Die Chroniken von Erator - Das Orakel
von
Dante
1
2
Es schien, als ob der Sommer auf dem Kontinent Erator langsam an Kraft verlor, und so war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die herbstlichen Stürme die Blätter wie einen Teppich für den Winter zusammenfegen würden. Die sterblichen Menschen gingen wie immer ihren Geschäften nach und ließen sich durch nichts stören; warum auch, es hatte schon lange keine kriegerischen Auseinandersetzungen mehr gegeben, und so gab es kaum Grund zur Beunruhigung.
Jedoch wusste kaum einer der sterblichen Menschen, dass ihr Treiben auf diesem Kontinent, ihre Leben und ihre Schicksale, von einem wachen Geist beobachtet wurde.
Er hatte viele Namen, in diesem Jahrhundert hatte r den Namen Serania empfangen; doch zumeist sprachen diejenigen, die von der Existenz Seranias wussten, vom „Orakel“. Sie beobachtete die Welt als stumme Begleiterin aller Ereignisse, ihr Geist war unendlich groß und doch klein wie ein Sandkorn.
In letzter Zeit gab es jedoch kaum etwas für sie zu tun, wobei man den Begriff „in letzter Zeit“ bei Serania auf etwa 200 Jahre begrenzen konnte. Wie immer lag ihr Körper gut geschützt in einem einsamen Fischerdorf, in einer gut versteckten und bewachten Hütte, auf ihrem Lager. Ein Lager, von dem sie nie aufstehen würde. Sie würde immer den Traum der Ewigkeit träumen, und allein ihr Geist war wach, um alle Geschehnisse zu beobachten.
Schon lange hatte sie keine Visionen oder ähnliches mehr empfangen, und es schien fast, als wenn die Welt sie nicht mehr bräuchte und sie vergessen habe. Dies jedoch war ihr herzlich egal. Schon immer hatte sie Gefallen daran gefunden, dem normalen Leben der Menschen zuzuschauen; einem Leben, das sie, trotz ihrer äußeren menschlichen Form, nie führen würde.
Zwar erfüllte es sie manchmal mit Bitterkeit, jedoch hatte sie in all den Jahrhunderten ihren wichtigen Auftrag akzeptiert. Und trotz ihres langen Lebens fand sie jeden Tag aufs neue gewisse kleine Details im gesamten Leben auf dem Kontinent, die sie vorher nie bemerkt hatte.
Seranias Gedanken fokussierten sich gerade auf einen kleinen Bauernhof im Osten der Landmasse, wo sie die Bauern bei der Arbeit beobachtete. Sie sah, wie die Kinder des Landwirts fangen spielten, und wusste sogleich, wer den anderen zuerst abschlagen würde. Manchmal war dieses gewisse Vorherwissen langweilig, aber zum Glück konnte sie es manchmal verdrängen. Beim Anblick dieser Szenerie hätte sie, da war sie sich sicher, wahrscheinlich lächeln müssen, wenn sie einen richtigen Körper gehabt hätte. Doch sie wusste, dass ihr eisig kalter Leib auf ihrem Lager nicht eine Miene verzog.
Plötzlich spürte sie ein vertrautes Ziehen, das durch ihr gesamtes Sein hindurchging.
„Was...“ nach Jahrhunderten sollte sie wieder eine Vision ereilen? Ihr Dasein schien wohl nie langweilig zu werden.
Das Ziehen weitete sich zu einer gesamten Schwingung aus, der Bauernhof verschwamm vor ihrem geistigen Auge – und plötzlich wurde ihr Geist mit aller Macht von diesem Ort fortgerissen.
Sie spürte, wie die Welt sich um sie herum drehte, wie sie mit gewaltiger Geschwindigkeit über das gesamte Land gezogen wurde. Das war ganz und gar nicht normal für eine Vision...
Plötzlich wusste Serania, wohin es sie zog: Ihre Gedanken wurden in die Richtung ihres Refugiums gezogen! Verwirrung machte sich jedoch breit, als die Hütte unter ihr hinwegzog. Sie wurde noch weiter gen Süden gezwungen.
Das Ziehen wurde langsam zu einem Schmerz, der sie in ihren gesamten Gedanken traf. Irgendetwas war nicht in Ordnung. Das wusste sie genau. Gerade als sie versuchte, den rasanten Flug zu verlangsamen, prallte sie gegen eine unsichtbare Mauer – sie war zum Stillstand gekommen.
Doch nicht aus eigener Kraft.
Benommen erfasste sie die Welt um sie herum. Diesen Ort kannte sie nicht; es schien, als ob sie in einer riesigen Höhle war, in die durch ein Loch in der Decke gedämpftes Tageslicht fiel. Kein Moos wuchs an den Wänden, und kein einziges Lebewesen war zu spüren.
