Die Damen von Bradshaw (Kapitel 21)
von
Lilli
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wir einen Ton nicht korrekt trafen, und wir mussten die Stelle sooft wiederholen bis Mrs. Harrison zufrieden war. Und das konnte teilweise ziemlich lange dauern.
Ich ging gerade zur Tür hinaus, als mit einem Sprung Jessi und Rose neben mir liefen. „Und?“ Jessi zog dieses einzige Wort unglaublich in die Länge.
Ich schaute sie seufzend an: „Nichts und!“ fauchte ich. „Wir waren in der Oper und fertig“
„So, so…“ murmelte Jessi und grinste.
„Welches Stück habt ihr gesehen?“ wollte Rose wissen, und es wunderte mich, dass von ihr keine dämliche Frage oder kein dummer Kommentar kam.
„Romeo und Julia“ antwortete ich knapp.
„Wie romantisch“ schaltete sich Elly hinter uns ein, während wir zum Unterricht von Miss Longburry gingen.
„Ach, quatsch. Da war gar nichts dabei. Die Inszenierung war schlecht – grottenschlecht – Julia kann es bezeugen, und Zeroel hat sich immer noch nicht als netter Kerl entpuppt. Es war der schlimmste Abend meines Lebens“ erklärte ich theatralisch und warf Jane, die hinter uns, und neben Elly lief einen bedeutungsvollen Blick zu.
Sie lächelte erleichtert und faltete ihre Hände brav zusammen.
„Ja, da hast du auch wieder Recht. Ich weiß gar nicht, was wir eigentlich erwartet haben“ meinte Jessi schließlich achselzuckend.
„Ja, aber du musst zugeben, dass du gestern die Schönste im Raum warst“ Elly schaute mich stolz an. Sie war es, die mich gestern so herausgeputzt hatte, doch die Schönste war ich – weiß Gott – nicht. Dennoch lächelte ich freundlich. Ich wollte ihr ihren Stolz nicht nehmen.
„Die Schönste war ich nicht, aber du hast deine Arbeit wirklich gut getan“ lobte ich sie und sie strahlte mich breit an.
Erst am Nachmittag, nach der Tanzstunde bei Mrs. Bradshaw, öffnete ich den Brief von meiner Tante.
Ich saß wieder im Teesalon auf dem bequemen goldenen Sessel und hatte wieder die Beine angewinkelt.
Langsam und mit leicht zitternden Hände öffnete ich das blassrosa Couvert, als Jane mir neugierig über die Schulter schaute: „Wer hat dir geschrieben, Lilli?“
Leicht erschrocken drehte ich mich zu ihr um. Nach einer Weile meinte ich: „Meine Tante hat mir endlich geschrieben“ Ich lächelte Jane an. „Es geht um meinen Aufenthalt in den Weihnachtsferien“
„Ach ja, du hattest so lange auf die Antwort deiner Tante gewartet“ erinnerte sich Jane. „Und? Was schreibt sie denn?“
„Oh, das weiß ich noch nicht“ meinte ich schnell. „Ich habe ihn noch nicht gelesen“
Jane nickte verständnisvoll: „Dann lass ich dich mal in Ruhe“ Damit wollte sie gerade gehen, als ich noch schnell sagte: „Wart mal, Jane“
Sie drehte sich mit fragendem Blick um: „Ja? Was ist denn?“
„Fährst du auch weg? Über die Weihnachtferien mein ich“ fragte ich sie.
Sie nickte: „Ja, ich fahre wie Rose und Elly nach London“
„Oh je, es fahren so viele nach London, und ich kann von Glück reden, wenn ich nach Cornwall darf“
Ich wunderte mich über mich selbst. Weil sonst war Jammern eigentlich nicht meine Art.
„Ach, wir haben halt alle irgendwelche Verwandte in London. Und London ist im Winter ganz besonders schön“ schwärmte Jane. „Aber Nicole und Sara sind auch nicht in London“ versuchte sie mich zu trösten.
„Aber sonst dürfen alle nach London gehen?“
„Soweit ich weiß schon“ meinte sie und schaute mich mitleidig an. „Aber Cornwall hat bestimmt auch schöne Plätze und Weihnachtsbälle“
Ich zuckte nur mit den Schultern und überflog kurz den viel zu langen Brief von Tante Mary.
Eigentlich stand nur belangloses Zeug darin. Außer die letzten vier Zeilen… Diese waren bedeutend für mich.
„Ach, Lilli!“ riss mich Jane aus meinen Gedanken. „Jetzt mach doch nicht solch ein Gesicht. Du wirst bei deiner Tante bestimmt auch viel Spaß haben“
Ich schüttelte mit dem Kopf: „Nein, werde ich nicht“
Jane fing an zu kichern: „Ach, du bist immer so pessimistisch“
„Nein“ sagte ich wieder und reichte ihr den Brief. „Lies selbst“
Vorsichtig und verwirrt zugleich schaute sie mich an, und las die von mir gezeigten vier Zeilen laut vor:
„Wegen Weihnachten, mein Liebling, so muss ich dich leider enttäuschen! Leider ist mein Gatte schlimm an der Grippe erkrankt und braucht nun viel Ruhe und meine volle Aufmerksamkeit. Deswegen wirst du dieses Weihnachten in Bradshaw – deinem neuen zu Hause – verbringen.
Ich bin wirklich untröstlich!
In Liebe, deine Tante Mary.“
Jane schaute mich geschockt und schon wieder mitleidig an. „Oh Lilli!“ rief sie aus. „das tut mir so Leid“
„Ach, das macht doch gar nichts“ Ich schluckte die Tränen hinunter und entnahm ihr den Brief. Ich würde also wirklich meine Ferien und sogar Weihnachten in Bradshaw verbringen, während sich über die Hälfte meiner Altersgenossinnen in London auf den schönsten Bällen vergnügen würden.
„Aber es bleiben noch ein paar Mädchen aus den unteren Stufen auch hier“ versuchte Jane mich weiter zu trösten. „Du bist also nicht allein“
Ich lächelte sie erneut an: „Ach, Jane! Ich sagte doch schon: Es macht mir gar nichts aus. Ich kann den Mann meiner Tante eh’ nicht leiden“ Ich erhob mich aus dem Sessel und verfing mich mit dem Fuß an meinem Kleid. Mit einem Fluchen befreite ich mich.
„Miss Worthem!“ tadelte mich Miss Norley.
„Verzeihung“ murmelte ich und war dabei den Teesalon zu verlassen. Noch im Vorbeigehen warf ich den Brief samt Couvert ins Feuer. Eine Weile schaute ich zu, wie die Flammen an dem Papier leckten und es begann sich braun zu färben, bis es schließlich schwarz verkohlt in sich zusammenfiel.
Dann verließ ich den Raum und konnte nur auf ein freudiges Weihnachten in sieben Wochen hoffen.
Auch Rose sprach mir ihr Beileid aus, als sie erfuhr, dass ich Weihnachten hier verbringen würde.
Ich verdrehte die Augen: „Ich habe schon Jane gesagt, dass es nicht schlimm ist“
Rose schaute mich kurz überrascht an, dann zuckte sie beleidigt mit den Schultern: „Wie du meinst“ Sie drehte sich von mir weg und begann ihren Dutt zu lösen und ihre Haar zu kämmen. „Da will man nur nett sein…“ hörte ich sie noch verärgert murmeln.
Ich glaube dieses Mal hatte ich Rose wirklich wütend gemacht.
Ich nickte nur und zog mir mein Nachthemd an, und brachte mein lila Kleid zu Nana um es reinigen zu lassen.
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