Ego, dass ich jahrelang aufgebaut hatte, in die zerbrechliche Tonstatue, die ich jahrelang als mein Charakter formte und im Ofen dann gegen die Hitze setzte. Der Junge hatte mich wirklich mit diesem Satz fertig gemacht. Denn früher war ich einer dieser grinsenden Leute, die auch trotz ihres schweren Alltags lachen konnten.
"Bülent, den Ernst der Sache hat schon die Krähe über dich eher erfasst als du. Sie hörte auf schäbig zu krähen, als sie dich und mich gemeinsam sah. Du weißt anscheinend noch nichts von deinem Schicksal. Du bist das reine Böse? Der Grund für Herzlosigkeit und Kälte? Vielleicht überraschst du dich jetzt, weil du dich für so etwas nicht hältst, aber glaube mir. Das ist es."
Meine braune Haut wurde durch die Angst in mir blass. "Will der Junge mich einfach nur erschrecken? Vielleicht verwechselt er mich ja mit jemand anders", dachte ich zu dem Zeitpunkt. Meine Identität wurde aufgeklärt, aber seine noch nicht. Der Junge senkte seinen Kopf und schaute dann bescheiden zu mir rüber. Er wartete kurz und sagte: "Ich bin dein Gegenteil. Der, der die Erde vor dir retten wird, indem ich dich umbringe!" Die Zahl 16 ging mir durch den Kopf. Ich war fast 16 und erfuhr, dass ich in den nächsten Minuten von jemanden umgebracht werde. "Bist du von Gott geschickt geworden?", fragte ich ihn.
"Sind wir nicht alle von Gott geschickt geworden? Wir alle wurden von ihm geschickt, mit einer Aufgabe, die er uns auf dem Weg gab. Meine Aufgabe ist es, das zu verhindern, was du später als selbstverständlich siehst. Ich habe die Aufgabe ,dich ohne jegliches Risiko aus zu löschen."
"Wieso tust du es dann nicht?" Ich weiß, dass ich dort sehr ängstlich war. Denn meine Knie waren weich wie Watte. Ich sah ihn damals als höhere Gewalt. Ob religiöser oder anderer Abstammung, wusste ich damals nicht. Gut, auch jetzt habe ich keine Ahnung davon, wer er und ich sind.
"Ich könnte dich jetzt ohne Probleme umbringen, da du noch gar nichts von deinen Fähigkeiten beherrschst. Ich will aber nicht töten. Denn haben wir in dieser schweren Zeit schon nicht genug Tote? Sollen wir uns jeden Tag gegenseitig bekämpfen, bis wir nicht mehr existieren. Soll das immer so weitergehen? Nein, das soll es nicht Bülent. Irgendjemand muss anfangen, dem ein Ende zu setzen."
Ich schüttelte ohne jegliches Verständnis meinen Kopf und drehte mich um. Ich wollte gehen, doch der Junge hielt mich auf..
"Du wirst es noch herausfinden. Spätestens nächste Woche." Ich drehte mich um und rief ihm zu:
"Werde ich auf den Arm genommen? Wo sind die Kameras? Was geht hier ab?"
"Die Kameras sind über dich. Allah und Gott sehen alles. Das Drehbuch ist das Schicksal. Bülent, ich gebe dir ein Jahr lang Zeit. Denke immer wieder zwei Mal nach, bevor du eine wichtige Entscheidung triffst. Pass auf, dass du den richtigen Weg wählst und nicht abdriftest, von deiner Familie und deinen Freunden. Achte darauf, was für ein Mensch du wirst, denn es wird darüber entscheiden, ob ich dich später am Leben lassen oder töten werde. Wenn du ein normales Leben wie jetzt führen wirst, dann wirst du nie wieder etwas von mir gehört haben. Doch wenn ich deine böse Seite sehen werde, wenn du Menschenleben verachten und Unheil bringen wirst, dann werde ich leider einschreiten müssen."
"Und in welcher Form willst du das tun? Möchtest du mich tot prügeln oder erschießen?"
Der Junge überkreuzte ein weiteres mal seine Arme, senkte den Kopf und schüttelte ihn ein paar Mal.
"Die ganze Kraft liegt in einer Hand Bülent!" Er streckte seine linke Hand aus und richtete dessen Handfläche nach oben. Ich war immer noch auf dem Boden. Beim Aufstehen passierte es dann. Meine aller erste Erfahrung mit Psykräften. Aus nichts bildete sich grell-leuchtende Materie über seine Hand, die mit zuckenden Blitzen die Umgebung erhellte. "Siehst du das", fragte er mich. Sein Arm zielte er nun auf ein Baum und die Erde begann leicht zu beben, sodass ich wieder hinfiel. Auf dem Boden liegend, hörte ich eine Explosion, dessen Druckwelle mich gegen ein Klettergerüst schleuderte. Mein Rücken schien mir komplett kaputt zu sein. Er schmerzte wie noch nie. Dann rutschte ich das Gerüst runter und landete auf den Boden. Da schienen mir meine Augen zum ersten Mal in meinem Leben als Betrüger dar zu stehen. "Wo war der Baum?" Ein Aschehaufen blieb von dem übrig, dass nackt in der Gegend rum stand. Fragen häuften sich in meinem Kopf. Die Identität des Jungen war mir immer noch unbekannt, doch ich hielt ihn dort für den Messias. Einen Moment später füllte sich der Spielplatz wieder mit lachenden Kindern, die im Sandkasten spielten, die Rutsche runter rutschten und auf der Schaukel rum tobten. Auf den Bänken saßen die Eltern, die sich unterhielten. Eine Oma verteilte Sonnenblumenkerne auf dem Boden, die eine Krähe pickte. Einen Moment schaute mir die Krähe tief in meine Augen und ich schaute sofort weg. Danach krähte sie schäbig und flog weg. Von den ganzen Dingen verwirrt, machte ich mich mit meinem schmerzenden Rücken auf den Weg nach Hause.



