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Kategorien > Vergangenheit > Liebe/Freundschaft

Die Damen von Bradshaw (Kapitel 22)

von Lilli

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22.

Die nächste Woche verging wie im Flug und ich verdrängte immer wieder meine Gedanken an Zeroel oder an mein bevorstehendes, traurigstes Weihnachtsfest überhaupt. Ich hielt mich öfters wieder in der Bibliothek auf und las viel.
Auch am Samstagabend nach dem mittlerweile allbekannten und strengen Unterricht bei Mrs. Bradshaw saß ich in der Bibliothek in der Miss Rodriguez ein Kaminfeuer gezündet hatte.
Ich saß in einem der grünen Stühle am Fenster und schaute hinaus in die Dunkelheit. Die Tage wurden immer kürzer.
Die Kerze flackerte leicht und ich widmete mich wieder meinem Buch, als Jane sich mir gegenüber setzte. „Guten Abend“ grüßte sie.
Ich lächelte sie an: „Guten Abend“
Sie schwieg eine Weile, dann fuhr sie aufgeregt fort: „Hör mal, Lilli. Ich habe mit meinen Eltern geredet und wie du sicherlich weißt, verbringen wir Weihnachten in unserem Stadthaus in London! Und ich habe ihnen deine Situation erklärt und sie laden dich recht herzlich als mein Gast ein“
Eine Weile starrte ich Jane nur fassungslos an, denn nur langsam drangen ihre Worte und dessen Bedeutung zu mir vor. Aber dennoch begriff ich schließlich und löste mich aus meiner Starre.
Ich stieß einen Freudeschrei aus: „Nicht dein Ernst?!“
„Doch“ nickte Jane. „Du, als meine beste Freundin, bist bei uns zu Hause sehr willkommen“
Ich strahlte bis über beide Ohren und umarmte sie stürmisch: „Und ich dachte es ist aus mit unserer Freundschaft, seitdem ich mit Zeroel in der Oper war“
Jane winkte das schnell ab: „Ach, was redest du denn nur?!“
Ich schob sie von mir und lachte: „Danke, dass ist wirklich… klasse!“
„Das mache ich doch gern! Ein Weihnachtsfest in Bradshaw ist das Letzte“ Ihre Stimme klang das erste Mal, seit ich sie kannte abfällig.
„Ich revangiere mich bei Gelegenheit! Versprochen“ versicherte ich ihr.
Sie nickte: „Lad mich im Sommer mal zum Eis essen ein, oder so“ schlug sie vor.
„Klar…“ Ich hielt inne. Dann nahm ich das Buch an mich: „Ich werde gleich meiner Tante schreiben“
Ich glaube keiner von Bradshaw hat mich je so emotional gesehen. Und das sollte auch das Erste und das Letzte Mal bleiben… das hoffte ich zumindest.
Jane nickte mir zu und ich machte auf dem Absatz kehrt und stürzte wie eine Bekloppte aus der Bibliothek.
Ich würde Weihnachten wirklich in London verbringen. Ich konnte es immer noch nicht glauben. Und dann würden all meine Freundinnen auch noch dort sein. Ich hoffte natürlich, dass wir uns auf Bällen und anderen Gesellschaften treffen würden.
Innerlich seufzte ich bei dem Gedanken an London. Den Opernabend mit Zeroel schien ich ganz vergessen zu haben und auch meine Verwarnung von Mrs. Bradshaw letzte Woche.
Oben bei uns im Zimmer traf ich auf Rose, Jessi und Sara. Dass diese Kuh bei uns oben war, wunderte mich. Normalerweise ließ sie sich nie bei uns blicken.
Ich wollte schon etwas sagen, als ich die Blicke der anderen sah. Vor allem Saras rot verquollene Augen ließen mich innehalten.
„Was… was ist denn passiert?“ fragte ich aufrichtig besorgt.
Jessi schniefte laut: „Julia!“ rief sie. „Sie wird Mr. Rumble doch heiraten und sich dann Lady Julia Rumble nennen müssen!“
„Wie konnte so etwas nur geschehen. Vor allem hat sie kein Wort zu mir gesagt. Zu mir, ihrer besten Freundin“ Sara nahm schniefend das Taschentuch von Rose entgegen.
„Ja, es hat uns alle geschockt. Nur Jane weiß es noch nicht“ meinte Rose leise und legte den Finger auf die Lippe. „Und jetzt ist in einer Woche schon die Hochzeit, und heute wird sie Bradshaw verlassen“
„Und niemand hat irgendetwas geahnt!“ entfuhr es Jessi. „Schockt es dich nicht auch, Lilli?“ Plötzlich sahen alle total erwartungsvoll zu mir.
Ich stotterte eine Weile herum, bis Sara mich plötzlich anschrie: „Du hast es gewusst!“
Ich zuckte kurz zusammen, fing mich aber schnell wieder: „Ja, ich wusste es. Als ich mit Zeroel bei der Oper war, bin ich dahinter gekommen, weil einige Herren von einer bevorstehenden Hochzeit von Mr. Rumble erzählt“
„Und du hast uns nichts gesagt?“ rief Jessi vorwurfsvoll.
„Julia bat mich darum, zu schweigen“ erklärte ich. „Außerdem ist sie ja nicht aus der Welt. Soweit ich weiß, wohnt Mr. Rumble ganz ins der Nähe von London“
„Du hast gut Reden! Erst Anna, dann Julia. Immer mehr Mädchen werden gehen. Und sie unglücklich gehen zu sehen, macht mich auch unglücklich und raubt mir all meine Hoffnung auf eine schöne Hochzeit aus Liebe“ beklagte sich Jessi.
„Es tut mir auch Leid für Julia“ murmelte ich und trat ans Fenster. Ich sah eine braune Kutsche vor dem Haupttor halten und wenig später stieg der hässliche Mr. Rumble aus.
„Er ist da“ Ich drehte mich leicht über die Schulter und Sara rannte schon mit einem Heulkrampf aus dem Zimmer.
Jessica lief langsam hinterher.
„Hat sie wirklich schon all ihre Sachen gepackt? Ist es endgültig?“ fragte ich besorgt.
„Du mochtest sie doch nie“ bemerkte Rose. „Und lange kennen tust du sie auch nicht“
Damit hatte Rose vollkommen Recht. „Ihr Schicksal ist es, welches mich so traurig stimmt“ flüsterte ich. „das lässt noch nicht einmal mich kalt“
„Ach, Lilli“ Rose kicherte leicht und umarmte mich kurz. Dann meinte sie: „Wir sollten uns von Julia verabschieden“

