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Kategorien > Vergangenheit > Liebe/Freundschaft

Die Damen von Bradshaw (Kapitel 21)

von Lilli

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21.

Als ich am späten Abend wieder ins Turmzimmer kamen, schliefen Rose und Jessi bereits. Ich bemühte mich leise zu sein, um die beiden nicht zu wecken. Wenn ich schon kaum dazu kam zu schlafen, so wollte ich doch wenigstens Rose und Jessi nicht um ihren Schlaf berauben.
Mit einem leisen Seufzen ließ ich mich in die weichen Kissen fallen.
Den ganzen Heimweg hatten Zeroel und ich kein Wort miteinander gewechselt. Wir haben es sogar vermieden uns anzuschauen. Na ja… wen wundert’s.
Wie kann er nur so sein? Wie kann er es über’s Herz bringen Jane dermaßen zu verletzen, und zu hintergehen, obwohl er weiß, wie gern sie ihn hat?!
Auf der anderen Seite kann ich ihn verstehen. Er wurde ihr vor langer Zeit einfach versprochen, und wenn er die Wahrheit sagte, dann empfand er nichts für sie.
Jane hingegen hatten wirklich Glück, dass sie denjenigen, dem sie versprochen war, auch Liebe versprechen konnte. Und welche Rolle spielte ich in diesem Drama? Die, die alles zerstört? Die, die am Ende wieder verliert?
Am liebsten hätte ich in mein Kissen geschrien. Doch ich tat es nicht und fraß wie sooft alle in mich hinein.
Es wäre wohl für alle Beteiligten am Besten, wenn ich Zeroel einfach vergessen würde, wie ich es heute gesagt hatte. Wir würden diesen seltsamen Abend einfach verdrängen und weitermachen, wie bisher.
Zeroel würde früher oder später Jane Billay heiraten und ich hoffte weiter mit den ganzen anderen Mädchen auf eine Heirat mit dem Mann, den wir lieben würden.
Mehr konnte ich nicht tun. Es wäre so wirklich am Besten. Und ich konnte nur hoffen, dass ich irgendwie von ihm loskommen könnte.
Nach langem und vielem Überlegen schlief ich schließlich ein. Es war der zweite Traum, den ich von Zeroel hatte, doch auch dieses Mal wusste ich nicht, wovon er handelte.

Am nächsten Morgen stand ich wie gerädert auf und musste feststellen, dass ich maßlos verschlafen hatte.
Rose und Jessi waren schon gar nicht mehr im Zimmer. Schnell sprang ich auf und stürzte zum Kleiderschrank. Blind riss ich mein lila Kleid aus dem Schrank und schlüpfte hinein. Mehr schlecht als recht konnte ich das Mieder schnüren.
Ich hoffte dennoch, dass es ganz akzeptabel aussehen würde. Die braunen Locken ließ ich offen. Für eine Frisur hatte ich keine Zeit mehr. Ich puderte mir noch schnell das Gesicht und wollte aus dem Zimmer stürmen, als mir die beiden Briefe auf dem Schreibtisch auffielen. Hastig griff ich nach den beiden Umschlägen. Der eine war von Tante Mary, das erkannte ich sofort an der Handschrift. Schnell stopfte ich ihn in meinen Ausschnitt, weil ich keine Taschen hatte.
Der andere war von Rose:

Lilli, du bist wirklich nicht wach zukriegen! Jessi und ich dürfen nicht zu spät kommen. Tut uns wirklich Leid, aber wir müssen. Hoffentlich reißen sie dir nicht den Kopf ab…
Küsschen, Jessi und Rose

