Die Damen von Bradshaw Kapitel 2
von
Lilli
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Der Zug kam mit quietschenden Bremsen im Bahnhof von London zum Stehen. Der Mann und Frau stand beiden sofort auf. Auch ich erhob mich und schüttelte die Krümel von meinem nussbraunen Kleid und zog mühsam die Taschen von der Ablage.
Auf dem Bahnsteig war ein Gedrängel und ich hatte Mühe nicht von der Menge umgerannt zu werden. Meine Tante sagte immer, ich wäre eine kleine, leider keine feine Dame und müsse aufpassen, dass mich kein Riese umrenne. Ich hatte immer nur gelacht, wenn sie das sagte, doch langsam verstand ich was sie meinte. Ich wurde immer wieder angerempelt, bis ich meine Taschen als Abstandsschutz benutzte.
Draußen auf dem Platz wurde das Gedrängel weniger und ich stellte ich die Taschen auf den Boden und schaute mich um. Zusätzliche nahm ich die Hand als Sonnenschutz vor den Augen. Anscheinend hatte ich einen guten Tag in London erwischt. Denn auch hier sollte es, wie in Cornwall, ziemlich oft regnen.
Ich suchte eine Kutsche, die mich angeblich nach Bradshaw bringen sollte. Ich sah viele Kutschen, doch welche mich nun zu dem – ach so tollen – Mädchenpensionat bringen sollte, wusste ich nicht, als mich jemand an die Schulter tippte. Ich drehte mich herum, als ich einen jungen Mann, von ungefähr 23 Jahren vor mir sah. Er hatte blondes, lockiges Haar, das ihm leicht in die Augen fiel. „Miss Worthem?“ fragte er höflich.
Ich nickte: „Ja?“
„Ich bin Tom Spence. Der Kutscher von Mrs. Bradshaw.“ Er lächelte mich leicht an.
„Oh, dann bringen Sie mich also nach Bradshaw“ sagte ich, ohne zu lächeln. Er nickte: „Ja, genau. Kommen Sie mit“
Er führte mich zu einer schwarz-glänzenden Kutsche vor der ein weißes Pferd gespannt war. Er nahm mir die Koffer ab und lud sie auf die Abladefläche der Kutsche. Vorbildlich hielt er mir die Kutschentür auf und reichte mir die Hand zum einsteigen. Doch auch bei ihm machte ich keine Ausnahme, ignorierte seine Hand und stieg ohne fremde Hilfe ein. Er schaute mich kurz verwirrt an, schloss dann aber die Kutschentür und schon wenig später setzten wir uns wackelnd in Bewegung. Ich öffnete das Kutschenfenster, um etwas frische Luft zu schnappen. Der Wind blies mir ins Gesicht und ich lächelte, als ich die Häuser im viktorianischen Baustil sah. Ich mochte diesen Stil.
Ich sah die verschiedensten Leute. Arm und Reich. Obwohl in dieser Gegend wahrscheinlich vorwiegend reiche Leute zu wohnen schienen.
Wir fuhren noch weiter, vorbei am Tower of London, dem Gefängnis, am Parlament und über die Tower Bridge.
Wir verließen den Kern der Stadt und kamen nun wieder auf einen Weg der von Wiesen und Feldern umgeben waren. Ich streckte den Kopf aus dem Fenster, um weiter nach vorne sehen zu können. Ich erkannte, ein von Bäumen umgebendes Gebäude, das im ersten Moment wie ein Schloss aussah. Durch die Bäume erkannte ich auch einen See, der in Sonne herrlich glitzerte. „Ist es das? Ist das Bradshaw?“ rief nach vorne zu Mr. Spence. Der junge Mann nickte: „Toll, nicht? Vor allem der See“
Ich konnte gar nichts anders. Ich musste zustimmen.
„Bradshaw hat wundervollen Anlagen um spazieren zu gehen. Und auch das Gebäude an sich ist toll, für die vielen schlechten Tage“ Er drehte sich kurz um und grinste wieder.