Kapitel 3
Ich Bin Was Anderes

Ich mach einen weiten Sprung über das Getrümmer. Ich fühle mich wie eins mit dem Nachthimmel. Dann lande ich auf der anderen Seite. Ich laufe weiter und weiter. Ohne zu wissen wohin. Als ob ich an einen bestimmten Ort angezogen werde, den ich nicht hervorsehen kann. Ob es ein Ort ist, dass vom Schicksals ausgesucht ist? Wie meine Bestimmung. Es war bestimmt kein Zufall, dass mich Marduk an jenem Nachmittag besuchte. Es war auch kein Zufall, dass das hier alles passiert ist.
In der Ferne erkenne ich eine große Wand. Ich laufe hin und sehe auf dem Boden ein großes Zifferblatt. Ein paar Meter weiter sind die Zeiger zu sehen. Ich bin wohl nun an der Kirche angekommen. Ich sollte mich hier mal Ausruhen.
Schon seltsam, wenn ich darüber nachdenke, dass dieser Ort hier früher von Menschen besucht wurde. Dieser heilige Ort, zu dem alle hingerannt waren, als die Zerstörung begonnen hatte. Ich gehe langsam in das Innere der Kirche und sehe die Leichen drin, dessen Seelen, so kommt es mir vor, hier rastlos herumspuken. Wahrscheinlich beteten sie alle hier, als sie mich und Marduk am Kämpfen sahen. Ich laufe auf die Mauer zu und lehne mich daran, hole tief Luft und schließe meine Augen. Ich sollte ein bisschen über den Tag nachdenken. "Was hast du heute geträumt, Farhet?", frage ich mich dann laut. Ich kann mich noch an verwaschene Bilder erinnern. Der Himmel war rot und es regnete Feuerbälle und Blut. Auch die Umgebung war in rot getüncht und zu heiß, um vernünftig zu atmen. Meine Blicke reichten soweit, dass ich nur Zerstörung und Tod sah. Männer, rannten den Frauen hinterher um ihre sexuelle Befriedigung zu stillen. Die Frauen, die sich am Anfang weigerten, erkannten auch ihre sexuellen Bedürfnisse und wurden ein Teil des herrschenden Chaos'. Kurze Zeit später, nachdem die Männer und Frauen aufhörten und gierig nach Luft schnappten, hinterließen diese eine Blutlache auf dem Boden. In einer Ecke sah ich dann aber helles und schönes Licht. Eine Gruppe von Leuten beteten zu dem Allmächtigen. Sie alle erwarteten Hilfe von ihm. Sie alle verbrannten qualvoll und wälzten sich dann in ihrem eigenen Blut bis zum Tode.
Das letzte Mal, als ich so etwas geträumt hatte, da war ich noch im Kindergarten. Ich wachte immer wieder auf und war fasziniert von diesen Bildern, dass Ich sofort wieder einschlief, um den Traum wieder weiter verfolgen zu können.
Auf dem Boden liegt ein abgebrochenes Stück von einem Spiegel. Ich hebe es auf und sehe hinein:
Ein Gesicht an der man unter der den Narben und Verletzungen einen Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 17 erkennen kann. Das soll ich sein. Je mehr ich in diesen Spiegel hineinsehe, desto mehr ekle ich mich vor mir selbst. Dieser Bart, der schon seit zwei Wochen wächst, die Haare im Gesicht, die bis zu den Augen reichen. Meine große Nase und die dichten Augenbrauen. Ich drehe mein Kopf zur Seite und werf den Spiegel ziellos weg, doch dann knie ich mich wieder hin und hebe den "Spiegel" auf. Ich sehe erneut hinein: "Das Ende oder der Neuanfang der Welt?" Ich bin mir nicht sicher. In einem Jahr habe ich mich so sehr verändert, ich habe so viele Dinge erlebt, so viel ist passiert. Habe ich in meiner Vergangenheit gute oder schlechte Dinge getan? Werde ich, wenn ich irgendwann sterbe, in den Himmel oder in die Hölle kommen? Gibt es denn überhaupt so etwas noch? Man könnte doch Luzifers Macht, mit der von Gott gleich stellen und behaupten: Das Paradies wurde soeben von Luzifer erobert. Alle bösen Menschen bekommen ein weiteres Leben, alles Gute schmort in der Hölle. "Das kann nicht sein", sagte mir ein Freund mal. "Lies im Koran, da steht etas ganz anderes." Ts, bloß ein bisschen Literatur Plötzlich bekomme ich Kopfschmerzen. Ich fass mir an die Stirn und hoffe sie damit vertreiben zu können. Wieso denke ich nicht an Dinge, die uns allen Kindern Freude bereiten? Tod!? Nein, ich hatte früher keine Befriedung an Tod, sondern am Feiern. Meinen Geburtstag zu feiern.
Der 25. September, 2 Tage vor meinem Geburtstag. Da habe ich heraus gefunden, was der Junge damit meinte, dass ich etwas besonderes bin.
Die Schmerzen lassen nach und ich nehme meine Hand wieder von meiner Stirn, hebe wieder meinen Kopf.
Ein herrlicher Tag war das doch. Ich erfuhr, warum dieser Junge zu mir kam und das seine Vorstellung mit dem zerstörten Baum nichts als die Realität war. Ich erkaufte mir ein Ticket mit den Seelen anderer für eine Gefühlssachterbahn.