Dies machte die Seherin mistrauisch. Normalerweise war überall Leben, nur dieser Ort schien tot. Toter als jeder andere, den sie je gesehen hatte.
Plötzlich fing die Luft in der Höhle an zu flimmern, als ob jemand ein riesiges Feuer im inneren der Kammer entfacht hätte.
Und dann kam der Schmerz.
Es fühlte sich an, als ob Seranias gesamte Existenz von Schmerz überwältigt wurde. Sie schrie, schrie ihren Schmerz heraus, obwohl sie keinen Mund hatte , diese Agonie, die sie nie zuvor gespürt hatte – und dann geschah es.
Sie musste unter Höllenqualen mitansehen, wie sich mitten in der Höhle, in der Luft, ein Riss bildete.
Der Riss weitete sich schnell aus, und heraus strömten unzählige Stimmen.
Schreie, Verwünschungen und unverständliche Gesänge hallten durch die Jahrhunderte alte Höhle. Und plötzlich – war Stille.
Der Schmerz, der aus dem Zerreißen der Welt in der Höhle resultiert war, ebbte lansam ab, und so konnte Serania ihre Gedanken langsam wieder ordnen. Der Riss, hinter dem eine dunkle Sphäre pulsiert hatte, war vollkommen verschwunden, als ob es nur ein Trugbild gewesen wäre.
Jedoch merkte sie im nächsten Augenblick, dass sie nicht allein war. Nicht mehr.
Eine andere Präsenz war in der Höhle erschienen. Es war, als ob eine Wolke aus undurchdringlichem Schatten mitten in dem Gewölbe schwebte.
Und dann sah sie die Augen.
Drei mörderische Rote Punkte, mitten in der Dunkelheit.
Und sie fixierten genau die Stelle, an der Seranias Geist schwebte.
Einmal mehr an diesem Tag kam der Schmerz.
Es fühlte sich an, als ob ihr Wesen in kleine Stücke gerissen würde... und Serania fühlte, dass sie, ihre Gedanken, Erinnerungen, ihre Essenz, langsam von der Dunklen Präsenz aufgesaugt wurden... sie versuchte, ihre Gedanken beisammen zu halten, konzentrierte sich darauf, vor diesem Wesen zu fliehen, ganz egal, was diese Präsenz auch war... doch lähmende Dunkelheit kroch über ihre Gedanken, zersprengte ihre Konzentration.
Sie tat das einzige, was sie tun konnte.
Eine sachte Berührung ihres Geistes genügte, um eine Kerze in der Hütte im weit entfernten Fischerdorf zum Kippen zu bringen. Heißes Kerzenwachs ergoss sich über den sonst so kalten, reglos daliegenden Körper.
Plötzlich merkte Serania, wie sie brutal von der dunklen Präsenz weggezogen wurde... und hörte den unnatürlichen Schrei, der durch ihre Gedanken brauste.
Du wirst mit dieser Welt untergehen! Wir werden uns wiedersehen, Lichtwesen. Du bist sterblicher, als du annehmen magst!
Sie merkte jedoch, dass die Präsenz ihr nicht folgen konnte. Sie blieb tobend in ihrem steinernen Gefängnis zurück.
Und dann kam die Vision.
Leid, Qualen und Tod ergossen sich wie eine dunkle Flutwelle über ihren geschundenen Geist, und sie sah unsägliche Zerstörung und Tod.
Und dann war sie über ihrem Körper.
Das Wachs hatte Spuren hinterlassen; gerade war ein erschrockener Priester hineingestürmt, der den Lärm der umstürzenden Kerze gehört hatte. Jammernd und erschrocken beugte er sich über den jungen, schneeweißen und wunderschönen, jugendlichen Körper
1
2
Kommentare
TJ Omar schrieb am 2008-08-15 00:30:27:
Wo ist die Fortsetzung? Wo? Ich will sie lesen. Du hast Style, Mann. Mach weiter mit deiner Geschichte. Respekt.
MfG TJ Omar
Aga schrieb am 2008-08-12 11:17:45:
wow oO ich will hier und jetzt die fortsetzung lesen^^ is wirklich sehr schön spannend geschrieben^^
jenny schrieb am 2008-08-07 22:58:59:
freu mich auf den nächsten teil!! eine tolle idee eine geschichte so anzufangen!^^
Kenshin Himura schrieb am 2008-08-07 19:11:52:
ich finde es ist schon spannend, ich will jetzt nämlich wisssen was als nächstes passiert, sehr gut finde ich die Idee mit der umstürtzenden Kerze. Man kann die Geschichte gut lesen, also sprachlich alles okay. Und ich habe beim puren Lesen nicht einen Rechtschreibfehler gefunden.
Dragoneye schrieb am 2008-08-07 12:29:34:
Sehr spanned geschrieben.... freu mich auf die fortsetzung
gruß Dragoneye
Kommentar hinzufügen