Ich nickte und zeigte leicht auf den See. Mit der anderen Hand strich ich mir eine krause, dunkelbraune, schulterlange Haarsträhne aus dem Gesicht: „Kann man in dem See baden?“
Tom nickte: „Ja, manchmal im Sommer erlaubt es Mrs. Bradshaw den Mädchen“ Er grinste wieder: „Aber für den Winter gibt es auch ein Hallenbad“
Ich nickte wieder nur, fragte dann aber schließlich: „Wohnen Sie auch in Bradshaw?“
Er lachte: „Um Gottes Willen, Nein! Es ist eine Mädchenpension. Nur Mädchen und Lehrerinnen wohnen dort. Ab und zu schaue ich mal vorbei, oder Mrs. Bradshaws Mann, oder ihr Sohn. Manchmal auch die Heiratsanwärter der Mädchen“ Er grinste. „Kommt für Sie schon jemand in Frage?“
Ich schaute ihn ernst an: „Nein, mit einem störrischem Pferd will niemand etwas anfangen“ Ich nahm den Kopf aus dem Fenster und setzte mich wieder hin. Mit lautem Knall schlug ich das Fenster zu.
Vor dem Haupteingang der Schule stand ein Brunnen, um den der Kreisel führte auf dem die Kutschen fuhren.
Tom hielt direkt vor dem Kieselweg, der zum Eingang führte. Er hielt mir die Tür auf, doch er hatte anscheinend dazugelernt und reichte mir nicht seine Hand. Ich nickte ihm zu und bedankte mich, als er mir die Koffer gab.
„Dann machen Sie’s gut“ sagte er höflich. „Ich muss noch Mr. Bradshaw abholen und in sein Anwesen bringen“
Ich nickte, machte einen leichten Knicks und nahm dann beide Taschen in die Hand.
Vor dem großen Eingangstor blieb ich stehen und stellte die Taschen ab. Mit leicht zittriger Hand ergriff ich den goldenen Türklopfer und schlug dreimal heftig damit gegen die Tür. Ungeduldig wartete ich vor der Tür, bis mir eine italienisch aussehende Frau die Tür öffnete. „Ja, bitte?“ fragte sie mit italienischem Akzent. An ihrer Kleidung und an ihrer Haube auf dem Kopf, erkannte ich, dass sie das Putzmädchen war. Ihr langes, schwarzes Haar hatte sie zu einem Knoten gebunden.
„Mein Name ist Lilli Worthem. Ich… ähm… bin neu hier“
Ihre Gesichtszüge wurden weicher und ihre braunen Augen leuchteten auf: „Ah, natürlich, Miss Worthem. Kommen sie bitte rein“
Ich nahm meine Taschen und trat in die gemütliche Eingangshalle. Ein blau-weißer Teppich lag auf dem Boden, und es hingen unzählige Bilder an der Wand.
Das hellblaue Sofa stand direkt gegenüber von der Eingangstür. Rechts und links gingen Türen von der Halle ab.
Das Putzmädchen zeigte auf das Sofa: „Bitte setzten Sie sich, Miss Worthem. Mrs. Norley bringt sie dann zu Mrs. Bradshaw. Ich hole sie schnell“ Sie lächelte sanft, nahm ihren Staubwedel von der Kommode und verschwand im Westtrakt, die Tür, die nach links führte. Ich nahm meine Taschen mit zum Sofa, als drei Mädchen, ungefähr in meinem Alter, aus der rechten Tür kamen. Sie kicherten und plapperten. Erst schienen sie mich gar nichts zu bemerken, worüber ich eigentlich froh war, doch dann schaute das Mädchen mit den goldbraunen Locken zu mir. Ihre grün-blauen Augen schauten fragend zu mir. Dann hob sie schüchtern die Hand und winkte leicht, als würde sie mich kennen. Ich versuchte ein nettes Lächeln aufzusetzen, und hoffte, dass es mir gelang. Sie nickte noch schnell, hob ihr hellblaues Kleid hoch und rannte ihren beiden Freundinnen nach.
Wenig später kam auch schon eine dicke, kräftige Frau durch die linke Tür und schaute mich fragend an: „Lillian Marie Worthem?“
Ich stand auf: „Ja, Madam“
„Schön… Ui, sie sind kleiner, als sie ihre Tante beschrieben hatte. Aber es wird nicht weiter schlimm seien“ sagte sie und stemmte die Hände in die Hüften.
„Sie haben… über meine Größe gesprochen?“ fragte ich etwas verwundert.
„Ja, natürlich. Wir nehmen nur Mädchen auf, die eine Chance verheiratet zu werden, rein äußerlich gesehen natürlich. Den Charakter kann man brechen“ erklärte die kräftige rothaarige Frau.
Meinen ganz
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