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Kategorien > Vergangenheit > Liebe/Freundschaft

Die Damen von Bradshaw (Kapitel 29)

von Lilli

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Am nächsten Tag, dem Weihnachtstag, erwachte ich erst, als es schon Mittag wurde. Ich schien wirklich seit langem mal wieder den ersten ruhigen Schlaf gehabt zu haben, denn normalerweise schlief ich nie so lange.
Hastig zog ich mir meinen Morgenmantel über das Nachthemd und stürzte aus dem Zimmer. Sofort schlug mir der Geruch von Entenbraten in die Nase und ich konnte nur erahnen, wie lange die Köchin der Billays schon hinter dem Herd stand.
Allgemein wurde das Haus in nur ein paar Stunden, die ich völlig verschlafen hatte, weihnachtlich geschmückt.
Eine Weile blieb ich sprachlos im Flur stehen und schaute mich erstaunt um. Für die Bradshaws war den Billays anscheinend nichts zu teuer. Nun ja, wer hätte es ihnen verübeln können? Jane war mit Zeroel verlobt und jeder ging davon aus, dass die beiden bald heiraten würden.
Warum konnte ich nicht aufhören daran zu denken?! Es zerfetzte mir jedes Mal die Magengrube wenn ich daran dachte. An Janes zerstörtes Glück, an dem ich Schuld war. Ein Glück für sie, dass sie es noch nicht wusste…
„Du bist endlich wach!“ riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Erschrocken schaute ich auf. Jane kam mit eleganten Schritten auf mich zu. Sie hatte einen kleinen Tischtannenbaum in der Hand, der schon vollends geschmückt wurde. Freudig strahlend reichte sie ihn mir: „Der ist für dich. Und dein Zimmer“
„Danke“ Ich nahm die kleine Tanne an mich und schaute mich erneut im Flur um: „Da habt ihr ja ganze Arbeit geleistet“
„Ach, eigentlich macht das Maggy immer, aber dieses Jahr wollte ich ihr helfen“ erklärte Jane.
„Schade, dass ich so lange geschlafen habe. Ich hätte auch gerne geholfen“ bedauerte ich und stellte den kleinen Baum auf den Schreibtisch.
„Ach, das macht doch nichts“ winkte Jane schnell ab. „Aber du solltest dich umziehen“ Sie zeigte auf meinen Morgenmantel und erst jetzt fiel mir auf, wie fein sie schon gekleidet war: Sie trug ein hellblaues Kleid mit leichten Rüschen am Saum und am hochgeschlossenen Kragen des Kleides. Tailliert war das Kleid mit einem weißen Band, welches zu einer Schleife gebunden war und ihre weiß-blonden Haare waren zu Korkenzieherlocken frisiert wurden und fielen ihr locker über die Schulter. „Ich kann Maggy holen. Sie wird dir bestimmt helfen. Sie kann wirklich super frisieren und schminken“
„Oh, ich weiß nicht“ murmelte ich unsicher, was eigentlich gar nicht meine Art war.
„Na ja… sie kann dann ja mal nach dir schauen. Aber ich muss jetzt wieder nach unten. Meine Mutter deckt schon den Tisch für’s Abendessen“
„Oh, und das um…“ Ich warf schnell einen Blick auf die Uhr, die auf dem Nachttisch stand. „…um halb zwei?“
Jane kicherte leicht und nickte: „Ja, sie ist immer ganz aufgeregt, wenn die Bradshaws kommen. Sie will immer einen guten Eindruck hinterlassen…“
Ich verstand genau, was Jane mir damit sagen wollte. Auf den Gedanken bin ich heute auch schon selber gekommen, als ich das beinahe übertrieben geschmückte Haus der Billays sah. Und ich kannte erst die Spitze des Eisbergs.
„Ich geh mich dann mal hübsch machen“ meinte ich im Nicole-Zickenton.
Jane nickte grinsend und ging in ihr Zimmer. Auch ich ging in mein Zimmer und riss die Schranktür auf. Wenn Jane so hübsch angezogen war, dann musste auch mir etwas Tolles einfallen lassen. Ich starrte eine Weile auf den Inhalt des Kleiderschrankes und nach einigem Überlegen standen zur näheren Auswahl mein weinrotes Lieblingskleid, das Knallrote und das Türkise, welche ich beide von Lady Billay bekommen hatte und mein dunkelgraues Kleid mit der schwarzen Spitze, welches ich damals in London mit den Mädchen gekauft hatte.
Ich seufzte. Normalerweise mochte ich alle meine Kleider und ich musste nie lange überlegen, welches ich anziehen sollte. Doch heute war es anders. Vielleicht lag es daran, dass die Bradshaws kamen oder dass ich Angst hatte, dass Jane mir Zeroel doch noch wegnehmen konnte, wenn sie so hübsch aussah. Obwohl das irgendwie blödsinnig war, weil ich ja eher dabei war, Jane Zeroel wegzunehmen und nicht andersherum.
Ich seufzte wieder. Vielleicht sollte ich Lady Billay eine Freude machen und eines der Kleider anziehen, die sie mir geschenkt hatte. Also griff ich rasch nach dem türkisen Kleid, weil ich das Purpurne für den Weihnachtsabend zu gewagt fand. Dieses würde ich sicherlich einmal zu einem Ball oder zu einem neuen Tag der Herren anziehen. Diese Anlässe erschienen mir passender für ein solches Kleid.
Ich versuchte gerade mein Mieder und das Korsett zu binden, als es an der Tür klopfte. Ich schaute auf: „Ja?“
„Miss Worthem?“ Ich erkannte Maggys Stimme. „Ich könnte ihnen behilflich sein“ bot sie an.
Schnell lief ich zur Tür und öffnete Maggy. „Das wäre nett“ lächelte ich und ohne Aufforderung schnürte Maggy mir das Mieder und danach das Korsett zu, während sie gleichzeitig die Tür vom Zimmer schloss. „Wollen sie das Kleid tragen?“ Sie zeigte auf das türkisfarbene Kleid, welches auf meinem Bett lag.
Ich nickte: „Schlecht?“
Schnell schüttelte Maggy mit dem Kopf. Doch dann sagte sie: „Aber ich würde, da der Weihnachtsabend ein erfreuliches Fest ist eine etwas hellere Farbe wählen“
Ich seufzte. Also hatte ich doch das Falsche gewählt. Und ich hatte, um ganz ehrlich zu sein, nur zwei Kleider in hellen Farben und die habe ich beide von Lady Billay vor ein paar Tagen bekommen.
Schnell holte ich das cremefarbene Kleid aus dem Schrank. „Besser? Oder zu spießig?“
Maggy lächelte und schüttelte mit dem Kopf: „Perfekt!