Jessi hatte sogar handschriftlich unterschrieben. Dafür hatten sie anscheinend doch noch Zeit. Schnell warf ich den Brief in den Müll und schaute auf Jessis Taschenuhr, die sie eigentlich immer bei sich tragen sollte, es aber nie tat!
Oh mein Gott! Selbst wenn ich zaubern könnte würde ich Madame LeBlancs Unterricht erst erreichen, wenn es schon geklingelt hätte. Das heißt ich habe das Frühstück ausfallen lassen und die Morgenandacht, was wiederum heißt, dass es Mrs. und Mr. Bradshaw auf jeden Fall aufgefallen war.
Innerlich und still fluchte ich mehrmals und begann zu rennen. Ich sprang die letzten Treppen hinunter und blieb erschrocken stehen. Hastig schaute ich hoch: „Du bist schon wieder da?“
Zeroel zuckte nur mit den Schultern: „Ich muss meinem Vater helfen. Aber ich bin in wenigen Minuten wieder fort“ Er machte eine kurze Pause: „Und du bist deutlich zu spät“
Ich seufzte: „Jetzt soll ich sicher zu deiner Mutter ins Büro“
„Sieht so aus“ meinte er und ich schloss die Augen und stöhnte. „Na toll“ Ich ging an ihm vorbei und trat auf die schwere Eichenholztür zu. Energisch klopfte ich an und hörte wie sich Zeroels Schritte entfernten.
„Herein“ erklang Mrs. Bradshaws tiefe Stimme.
Vorsichtig und unsicher trat ich ein: „Ihr Sohn sagte, ich solle zu ihnen kommen“
„Allerdings, Miss. Worthem“ Sie stand auf und lief um den großen Schreibtisch herum, bis sie auf der anderen Seite stehen blieb.
Ich schloss leise die Tür hinter mir und drehte mich wieder um.
„Miss Worthem, Sie testen wirklich meine Geduld. Solch ein Mädchen wie Sie, habe ich in den letzten dreißig Jahren nicht getroffen!“
„Ich bitte sie um Entschuldigung, Madam“ meinte ich leise und schaute zu Boden.
„Wenn es nach meinem Mann ginge, würden Sie schon längst die Schule verlassen. Wegen Ihrem Verhalten, aber auch wegen der Gefährdung der Verlobung meines Sohnes, die von Ihnen ausgeht“
„Sie meinen die Verlobung mit Miss Billay?“ hakte ich nach und fügte schnell hinzu: „Darüber müssen Sie sich gar keine Gedanken machen!“ Und ich hoffte damals nur, dass ich die Wahrheit sagte.
„Ich weiß nicht woher Sie diese Informationen haben, Miss Worthem, dennoch hoffe ich für Sie, dass von Ihnen wirklich keine Gefährdung ausgeht. Na ja, wie dem auch sei, wenn es nach meinem Mann ginge, wären Sie schon längst wieder zu Hause. Mr. Bradshaw hat sie jetzt lange genug beobachtet, um das beurteilen zu können. Doch ich hingegen sehe in Ihnen auch eine junge und hübsche Frau, aus der auch mal etwas werden kann, wenn sie will. Sie kriegen also noch eine Chance“
Erleichtert atmete ich aus. Auch, wenn diese Schule der reinste Alptraum war, so war Bradshaw doch wesentlich besser, als zu Hause bei Tante Mary zu versauern.
Ich nickte schließlich: „Vielen Dank, Madam. Sie wissen nicht wie viel mir das bedeutet“ Ich wandte mich zum Gehen, als sie noch fragte: „Wissen Sie schon wohin sie über die Weihnachtsferien fahren?“
Ich drehte mich wieder um und zuckte mit den Schultern: „Ich dachte, ich fahre zu meiner Tante Mary. Sie hat mir heute geschrieben“
„Wo kommen Sie noch mal her?“ hakte Mrs. Bradshaw nach.
„Aus Cornwall“ antwortete ich, dann senkte ich den Kopf zum Abschied und rannte mit schnellen Schritten zu Mrs. Harrison.

Als ich den Musiksaal betrat, warf mir Mrs. Harrison einen strengen Blick zu.
Beschämt senkte ich den Kopf und ging an meinen Platz in der Chorreihe. „Ich musste zu Mrs. Bradshaw“ murmelte ich leise.
Natürlich entgingen mir auch nicht die fragend Blicke, die mir Rose, Jessi und Elly zuwarfen. Auch Julias besorgter und gleichzeitig listiger Blick entging mir genauso wenig, wie Janes trauriger Augenaufschlag.
Dennoch versuchte ich alles so gut wie möglich zu ignorieren und konzentrierte mich auf die Melodie, die Mrs. Harrison auf dem Klavier spielte.
In Bradshaw war ich die Einzige, die kein Instrument perfekt beherrschte und manchmal war mir das auch etwas peinlich.
Aber ich konnte singen… Na ja, das hoffte ich zumindest.
Mrs. Harrison schaute mich in dieser Stunde noch öfters einmal prüfend über ihre Brille an und schnalzte manchmal missbilligend mit der Zunge, wenn

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