Kommentare

Judith Voce schrieb:
Hallo C.Star,

so, hier wie versprochen der zweite Teil meines Kommentars. Ich war schon sehr angetan von Deiner Kurzgeschichte "Wo gehen wir hin", und auch "die Boten" begeistern mich durch ihren Stil. Deine Sprache läßt die Szenen, das Leben lebendig werden; man sieht unmittelbar vor seinem inneren Auge, was passiert. Ich denke, sprachlich hast Du ein großes Talent.

Der Inhalt hat mich noch nicht ganz so überzeugt, vielleicht, weil ich jetzt ein wenig verwirrt bin. Ich fasse zusammen: ein Jugendlicher Türke (?), seiner Heimat mehr oder weniger entwurzelt, macht die Entdeckung, daß er der Antichrist (bzw. das islamische Äquivalent?) dazu ist, jedenfalls der Auserwählte der Mächte der Finsternis, und es an ihm ist, die Welt zu zerstören oder auch nicht. Er begegnet dem Auserwählten von der Gegenseite, und beide haben ein interessantes Gespräch, in dem er mit dem Tode bedroht sowie über seine wahre Bestimmung halbwegs aufgeklärt wird.
Allerdings, was dazwischen geschah, zwischen diesem Gespräch und dem Armageddon, darüber erfährt der Leser nichts oder zuwenig. Nur, daß Marduk und Bülent gekämpft haben und letzterer den Abgesandten des Lichts wohl vernichtete und damit die Finsternis obsiegte.
Unwahrscheinlich an der Weltuntergangsszene fand ich auch, daß Männer und Frauen im Angesicht des Todes nichts Besseres zu tun haben, al miteinander zu vögeln. Realistischer wäre wohl, daß sie in Panik geraten bzw. versuchen würden, sich irgendwohin zu retten. Ich nehme aber an, Du meintest dieses schandhafte Verhalten als Metapher für die Sünden der Welt, auf welche auch im Jüngsten Gericht Erwähnung finden (Johannesoffenbarung).

Trotz dieser Fragen ein gelungener Text, die fehlenden Informationen wirst Du im dritten Teil bringen?

Grüße, Judith

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