Ich hörte das Klopfen an der Haustür bis nach oben und wusste sofort, dass die Bradshaws nun in das Haus der Billays eintreffen würden. Sofort legte ich mein Buch beiseite und erhob mich.
„Lilli!“ Die Tür wurde aufgerissen und Jane stand auf der Schwelle. Selbst wenn sie so gehetzt schaute wie jetzt, sah sie immer noch wunderschön aus, und nicht zum ersten Mal fragte ich mich, warum Zeroel Jane nicht lieben konnte. Sie war so hübsch und so herzlich.
„Sind sie da?“ fragte ich leise.
Jane nickte heftig und ihre Locken wippten hin und her. „Ich muss runter. Mach deinen Dutt noch mal neu und komm dann nach“ Sie zeigte mit dem behandschuhten Finger auf meine Haare und konnte mir gut vorstellen, wie mein Dutt wohl aussehen würde.
„Mach ich“ versicherte ich ihr und schon war Jane weg.
Ich drehte mich zu seinem Frisiertischchen um und betrachtete meinen Dutt – oder was zumindest einmal einen Dutt darstellen sollte. Ich lachte über meine wirren Locken und band mir meine Haare erneut zu einem Knoten zusammen. Dann puderte ich mir ein letztes Mal das Gesicht und ging dann nach unten, in die Etage, die Janes Eltern immer bewohnten.
Dem Stimmengewirr zu folgen, waren alle im Salon. Draußen war es schon stockdunkel geworden und neben dem Geruch von Entenbraten lagen noch viele verschiedene andere Düfte in der Luft.
Unsicher, wie in letzter Zeit anscheinend fast immer, betrat ich den Salon. Allerdings blieb ich sofort wieder stehen, um mich erst einmal umzuschauen. Lord Billay und Mr.

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