Der Abschied von Julia wurde für manche schmerzhafter als für andere.
Mrs. und Mr. Bradshaw waren sehr stolz auf ihr Werk ein weiteres Mädchen unter sicherem Hut zu wissen. Sie lächelten zufrieden, während ihrem Sohn keinerlei Ausdruck zu vernehmen war und Julias Eltern sowie Mr. Rumble höchstpersönlich wirkten total erfreut.
Nur Julia selbst wollte nicht so recht in das Schauspiel hineinpassen. Ihre Miene war voller Trauer und als sie sich von ihren Freundinnen Sara, Nicole und Jessi verabschiedete weinte sie schrecklich.
Ich senkte den Kopf, als sie mich ansah. Ich spürte dennoch, wie sie mir zunickte und dann in die Kutsche stieg.
Ich schaute erst auf, als die Kutschetür mit einem lauten Knall geschlossen wurde und die Kutsche sich ächzend in Bewegung setzte.
„Ich hoffe, dass Sie bald das gleiche Glück ereilen wird“ meinte Mrs. Bradshaw erfreut und ich verdrehte nur die Augen: „Dann fängt wohl eher das Unglück an“ entwischte es mir und Mrs. Bradshaw schaute mich fragend an.
Auch Zeroel blickte zum ersten Mal seit langem wieder zu mir. Wieder erkannte ich dieses amüsierte Funkeln in seinen Augen.
„Bitte? Sagten Sie etwas, Miss Worthem?“ hakte Mrs. Bradshaw nach.
Schell löste ich meinen Blick von Zeroel und lächelte zuckersüß zu meiner Direktorin und ihrem Mann: „Ich sagte nur, dass ich das auch hoffe“ Ich zwinkerte ein paar Mal und das Ehepaar nickte zufrieden. Dann blickte ich auf die Kutsche, welche langsam am Horizont verschwand, und während wir so hinter Julia herstarrten und einige um sie weinten, weil sie jetzt einfach so aus der Klasse herausgerissen wurde, fiel der erste Schnee. Und das fünf Wochen vor Weihnachten.

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Kommentare

http//:www.top3-suche.de schrieb am 2010-04-05 14:51:42:
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