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Kategorien > Vergangenheit > Liebe/Freundschaft

Die Damen von Bradshaw (Kapitel 27)

von Lilli

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strich sich eine weißblonde Haarsträhne hinter’s Ohr, welche sich aus ihrem Dutt gelöst hatte. „Ja, und ich würde Elly trotzdem schreiben. Sonst fühlt sie sich übergangen“
Ich nickte wieder zustimmend: „Okay, dann schreib ich an Rose“
„Nun gut, dann wird ich wohl Jessi auch schreiben. Und Elly“ Jane seufzte.
Ich zwinkerte ihr freundschaftlich zu: „Bringt dich auf andere Gedanken“
„Wahrscheinlich“ murmelte sie und begann nach Briefpapier zu suchen.

Der Brief für Rose war schnell geschrieben. Ich berichtete ihr von der erfreulichen Nachricht, dass wir London allein erkunden dürften, und ob sie mitkommen wolle. Dann erzählte ich noch von dem tollen Haus, das die Billays hätten, und ich entschuldigte mich dafür, dass Jane und ich den Ball verlassen hatten, ohne noch mal nach ihr zu suchen. Denn auch nach meinem Tanz mit Mr. Boyle war Rose anscheinend immer noch bei ihrer Tante und bei ihrem Onkel.
Da Lord Billay sehr streng sein kann, hatten wir auch eine begrenzte Ausgehzeit und da wir sowieso schon spät dran waren, mussten wir uns beeilen.
Ich hatte mich nur flüchtig von Mr. Boyle verabschieden könne, da wurde ich auch schon von Jane energisch mitgeschleift. Sie hasste es, sich ihrem Vater zu widersetzen.
Ich hatte auch nicht die Gelegenheit, mich von Zero zu verabschieden… Und Elly und Baron Howard waren sowieso schon weg. Jane sagte, sie hätten es plötzlich sehr eilig gehabt… Als sie mir das erzählte, konnte ich nur schmunzeln.
In Gedanken versunken klebte ich das Couvert zu und schrieb Roses Adresse bei ihrer Tante und ihrem Onkel auf. Ich legte den Brief auf mein Bett und widmete mich nun einem wesentlich schwierigerem Letter: der Brief an Zero Bradshaw.
Er war aus mehreren Gründen schwierig:
Erstens, ich musste aufpassen, dass der Brief nicht von seinem Vater abgefangen wurde. Seine Mutter war kein Problem. Sie war mit den anderen Unglücksseelen, die nicht über die Ferien nach Hause durften ins Bradshaw geblieben und kam nur selten nach Hause, zu Mann und Sohnemann. Aber der Vater könnte ein Problem werden.
Zweitens, ich musste beachten, was ich in den Brief schreiben würde. Ich dufte keine verfänglichen Sätze formulieren, es durfte aber auch nicht zu unterkühlt klingen.
Und drittens, ich wusste allgemein nicht, was ich dem arrogantesten Arsch ganz London schreiben sollte.
Doch auf der anderen Seite – so glaubte ich doch – liebte ich ihn und wollte ihn unbedingt noch mal sehen.
Wie idiotisch die Liebe doch machte. Ich seufzte, als mir ein weiteres Problem einfiel: Wie schickte ich den Brief ungesehen fort. Ich meine, ohne, dass die Billays, eingeschlossen Jane, und eingeschlossen ihre ganzen Dienstboten etwas mitbekommen würden.
Damit war ich viel zu überfordert, das musste ich zugeben. Trotz all dieser Probleme begann ich den Brief zu schreiben.

Lieber Zero

Ich sagte dir bereits am Tag des Maskenballs, dass ich dir einen Brief zukommen lasse, wenn ich weiß, dass eine Führung durch London möglich ist, der Herr.
Ich hoffe doch sehr, dass das Angebot noch steht. Einen genaueren Zeitpunkt, kann ich dir bis jetzt noch nicht sagen. Aber ich werde versuchen, dass wir uns auch einmal so treffen können.
Schon mal frohe Weihnacht, für morgen.

In Liebe, Lilli

Könnte ich den Brief so abschicken? Ich wusste mir keinen Rat und hatte auch keine Zeit genauer darüber nachzudenken. Denn gerade als ich den Brief erneut überflog trat Jane ins Zimmer. „Ich habe die Briefe für Jessi und Elly geschrieben. Bist du fertig mit deinem Schreiben an Rose, dann würde ich die Briefe nämlich gleich Walter geben“ Sie schien noch etwas sagen zu wollen, als ihr Blick auf den Brief fiel, der auf dem Bett lag: „Ah, da ist er ja“ Sie nahm ihn an sich, während ich hektisch den Brief an Zero in sein Couvert stopfte.
„Und an wen ist der?“ fragte Jane neugierig, was eine neue Eigenschaft an ihr war, wie ich in den zwei Wochen feststellen sollte.
Hastig stand ich auf und drehte mich um: „Ach, ähm… der… der geht an meine Tante. Frohe Weihnacht wünschen, und so weiter“ log ich schnell.
Lügen schienen in letzter Zeit mein ständiger Begleiter zu sein, stellte ich verbittert fest. Denn in den letzten paar Tagen, nein sogar in den letzten paar Wochen habe ich kaum auch nur einen Gedanken an meine Tante Mary verschwendet, geschweige denn daran gedacht ihr und ihrem Gatten einen Brief zukommen zu lassen.
Abwartend schaute ich zu Jane, welche den Köder zu fressen schien. Sie nickte und fragte: „Soll ich ihn auch gleich mit zu Walter bringen?“
„Nein, danke“ lehnte ich ab und setzte mich wieder auf den weißen Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand. „Ich bin noch nicht ganz fertig“
„Nun gut“ meinte sie leicht daher gesagt. „Dann gebe ich trotzdem schon mal die drei anderen Briefe an Walter. Ich möchte nämlich, dass die Briefe am besten noch morgen, pünktlich zu Weihnachten da sind“ Sie wollte gerade gehen, als sie mich noch mal anschaute: „Über dein Geschenk wirst du dich sicher tierisch freuen!“ Sie kicherte, dann verschwand sie und ließ mich allein. Allein mit meinem platzenden Schädel und meinem schlechten Gewissen.
Was war ich nur für eine Freundin?! In meinen eigenen, egoistischen Gedanken versunken hatte ich sogar vergessen, für auch nur eine meiner Bradshaw Freundinnen ein Geschenkt zu besorgen.
Ich musste noch heute los und welche kaufen, sonst würde es morgen ein peinliches Weihnachten für mich werden.
Doch das war nur der eine Teil meines schlechten Gewissens. Der andere verfolgte mich jetzt schon seit mindestens einem Monat.

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